Immer weiter, bis zum Ende
von
Philipp
Es knarrte. Verdammt, es knarrte. Ich hätte schwören können, daß er gesagt
hat, die Treppe wird keinen Laut von sich geben. Eine Falle? Ich erstarrte
in meiner Bewegung, wartete und lauschte. Es rührte sich nichts. Glück
gehabt.
Und weiter. Eine Stufe nach der anderen, langsam näherte ich mich dem ersten
Treppenabsatz, die erste kritische Stelle: hier konnte man mich vom
Wohnzimmer aus sehen. Aber nur, wenn man auf dem Sofa vor dem Kamin saß, und
genau in meine Richtung sah. Es war höchst unwahrscheinlich, dass
ausgerechnet dort jemand sitzt und in diese Richtung sieht. Außerdem hatte
er mir gesagt, dass die Tür zum Wohnzimmer geschlossen sein wird. Aber schon
die Aussage, dass die Treppe nicht knarren würde, war falsch. Oder er war
seit langer Zeit nicht mehr hier gewesen. Auch das war möglich. So genau
kannte ich ihn nicht.
Und weiter. Zum Glück war die Treppe mit einem Teppich ausgelegt. Dennoch
bewegte ich mich nun sehr vorsichtig, jedes Mal, wenn ich einen Fuß
aufsetzte, dauerte es fast zwei Sekunden, bis die gesamte Sohle meines Fußes
den Boden berührte. Ruhig aber stetig näherte ich mich dem Ende der Treppe.
Es waren nun nur noch wenige Meter bis zur Tür des Raucherzimmers. Langsam
überquerte ich den Flur bis zur Tür des Raucherzimmer. Ein klassisches
Raucherzimmer, wie es sie häufig in alten Herrenhäusern im Englischen Stil
gibt. Tatsächlich saß dort jemand, und rauchte. In einem Ledersessel vor dem
Kamin. Ganz wie er es mir beschrieben hatte. Der Mann saß da, und hatte mich
anscheinend wirklich nicht gehört, obwohl die Treppe geknarrt hat. Aber
vielleicht hatte es keine Bedeutung für ihn gehabt, dass die Treppe knarrte,
weil er daran gewöhnt war? Oder vielleicht erwartete er es einfach?
Vielleicht erwartete er mich bereits? Obwohl ich zwei Tage zu früh
erschienen war? Nicht so wichtig jetzt, ich hatte einen Auftrag.
Also weiter. Jetzt bloß nicht weich werden. Es graute mir etwas,
ausgerechnet ihn zu töten, geraden jemanden wie ihn. Aber ich habe den
Auftrag angenommen. Ich war meinem Auftraggeber verpflichtet, also konnte
ihn nicht ablehnen. Auch wenn ich den Sinn nicht verstanden habe, aber mein
Auftraggeber hatte es mir auch nicht wirklich erklären wollen. Alles was er
sagte war, dass ich es irgendwann verstehen werde. Aber gerade in diesem
Moment wollte es mir nicht klar werden, wo ich ihn das sitzen sah, Pfeife
rauchend, und ich zögerte ein wenig, als ich mein Messer zog.
Und dennoch: weiter. Ich zog das Messer und näherte mich bis auf wenige
Meter, ohne dass er etwas merkte. Oder zu merken schien, denn ich bin mir
bis heute nicht ganz sicher. Ich tötete zu dieser Zeit übrigens immer mit
einem Messer. Ich fand es eleganter, und auch professioneller. Nur
Angsthasen töten mit Schusswaffen, sie brauchen den Sicherheitsabstand, den
diese Waffen ermöglichen. Und wenn sie auch noch auf den Schalldämpfer
verzichten, dann sind es meiner Meinung nach einfach Idioten.
Brutalitätsverherrlichende Idioten, die nicht nur den Rückschlag fühlen
wollen, sondern auch den Knall, und das ganze Feeling des plötzlichen
Ausbruchs mordender Realität. Das ist brutale, rohe Gewalt. Das lehne ich
ab.
