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Kategorien > Leben und Tod > liebe

Jackman

von Luna

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Jackman

Wie heiß ist ein einzelner Tropfen der Sonne? Ist er heißer als das Feuer, welches ich kenne? Wie schwer ist eine kleine Sternschnuppe? Wie fühlt sich Schwerelosigkeit an? Und wenn ich in ihr wäre, herrschte dann Stille um mich? Gedankenverloren folgte ich Jack. „Hey, Jack“, flüsterte ich. „Wirst du mir diese Fragen beantworten können? Wenn du wieder zurück bist, erzählst du mir dann alle Geheimnisse?“ Aber Jack antwortete mir nicht. Diese Fragen hatte er mir gestellt. Immer und immerzu. Jeden Tag und jeden Abend. Aber ich wusste nie eine Antwort. Heute quälten mich diese Fragen, auf die ich nie eine Antwort gewusst hatte. Ich ging zu Jack und streichelte seine blonden Haare. Sein bleiches Gesicht, welches auf blütenweißen Kissen ruhte, ließ mich verzweifeln. Ich streichelte seine schmalen Hände und küsste seine Wangen. „Wir werden die Antworten finden, das verspreche ich dir“, hauchte ich ihm ins Ohr.

Ich erinnerte mich plötzlich an die letzten Wochen, die ich mit Jack verbracht hatte.
„Happy Birthday, Jack! Nun bist du zehn Jahre alt und erwachsen!“ , rief ich an einem sonnigen Frühlingsmorgen munter und stellte eine kleine, selbstgebackene Torte vor ihm auf den Tisch. Jack strahlte mich an. „Danke Melly“, sagte er aufgeregt. „Du hast versprochen, dass wir uns heute den Mond anschauen werden. Und was man verspricht, das muss man halten.“ Ich lächelte ihn an. „Das werden wir auch“, beruhigte ich ihn. „Aber der Tag ist doch gerade erst angebrochen. Wir sollten erst einmal deinen Geburtstag feiern, und dann sehen wir uns den Mond an.“ Jacks Gesichtszüge entspannten sich. „Mit Daddys Teleskop?“
Ich nickte. „Mit Daddys Teleskop“, antwortete ich und legte uns ein dickes Stück Torte auf die Teller. „Los, hau weg das Zeug“, sagte ich wie ein General. „Hau rein, es könnte dein letztes sein.“ Hätte ich auch nur im entferntesten geahnt, dass es sein letztes Stück Torte sein würde, ich.........

Meine Tränen kullerten die Wangen herunter und tropften auf Jacks Lieblingsstofftier, das ich in meinen Händen hielt. Jackman, ein kleiner zerrupfter Waschbär, Jacks liebstes Knuddeltier. Zwar landete er irgendwann auf einem Regal in Jacks Zimmer, da dieser neue Interessen entwickelt hatte, aber er trennte sich nie ganz von ihm. „Hallo Jackman, willst du dich zu ihm legen?“, flüsterte ich und vergrub mein Gesicht, in seinem nach Jack riechenden Fell. „Du bist sein bester Freund.“ Behutsam legte ich ihn in Jacks Arme. „So ist es gut, tröste und wärme ihn.“ Ein Windhauch streifte mich und ließ mein Haar leicht wehen.

Irgendwann hatte Jack begonnen, mir seltsame Fragen zu stellen. „Treffen sich die Menschen nach ihrem Tod wieder?“, fragte er einmal, während ich das Abendbrot machte. „Wir sehen uns alle im Himmel wieder“, antwortete ich. „Da wirst du deine Mum und deinen Dad irgendwann einmal, so in hundert Jahren etwa, wiedersehen.“ Jack überlegte nicht lange. „Das denken wir, aber stimmt es auch?“ Was sollte ich anderes tun, als die Schultern zu heben. Jede weitere Antwort wäre eine Lüge gewesen. Ich dachte an Mark und Jenny, die so früh auf tragische Weise ihr Leben verloren hatten. Zwei Menschen, ein Kind, ein Brand und zurück blieb ein Waise, der wie durch ein Wunder überlebt hatte. Jack. Als Jennys ältere Schwester war es für mich selbstverständlich gewesen, den kleinen Kerl zu mir zu nehmen. Und ganz langsam lernte ich ihn zu lieben wie eine Mutter. Diese Tragödie geschah 1960 und lag nun schon sieben Jahre zurück. Doch war es mir, als wäre sie gestern erst geschehen. Ich hatte Jack seine Eltern nie vergessen lassen. Erzählte ihm von ihnen und bestand darauf, dass er mich Melly nannte. Er sollte wissen, dass seine Eltern ihn unendlich geliebt hatten. Und so wurden Mark und Jenny ein wichtiger Teil in Jacks Leben.

