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Kategorien > Fantasy > Düsteres & Geheimnisvolles

Kirians Liebe

von JB Hawk

Ich bin Kirian. Ich bin ein Krieger. Das sagte ich von mir. Viele jedoch sagen, ich sei ein Mörder. Ein roher Geselle ohne Mitgefühl. Ich hatte das nie geglaubt. Ich hatte immer nur meine Pflicht getan, mein Wort gehalten, zu meinem Ehrenwort, meinem Schwur, gestanden. Doch heute ist der erste Tag in meinem Leben, an dem ich mich frage, ob sie nicht recht haben. Viel zu tief bin ich in den Sumpf aus Befehl und Gehorsam geraten. Viel zu tief stecke ich darin, als das ich irgendetwas verweigern könnte, daß man mir befiehlt. Sogar, als es um sie ging. Was mein Herr da von mir verlangte, hat mich erschüttert. Ich denke, so nennt man dies. Jetzt, wo es getan ist und ich den blutverschmierten Raum verlassen habe, fällt es mir schwer, meinen starken Schritt beizubehalten. Es ist wie das Gefühl, das man bekommt, wenn einem zu viele Tage die Nahrung verweigert wurde. Ich hätte es niemals gedacht, daß der Tod eines Menschen solche Auswirkungen auf meinen Körper haben könnte. Doch daß diese Frau in den Tod gegangen ist? ausgerechnet diese.
Sie war vor ein paar Tagen auf die Burg gekommen. Zwischen zwei Wachmännern hatte sie gehangen. Blut tropfte von ihrem Kopf. Ein kleines Rinnsal. Ihre langen Haare verbargen ihr Gesicht. Sie waren verklebt von halbgetrocknetem Blut. Ich hatte teilnahmslos auf sie herabgeblickt. Ich habe schon tausende wie sie gesehen. Berge von Leichen. Ozeane aus Blut. Hunderte von Rebellen, die sich für tapfere Kämpfer hielten und am Ende doch bloß schreiend und winselnd vor Valestan auf dem Boden gekrochen waren.
Genau wie sie es gleich tun würde.
Ich wußte, daß sie noch nicht lange im Gewahrsam von Valestans Foltermeistern war, aber es war schon lange genug. Man hatte sie entkleidet, damit Valestan ihr Werk begutachten konnte. Verbrennungen, Schnitte, rote Stellen, die sich bald in dunkle Flecken verwandeln würden. Blut tropfte an der Innenseite ihrer Schenkel entlang. Valestans Foltermeister benutzten so gut wie alles als Instrument ihres Handwerkes, sogar ihre eigenen Körper. Ich hatte gehört, daß dies nicht einmal vom Geschlecht des Gefangenen abhing.
"Sieh nur, Kirian", sagte Valestan, "was mag bloß diesem armen kleinen Vögelchen passiert sein?"
Er erwartete keine Antwort. Das tat er nie. Er lag auf seiner Liege, fraß, wurde fetter und gab Befehle, deren Ausführung bis zum letzten i-Tüpfelchen er erwartete. Meine Aufgabe war es lediglich, hinter Valestan zu stehen und dafür zu sorgen, daß niemand ihn in seinem eigenen Blut ertränkte, nicht, meine Meinung zu Dingen abzugeben.
"Laßt sie los!" befahl er.
Mit einem dumpfen Geräusch landete sie auf dem Steinfußboden.
"Ach Kirian. Ist es nicht traurig? So enden sie alle. Als blutiges Häufchen auf meinem Fußboden."
Valestan sprach wie ein Großvater, der die Tollereien seiner Enkel beklagt. Die Frau regte sich. Mühsam zog sie ihren rechten Arm unter sich. Langsam, als koste sie jede Bewegung unendlich viel Kraft. Irgendwie schaffte sie es, ihre Knie unter sich zu bekommen. Dann ihre Beine. Als sie sich hochstieß um aufzustehen, wäre sie beinahe seitlich umgekippt. Doch sie schaffte es.
Ich betrachtete sie. Was ich sah, gefiel mir. Nicht die Schnitte und Verbrennungen. Aber die langen schlanken Beine. Die schmale Taille. Die runden Brüste. Die Art, wie sie sich bewegte. Wäre sie nicht verletzt gewesen, da war ich sicher, hätten ihre Bewegungen von Anmut und Stärke gesprochen. Und einen Moment lang war ich wirklich traurig. Traurig, daß dieser Körper nie in meinem Bett landen, sich nie in meinem Rhythmus bewegen würde.