Und weiter. Wie auf Katzenpfoten näherte ich mich ihm von hinten an, jeder
Schritt dauerte ewig. Ich musste mich nur noch ein bis zwei Schritte nähern,
um das Messer richtig ansetzen zu können, als er sich plötzlich in seinem
Sessel aufrichtete. Ich wurde auf einmal starr vor Schreck. Wenn er sich
umgedreht hätte, wäre ich nicht mehr schnell genug entkommen. Er streckte
sich, und legte seine Zeitung beiseite. Er zog seine Hausschuhe an, und es
sah so aus, als ob er das Raucherzimmer nun verlassen wollte. Ich stand
mittlerweile nur noch zwei Meter hinter ihm. Mir gefror das Blut in den
Adern, denn weder gab es für mich eine Möglichkeit, mich zu verstecken, noch
konnte ich den Rückzug antreten. Beides wäre in der Kürze der Zeit, ohne
aufzufallen, nicht möglich gewesen. Doch er schien sich nur gestreckt zu
haben, denn nun nahm er ein Buch und fing an, dies zu lesen.
Nun erst recht: weiter. Ich schlich mich langsam weiter an ihn heran, mein
Messer in der Hand, bereit die von meinem Auftraggeber anvisierte Person zu
erlösen. Und „erlösen“ ist tatsächlich das richtige Wort, denn was diese
Leute durchmachen müssen, scheint unglaublich zu sein. Mein Auftraggeber hat
mir ein wenig von diesen Leuten erzählt. Leute, die krank sind, sehr krank.
Leute die leiden, aber keiner hat Mitleid. Keiner hat Interesse, keiner will
helfen. Fast keiner. Mein Auftraggeber hilft. Und ich helfe meinem
Auftraggeber. Vor mir sitzt „unser Kunde“, ein ca. 40 Jahre alter Mann. Er
scheint nicht mit mir zu rechnen. Sollte er auch nicht. Mein Auftraggeber
hatte mir explizit befohlen, heute zu kommen - zwei Tage früher - damit
dieser Mann auch nicht im geringsten ahnen kann, dass es schon soweit ist.
Dieser künstlich herbei geführte Überraschungsmoment ist das große
Erfolgsgeheimnis meines Auftraggebers. Interessenten bestellen bei meinem
Auftraggeber diesen Service, gerade weil sie überrascht werden. Diese
Überraschung lassen sie sich viel Geld kosten. Denn der Tod ist immer
schwer, aber umso leichter zu ertragen, je mehr man von ihm überrascht wird.
Und die Klienten meines Auftraggebers sind nicht nur krank, sie haben auch
viel Geld. Und mit diesem Geld kaufen sie sich die Erleichterung, eine
Befreiung von ihren Leiden.
Deshalb: weiter. Ich stehe jetzt direkt hinter dem Sessel, kann kaum atmen,
bin kaum in der Lage, mich zu bewegen, um keinen Lärm zu machen. Langsam
erhebe ich das Messer, führe es langsam in Richtung seines Halses. Er liest
weiter, scheint nichts zu bemerken. Ich setze das Messer an, ein Schnitt,
zielsicher und kraftvoll, er bäumt sich noch einmal auf, ich halte ihn
nieder, drücke ihn auf den Sessel zurück. Das Blut läuft an seinem Körper
runter, drückt pulsierend aus der Wunde am Hals. Langsam wird er schwächer,
und es einfacher für mich, ihn auf dem Sessel zu halten. Nach und nach
lockern sich seine Gliedmassen, erst sackt der rechte Arm, der mich bis
dahin am Hemd gepackt hatte, dann der linke Arm, mit dem er sich die Wunde
gehalten hatte. Eine Reaktion, die typisch für jeden ist, der im Todeskampf
steckt, ob er den Tod nun gewollt hat, oder nicht.
Als sein Körper komplett zur Ruhe gekommen war, und es schien, dass er
bereits Tod wäre, hörte ich ihn zum ersten und letzten Mal sprechen, besser
gesagt hauchen:
„Endlich“
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