Kapitel 2 Komplexe
von
Selancia
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Ich gebe es ja zu. Selbst die Frauen, die für Außenstehende Perfekt aussehen, sind der festen Überzeugung, sie hätten Problemzonen. Ich bekomme regelmäßig einen Tobsuchtsanfall, wenn eine Gertenschlanke Frau vor mir steht, den nicht vorhandenen Speck am Bauch zwischen die Finger nimmt und verzweifelt „Siehst du?“, kreischt. In solchen Fällen reiße ich gerne mein Shirt Hoch, entblöße meinen gepflegten Babyspeck und bemerke: „Und du meinst, du hättest Probleme.“ Ich sehe meinen persönlichen Speck nicht wirklich als Problem an, aber irgendwer muss diese von Schönheit geplagten Kleingeister ja mal auf den Boden der Tatsachen zurückholen.
Ich streite es überhaupt nicht ab: Manche Frauen übertreiben Maßlos. Aber in meinem Fall gibt es WIRKLICH eine große Problemzone. Ich bin stolz auf meine Taille, meine langen Beine, meinen wohlgeformten Knackpopo (man muss sich in regelmäßigen Abständen auch mal loben) aber meine Hüften… Ich werde es mal so ausdrücken: Wenn ich im Weltall schweben würde, hätten meine Hüften eine kleine Gefolgschaft von Planeten samt Asteroidengürtel.
Wie jeden Morgen begehe ich einen brutalen Mord an meinem Wecker. Sobald dieses Quaken sich in meinen Traum einschleicht wacht das kleine, ungehaltene Monster namens „Morgenmuffel“ in mir auf und fordert blutige Rache für seine geraubte Nachtruhe. Nachdem ich den Wecker mit einem gezielten Schlag zum Schweigen gebracht hatte, schälte ich mich umständlich aus dem Bett. „Das…muss…doch…aah!“, brummte ich, bevor ich mit einem Bein in die Decke gewickelt aus dem Bett rollte.
Ich bleibe mir treu: Keine Bewegung ohne Garantie auf blaue Flecken.
Als ich mich aufgerichtet hatte, blickte ich dem grauen einer jeden Frau ins Angesicht: Ein Ganzkörperspiegel. Dank meines unruhigen Schlafes, war meine Hose ein Stück nach unten und mein Shirt ein Stück nach oben gerutscht. Dieser „Zufall“ (ich bezeichne es lieber als abgekartetes Abkommen zwischen Schlafanzughersteller und Diätpillenvertreiber) entblößte die lebendig gewordenen Hüften Satans.
Ja, es mag übertrieben klingen, aber ihr habt meine Hüften noch nicht gesehen.
Der reinste Horror.
Ich blieb einen Moment vor dem Spiegel stehen und drehte mich langsam in verschiedene Richtungen, um das Ausmaß meines Hüftgoldes genau zu betrachten.
„Das grenzt schon fast an Selbstgeißelung.“, dachte ich, während ich mit meinem Zeigefinger im Sekundenabstand in verschiedene Abschnitte meines Körpers drückte. Ich bin mir meines Problems bewusst, muss es aber aus allen Perspektiven betrachten, damit mir auch ja kein Fehler unterlief und ich mir sicher sein konnte, dass das Problem bestand.
Ok, lassen wir das, ab in die Dusche.
Unter der Dusche angekommen, begutachtete ich mein blaues rechtes Knie. Das Überbleibsel meines Kampfes mit dem Bussitz. „Das wird sicher Aufmerksamkeit erregen, wenn ich im Schwimmbad bin“, mutmaßte ich, machte mich fertig und begann meine Sachen für den Tag im Schwimmbad zu packen. „Ein perfekter Ort, für Menschen mit Komplexen“, dachte ich. „ Unter Wasser sieht man nochmal doppelt so breit aus.“
Das Schwimmbad war gut besucht und wir brauchten bald eine halbe Stunde, um uns umziehen zu können. Ich hatte schon den ganzen Vormittag ein ungutes Gefühl und als ich sah, dass Finn, der Hauptgrund meiner Rachefantasien, mit zu unserem Grüppchen gehörte, sah ich meine Vorahnung bestätigt.