Und dann sah ich ihr Gesicht.
Oder besser, ich sah in ihre Augen. Und es war, als hätte mir jemand einen Schlag verpaßt, als hätte mich jemand urplötzlich aus dem Schlaf gerissen.
Ich erkannte sie.
Nicht, daß ich sie je zuvor gesehen hätte. Ich kannte nicht ihren Namen und ich wußte nicht, woher sie kam. Ich hatte nie ein Wort mit ihr gewechselt oder Berührungen mit ihr ausgetauscht.
Aber ich erkannte sie.
Dort stand die Frau, die ich liebte. Lieben würde. Bis ans Ende meiner Tage.
Ich riß den Blick los.
Was für ein Unsinn.
Liebe ist eine Erfindung. Etwas, daß man den Frauen ins Ohr flüstert, wenn man sie ins Bett kriegen will. Ich hatte schon oft davon gesprochen, ohne es je zu meinen. Und ich bedauerte die schwächlichen Narren, die sich einbildeten, so etwas zu empfinden. Wie vielen plärrenden Weibern hatte ich schon die Tür gewiesen, die geglaubt hatten, mich zu lieben?
Die Frau war hübsch. Es war der Wunsch, sie im Bett zu haben, der das Gefühl hervorgebracht hatte. Nichts weiter.
Valestan lag mit dem Rücken zu mir und hatte meine Schwäche nicht bemerkt. Stattdessen hatte er weiter auf die Frau eingeredet. Informationen verlangt. Über die Rebellen. Ihre Stärke, ihren Sammelpunkt, ihre Informanten. Hatte ihr die üblichen Fragen gestellt, die üblichen Drohungen ausgestoßen, die üblichen Versprechungen gemacht.
Die Frau schwieg.
Das taten die meisten am Anfang. Sie alle zerbrachen irgendwann. Bei manchen dauerte es nur länger als bei anderen.
Das wußte auch Valestan. Er begegnete ihrem Trotz nur mit einem sardonischen Grinsen.
"Kirian. Zeig ihr ihre Unterkunft."
Ich gehorchte wortlos. Mein Kettenhemd und meine zahlreichen Waffen klirrten, als ich auf sie zumarschierte und sie beim Ellbogen packte. Fest. Morgen würde sich dort ein weiterer blauer Fleck gebildet haben. Würde wunderbar zu den anderen passen.
Ich zog sie aus dem Beratungssaal und zerrte sie hinter mir her die Treppen hinunter bis in das Verlies. Es stank hier fürchterlich. Nach Blut, Kot und Pisse, nach Eiter und Schweiß, nach Fäule. Kurzum, nach jeder nur denkbaren widerlichen Ausdünstung, die ein Mensch nur verursachen kann.
Und es war kalt hier. Ich spürte das kaum. Ich trug meine Rüstung und ein üppiger Mantel lag schwer und warm um meine Schultern.
Sie zitterte.
Das war mir noch nie bei einem Gefangenen aufgefallen, obwohl sie sicher nicht als einzige gezittert hatte. Sie waren alle nackt und schutzlos, die meisten hatten einen Schock von den Verletzungen, die sie davongetragen hatten. Von der Folter.
Ich verlangsamte meinen Schritt, damit sie nicht mehr ganz so furchtbar hinter mir herschliff.
Schließlich kamen wir bei einem freien Kerker an. Ich öffnete die Tür und stieß sie hinein. Sie taumelte und prallte heftig gegen die gegenüberliegende Wand. Sie stöhnte auf vor Schmerz. Hielt sich das linke Handgelenk. Es hing seltsam herab. [i]Gebrochen[/i], wußte ich sofort.
Ich weiß nicht, warum, aber ich trat auf sie zu und legte ihr meinen Mantel um die Schultern. Ich stand ganz nah bei ihr. Sie roch schlecht. Nach Blut und Schweiß und Erbrochenem. Und noch etwas anderem. Etwas unendlich süßem. Sie sah mir in die Augen.
Jetzt würde sie sich bedanken. Mich um Hilfe anflehen, mir ihren Körper anbieten für ein bißchen Barmherzigkeit.
Doch ich irrte mich.
"Ich kenne dich", sagte sie.
Es fuhr mir wie ein Schwall eiskalten Wassers durch den Körper.
"Tust du nicht", antwortete ich kühl.
"Doch", sagte sie mit ruhiger Stimme, "ich kenne dich. Ich habe von dir geträumt."
"Du bist die erste Frau, die von mir träumt, bevor ich ihr meine Vorzüge gezeigt habe", versuchte ich zu scherzen.
