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Kategorien > Kurzgeschichte > Drama

Kein schlechter Mensch!

von Slade

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Sean zog am Rockzipfel seiner Mutter.
»Kann bitte, bitte ich zum Clown, Mammi?«
»Ja, aber gehe nicht alleine! Kevin, du passt bitte auf ihn auf!«
Doch Sean war längst in dem Gedränge der Menschen verschwunden. Die Mutter seufzte.
Nach einer Weile hatte Sean den Clown wieder gefunden und schob sich nun durch die Menge bis nach vorne in die erste Reihe.
»Na, junger Mann? Schau 'mal, meine Blume. Ist die nicht schön?«
Sean trat vor den Clown und schaute sich die künstliche Blume aus der Nähe an. Plötzlich schoss ihm ein Wasserstrahl direkt ins Gesicht. Die Kinder rings um sie herum fingen laut an zu lachen.
»Drauf 'reingefallen«, lachte der Clown fröhlich. »Hey, sei aber nicht böse! Dafür, dass du so schön mitgespielt hast, kaufe ich dir eine riesengroße Kugel Schokoladeneis. Abgemacht? Du magst doch Schokoladeneis, oder?«
Sean war tatsächlich etwas sauer, dass er auf einem so dummen und alten Streich hereingefal­len war, aber was sollte er gegen eine riesengroße Kugel Schokoladeneis sagen?
»Abgemacht«, sagte er deshalb laut und lächelte. Der Clown nahm seine Hand und schlängelte sich mit ihm durch das Getümmel der Menschenmenge, während ihnen die Kinder neidisch nach­schauten.
Schnell waren sie schon an unzähligen Eisständen vorbeigegangen, was Sean bald auffiel.
»Ich dachte, Sie wollten mir ein Eis kaufen? Die Eisstände sind dort hinten.«
»Ja, aber ich muss doch erst mein Geld holen, Junge. Ich bin Clown und kein Zauberer.«
Das verstand Sean. Aber nach einiger Zeit, mittlerweile waren sie nicht mehr auf dem Jahr­markt, kam es Sean doch wieder etwas seltsam vor.
»Von wo wollen Sie ihr Geld denn ganz herholen, Mister?«
»Ich hole mein Geld von da hinten«, antwortete der Clown lächelnd und zeigte auf ein dunkelblaues Auto etwas weiter den Weg hinunter.
Als die beiden dort angekommen waren, blieb der Clown stehen. Er schaute sich gründlich um und sagte dann leise: »So, mein Junge. Jetzt hältst du deine Scheißfresse und tust, was ich dir sage, ist das klar?«
Sean riss die Augen auf.
»Ja, ja, du hast schon richtig verstanden.« Der Clown zitterte vor Aufregung. »Umdrehen!«
Völlig verwirrt drehte sich Sean langsam um. Obwohl er schreien wollte, konnte er keinen Ton herausbringen. Obwohl er wegrennen wollte, bewegten sich seine Beine nicht. Er hatte unbeschreibliche Panik, die ihn völlig bewegungsunfähig werden ließ.
Der Clown nahm ein dünnes Seil aus dem Kofferraum des Autos und fesselte ihn damit. Dann riss er ein Stück Klebeband ab und drückte es dem Jungen auf den Mund.
»Glaube mir: Ich bin kein schlechter Mensch, aber es gibt keine andere Möglichkeit«, flüsterte er Sean ins Ohr. Dann drehte er ihn wieder um und schlug ihm direkt ins Gesicht. Sofort war Sean bewusstlos und Blut tropfte ihm aus der Nase.

»Weiß jemand von euch, wo Sean ist?« fragte die Mutter besorgt. Kopfschütteln der drei Geschwi­ster. »Wer hat ihn denn zuletzt gesehen?« Schweigen.
»Er weiß, wo wir uns treffen wollten, falls wir uns verlieren, also mache die keine Sorgen, Liebling«, ver­suchte ihr Mann sie zu beruhigen. »Wir gehen da einfach hin, und wenn er nicht schon längst da ist, warten wir dort auf ihn. Okay?«
Er küsste sie auf die Stirn. Die Mutter nickte langsam.
Irgendetwas stimmte da nicht.

