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Kategorien > Love Story´s > Alltag

Komm näher

von Serendipity

Du bist viel zu weit weg.
Du bist unerreichbar. Komm zu mir. Komm näher. Lass mich dich sehen, berühren, riechen, fühlen, festhalten Lass mich dich lieben. Du brauchst keine Angst haben. Es wird erst weh tun wenn es zu Ende ist. Das Gefühl ist den schmerz wert. Bitte, lass es zu. Lauf nicht weg. Dreh dich nicht um. Sieh mich an. Du brauchst nichts zu sagen. Ich will auch nichts sagen. Ich will bei dir sein. Mit dir sein. In dir sein. In deinem Kopf, deinem Bauch, deinem Herz. Ich weiß, dass du mir nie so nah sein wirst, dass es nah genug sein wird.

"Ich weiß nicht, ob es Liebe ist. Ich kenne ihn nicht", sagte Nina und verteilte Milchschaum auf zwei Tassen, die halbvoll mit heißem Kaffee waren. sie sah Tino nur kurz in die Augen. versuchte seinem mißbilligenden Blick zu entgehen.
"Bei aller Freundschaft Nina, du bist besessen davon geliebt zu werden. Deshalb verliebst du dich ständig in irgendwelche Männer, die du nicht kennst." Tino war ihr bester Freund. Sie kannten sich seit vier Jahren. Saßen ständig nebeneinander in den Vorlesungen.
"Du solltest deine Wände neu streichen oder aufhören zu rauchen", sagte er und zündete sich eine weitere Zigarette an.
"Oder umziehen. " Nina stellte ihm seinen Starbucksbecher auf sein Kreuzworträtsel. Sofort bildetet sich ein brauner Rand von den Kaffetropfen, die seitlich an der Tasse herunterliefen.
"Die Wohnung ist doch toll. Du findest nie mehr wieder fünfzig Quadratmeter Wohnfläche in Uninähe zu dem Preis."
"Warum sitzen wir eigentlich heute abende schon wieder doof zu Hause rum? Es ist Samstagabend."
"Nina, verdammt, ich hab kein Geld. Weggehen ist teuer." Tino hatte diesen einen Blick, der sie innerhalb weniger, kurzer Augenblicke wieder fünf Jahre alt werden ließ. Manchmal hasste sie ihn dafür. Heute nicht. Sie hasste ihn in letzter Zeit immer weniger. Seit die Mehrheit ihrer Freundinnen beschlossen hatten, zu heiraten und Kinder in die Welt zu setzen, war Tino für sie unverzichtbar geworden. Er hingegen hätte genügend Freunde, die mit ihm Abend für Abend in verrauchten Zimmern Playstation spielen würden oder Fußball schauen. Aber Tino war lieber bei Nina. Zur Zeit täglich. Eigentlich hätte er gleich einziehen können. Letztens hatte sie ihm bei Aldi eine Zahnbürste gekauft, die jetzt auf der Badablage vor dem Spiegel in einem Ikeaglas stand.
"Ich weiß, dass es keine Liebe ist. Du mußt jemand kennen, um ihn zu lieben. Ich denke, du kannst erst von Liebe sprechen, wenn ihr euch schon ein paar Mal richtig gestritten habt, und du trotzdem noch mit ihm zusammen sein willst. Alles andere ist Anziehung, der Reiz des Unbekannten oder sexueller Notstand. Wo ist der Zucker?"
"Da wo er immer ist. Im Supermarkt. Ich nehme keinen Zucker mehr. Ich betreibe Fettabbau. Nimm den Süßstoff. Steht neben dem Nutella."
"Schokoladenbrotaufstrich darf natürlich nicht fehlen beim Abnehmen", Tino griff mit der einen Hand nach der Dose Süßstoff und kniff ihr mit der anderen Hand ins rechte Ohrläppchen.
"Was kommt heute im TV?"
"Was essen wir heute abend? Ich will nicht schon wieder Pizza."
"Nichts. Wir müssen doch abnehmen."
"Du bestimmt nicht, du Idiot."
"Du auch nicht." Tino hatte sich einen Teelöffel genommen und griff nach dem Nutella. Er tauchte ihn ins Glas und hielt ihn anschließend unter Ninas Nase.
"Tausend Dank, ich verzichte."
"Gehen wir auf die Party nächsten Donnerstag? Micky kann uns Karten dafür besorgen." Er hatte seine Beine auf den runden Esstisch gelegt und wackelte wie ein zufriedenes Kind mit seinen Füßen. Nina durchsuchte in der Zwischenziet den Packen mit ihren Frauenmagazinen nach der Fernsehzeitung.
"Weiß noch nicht. Vielleicht bin ich bis dahin mit ihm zusammen."
"Vielleicht gefriert bis nächsten Donnerstag die Hölle zu. Du weißt doch noch nicht mal wie er heißt." Tino legte den Schokolöffel weg, um zwischendurch an seiner Zigarette zu ziehen.
"Du bist ein toller Freund. Du solltest mich eigentlich in meiner Hoffnung bestärken. Stattdessen mußt du mich immer runterziehen." Sie gab die Suche auf.
"Hast du letztes Mal die Fernsehzeitung wieder mit zu dir genommen? Ich weiß gar nicht warum ich dich immer einlade. Einen Miesmacher, der mir meine Vorräte wegfrisst finde ich an jeder Straßenecke."
"Nina, du lädst mich nie ein. Ich komm immer von selber."
"Gut, dann besorg dir ganz schnell Schneidbrenner. Ich mach die Tür nächstes Mal nämlich nicht mehr auf."
Tino nahm die Beine vom Tisch. "Komm her zu mir, kleine Freundin." Er griff nach ihrer Hand und zog sie auf seinen Schoß. So klein war Nina gar nicht. Fünf Zentimeter trennte sie von seinen 1,90m. Das war wohl mitunter ein Grund, warum es für sie nicht so einfach war einen passenden Mann zu finden. Wer wollte schon eine Frau, die mit Highheels nicht mehr aufrecht unter dem Türrahmen durchgehen konnte? Tino wollte. aber nicht Nina. Er liebte große Frauen und er hatte auch schon mehrmals versucht, sich vorzustellen mit Nina eine Beziehung einzugehen, zumal es im Bett auch wunderbar funktioniert hatte, die vier Mal, bei denen sie miteinander geschlafen hatten. Aber irgendetwas störte ihn an ihr. Irgendetwas war mit ihr, dass eine Beziehung unmöglich gemacht hatte und deshalb waren sie Freunde geworden. Sie hatten aufgehört miteinander zu schlafen und massierten sich stattdessen gegenseitig die Füße. Sie war seine Familie geworden. Sie kochte für ihn. Er las ihr vor. Sie lackierte sich die Nägel. Er schraubte die Regale zusammen und formatierte ihre Hausarbeiten. Sie fiel auf neureiche Blender rein. Er schmiedete anschließend Mordpläne mit ihr. Sie suchte ihm Frauen aus. Sie waren ein Team. Das war weitaus wertvoller als eine Beziehung. Abgesehen davon hatten sie ja eine Beziehung. Sie stritten sogar laufend miteinander. Sie nannten es bloß nicht so. Und sie trafen sich mit anderen. Weder Nina noch Tino waren eifersüchtig aufeinander. Sie hatten die perfekte Beziehung miteinander.