"Nicht so einen Traum", sagte sie. "Du wirst mich befreien."
Also doch. Es war nur eine raffinierte Form des Bettelns.
"Ich arbeite für Valestan", sagte ich. "Ich werde dich nicht befreien."
Sie sah mich unverwandt an. "Doch, das wirst du. Ich habe es geträumt. Ich kenne dich."
Ich drehte mich um und floh. Anders kann man es nicht nennen. Wie konnte es sein, daß sie so genau die Worte kannte, die ich selbst gedacht hatte, als ich sie dort oben gesehen hatte?
* * *
Ich sah sie nicht am Tag darauf. Und auch nicht am Tag darauf. Aber ich dachte an sie. Jede Sekunde. Ich dachte an ihre Augen, ihre Stimme, ihren Duft. Und daran, was sie jetzt gerade durchmachte. Ich dachte an all die Gefangenen, die ich schon im Laufe meines Dienstes für Valestan gesehen hatte. Ihre Verletzungen. Die Verzweiflung in ihren Augen. Und wie meine Schöne wohl damit aussehen würde. So nannte ich sie in meinen Gedanken. Meine Schöne.
Wann immer ich es dachte, schalte ich mich selbst einen Narren und drängte sie aus meinen Gedanken. Aber wie oft ich es auch tat, so oft kehrte sie auch wieder in meinen Kopf zurück.
[i]"Du wirst mich befreien."[/i]
Diese Worte hallten in meinem Schädel, wieder und wieder, brachten mich um den Schlaf, raubten mir den Appetit.
Sie hatte mich verhext.
Das war es.
Dann sah ich sie wieder. Ich hätte sie beinahe nicht erkannt. Der linke Arm war an mindestens zwei weiteren Stellen gebrochen. Ihre Nase ebenso. Diese feine, gerade Nase. Jetzt war sie nicht mehr als eine blutige Schwellung in der Mitte ihres Gesichtes. Die Lippen waren unter den Schlägen aufgeplatzt. Ihr ganzer Körper war bedeckt mit Schnitten, Stichen, Verbrennungen. Diesmal konnte sie nicht aufstehen. Die Wache hielt ihren Kopf an den Haaren nach oben, damit Valestan ihr ins Gesicht sehen konnte, als er seine Fragen stellte.
[i]Antworte[/i]. Dachte ich.
Sie starrte ihn nur an.
[i]Antworte! Bitte![/i]
Sie war trotziger, als gut für sie war. Valestan würde sie wieder den Folterern übergeben. Aber wenn sie redete, dann könnte ich ihren Traum vielleicht wahrmachen. Valestan überließ mir manchmal eine der Sklavinnen, wenn ich ihn darum bat. Belohnung für besondere Treue. Warum nicht diese Rebellin? Sie würde wieder heilen und sie könnte dann bei mir sein. Zugegeben, meine Sklavin. Aber ich würde sie nicht so behandeln. Nein. Ich nicht. Sie wäre mehr.
Valestan war inzwischen wütend geworden.
"Wo ist euer Versteck? Sag es, oder ich schneide dir die Zunge raus und lasse sie dich essen!"
Sie starrte ihn nur schweigend an.
Valestan verpaßte ihr einen Tritt in den Magen, der sie zusammenklappen ließ. Meine Hand glitt zu meinem Messer. Sie hustete und spuckte etwas aus, das wie eine Mischung aus Galle und Blut aussah. Das war nicht gut. Wenn sie innere Verletzungen hatte?
"Kirian!"
Etwas in Valestans Ton sagte mir, daß dies nicht das erste Mal war, daß er mich ansprach. Ich mußte mich zusammenreißen.
"Herr?"
"Bring sie fort."
Er spuckte die Worte förmlich aus. Ich gehorchte. Wie schon beim ersten Mal packte ich sie am Arm und schleifte sie aus dem Raum. Es mußte echt aussehen. Und die beste Art, etwas echt aussehen zu lassen, war, es echt zu machen.
Sie stöhnte vor Schmerz.
Ich haßte mich.
"Halt durch", zischte ich.
Sie gab ein Geräusch von sich, das sowohl eine Zustimmung als auch ein Schmerzenslaut sein konnte.
Wir hatten die Tür zu den Kerkern fast erreicht. Ich verlangsamte mein Tempo, doch irgendwie schien das ihren Zustand noch zu verschlimmern. Sie klappte zusammen. Lag regungslos auf dem Boden. Jeden anderen Gefangenen hätte ich jetzt an einem Arm oder Bein gepackt und hinter mir her in eine Zelle geschleift. Diesmal konnte ich das nicht. Der Gang war leer. Niemand würde uns sehen.