Finn war der wahrscheinlich gemeinste, hinterhältigste und unfairste Mensch in ganz Hamburg. Und das ist wahrscheinlich noch untertrieben. So oft es ging, plante er Gemeinheiten mit denen er mich bloßstellen und verletzen konnte. „Das kann ja was werden“, zischte ich, als er sich neben mich stellte. „Hast du heute Ausgang?“, fragte er mich mit einem frechen Grinsen. Ich blickte ihm ins Gesicht und verfiel in Grübeleien. Wenn er nicht so abgrundtief böse wäre und wenn seine böse Ader nicht gegen mich gerichtet wäre…Dann wäre er wohl der Inbegriff meines Traummannes.
Ein nicht ganz so sanfter Schlag auf den Rücken holte mich in den Umkleideraum zurück. „Au!“, fluchte ich und sah Finn verärgert an. „Was bitte sollte das du Idiot?“, fragte ich ihn gereizt, denn die Wunde vom Gurkenangriff war noch nicht verheilt. „Uh, die Katze fährt ihre Krallen aus“, spottete er und ging in eine Kabine.
Hass.
Unglaublicher Hass.
Die nächste Kabine nahm ich.
Natürlich war es die, die neben Finns Kabine lag.
Ich schaute mich in dem kleinen Raum um und entdeckte mehrere kleine Löcher in der Wand, die Finn und mich voneinander trennte. Das war ja schon fast eine Steilvorlage für ihn. Ich wäre beinahe enttäuscht, wenn er nicht versuchen würde, mir das Leben schwer zu machen. Also musste ich alles daran legen, jegliche Vorhaben von seiner Seite zu vereiteln. Die Löcher mussten abgedeckt werden, damit ich mich umziehen konnte. „Badelaken, Bikini, Badelatschen, Kaugummi, Zahnseide und eine alte Banane…“, flüsterte ich, während ich meine Tasche nach brauchbarem durchsuchte. Was die Banane in meiner Tasche suchte, wusste ich nicht, also nahm ich sie vorsichtig raus und legte sie auf den Boden. „Igitt“, sagte ich.
„Wem sagst du das?“, hörte ich aus der Nebenkabine.
Spanner.
Ich nahm mein Badelaken und schmiss es über die Wand, so dass die meisten Löcher verdeckt waren. Eine Sekunde später war es verschwunden. „Danke Carolin, nett das du mir eins mitgebracht hast“, höhnte er. „Nenn mich nicht CAROLIN!“, schrie ich und setzte mich schmollend auf die kleine Bank in meiner Kabine. Mit einem Blick auf die Kaugummipackung beschloss ich, den altmodischen Weg zu gehen.
Nach knapp 5 Minuten hatte ich jedes relevante Loch mit einem Kaugummi zugestopft. „Welch müßige Arbeit“, dachte ich, als ich das fertige Kunstwerk begutachtete. „Touché“, kam es von Finn.
Ein Lächeln konnte ich mir nicht verkneifen.
Umgezogen und, dank meines guten Gespürs für Pech, in ein zweites Laken gewickelt, gesellte ich mich zu den Anderen. Gemeinsam machten wir uns auf den Weg zum Becken. Ich beschloss zunächst, mich an den Beckenrad zu setzen und erstmal das dicker machende Wasser zu meiden. Diesen Plan hatte ich allerdings ohne Finn gemacht. Heimlich schlich er sich von hinten an mich ran und schubste mich, samt Handtuch, ins Wasser. Ich schrie kurz auf, landete dann im Wasser und kam nass und genervt wieder an die Oberfläche. Meine Augen funkelten vor Zorn. „Das. Überlebst. Du. Nicht!“, presste ich durch meine geschlossenen Zähne. Schnell war ich am Beckenrand und kletterte die Leiter Hoch. Noch amüsiert funkelte er mich durch seine Stahlblauen Augen an. „Das Lachen wird dir noch vergehen.“, zischte ich ihn an. Ohne weiter auf ihn zu achten, schnappte ich mir seinen Schlüssel vom Handtuch, rannte zu den Umkleidekabinen und holte mir seine Tasche aus den Fächern. Genau in diesem Moment betrat Finn den Raum. Sein amüsierter Ausdruck hatte einem misstrauischen Funkeln Platz gemacht. Ohne zu zögern verschwand ich in meiner Kaugummi-Kabine und schloss die Tür ab.
„Was nun?“, überlegte ich.
Als ich mich auf die
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