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Kategorien > Abschied > Liebe

Just in time

von Alf Schauder

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Ich verlasse Julia frühmorgens. Mit hunderten anderen Autos fahre ich über die Zoobrücke, welche breit, vierspurig und nicht so voll wie ich es gedacht hätte, vor mir liegt. Das Licht kriecht langsam über die Häuser Kölns und bricht sich in den Zacken des Doms, denn ich erst wieder in einigen Tagen wiedersehen werde. Keine Wolken am Himmel, Sommer und alles sieht nach einem erneuten heißen Tag aus.
Ich liebe es morgens Auto zu fahren. Ich liebe den Morgen, weil noch nichts geschehen ist. Gestern vergesse ich dann normalerweise, auch wenn es heute schwer fällt. Es war ein wunderbarer gestriger Abend, es war eine wundervolle Nacht gewesen und jetzt fahre ich. Habe kaum gefrühstückt: Ein Glas Orangensaft und eine Scheibe Toast mit altem Gouda. Julia habe ich mein Zweithandy hingelegt und ihr einen Kuss gegeben worauf sie sich weiter schlafend, aber schnurrend, rumgedreht hat. Da hatte der Horizont gerade erst rotgolden geleuchtet, von der Sonne noch nichts zu sehen. Dann noch ihr blau-weiß längsgestreiftes Oberteil mitgenommen, das sie gestern im Restaurant und beim anschließenden Tanzen getragen hatte und welches jetzt verführerisch vom Beifahrersitz zu mir herüber duftet. Ich weiß, das sie mich dafür verfluchen wird, weil es eines ihren neuen Lieblingsklamotten ist, aber für diesen Duft hat es sich gelohnt und wenn ich es ihr nächstes Wochenende mit einem Strauß Blumen erkläre und mit Bestechung um Verzeihung bitte, wird sie es so romantisch finden.
Leise war ich in meinen Sneaker geschlüpft, hatte die Haustür zugezogen, war die Treppe des Altbaus beschwingt hinabgegangen und die kalte Morgenluft hatte mich veranlasst meinen Mantel zu schließen.
Das Auto ist feucht vom Tau. Meine Tasche werfe ich in den Kofferraum und mach mich auf den Weg Richtung Autobahn. Ich frage mich warum ich mich nicht ordentlich von ihr verabschiedet habe, aber das wäre wohl zu schmerzhaft geworden. Sie hat mein Handy.
Ich fädele mich auf die Autobahn über den Rhein ein und mach meinen CD-Player an. Clueso rappt für mich und verlangt im Refrain nach frischer Luft. Ich mache das Fenster auf, es zieht kalt herein und ich kann den Morgen geradezu riechen. Kalte Luft die weniger nach Autoabgasen riecht als nach Bäumen und Laub welches einem golden im Herbst um die Ohren fliegt, wenn man im Wald spazieren geht. Es ist einfach eine böse Unterstellung wenn manche Leute sagen, dass Stadtluft nicht gut riechen kann. Ich liebe diese Luft. Ein Aroma von Größe und Fülle des menschlichen Daseins, was alles wiederspiegelt was ich an der Welt so genieße. Ich überlege, was mich jetzt noch glücklicher machen könnte. Vielleicht einen Coffee-to-go im Getränkehalter am Armaturenbrett. Doch warum auf 100 Prozent gehen, wenn man bei 99,9 ist?
Clueso singt von seiner Traumfrau die er auf irgendwo aufgegriffen und im Nachhinein vergessen hat sie nach ihrer Telefonnummer zu fragen. Wann wird Julia anrufen? Ist sie mittlerweile von Sonne und Vogelgesang aus dem benachbarten Park aufgeweckt worden, oder verkriecht sie sich immer noch in den weißbezogenen Decken? Wird sie zuerst das Handy bemerken, oder die Zitronenpresse welche ich einfach ohne sauberzumachen in die Spüle gestellt habe. Wird sie sich darüber ärgern oder erstmal duschen? Oder wird sie baden? Montagmorgen. Keine normale Zeit in der Woche um zu baden, aber wer weiß was sie heute will. Vielleicht wundert sie sich und kauft sich eine CD bei Saturn. Ich liebe es, sie dabei zu beobachten, wie sie in Musikhandlungen mal nach dieser mal nach jener CD greift, in sie reinhört, dabei Ihre rechte Hand an einen der Kopfhörer legt und dabei leicht mit dem Kopf zum Takt mitzuckt. Dabei immer wieder die Titel auf der CD-Hülle liest. Wenn sie mir die CD abends vorspielt und wir keinen Gedanken an Sex verschwenden, sondern ich einfach nur in die Küche gehe und eine weitere Flasche Wein, irgendwelches Antipasti-Gedöns und Brot aus dem Kühlschrank hole. Wie ihr dann irgendwann nach mehrmaligen Anhören die Augen zufallen, ich sie wieder wachküsse, sie sich für die Nacht umzieht, ich noch mein Glas leertrinke, ein bisschen aufräume, während sie schon in Bett liegt und darauf warte, dass ich mich neben sie kuschel. Das sei sicher sein kann das ich da bin, das sie geborgen ist, ich ihren Arm um ihre Taille lege. Das ich da bin. Doch jetzt bin ich weg.
Vielleicht geht sie im Park joggen. Wahrscheinlich wundert sie sich und ruft mich an. Ich weiß nicht genau welche dieser drei Möglichkeiten ich am meisten erhoffen soll. Jetzt mit ihr zu sprechen würde mich sofort umkehren lassen, aber ich muss zur Arbeit. Vielleicht macht sie sich Amy Winehouse an, trinkt dazu Kaffee, blickt missbilligend über die Spüle, muss lächeln, wird sich in der Morgensonne des Küchenfensters recken, so dass ihr Nachthemd etwas zu weit über ihren Hintern nach oben rutscht. Mein bestes Hemd bevor sie es konfiszierte und zum Schlafgewand umfunktionierte. Eigentlich nur ein fairer Tausch gegen ihre blau-weiße Bluse. Ich liebe es, wenn sie damit durch die Wohnung läuft immer wieder ihre Unterwäsche darunter auftaucht. Wenn sie in diesem Aufzug zu Amy Winehouse tanzt.
Ich mag Amy Winehouse, bin aber gerade auf einem Clueso-Trip, der mich mit seinen Lieder aber gerade etwas melancholisch macht. Fünf nach Sieben. Ich lasse Clueso, weil die Gefahr besteht, dass ich beim Umschalten auf irgendeinen Radiokanal Staumeldungen zu hören bekomme. Dann lieber deprimiert durch Cluesos Herzschmerz als durch einen sechzehn Kilometer langen Stau denn ich vor mir habe. Oder fahre ich vorher ab? Es ist eigentlich völlig egal. Wenn ich Lust habe im Stau zu stehen werde ich es tun und wenn ich fahren will werde ich fahren. Ob über Brücken oder Pässe. Es wird passieren.

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