Ich hob sie auf und trug sie wie ein kleines Kind. Sie war so zart. So zerbrechlich. So verletzt. Ich stieß die Tür zur Zelle mit der Schulter auf. Vorsichtig legte ich sie auf den Haufen fauligen Strohs ab, der hier als Bettstatt diente. Meinen Mantel hatte sie in die Zimmerecke gelegt und unter etwas von dem verdreckten Stroh dort versteckt. Von der Tür aus war er nicht zu erkennen. Kluge Frau. Sie hätten ihn ihr nur fortgenommen.
Ich blickte auf sie hinunter. Sie war so zerschlagen. Ich wollte aufschreien vor hilfloser Wut, wollte mein Schwert in den Gedärmen derer versenken, die ihr dies angetan hatten, wollte sie ebenso verstümmeln, wollte ihnen tausendmal den Schmerz zufügen, den sie hatte ertragen müssen.
Ich breitete den Mantel über sie aus. Ihre Haut war trocken und heiß. Fieber.
Unweit ihres Lagers stand eine Flasche dreckigen Wassers. Ich flößte ihr etwas davon ein.
Sie spuckte.
"Trink", flüsterte ich.
"Du?", murmelte sie erschöpft. "Du wirst mich befreien." Das Fieber sprach aus ihr. Ich gab ihr noch einen Schluck zu trinken.
"Hör mir zu", bat ich eindringlich, "das hier ist wichtig. Du mußt Valestan sagen, was er hören will."
Sie sah mich unfokussiert an. "Töten."
Valestan hätte in der Tat keine Bedenken, sie zu töten. "Das werde ich verhindern. Gib ihm, was er will, dann kann ich dich retten. Bitte", flehte ich, "ich kann dir helfen. Vertrau mir."
Ihr Blick wurde plötzlich wieder klar.
"Nein." Ihre Stimme klang fest.
Ich wurde wütend. "Dann wirst du sterben und ich kann dir nicht helfen." Ich ließ meine Stimme kalt klingen.
Sie lächelte. Es war das schönste blutverschmierte Lächeln, das ich je gesehen hatte. "Nein. Du wirst mich befreien." Sie strich mir mit der unverletzten rechten Hand über die Wange. "Wir werden uns in einem anderen Leben wiedersehen."
Sie sprach im Fieber. Da war ich sicher. Sie widersprach sich.
"Trink", antwortete ich und hielt ihr den Krug an den Mund.
* * *
Es war in den frühen Morgenstunden, als der Alarm mich weckte. Ich fühlte mich, als hätte ich gar nicht geschlafen. Ich trug noch immer meine Rüstung an. Ich war nach Dienstende in meine Kammer gegangen und hatte mich auf mein Bett geworfen, wo ich einige Stunden damit verbracht hatte, in die Dunkelheit zu starren und die Situation meiner Schönen zu wälzen. Irgendwann war ich dann in einen unruhigen Schlaf geglitten.
Die Rufe und Schreie von den Gängen erwischten mich in einem Zustand der schläfrigen Verwirrung. Ich sprang auf und stieß mir das Schienbein an einem Tischchen.
Ich fluchte und riß die Tür auf und fand mich Nase an Nase mit einer der Wachen. Er war wohl ebenso überrascht wie ich. "Was?" bellte ich. Der junge Mann starrte mich eine Sekunde lang an. "Herr Valestan will Euch sehen."
"Warum? Was ist geschehen? Warum der Alarm?" Er gaffte einen Moment, bevor er antwortete. "Eine der Gefangenen ist ausgebrochen. Sie hat versucht, Herr Valestan zu erstechen."
Mir blieb das Herz stehen. Wir hatten nicht viele weibliche Gefangene.
"Laß uns gehen." Ich lenkte meine Schritte energisch zu Valestans Schlafgemach. Mein Herz schien sich nicht mehr an seinem angestammten Platz in der Brust zu befinden. Stattdessen hüpfte es in meiner Kehle herum. Valestan angegriffen. Mit einem Messer. Das konnte nur sie sein. Sie hatte doch gestehen sollen! Wie konnte sie das nur tun?
