Kalte Milch
von
Michael Behofsics
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Kalte Milch
Mit einem mitfühlenden Blitzen in den Augen stellte Roman die Tasse vor mir ab.
„Du bist ziemlich am Ende was?“ fragte er besorgt.
Ich nahm die Tasse, sie zeigte eine Szene aus einem Superman Comic, und trank einen Schluck kalter Milch. Ich war nie Kaffeetrinker.
„Du hast keine Ahnung Mann. Ich fühl mich als würde buchstäblich ALLES vor mir Zusammenbrechen. Und irgendwie stimmt das ja auch.“
Roman zündete sich eine Zigarette an und reichte mir eine.
„Du bist immer so dramatisch, alles renkt sich wieder ein das weißt du doch selbst.“
Ich war schwach, kraftlos, ich musste den Kopf in die Hände legen.
„Ich weiß nicht. Diesmal ist es anders. Ich glaub ich hab mich irgendwie festgefahren verstehst du. Als wäre ich in einem Brunnen gefangen.“
Ein Seufzen seitens von Roman.
„Auch in einem Brunnen gibt’s einen Ausgang. Du musst nur deinen Arsch hochkriegen und irgendwas tun. Was du brauchst ist ein Tapetenwechsel.“
Das wusste ich schon. Ich war schon einmal an diesem Punkt, und kam wieder hoch. Nur diesmal war es einfach anders. So kraftlos, schwach und hilflos fühlte ich mich noch nie.
Am schlimmsten war jedoch diese Angst. Ein ununterbrochenes Angstgefühl. Tatsächlich fühlte es sich so an als ob Irgendetwas meinen Mut, meinen Antrieb, meine Kraft und Hoffnung mit riesigen Klauen gepackt hätte und zusammendrückt.
Verzweiflung machte sich plötzlich in mir breit. Tränen stiegen mir in die Augen, doch ich hielt sie zurück. Ich musste mich jetzt zusammenreißen.
„Tapetenwechsel schön und gut, aber mir ist der Lebenswille flöten gegangen verstehst du. Ich weiß nicht wofür oder für wen ich mich noch einmal hochrappeln soll.“
„Pfff.“ Machte Roman.
„Na für dich selbst du Depp. Du bist der einzige für den du dich hochrappeln sollst. Oder denkst du etwa für Sie, vergiss es, der gehst du am Arsch vorbei, und Sie sollte dir auch am Arsch vorbeigehen, du hast größere Sorgen.“
Er zog an seiner Zigarette und überlegte kurz.
„Ich weiß natürlich dass sich das nicht so einfach beiseite schieben lässt, aber du musst Prioritäten setzen. Du musst dir darüber klar werden was dir das Alles bedeutet.“
Das Alles bedeutete mir nichts! Nicht zu dieser Zeit, ich wusste es sollte mir etwas bedeuten. Geld verdienen, eine Existenz aufbauen, sich eingliedern in die Gesellschaft die ich verachtete, und die mich verachtete. Aber das tat es nicht.
Ich spürte Romans besorgten Blick auf mir ruhen, wie ich da so saß, mit dem Kopf in den Händen, gebrochen und ausgelaugt.
Er drückte seine Zigarette in einem geschmacklos Kunstvollen Aschenbecher aus.
„Vorschlag, wir besaufen uns erstmal und besorgen dir dann was fürs Bett, dann siehst du die Dinge gleich ganz anders.“
Ich winkte ab.
„Nein Mann, ich hab nicht die Kraft mich mit einem Haufen Idioten zu besaufen, und dann auch noch irgendeine Tussi in die Kiste zu schleppen. Und auch keine große Lust dazu, das Letzte was ich jetzt brauche ist bedeutungsloses herumficken.“
Mein Freund legte seine Hand auf meine Schulter.
„Du brauchst die Liebe wirklich oder? Ich meine du brauchst sie um überhaupt existieren zu können richtig?“
Ich seufzte.