Sean konnte sich nicht bewegen, als er aus der Ohnmacht aufwachte. Er war nackt und sein ganzer Körper schmerzte von den Misshandlungen des Clowns. Sean war geknebelt und gefesselt, wobei der Knebel vom Blut rot gefärbt war und seine Hände und Füße stark bläulich anliefen, von den viel zu eng geschnürten Fesseln. Doch durch den Schock den er noch hatte, fühlte er keine Angst. Noch nicht.
Er schaute sich um und, obwohl es dunkel war, erkannte er, dass er sich in einer kleinen Kammer befand. Er lag auf einem alten, knarrenden Bett ohne Decke oder Laken.
Es war kalt und er fror. Er hörte leise Stimmen in einem Raum nebenan. Stimmen von zwei Männern, die sich stritten. Allerdings waren sie so leise, dass er einzelne Wörter oder gar das ganze Gespräch nicht ver­stehen konnte. Der eine Mann fing auf einmal an zu lachen.
Plötzlich, während Sean versuchte seinen Knebel auszuspucken, bekam er Schmerzen im Unterleib und wurde wieder ohnmächtig.

Etwa vier Meter über Sean von dickem Beton getrennt saß der Clown auf einem bequemen, roten Sessel und schaute Fernsehen.
»Lassen sie ihn frei. Sie haben sowieso nicht den Hauch einer Chance, hier frei herauszukom­men.«
»Oh nein, Mister Arschloch. Er ist in meiner Gewalt, also tut ihr, was ich euch sage. So ein­fach kriegt ihr ihn nicht wieder, ist das klar? Und falls ihr nicht das macht, was ich sage, dann werde ich eurem Jungen 'mal zeigen, was es heißt, richtig gefickt zu werden.«
»Wenn das eine Drohung ist, sie mieser, verlogener...«
Natürlich ist das eine Drohung, du Wichser, dachte der Clown. Ich weiß wovon ich rede. Dann lachte er laut auf.

»Cimarron Police Departement. Leutenant Decker. Was kann ich für sie tun?«
Auf der anderen Seite der Leitung keuchte ein Mann leise.
»Ich weiß, wo der ist, den sie wollen«, flüsterte er.
»Nennen sie mir bitte ihren Namen und erzählen sie mir, worum es...«
»Halt's Maul, verdammter Bulle«, unterbrach der Mann wütend. »Ich rede von Sean Smith, dem vermissten Jungen vom Jahrmarkt. Ich habe von der Belohnung gehört.« Der Mann lachte mit heiserer Stimme. »Tja,... und ich weiß eben, wo er ist.«
Der Leutenant wusste im ersten Moment nicht so recht, wie er reagieren sollte, denn er war sich irgendwie sicher, dass er nicht verarscht wurde. Nicht dieses Mal.
»Äh, warten Sie bitte, ich hole... ich bin... bleiben Sie bitte dran.«

"Sehr geärte Familie Smith." Nein! "Liebe Familie Smith." Auch Scheiße!... Ach, egal!
Der Clown saß auf seinem Sessel und hatte Zettel und Stift in der Hand, womit er versuchte, seine Forderungen zu verfassen. Doch das Schreiben fiel dem Clown nicht leicht.
Ein Raum daneben lag Sean auf dem Bett. Er lag dort nun schon sehr lange. Zumindest kam es ihm so vor, denn der Clown injizierte ihm fortwährend Drogen, so dass sein Bewusstsein permanent zwischen Ohn­macht und Traum pendelte. Er hatte längst vergessen, wie etwa die Sonne aussah, wie eine große, bunte Wiese roch, wie sich die Stimmen seiner Geschwister und seiner Eltern anhörten. Er hatte einfach alles vergessen, was sich außerhalb seiner dreimal zwei Meter großen, dunklen Kammer abspielte. Sean war nun seit fast vier Monaten bei dem Clown.

Ihr Sohn ist nun schon soooo lange Zeit bei mir und er würde soooo gehrne wieder nach Hause zu seiner Mammi und zu seinem Pappi, obwol ich seinen klainen Arsch sehr vermissen wärde.
Vorraussetzung dafür ist ein klainer Kostenbeitrag von 1 Million Dollar in unregestrierten, gebrauchten 100 Dollar Noten. Weitere Instrucktionen werden sie in Kürze von mir erhalten.
PS: Glauben Sie mir, ich bin kein schlechter Mensch!
Hochachtungsvoll
CLOWN

Sean sah Sterne. Die Tür öffnete sich. Ein putziger Clown kam durch die Tür gewatschelt hinein in seine Kammer direkt auf ihn zu.

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