Inzwischen waren wir vor Valestans Tür angekommen. Wie alles, womit Valestan sich umgab, war sein Schlafgemach pompös. Das Holz des Mobiliars glänzte teuer, die Stoffe waren schwer und von satten Farben. Gold und Silber blitzten überall. Sie kniete auf dem Boden vor Valestans Bett. Frisches Blut rann aus ihrem Mundwinkel. Sie sah mich nicht an. Das Messer lag auf dem Bett. Mein Messer. Ich erkannte es sofort. Sie mußte es mir gestohlen haben, als ich ihr zu trinken gab. Ich konnte nicht umhin, eine gewisse Bewunderung für sie zu fühlen. Mir in ihrem Zustand unbemerkt ein Messer aus der Scheide zu stehlen? Und mein Mantel. Mein Mantel war auch da. Sie trug meinen Mantel und hatte mein Messer benutzt.
Valestan war das auch aufgefallen. Er rannte im Zimmer auf und ab.
"Nun?" stieß er zwischen zwei Runden hervor. Mir fehlen die Worte. Wie konnte ich das erklären? Valestan wedelte mit der Hand. "Du! Du!" Ihm schienen schon wieder die Worte auszugehen.
"Herr, ich habe dafür keine Erklärung", warf ich wahrheitsgemäß ein.
Er stoppte.
"Was soll ich mit dir nur tun, Kirian?"
Ich konnte mich gerade noch davon abhalten, zu schlucken. Ich kannte diesen Ton. Er verhieß nichts Gutes. Normalerweise starb bald jemand, wenn er diesen Ton anschlug. "Ich habe dir vertraut. Und du", seine Stimme schwoll schlagartig zu einem Brüllen an, "du gibst dieser Schlampe ein Messer, damit sie mich ermordet?!"
Ich versuchte, ruhig zu bleiben. "Ich habe ihr das Messer nicht gegeben, Herr."
Er wirbelte herum. "So, hast du nicht? Hat sie es dir also geklaut?" zischte er. "Dir, Kirian? Einem so erfahrenen Krieger?"
Ich starrte regungslos geradeaus.
Er trat auf mich zu. So nahe, daß seine Nase fast die meine berührte. Er war kleiner als ich.
"Du bist mir also nach wie vor treu."
Das war ich nie gewesen. "Ja", antwortete ich ohne zu zögern.
"Wie kam sie an deinen Mantel?"
"Ich habe ihn ihr gegeben."
"Warum?"
Ich antwortete nicht. Ich konnte es nicht sagen.
"WARUM?" schrie er.
"Sie sah kalt aus."
Er starrte mich verblüfft an.
"Du wirst weich", stellte er fest. Abrupt drehte er sich um. "Weichheit", dozierte er, "ist der größte Feind jeden Kriegers." Er wirbelte wieder herum. "Aber ich kann dir da helfen. Ich werde dich abhärten."
Ein amüsiertes Glitzern trat in seine Augen. Ich mochte das gar nicht. "Eine Kleinigkeit, wirklich. Drei saubere Schläge und diese ganze furchtbare Nacht ist vergessen." Er stand wieder vor mir. "Wirst du das für mich tun? Mir deine Loyalität beweisen?"
Ich starrte weiter geradeaus. "Wie, großer Valestan, kann ich Euch beweisen, daß meine Treue zu Euch unumstößlich ist?" Der Satz war Teil der Zeremonie, mit der die Krieger auf ihren Herrn schworen. Ich hatte diesen Satz schon einmal zu Valestan gesagt. Konnte nicht schaden, ihn daran zu erinnern.
"Schlag ihr die Hände ab", antwortete er, "eine nach der anderen. Erst die linke, dann die rechte, mit der sie es gewagt hat, mich zu bedrohen. Und dann den Kopf. Töte sie."
"Nein", sprudelte es aus mir hervor, bevor ich mich beherrschen konnte.
Zwischen Valestans Augenbrauen bildete sich eine tiefe Furche.
"Du verrätst mich also", stellte er fest.
Ich sah ihn nicht an. Stattdessen sah ich auf meine Schöne. Sie sah immer noch auf den Teppich vor sich, ihr zerstörter Körper zitterte. Und sie bewegte den Kopf. Ein Nicken. [i]Tu es[/i].
Ich schluckte. Da war ihre Flucht. Die Flucht in den Tod.
Ich sah wieder Valestan an. "Herr, ich habe geschworen, Euch zu dienen."
Er gab ein verächtliches Geräusch von sich. "Worte! Sie bedeuten nichts. Taten zeigen das Herz eines Mannes."
Ich zögerte. Dann tat ich es.
* * *
Ich verlasse das Zimmer, das nach frisch vergossenem Blut riecht. Ich verlasse das Zimmer, in dem ich sie gerade getötet habe. In dem ihr verstümmelter Körper liegt. Ich biege um eine Ecke in einen Nebengang. Meine Knie werden weich. Ich muß mich an der Wand abstützen.
Ich bin Kirian. Ich bin ein Mörder.

