Kerzenschein
von
Alis Chrono
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Prolog: Kerzenschein
Ich saß in der Fensterbank meines Zimmers. Neben der Scheibe draußen regnete es. Die wässrige Straße dort unter war von den leichten Einschlägen der Wassertropfen geprägt und das matte Mondlicht, das irgendwo durch die Wolkendecke schien, spiegelte sich auf den seichten Wellen. Schon seit einigen Stunden musste ich wohl hier sitzen, aus dem Fenster starrend und verträumt in die Nacht. Ich konnte einfach nicht schlafen, also blieb ich auf meinem Lieblingsplatz sitzen. Meine Beine hatte ich an mich gezogen und neben dem Fenster, auf einem kleinen Schrank brannte eine Kerze, die mal flackernde mal ruhige Schatten an die Wände warf. Daneben lagen meine Bücher, Manuskripte und Skizzen.
Draußen prasselten plötzlich Hagelkörner gegen das Glas des Fensters und rissen mich wieder aus meinen wirren Gedanken. Ich sah hinaus. Unten auf dem Fußweg schleppte sich eine schwarz vermummte Gestalt durch die Nacht. Den Kopf hatte sie in eine Kapuze gehüllt und hinter sich zog sie eine Unheil versprechende schwarze Spur her. Die Person war noch Jung, das sah ich an der Art des Gangs, doch sie schien verwundet. Ich beschloss, hinaus zu gehen und nach zusehen, was los war, obwohl ich ein mulmiges Gefühl dabei hatte.
Ruckartig und doch leise sprang ich von der Fensterbank, löschte die Kerze, schlich dann in den Flur, zog mir eine Regenjacke über und setzte die Kapuze auf, bevor ich aus der Wohnung in den Hausflur lief und im Dunkeln die Treppen nach unten verfolgte. Im Vorbeilaufen hatte ich mir noch rasch eine Decke geschnappt.
Nachdem ich die letzten drei Stufen hinunter gesprungen war, riss ich die Tür auf und lief in die Nacht hinein, vom plötzlichen Hagelschauer durchnässt. Die Gestalt war inzwischen zusammengefallen und lag reglos auf dem Fußweg. Ich schnellte hinüber zu ihr und strich die Kapuze aus ihrem Gesicht. Ein Junge blickte mich mit braunen Augen an. Er war erschöpft und ziemlich blass im Gesicht, doch noch wach. Ich wollte ihn etwas fragen, wie er hieße, wo er herkam, oder was ihm passiert war, nur um ihn wach zuhalten. Doch ich bekam keine Antwort, sondern wieder nur leere und fragende Blicke. Ich packte ihn in die warme Decke ein, die ich mitgebracht hatte, und machte mich daran, ihn zum Haus zu schleppen. Besonders schwer war er ja nicht, aber ich war müde und erschrocken, also dauerte es eine ganze Weile, bis er endlich im Treppenhaus lag.
Langsam, und auf seine Verletzungen bedacht, hievte ich ihn die Treppen hoch, fast lautlos durch den Flur unserer Wohnung und in mein Zimmer. Aus irgendeinem Grund wollte ich auf gar keinen Fall, dass weder meine Pflegeeltern, noch mein vermeintlicher Bruder ihn bemerkten, oder ihn in ein Krankenhaus oder ähnliches brachten.
Ich verstaute ihn in meinem Bett, legte die Decke über seinen Oberkörper und versuchte, die zerfledderte Hose am Unterschenkel von dem blutigen Bein zu pflücken. Seine Augen waren noch immer offen, die ganze Zeit. Er sah mich nicht an, nur an die weiße Zimmerdecke, die von der nächtlichen Dunkelheit dunkelgrau gefärbt war.
Seinen rechten Arm hatte er auch verletzt. Er sah ähnlich schlimm aus, wie das Bein, und ich konnte mir keinen Reim auf einen Grund für eine solche Art von Verletzung machen. Doch ich konnte ihn schließlich nicht einfach so dort liegen lassen. Vorsichtig behandelte ich sein Bein zuerst und wusch die Wunde sauber, bevor ich sie in eine Lage von Verband steckte, welchen ich im Küchenschrank gefunden hatte.
