In der Jugend
von
Rue - Tigre
Im hinteren Teil des Hofes, von Holundergebüsch überwachsen, stand die alte geheimnisvolle Scheune. Oft drang das Gebrüll der Rinder durch die Eisenstäbe vor den, für uns Kinder viel zu hoch angebrachten Fenstern, deren Scheiben ohnehin vom Staub blind waren. Mehrmals täglich hörten wir die Tiere, der Grund ihres Schreiens aber blieb uns unklar. Selten nur sahen wir den Bauern die große, erstaunlicherweise gut erhaltene Holztür gerade soweit öffnen, daß er behäbig seinen
massigen Körper durch den so entstandenen Luftraum zwängen konnte, und mit einem schabenden Geräusch, als schleife sie mit ihrer Unterkante leicht über die Steinplatte, schloß sich die Tür hinter ihm, verwehrte jeglichen Einblick ins Innere.
Und doch liefen wir immer wieder, wie von einer dunklen Macht angezogen, herbei, einen Blick in die Scheune zu werfen, hieß es doch, schließlich war es uns vom Bauern selbst so erzählt worden, der Sternickel hause dort und treibe seine gottlosen Zauberwerke.
Wer oder was der Sternickel war, wurde nicht genauer beschrieben, viel weniger noch seine Untaten. Allein, unsere Phantasie rief in uns die verwegensten Bilder und Szenen hervor, die das Hirn eines Heranwachsenden sich nur ausmalen kann, verwirrt durch die Erzählungen der Alten, die abends bei Kerzenschein all ihre eigenen Ängste und Sorgen in die noch so unbefleckten Kinderseelen brennen, und wollen ihnen doch nur Gutes tun.
Einige von uns Kindern waren schon in der Scheune gewesen, nachts, als Mutprobe gewissermaßen. Manche waren nicht zurückgekehrt, und diejenigen, die wiederkamen, hüllten sich in Schweigen, das sie bis an ihr Lebensende nicht zu brechen gewillt waren.
Wir anderen dachten, sie wollten nur das Geheimnis aufrechterhalten. Einige meinten auch, sie wären unnennbarem Grauen begegnet, das ihre Zunge lähme. Ich für mein Teil meinte zu wissen, daß einfach ihr Wille, die Bereitschaft ihr Wissen weiterzugeben, erlahmt sei, so daß sie sich nicht bemüßigt sahen, uns über die Nacht in der Scheune zu berichten.
Welches der wahre Grund ihres Verhaltens war, habe ich nie herausgefunden. Sie glichen ihr Leben lang einer Bruderschaft, die geeinigt wurde durch das Band des Schweigens in Bezug auf diese eine mysteriöse Nacht in ihrer präpubertären Zeit.
Wir fragten sie auch nicht weiter, da wir um die Sinnlosigkeit des Fragens wußten, unseren Atem wertvoller einsetzten, zum Beispiel um zu beraten, nachzusinnen, wie auch wir etwas über das Innere der ominösen Scheune erfahren könnten. Nichts wünschten wir uns sehnlicher, als die Scheune einmal zu betreten, vor nichts fürchteten wir uns aber zugleich auch mehr, war sie uns doch
der Inbegriff eines ungewissen schrecklichen Geheimnisses.
So spielten wir wieder einmal auf dem Hof, Ich weiß es noch als wäre es heute erst geschehen. Wir spielten A-zerlatschen, ein Versteckspiel, bei dem die Gefangenen sich um drei Hölzer, die in der Form eines A auf den Boden gelegt sind, scharen, wartend, daß einer der ihrigen, der noch auf freiem Fuß lebt, sich unbemerkt vom Häscher, aus dem Versteck stiehlt, und das A mit einem kräftigen Tritt eben dieses freien Fußes zerlatscht, wodurch alle Gefangenen wieder befreit sind und in neue Verstecke flüchten können, bis der Häscher die Hölzer gesammelt und erneut zu einem A formiert hat, auf das er aufs Neue trachte, alle anderen zu fangen.
Wir waren wohl vier Gefangene, drei Freunde waren noch nicht entdeckt. Wir harrten gespannt unserer möglichen Befreiung und waren dergestalt ins Spiel vertieft, daß uns überhaupt kein Gedanke an die alte Scheune bedrängte.
Da stand plötzlich der Bauer zwischen uns. Wir blickten zu ihm auf, wie zu einem, aus dem Boden gewachsenen Gespenst. In seiner hünenhaften Gestalt baute er sich vor mir auf, der Schatten
seiner dunkelgrünen Schirmmütze fiel auf mein Gesicht, und er tippte mir mit seinem krummen haarigen Zeigefinger auf die Brust, stach mir schmerzhaft den Fingernagel ins Fleisch und bedeutete mir stumm ihm zu folgen.
Gemessenen Schrittes bewegte er sich ohne ein weiteres Wort zu sprechen auf die Tür zu, die kein Anzeichen von Verwitterung aufwies, noch irgendeine Spur, die ahnen ließ, daß sie benutzt werde, wodurch sie einen krassen Gegensatz zu der schäbigen Scheune bildete.
Hatten die anderen sich soeben noch fröhlich unterhalten und gescherzt, neue todsichere Verstecke ersonnen, schwiegen auch sie nun und beobachteten den Bauern und mich. Die noch freien Freunde kamen ebenfalls herbeigelaufen, teil zu haben an dem Geschehen. Nur der Häscher, mein bester Freund, lief weinend davon, und ich war froh darüber.
Alle Augen waren nun auf mich gerichtet, und schüttelte mich auch heftigster Widerwille, so ließ ich ihn mir doch nicht anmerken, setzte vielmehr nachgerade verbissen einen Fuß vor den anderen, die Hände in den Hosentaschen vergraben. In der linken Tasche fühlte ich die Kalkschale eines Weinbergschneckenhauses und die feinen Schädelknöchelchen einer toten Maus, die ich erst vor einer knappen Stunde beim Misthaufen gefunden hatte. In der rechten Tasche strich eine flaumige Feder gegen meine Finger, die sich um den Drudenstein (einem Stein, der durch natürliche Einflüsse ein Loch durch sich selbst hat, der als Amulett dient, um böse Mächte abzuwehren, im Gegensatz zu einem Talisman, dessen Aufgabe darin besteht, die Guten herbeizulocken) schlossen, der noch immer dort anzutreffen ist, weil er mich bislang vor schlimmstem Unheil bewahrt hat.
Im Schatten der Scheune erlebte ich so etwas wie das Gefühl grenzenloser Einsamkeit und Verlassenheit, ja sogar Angst, eine Angst, die ich in schlimmsten Träumen nicht empfunden hatte.
Da aber alle Freunde mich belauerten, jedes Zögern mit Spott vergeltend, der Selbstsicherheit aber höchste Achtung zollend, trat ich festen Schrittes, nur mit einem leichten Zittern in den Knien, durch die Öffnung der Tür, die sich mit dem wohlbekannten Schaben, das aus dieser Nähe ungeheuer intensiv an mein Ohr drang, hinter mir schloß.
Alle Schrecken der Welt, inkarniert in der einen Person des Sternickels erwartete ich nun zu sehen. Ich war auf das Schlimmste gefaßt und wurde angenehm überrascht.
Der Bauer lächelte zu mir herab und sprach sehr sanft, kaum erkannte ich ihn wieder:
- Komm, laß uns die Rinder füttern. Sie sind arg hungrig, haben sie sich doch seit einer Woche nicht mehr satt essen können. -
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