Kommentare

JB Hawk schrieb am 2008-01-20 14:08:41:
:) Man, da guckt man nach über nem Jahr wieder rein und doch gibt es noch Leute, die das hier lesen UND kommentieren!

Danke für Eure Lobeshymnen, Die sind sowas von aufbauend! :)
despair@hotmail.de schrieb am 2006-05-14 10:16:21:
hey hawk,
also ich find die story echt toll^^
und kann nicht verstehen warum leute immer nette geschichten wollen...düstere sind viel besser^^
ich glaube jetzt werd ich wohl noch deine anderen geschichten lesen müssen^^ bin auf den geschmack gekommen......
Judith Voce schrieb:
Hallo Hawke,

wow, ich bin sehr beeinsruckt! Stilistische Kritik fällt mir keine ein; das liest sich wie bei Profis. Nur eine Frage: was, was um Himmels Willen hält Kirian noch bei seinem Arbeitgeber? Der einstige Schwur, sein Lehnseid? Was ist dieser Eid jetzt noch wert?

Grüße, Judith
JBHawk@gmx.de schrieb:
Wow, danke! Das ist ja ne Kritik!
Tja, ich hab das so mit dem Hintergedanken geschrieben, daß wir uns eigentlich oft irgendwelchen Dingen verpflichtet fühlen, ohne daß wir es wirklich sind, und dafür Dinge opfern, die uns wirklich was bedeuten.
Bei Kirian ist das natürlich etwas sehr ausgeprägt. ;)
steini_stoni@web.de schrieb:
Mein Kommentar fällt nicht so wie Judiths aus.

Am Anfang finde ich die Sätze ein wenig abgehackt.

