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Kategorien > Suizid > Suizid

Kerzen im Badezimmer

von Johannes Beck

1

Kerzen im Badezimmer

Sie klingelte um acht. Er öffnete ihr und umarmte sie. Dann schlossen sie die Türe hinter sich.
Draußen heulte ein Wintersturm. Es war spät im November und bereits bitterkalt. In der Eiseskälte konnte man kaum noch die Hand vor Augen sehen, so stark war die Luft von Schneeflocken erfüllt.
Der Mond war hinter schwarzen Wolken verborgen. Es war finster draußen.
Hier im Haus war es warm und dämmrig. Er hatte das Licht zu einem sanften Schimmer heruntergedreht. Im Kamin knisterte ein Feuer.
Sie legte ihren Mantel ab und zog die Schuhe aus. Dann kuschelte sie sich neben ihn aufs Sofa. Er hielt sie in seinen Armen.
Schweigend blickten sie ins Feuer.
Für eine Stunde waren sie glücklich.
Dann stand er auf und legte einige neue Holzscheite auf den glimmenden Rest im Ofen.
Nicht lange und die Flammen stiegen wütend höher.
Wieder kuschelten sie sich aneinander. Sie küssten sich leidenschaftlich.
Es war eine romantisch-melancholische Stimmung. Sie genossen die Zeit mit einander.
Sie wäre ohne ihn hier nicht glücklich und er fühlte sich ohne sie an seiner Seite leer, so leer wie eine Flasche auf dem Ozean.
Verloren.
Aber sie war hier, in seinen Armen. Er konnte sie spüren, ihren Pulsschlag. Er roch den Duft ihrer Haare und fühlte ihre Gefühle. Auf magische Weise waren sie miteinander verbunden.
Sie empfand alles für ihn. Und nur für ihn. Sie liebte ihn aus tiefster Seele. Es war besser jemanden aus der Seele zu lieben als aus dem Herzen.
Wenn man stirbt, stirbt das Herz, stirbt die Liebe des Herzens. Die Seele aber lebt weiter, wie ein dunkler Geist ist sie.
Ewig. Unauslöschlich.
Die Liebe die Ewigkeiten überdauert kommt aus der Seele, nicht aus dem Herzen.
Er streichele ihre Wange. Ihre Haut war so weich... so zart und köstlich. Die Wärme, die sie abstrahlte, nahm er in sich auf, sog sie in sich ein und verwahrte sie in seiner unsterblichen Seele. Die Erinnerung an sie würde ewig leben.
Ewig.
Ihre weichen Lippen umschlossen seine Fingerkuppe. Ihre Zunge liebkoste ihn. Er spürte die Feuchte ihres Speichels. Es ekelte ihn nicht.
Sie lächelte. Er erwiderte es einen Augenblick später. Sie waren sich sicher. Diese Nacht würden sie in alle Ewigkeiten nicht vergessen...