Jack hatte gerade seinen zehnten Geburtstag gefeiert, als er hohes Fieber und starken Husten bekam. Besorgt steckte ihn ins Bett, machte ihm Wadenwickeln und gab ihm von dem Hustensaft, den ich immer im Hause hatte. Aber sein Fieber stieg und die Hustenanfälle wurden immer schlimmer. So rief ich unseren alten Doc Miller an, der am Nachmittag bei uns vorbei schaute. Er untersuchte Jack gründlich und stellte anschließend ein Rezept für ihn aus. „Den hat es aber ganz schön erwischt“, sagte er vor Jacks Tür zu mir. „Ich schicke Josef zu dir, er soll das Rezept einlösen und die Medikamente zu euch bringen. Du kannst hier jetzt nicht weg.“ Ich musste ihn so fassungslos angesehen haben, dass er seinen Arm um meine Schulter legte. „Keine Angst, Jack hat nur eine anständige Grippe. Mehr nicht. Das kriegen wir wieder hin“, beruhigte er mich. „Im Frühjahr passiert das oft. Ich habe heute schon einige Rezepte ausgestellt.“ Erleichtert atmete ich aus. „Sicher, das bekommen wir schon wieder hin“, sagte ich und bedankte mich bei Doc Miller.

Aber es dauerte und dauerte, bis die Medikamente bei Jack anschlugen. Als es langsam mit ihm bergauf ging, fiel ein Stein von meinem Herzen. Ich fütterte ihn mit Hühnersuppe und kochte seinen Lieblingspudding, den er zufrieden wegputzte. Auch Doc Miller war zufrieden, und schaute nur noch einmal die Woche nach Jack.

Ein paar Tage später wurde ich nachts wach, weil ich Musik hörte, die aus Jacks Zimmer kam. Ich zog meinen Morgenmantel über, um nachzusehen. Jack saß auf seinem Fensterbrett und blickte hoch zu den Sternen. Are you lonesome tonight, spielte im Radio und Jack sang leise mit. Elvis Presley war sein Lieblingssänger und „Are you lonesome Tonight“ sein Lieblingslied. Warum es gerade in diesem Augenblick spielte, ist mir bis heute ein Rätsel. „Jack, warum liegst du nicht in deinem Bett?“, fragte ich ihn leise. „Geht es dir nicht gut?“
Jack drehte sich zu mir und lächelte mich an. „Mir geht es gut, keine Angst Melly“, antwortete er und blickte wieder hoch zu den Sternen. „Aber warum sitzt du mitten in der Nacht auf dem Fensterbrett und starrst die Sterne an?“, fragte ich müde. Jack gab mir darauf keine Antwort und fragte mich: „Melly, wie schwer ist eine kleine Sternschnuppe? Und wie fühlt sich wohl die Schwerelosigkeit an? Wenn ich in ihr wäre, herrschte dann Stille um mich?“ Ich stellte mich neben ihn und blickte auch zu den Sternen. „Jack, das weiß ich nicht“, antwortete ich ehrlich. „Niemand kann das wissen. Warum fragst du?“ Jack lehnte sich an mich und antwortete: „Hast du schon einmal Sehnsucht nach den Sternen gehabt? Oder ein Verlangen verspürt, durch das Universum zu reisen?“ Ich drückte einen Kuss in sein Haar. „Manchmal schon“, gab ich zu. „Aber nur manchmal, denn ich gehöre, genau wie du, hier unten hin. Und nun, ab ins Bett.“ Jack hüpfte von dem Fensterbrett und atmete dabei schwer.
Erschrocken griff ich nach seinem Arm. „Jack, was ist los mit dir?“, fragte ich ängstlich. „Ich glaube meine Grippe ist noch nicht ganz weg“, antwortete er zögernd. „Ich muss oft husten und das Atmen fällt mir heute schwer. Am besten wäre es, wenn ich noch etwas von dem Hustensaft nehmen würde.“ Besorgt legte ich

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