>recht haben<- recht im zusammenhang mit haben= groß

>daß<- wird nach wie vor mit "ss" geschrieben.

>Sogar, als<- da braucht an kein Komma

>Doch daß diese Frau in den Tod gegangen ist? ausgerechnet diese.<- Doch dass diese Frau in den Tod gegangen ist?, ausgerechnet diese.

>Zwischen zwei Wachmännern hatte sie gehangen. Blut tropfte von ihrem Kopf. Ein kleines Rinnsal<- das ist wieder so aneinandergequetscht. Den ersten Satz versteh ich nicht. Den kannst du weglassen oder anders formulieren. "Blut tropfte in einem kleinen Rinnsal (aus einer Wunde) vom Kopf.

>von halbgetrocknetem Blut<- vom halgetrockneten Blut

Aber mir stehen die Nackenhaare zu Berge. Das ist besser als eine Geschichte eines Profis. Die ist genial und das meine ich auch wirklich so. Sehr viele Emotionen und noch mehr Spannung. Ich kann nur sagen: WOW, WOW, WOW und ich glaub das werden noch viele nach mir sagen
susebay@yahoo.de schrieb:
Hallo Hawk,
mein lieber Schwan! Respekt, starke Geschichte, viel besser zu lesen als die vorherige. "Ausgereift" trifft es gut: Du vermitteltst Bilder, lässt aber genug Freiraum für eigene Vorstellungen, die Ausweglosigkeit schwebt über der Sache von Beginn an und Kirian, der solche Gefühle bis dato nicht kannte, weiss nicht, wie er damit umgehen soll. Sehr geil gemacht, wenn ich das Wort mal in diesem Sinne gebrauchen darf!
Ich wollte heute mittag nur mal kurz rüberschauen, las dann aber auch gebannt bis zum Ende durch! Und die Nackenhaare haben sich bei mir auch noch nicht wieder ganz gelegt... Wirklich gut. Zwei Anmerkungen allerdings:
-Doch daß diese Frau in den Tod gegangen ist? ausgerechnet diese.
hätte ich so gemacht: "Doch daß diese Frau in den Tod gegangen ist? Ausgerechnet diese..."
Und Punkt zwei: "Du bist mir also nach wie vor treu."
Das war ich nie gewesen. "Ja", antwortete ich ohne zu zögern.
Stimmt inhaltlich eigentlich nicht, oder? Immerhin ist er ja im Dienst von Valestan und ziemlich oben schreibst du "Ich hatte das nie geglaubt. Ich hatte immer nur meine Pflicht getan, mein Wort gehalten, zu meinem Ehrenwort, meinem Schwur, gestanden." Da frage ich mich: Ist das nicht "treu sein"?
Aber das war es auch schon, ansonsten nochmal FETTES LOB, freue mich schon auf die nächste Story, viele Grüsse, Poersel
JBHawk@gmx.de schrieb:
Man, Leute, danke!
@steine: Ich schreibe aus Prinzip alte Rechtschreibung, solange ich nicht anders muß, also rechthaben und daß...
Das mit dem Fragezeichen, nachdem es klein weitergeht - schon wieder so ein verdammter Formatierungsfehler! Und ich hatte gedacht, diesmal hätte ich sie alle erwischt! Es kommt nämlich ein "-" da hin.
Ja, das mit der Treue ist so eine Sache - es ist mehr eine Art Macht-Abhängigkeit. Valestan hat Macht und Kirian hat keine. Also tut er alles für Valestan. Hätte ich vermutlich noch klarer herausarbeiten müssen.
richard_simos@web.de schrieb:
Wow, geile Geschichte, wirklich sehr gut gemacht. Was besseres gibt es nicht oft, aber dies Geschichte wurde schon oft von anderen Leuten gestrikt, deshalbt ist sie mir nicht unbedingt neu, aber deine Geschichte war wirklich Astrein

Grüße Richard
Judith Voce schrieb:
Hallo Hawk,
Du schreibst aus Prinzip nach der alten Rechtschreibung? SEHR GUT!!! Noch einer mehr!