Er nahm sie bei der Hand und führte sie durch den Gang. Wie eine Prinz seine Prinzessin an ihrer Hochzeitsnacht, dachte sie. Sie hatte kein Kleid an, aber das störte sie nicht.
Er führte sie ins Badezimmer.
Ein eiskalter Windzug wehte ihr ins Gesicht. Das Fenster stand offen.
Das Licht war abgeschaltet, aber trotzdem zuckte der Raum wie lebendig in angenehmen Licht. Kerzen standen herum und brannten hell. Die meisten waren rot und schwarz. Einige weiße dazwischen wirkten wie Fangzähne eines Raubtiers, elfenbeinfarben und blass. Auf einem kleinen Tischchen lag ein großer Foliant. Die Seiten sahen aus wie Pergament, der Einband war aus schwarzem Leder. Alle Seiten waren bereits mit schwarzer Tinte vollgeschrieben.
Alle bis auf eine.
Die Letzte.
Diese Seite würden sie nun gemeinsam voll schreiben.
Er ließ ihre Hand los und drehte den Wasserhahn auf. Dampfend schoss warmes Wasser in die Wanne. Lächelnd drehte er sich zu ihr um.
Langsam begannen sie sich auszuziehen.
Sie strich über seine nackte Brust, seine Brustwarzen und ein paar wenige Haare. Ihr gefielen diese paar Härchen gut, er war nicht haarlos, wie ein kleines Kind, aber auch nicht pelzig wie ein Gorilla. Mit einem liebevollen Blick glitt ihre Hand tiefer.
Sie umarmten sich, küssten sich, liebkosten sich, während sich die Wanne langsam mit Wasser füllte.
Er streichelte ihren nackten Po. Er war rund und fest. Er liebte ihn. Er erinnerte sich noch genau daran, dass das erste was er von ihr gesehen hatte, ihr nackter Po war, wie er da zwischen den langen Gräsern im Mondlicht schimmerte...
Sie waren jung gewesen, damals, vor langer Zeit. Sofort hatte er sich in sie verliebt. Sie war anders als die anderen. Ein wenig schüchtern, weltfremd und mehr mit ihren düsteren Träumen beschäftigt als mit dem Leben. Magisch hatte sie ihn angezogen.
Und er sie auch...
Jetzt waren sie beide nackt. Er nahm sie wieder bei der Hand und gemeinsam stiegen sie in das warme Wasser. Ihre Gänsehaut verschwand schnell.
In einer Ecke auf dem Rand der Wanne lag eine kleine Schüssel, ein Füllfederhalter und ein Messer. Die Klinge war poliert und glänzte wie ein lächelnder Dämon. Ein eisiger Schauer überlief sie. Aber es war warm in der Wanne. Sie hatte einmal gelesen, das es einfacher war, in einer Wanne voll warmen Wasser. Die Schmerzen wären nicht so groß und die Muskeln entspannten sich...
Er nahm das Messer und die Schale.
Er blickte sie an und sprach zum ersten Mal an diesem Tag:
„Ich liebe dich.“
Ich dich auch, antwortete sie stumm. Ein dicker Kloß saß in ihrem Hals. Sie schluckte.
Sie nahm das Messer aus seiner Hand.
Langsam schnitt sie sich über die Handfläche. Der Schmerz war weniger schlimm als sie gedacht hatte. Sie drehte die Hand schräg, so dass das Blut in die Schüssel fließen konnte.
Sie reichte ihm das Messer und nahm stattdessen die Schale. Jetzt war es an ihm.
Er schnitt sich in die Hand wie sie und ließ das Blut in die Schale tropfen.
Liebevoll sahen sie sich in die Augen, während sie warteten.
Als es soweit war, begannen sie die letzte Seite des Folianten voll zu schreiben.
Sie schrieben abwechselnd mit ihrem gemischtem Blut ihre letzten Gedanken auf, ihre Gefühle füreinander, ihre Liebe und Erinnerungen. Es sollte ein Vermächtnis werden für diejenigen, die nach ihnen kommen würden.
Und gleichzeitig ein Denkmal der Liebe.
Sie schrieben es mit Blut, damit es ewig währte.
Ewig, wie ihre Seelen.
Und ihre Liebe zueinander.
Am Ende schrieben sie ihre Namen darunter.
Dann schnitten sie sich die Pulsadern auf und senkten die Arme ins Wasser.
Lächelnd sahen sie sich dabei zu, wie sie verbluteten.

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Kommentare

fraanke, sina schrieb am 2007-12-09 16:49:08:
hmm, ich muss mich ersteinmal wieder fassen und mir den rücken glattstreien, ein kalterschauer ist neamlich gerader hinuntergerieselt.
wahnsinn. unglaublich genaial. so wunderschoen und traurig.
liebe und trauer liegen sehr dich aneinander hab ich das gefuehl. zu zeigst es ganz extrem. einfach genial. es ist so schoen wie sehr sie sich ieben und so traurig, dass sie wohlmoeglich damit nicht umgehen koennen. haben sie angst davor irgendwann mal dieses gefuehl, was sie fuer einander empfinden zu verlieren. dass es irgendwann einmal aufhoert und sie deswegen auf ewig miteinander gluecklich sein wollen?
es ist hart aber wunderschoen.
ich bin beeindruck solch ein meisterwerk vorzufinden. das ist mit abstand eine der besten geschichten die ich jemals gelesen habe.
ganz liebe gruesse
sina
Johannes Beck schrieb am 2007-11-21 16:31:52:
Ehrgesagt: keine Ahnung mehr. "Wenn's am schönsten ist, soll man aufhören", könnte vielleicht mal der Grund für diese Geschichte gewesen sein. Hab echt keine Ahnung mehr, hab die Geschichte vor 'nem halben Jahr oder so geschrieben. Evtl. änder ich noch mal was. Danke für eure Kommentare.
Gruß an euch beide
black-bird90@web.de schrieb am 2007-11-20 23:50:45:
verdammt, ist die traurig.....!! ja also ich muss alf zu stimmen der anfang ist sehr abgehackt und der schluss, bei den letzten drei sätzen könnte man sicher noch was machen.... sonst gefällft mir aber deine geschicte wirklich gut!!
aber ähm mal ne frage warum bringen die sich um wenn sie doch so glücklich sind? O.O
lg lisa
Alf Schauder schrieb am 2007-11-20 19:35:30:
Die Geschichte gefällt mir gut, doch finde ich sie etwas abgehackt geschrieben. Vor allem am Anfang hört es sich wie eine Regieanweisung bei einem Drama an. Aber ansonsten: Respekt.
VG, Alf

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