„Keine Ahnung, vielleicht. Ist das wichtig? Das kümmert doch kein Schwein.“
Doch es stimmte. Ich wusste nicht wie vielen Menschen es genauso ging wie mir. Es interessierte mich auch nicht. Ich wusste ich war einfach anders als andere Menschen, und das gefiel mir auch ganz gut so. Aber warum musste es mir dann so schlecht gehen. Naja, im Grunde war ich ja selbst schuld an der ganzen Sache. Ich hätte etwas tun können um mich zu motivieren, früher in der Schule. Aber niemand interessierte es was mit mir passierte. Auch die Lehrer nicht. Ich verstand nie wie Demütigung jemanden motivieren sollte. Wenn ein Lehrer in Mathematik jemanden an die Tafel rief und dieser die Aufgabe nicht lösen konnte, kam für gewöhnlich ein niederschmetterndes Kommentar. Ich musste häufig an die Tafel, und wurde regelmäßig gedemütigt. Nachfragen half auch nicht. Wenn man etwas nicht verstand und nachfragte, kam: “Ich hab es jetzt schon Viermal an der Tafel erklärt, wenn du es jetzt noch immer nicht verstehst kann dir niemand mehr helfen.“
Auch nicht sehr motivierend. Um der Demütigung zu entgehen fragte ich nicht mehr nach, setzte mich in die hinterste Reihe und verhielt mich still. Meistens sagte ich auch nichts wenn ich aufgerufen wurde und die Antwort kannte, egal ob in Mathematik oder irgendeinem anderen Fach. Auch zu dieser Zeit hatte ich dieses Angstgefühl, nicht in diesem Ausmaß, aber es war schlimm. Ich hatte mit 11 schon einen Nervenzusammenbruch. Das hat mich wohl geprägt.
Ich drückte meine Zigarette aus.
„Was denkst du woran es liegt das wir uns so unterschiedlich entwickelt haben, du und ich. Ich meine wir sind zusammen aufgewachsen, haben alles zusammen gemacht. Wieso habe ich nicht was du hast?“
Roman stand auf und spazierte auf und ab. „Ich weiß es nicht, ich hatte nie so große Probleme mit meinen Eltern wie du, ich glaube sie konnten sich mehr auf mich konzentrieren weil sie keine ernsthaften Probleme miteinander hatten. Bei dir ist das ja oft eskaliert. Außerdem nimmst du die Dinge immer viel ernster als ich, du denkst ständig über alles nach. Das hast du schon immer gemacht.“
Das stimmte, meine Eltern waren immer mit streiten beschäftigt. Wenn ich ein Problem hatte und mit jemandem darüber reden wollte wurde ich angefahren, naja zumindest von meiner Mutter. Darum hatte ich auch Angst vor ihr. Mit meinem Vater konnte ich eigentlich immer sprechen. Aber ich wüsste nicht wann er mir mal richtig geholfen hätte. Ich meine ohne dass ich mir dumm vorkam, mich schämte oder schlecht fühlte.
„Ich“ unterbrach Roman meine Gedanken: „glaube du wurdest geprägt als die ganzen Probleme mit deiner Mutter anfingen. Mann da sind ja die Fetzen geflogen.“
Ja, immer wenn Sie gesoffen hatte. Auch dann hatte ich Angst vor ihr, aber wenn Sie anfing grundlos meinen Vater anzugreifen wurde ich richtig wütend. Da war ich etwa Vierzehn, eine rebellische, und experimentelle Phase. Wenn meine Mutter meinen Vater angriff, griff ich Sie an. Oft wurde es hässlich. Aber Sie nahm mich nicht ernst, was mich noch wütender machte.
Etwa zu dieser Zeit verlor ich den Respekt vor Ihr. Und die Angst wuchs. Mein Vater verstand warum ich das tat. Aber er fand es nicht gut. Ich glaube, er wurde nicht so richtig schlau aus mir. Er konnte viele Dinge die ich tat nicht richtig nachvollziehen. Andere durchschaute er sofort.
Ich trank die Tasse aus. Roman nahm sie und ging in die Küche, ich hörte wie der Kühlschrank aufging und er nachschenkte. Dann kam er wieder rein, mit der Tasse für mich und einer Dose Bier für sich.
„Du warst ja auch nicht einfach zu handhaben.“ Sagte er.
Auch Wahr. Ich dachte wenn sie sich besaufen, sollte ich das auch machen. Eine grobe Fehleinschätzung meinerseits. Eine Zeitlang ging es gut. Ich hatte Spaß mit Freunden, die Angst schwand, alles wurde egal, nur die gute Zeit zählte. Aber als ich ungefähr Sechzehn oder
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Kommentare
ich bins schrieb am 2008-06-16 23:28:56:
ich bin auch für: das wird wieder. nicht unbedingt so wie es mal war, aber noch so stark dass ich dir das geben kann, was du brauchst. ich liebe dich für immer
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