Judith von der Alten-Rechtschreib-Front :)
steini_stoni@web.de schrieb:
Steine? Ich glaub ich hab mich verlesen, nein meine Gute, ich heiß nicht Steine, sondern Stoni, aber das nur als Anmerkung.
Stoni
. schrieb:
Hallo,

mir hat Deine Geschichte wirklich gut gefallen. Du schaffst es immer wieder eine Atmosphäre aufzubauen, die den Leser gefangen hält.
„...deren Ausführung bis zum letzten i-Tüpfelchen er erwartete.“ Darüber bin ich gestolpert. Zum einen, weil das „er“ schon nach „Ausführung“ stehen sollte, zum anderen des Ausdruckes an sich wegen.
„Sie stöhnte vor Schmerz. Ich haßte mich.“ Warum plötzlich er und nicht wie sonst üblich die Wachen?
„Ich trug noch immer meine Rüstung an.“ Ohne „an“.
„"WARUM?" schrie er. "Sie sah kalt aus." Ich denke, das hätte man auch ohne die Großbuchstaben verstanden und irgendwie wirken diese störend, aber das kann auch nur meine Meinung sein. Wie sieht jemand kalt aus? „Sie sah aus, als würde sie frieren“ oder etwas in der Art?
Ansonsten sind mir keine nennenswerten Fehler aufgefallen. Die Dialoge wirken ausgereift, der Lesefluss wird nicht unterbrochen. Dein Stil ist wirklich gut, aber wenn es nicht zu vermessen ist, würde ich mir als nächstes eine Geschichte von Dir wünschen, die nicht ganz so „düster“ ist. Aber das liegt natürlich ganz bei Dir, auch wenn ich glaube, das Dir das keine großen Schwierigkeiten bereiten dürfte. *g

Liebe Grüße
Soleil
JBHawk schrieb:
Hi Soleil,

ja, Geschichten, die nicht ganz so düster sind, wünschen sich einige von mir aber irgendwie - tja. :) Vielleicht, wenn ich die ganzen düsteren geschrieben habe, kann ich auch mal eine etwas nettere schreiben.
- ?Sie stöhnte vor Schmerz. Ich haßte mich.? Warum plötzlich er und nicht wie sonst üblich die Wachen? - Das ist die Stelle, wo Valestan Kirian befiehlt, die Frau in die Kerker zu bringen und Kirian schleift mit ihr los. Die Wachen folgen gar nicht, er muß sie bloß losschleifen, damit es für Valestan echt aussieht. Und das tut ihr weh. Und dafür haßt er sich.
- Mit der Rüstung hast Du natürlich recht. Hab wohl beim Korrekturlesen nicht aufgepaßt.
- ?...deren Ausführung bis zum letzten i-Tüpfelchen er erwartete.? Ohne Zweifel etwas ungewöhnlich in der Satzkonstruktion. Aber nicht inkorrekt. Ich schreibe ganz gerne mal ein bißchen gramatikalisch ungewöhnlich, ich finde, das verleiht dem ganzen etwas Würze.

Vielen Dank nochmal an alle, die sich die Mühe eine ausführlichen Kritik gemacht haben.
engelchen_lain@web.de schrieb:
Hey
Nach der „gefallenen Stadt“ musste ich ja unbedingt noch ne Story von dir lesen, auch wenn’s bei mir immer ewig dauert mit dem kommentieren (hab keinen eigenen Internetzugang.) Ich hoffe, du liest es trotzdem noch und freust dich, weil du wieder mal nur gelobt wirst. Ja, nur gelobt, weil ich konnte keine Fehler finden und deinen Stil mag ich auch total gerne...
Es war wirklich sehr schön, ein bisschen traurig, manchmal.
Mach auf Jeden weiter so, rechne damit, dass ich’s lese, dass ich’s kommentiere, wenn auch erst Wochen später.
Alles Liebe, Lain
caos-girl@hotmail.de schrieb:
Diese Geschichte ist wierklich proffisionel geschrieben. Finde ich classe. Erste Sahne. Einfach Spietze.
Was soll ich sonst noch dazu sogen außer ich bin immernoch baff!!!!!

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