Kapitel 3 (Dunkle Gedanken)
von
Elina
1
Ich stellte ihr den Toaster auf den Tisch und ging langsam in den oberen Stock. Meine zweite kleine Schwester schlief noch. Sie war noch zu klein um selbst timen zu können, wann sie aufsteht. Also betrat ich leise ihr Zimmer. Sie öffnete langsam die Augen und rieb sich ihr Gesicht.
„Guten Morgen, Zaza.“, nuschelte die Kleine verschlafen.
Zaza war mein Spitzname, da sie Zahra nicht richtig aussprechen konnte. Ich musste ehrlich zugeben, dass ich die kleine Hannah lieber hatte, als die pubertäre, unreife Nadine. Diese war ziemlich beliebt an unserer Schule und war so ziemlich auf jede Party als „Ehrengast“ eingeladen. Meine kleine Hannah dagegen wusste noch nicht mal, wie man Party buchstabiert. Sie war ein unschuldiges und fröhliches Mädchen, das jeden als ihren Freund ansah.
Ich strich ihr sanft über die Stirn und flüsterte: „Aufstehen… du musst in den Kindergarten.“
Sie gähnte abermals und erhob ihren Oberkörper.
Ich nahm sie bei der Hand – sie war gerademal halb so groß wie ich – und ging mit ihr die Treppe hinunter. Nadine stopfte sich inzwischen ein Marmeladenbrot in den Mund und wuschelte Hannah schnell durch ihre schulterlangen, dunkelbraunen Locken. Ich mochte es, wie sich ihre Locken kringelten wenn sie lachte oder hüpfte. Sie waren so wunderschön. Ich wünschte mir oft, ich hätte auch Locken, doch wenn ich mit Hilfe von Lockenwicklern nachhelfen wollte, hingen sie zwei Stunden später wieder gerade hinunter. So gab ich es nach einiger Zeit auf mir Locken zu machen.
Ich hatte schon gegessen, so machte ich für uns alle etwas für die Pause. Ich war sozusagen die Ersatzmutter für meine beiden Geschwister. Ich arbeitete, um nicht ganz auf meinen Onkel angewiesen zu sein und mache den gesamten Haushalt.
Nadine sah auf die Uhr und schrie auf: „Oh Gott, schon so spät! Ich muss los!“ In ihren Gedanken ging sie nochmal alle Sachen durch, die sie brauchte und stürmte lachend aus dem Haus. Sie hatte es sich mal wieder mit Freunden ausgemacht – vor der Schule. Ich seufzte und holte Hannahs Anziehsachen. Ich holte ihr einen langen Pullover, eine dicke Hose und ihren Wintermantel. Sie aß immer ziemlich schnell, was mich immer wieder aufs Neue erstaunt. Wie so ein kleiner Mensch, der gerade aus den Windeln gewachsen war, schon so einen Appetit haben konnte.
Auch ich zog mir meinen Wintermantel an. Er war ziemlich eng anliegend. Natürlich ein Fundstück meiner Mutter. Aber obwohl ich normal enge und kurze Sachen nicht mochte, musste ich zugeben, dass ich den Mantel recht gerne hatte. So nahm ich Hannah wieder an die Hand und schloss die Tür. Es fing an leicht zu schneien. Hannah gluckste vor Entzücken und versuchte, die Schneeflocken zu fangen. Doch immer wenn sie ihre Hand öffnete, waren die Flocken verschwunden. Sie sah ihre Hand erstaunt an. Wo ist der Schnee hin?
Ich erklärte ihr: „Schnee ist in Wirklichkeit gefrorenes Wasser, weißt du. Wenn du mit deiner warmen Hand den Schnee fängst, dann wird es dem Schnee zu warm und er entschließt sich, wieder zu Wasser zu werden.“ Hannah lachte mit ihrer hohen Stimme. Sie mochte es, wenn ich ihr Phänomene erklärte, auch wenn sie es noch nicht wirklich verstand.
Lustiger Schnee! Ich will so was auch können…
„Glaub mir, du bist schon gut so wie du bist.“, antwortete ich ihren Gedanken.
Meine Familie und Freunde waren schon lang nicht mehr überrascht, wenn ich einfach antwortete, ohne dass sie etwas sagen mussten.
Ich bin auch froh, dass wir anders sind. Sonst würdest du immer, wenn ich mit dir kuscheln will, weggehen… Sie lächelte mich an.
Ich umarmte sie und flüsterte ihr zu: „Ich hab dich auch lieb!“
In dem Moment waren wir vor dem Kindergarten angekommen. Viele Mütter standen mit ihren Sprösslingen davor und unterhielten sich. In den Gedanken der Kinder machte sich Langeweile breit. Kein Wunder, wenn die Mütter Klatsch und Tratsch austauschten.
Hannah hatte ihre kleine, beste Freundin gefunden und lief auf sie zu. Sie drehte sich nochmal um und winkte mir zu. „Tschüss, Zaza!“, rief sie mit ihrer klingenden Stimme.
Ich winkte zurück und lächelte. Ich konnte die Gedanken der Frauen hören. Sie waren voll von Fragen, ob ich ihre Mutter sei oder nur ein anderer Verwandter. Natürlich habe ich mit achtzehn schon ein fünfjähriges Kind. Es ist ja schließlich ganz normal mit dreizehn schon ein Kind zu bekommen! Ich lachte und wand mich zum Gehen.
Ich hatte noch zehn Minuten zur Schule, das würde gerade so reichen.
Als ich schließlich im Klassenzimmer ankam und mich gerade gesetzt hatte, gongte es zur ersten Stunde. Meine beiden Freundinnen begrüßten mich gut gelaunt.
Die schon wieder. Sie tut immer so toll, dabei kommt sie immer fast zu spät! Und so eine will die Klassenbeste sein.
Ich drehte meinen Kopf. Das war der Gedanke von unserer Klassenzicke Johanna. Sie war bei den Jungs in unserer Jahrgangsstufe sehr beliebt, ähnlich wie meine Schwester in ihrer. Und aus ihren Gedanken konnte ich heraus lesen, dass sie ziemlich eifersüchtig auf mich war, da ich sie in jedem Fach schlug, egal wie sehr sie sich anstrengte. Viele könnten denken, dass ich nur durch meine Gabe so gut sei, aber ich lasse mich nicht auf das Niveau herab, die Lösungen von anderen zu stehlen. Außerdem sind diese oft auch nur sowas von falsch. Aber meinen Freundinnen half ich oft, wenn sie bei etwas nicht weiter wussten, konnte ich es in ihren Gedanken hören und leise die Antwort sagen. Für die Lehrer war das dann nur unverständliches Gemurmel, da meine Freundinnen ja keinen Ton sagten.
Ich war, was man im Volksmund als „Naturtalent“ bezeichnete. Denn ich konnte alles auf Anhieb, wenn ich es nur einmal gesehen hatte. Das trieb manche in den Wahnsinn und darum war ich auch bei so vielen so unbeliebt.
1
Kommentare
!!! schrieb am 2008-12-31 11:10:52:
Bitte schnell weiterschreiben!!!
Story ist sehr interessant!!!
Und es wäre toll wenn ich so ein fotografisches Gedächtnis hätte!!! :)
LG
Kommentar hinzufügen