JENSEITS DER FORM
von
Lex Divina
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JENSEITS DER FORM
Man ist und lebt, doch man kann sein und ist lebendig.
Das geschriebene Wort benimmt sich häufig wie die Schlange aus dem Paradies: oft spielt es uns einen bösartigen Streich, denn meistens liegt die pure Wahrheit im Ungeschriebenen, jenseits des Scheins des Geschriebenen. Und oft (oder sogar immer???) versteckt sich das Unerfassbare eines Blicks, das Feuer der Emotionen, hinter dem mit dem bloßen Auge fast unerkennbar durchsichtigen Schleier des Erfassbaren einer Berührung, unmittelbar unter der kaltblütig ruhigen Wasseroberfläche der Ratio.
TICK-TACK ... TICK-TACK ... TICK-TACK ...
Es gibt kei... tick-tack ... tick-tack ... tick-tack
ne Zeit im Raum. Wo anstatt einer Uhr
sein Herzschlag tickt.
Zwischen ihm und dem, was er nicht sieht,
was er bloß ahnt, bloß annimmt,
dass er ver-spürt! Da ist eine Mauer. Und die
Mauern sind niedrig. Damit er stolpert. Und hoch.
Nicht, um sie zu überklettern. Um sich zurückzu-
ziehen. Dahin, wo es ti... tick-tack ... tick-tack
tick-tack ...ckt. Er schaut über. Über die Mauer?
Auf die andere Seite des Raumes. Da besteht eine
Verbindung zwischen den Herzschlägen. Und ein
Alptraum. Und da sind Türen. Das Fühlen hinter
den Gefühlen! Ticken. Durch das Schlüsselloch.
Ein einziger Gedanke. Dass die Türen verschlossen
sind. Liebe saugt sich ins Holz ein. Wie Harz.
Es schlägt. Er atmet. Durch das Schlüsselloch.
Durchzug. Feind... tick-tack
tick
tack
tick-
-tack ...seligkeit. Voller Raum. Unterspült Wasser-
stoff. Er atmet nicht. Es schlägt nicht. Vor der Mauer.
Ausatmung. ... tick-tack
tick-tack
tick-tack
Es exsistiert kein Raum ohne Wände, denn ohne Hindernisse gibt es keine Lebensqualität. Man ist und lebt, doch man kann sein und ist lebendig. Es ist viel schlimmer, den Rahmen zu verlieren und in ein realistisch gemaltes Gemälde zu starren, als sich der Grenzen des Bilderrahmens bewusst zu sein und sich im Chaos abstrakter Farbtöne zu verlieren. Das Geahnte ist stets eine bittersüße Ohrfeige ins blasse Gesicht des Erfassbaren.
Dieses Gesicht hat keine Formen, es gibt keine Augen, deren Blicke deine Haut verbrennen, es gibt keinen aufdringlichen Mund, keine Lippen, die dir mit Küssen jegliches Muttermal abwischen, keine raue Zunge, die dir mit Spucke alle Poren verstopft, keine klippenscharfen Zähne, die sich zwischen zwei Herzschläge deines Herzens verbeißen, keinen schwulen Atem, der Sauerstoff in sich aufsaugt, und es gibt vor allem keine Worte, die dich zwingen, nicht aufmerksam zuzuhören.
Jenseits der Form verbleibt nur der Rahmen, die Freiheit, pure Magie eines niemals gezogenen Pinselstrichs. Und es gibt (einen) Raum, denn Wände sind da. Kleine, um zu stolpern, und große, nicht, um sie zu überwinden, sie zu erklimmen, um auf die andere Seite zu blicken, sondern um zu klettern, sich mit nacktem Körper gegen den kalten Zement zu pressen, die aufgedunsene Hautoberfläche wegen des kochenden Blutes in den Adern zu kühlen, um das nur zu Erahnende hinter der Wand zu verspüren. Es tickt. Man dreht sich um, doch es gibt keine Uhr, denn die Zeit ist verschwunden. Die verrosteten Uhrzeiger hängen wie Spinnweben von der Wand, sind Zuckerwatte und leben, doch der Herzschlag ist da. Leise, wie auf Fingerspitzen, füllt er den Raum, drückt die Wände auseinander und umrahmt das zerrissene Leinengesicht. Und du bist nackt und bist lebendig.
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