Als ich über ihn gebeugt dastand, fielen mir andauernd meine langen Haare ins Gesicht, sodass ich sie beim zurückstreichen immer wieder in den blutroten Ton färbte, der an meinen Händen kleben geblieben war.
Schließlich, nach etwa einer Stunde, waren rechter Arm und linkes Bein verarztet, so gut ich es konnte, und der Junge blickte noch immer mit starrem Blick an die Decke. Ich versuchte wieder, ihn zu fragen, doch er drehte nur den Kopf zu mir, sah mich seltsam sehnsüchtig an und antwortete nicht. Niemals, bei keiner Frage, die ich stellte. Seine Haare, so stellte ich erst jetzt fest, waren dunkelblond, nur ein bisschen dunkler als meine normalerweise. Wahrscheinlich dachte er komisch über mich, weil ich Blut im Haar kleben hatte und wegen dem Argwohn gegenüber der positiven Einwirkung von Blut auf die Haarstruktur, ging ich sie doch lieber schnell einmal ausspülen.
Mit total durchnässtem Kopf und den nun dunklen Haaren kam ich ins Zimmer zurück. Der Junge war gerade dabei zu versuchen, aus dem Bett zu steigen. Ich lief schnell zu ihm und legte ihn behutsam zurück ins Bett, ohne, dass er sich wehrte. Wieder schaute er mich nur fragend an. Im Hintergrund flackerte noch immer die Kerze und warf meinen Schatten an die Wand. Einige Tropfen von meinem Haar fielen auf das Kissen, neben dem sein Kopf lag. Schließlich, nachdem er mir sekundenlang ununterbrochen in die Augen geschaut hatte begann er endlich zu sprechen, wenn auch nur leise.
„Mein Name… ist Koji. Wo… bin ich hier?“, fragte er vorsichtig, wandte seine Augen noch immer nicht ab. „Du bist bei mir zuhause, weil du dort draußen im Regen wegen deiner Verletzungen umgefallen bist… Ich habe dich mit herein genommen, du sahst schlimm aus, mit den Wunden. Also… mein Name… ist Tegami. Was ist denn passiert,… Koji?“, fragte ich ihm genauso aufmerksam entgegen, ohne sein Gesicht aus den Augen zu lassen, wobei ich es nicht aushielt ihm in die dunklen Augen zu sehen und so mit meinem Blick ein bisschen unsicher wanderte.
„Ich… weiß nicht so recht. Da… Ich kann mich nur an die schwarzen Augen eines anderen Wesens erinnern…“, antwortete Koji langsam, wobei er seine Worte mit Bedacht wählte. „Was… meinst du? Was für ein Wesen? Du… ich weiß nicht,… du redest fast so, als würdest du selbst… na ja… so ein „Wesen“ sein.“, meinte ich knapp, schaute auf die Kerze, die hinter mir stand. „Hm… dann kommt es darauf an… was genau du in Wesen unterordnest.“, fragte er und folgte meinem Blick, die spielenden Schatten an der Wand interessiert betrachtend.
Für eine Weile sagte ich nichts, folgte seinen fragenden Blicken, die in meinem Zimmer umherwanderten. Dann sagte ich fast lautlos: „Was ich unterordne? In… Wesen? Also, was ich darunter verstehe? Nun… wohl etwas, das kein mir bekanntes Tier oder ein Mensch ist.“
„Dann bin ich auch ein… Wesen…“, antwortete er mir geistesabwesend. „Wieso?“, wollte ich fragen, doch er kam mir zuvor „Ein schwarz geschuppter Drache steht im Mondschein…“- „Was meinst…?“ „Seine Haut glänzt matt im Licht des Mondes, das er von einem Felsen aus beobachtet… Er hat… einen Kampf hinter sich… seine Kraft ist fast ausgelöscht… doch er hat noch einen Weg, sich vor dem Tod zu bewahren…“
„Aber… wie,… Was willst du mir damit sagen?“
„Und er… hebt seinen Kopf zum Mond hin und plötzlich verschwindet er in einem Schatten, ein Tuch legt sich über seinen schwachen Körper…“
„Was? Bist etwa…du…?“
„Einige Stunden später findet man einen verletzten Jungen in einen Mantel und völlig schwarze Klamotten
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