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Kategorien > Nachdenkliches > Familie

Kein Titel

von Sohma Kyo

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‚Ratlosigkeit legte sich auf sie nieder wie ein dichter, undurchdringlicher Nebel, der sie zu verschlucken drohte. Die stille Enttäuschung in ihrem Inneren, gespickt mit Zorn, Trotz und vielleicht sogar Misstrauen, verschloss ihren Mund.
Reden, sich mit der Person an einen Tisch zu setzen, würde nichts nützen. Sie konnte einfach nicht mit ihr darüber reden, so versicherte es ihr der Verstand. Denn an Verständnis glaubte sie nicht mehr, geschweige denn auf Unterstützung. Wie oft gab es in den letzten Jahren schon Auseinandersetzungen zwischen ihnen? Bemühungen und Versuche mündeten letztendlich immer in Stress, Lärm und purem Unverständnis.’

Alles Reden ist sinnlos, wenn das Vertrauen fehlt.
War das nicht eines der Zitate von Franz Kafka?
Behutsam und mit vielen Gedanken in meinem Kopf herumschwirrend, blättere ich um. Ein schwacher Lichtstrahl fiel auf die dicht bedruckte Buchseite. Wie lange sitze ich wohl schon hier in meinem Zimmer? Müde reibe ich die geröteten Augen. Innerlich zerriss es mich förmlich danach, den Weitergang der Geschichte zu lesen. Es ist eine Geschichte, an deren Anfang ein einfacher Vertrauensbruch steht. Oder auch die Geschichte einer Beziehung zwischen den zwei Protagonisten, deren Grundstein einen erheblichen Riss erleiden musste. Ein ziemlich komischer Begriff, dieses „Vertrauen“. Der Mensch wird damit geboren, als kleiner Säugling schon begreift man, wem man am meisten vertrauen kann: Nämlich seiner eigenen Mutter.
Es ist eigentlich traurig über die Entfremdung zweier Menschen, die doch eigentlich vom Schicksal ein Leben lang füreinander bestimmt sind, zu lesen. Aber dennoch fesselt mich gerade diese Traurigkeit an das Buch mit dem blauen Einband. Es schien, als ob mir jemand sein Herz darin ausschüttete. Jemand, der den Verlust von etwas Wertvollem zu kompensieren versucht, indem er sich das Leid von der Seele schreibt. Mit einem Blick auf die Uhr erkundige ich mich nach der Uhrzeit. Viertel vor sechs.
Vorsichtig schiebe ich mein halb zerrissenes, blaues Lesezeichen in das Buch und richte mich auf. Ob sie wohl schon zu Hause ist?
Ich klemme das Buch mit dem blauen Einband samt Lesezeichen unter meine Arme und steige die Treppe hinunter. Da saß sie, auf der Couch und betrachtete mit nur halber Aufmerksamkeit die Menschen, die sich im Fernsehen mit strahlend weißen Zähnen und ästhetischem Lächeln über ihr neustes Glück sprechen. Als sie mich herunterkommen sieht, sitzt sie sich aufrecht hin und stellt den Fernseher auf lautlos. Ihre tiefblauen Augen, die sie mir übrigens vererbt hat, sind trüb und sprühen längst nicht mehr voller Leben wie sie es früher einmal taten. Sie bergen tiefen Schmerz und erkennbar war auch eine leise Spur von einem Vorwurf. Mit dem Kopf hängend schlurfe ich den Flur entlang, streife mir die Jacke über und schlüpfe in meine bequemen Sportschuhe. Das Buch befindet sich fest umklammert unter meinen Achseln.
„Gehst du raus?“, fragt sie.
„Ja, das tue ich“, sage ich.
„Ah ja…“, murmelte sie und nickte behäbig den Kopf.
„Ja…“
Mit diesen Worten klappt die Tür hinter mir zu. Draußen ist es kalt, und mein warmer Atem bildet kleine Wölkchen vor meinen Augen.
Während ich zitternd meine Hände reibe, denke ich nach über die Hauptpersonen aus dem Buch, das noch Tausende von mir ungelesene Seiten beinhaltete.

Ich hoffe inständig, dass sie das Vertrauen zueinander und die menschliche Wärme zwischen ihnen wiederentdecken.


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Kommentare

Mimi schrieb am 2007-03-13 18:37:36:
Geniale Sprache, komm nur mit der Zeit nicht ganz klar
Katoffal schrieb am 2006-10-23 13:29:32:
Die Geschichte ist gut!!!!!

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