"Komm näher, sonst kann ich sie nicht sehen." Nina versuchte ihm eine lose Wimper aus dem Auge zu entfernen. Sie saßen auf dem Ausziehsofa "Uwe" und sahen fern.
"Da ist nichts. Ich mach jetzt Wellnesstee."
"Ich fühl doch das da was ist. Schau nochmal."
"Ich will aber jetzt Tee. Vanille- Hibiskus oder Aloe Vera?" Plötzlich fiel es ihm wieder ein, warum er mit ihr keine Beziehung wollte. Sie war viel zu selbstsüchtig. Diese Frau konnte mit unendlicher Geduld alles für einen tun, mit einem glückseligen Lächeln auf den vollen Lippen, vorrausgesetzt sie hatte Lust dazu. Doch von einem Moment zum Nächsten drehte sie sich um und ging in die Küche um Tee zu kochen. Die Wimper stach ihn immer noch. Tino ging zum Spiegel, der über dem Sideboard hing und zog sein rechtes Augenlid hoch. Sofort begann sein Auge zu tränen.
"Ich kann Tee nicht leiden. Schon mal gehört was in so nem Teebeutel alles drin ist?"
Nina hörte ihn nicht. Vielleicht tat sie aber auch nur so. Als sie wieder ins Wohnzimmer kam, saß er schon wieder vor dem Fernseher. Er hielt ihr eine Fingerspitze hin, auf der die Wimper klebte.
"Fein hast du das gemacht. Jetzt darfst du dir was wünschen und sie wegpusten", sagte Nina und ärgerte sich über den Sarkasmus, der in ihrer Stimme mitschwang.
"Das wäre dein Job gewesen."
"Wer bin ich? Dein Altenpfleger?" Sie gab ihm ihr Glas Aloe Vera Tee und legte dann ihren Kopf auf seine Oberschenkel. Dann sahen sie fern. Er trank ihren Tee und kraulte ihren Nacken. Er liebte das was sie taten. Sie liebte was er tat.
"Besteht die Möglichkeit, dass er jetzt gerade auch an mich denkt, was meinst du?"
"Ich weiß es nicht, Nina. Ich bin doch nie dabei wenn du auf dem Stepper stehst." Tino stellte das Glas ab und legte eines der tausend pistazienfarbenen Sofakissen unter Ninas Kopf.
"Geh`doch einfach mal nach dem Training hin zu ihm und frag`ihn, ob er mit dir auf nen Kaffee..."
"Super Idee. Damit ich auch eine von den hohlen Fitnesstussis werde, die mit ihrem Trainer ins Bett steigen wollen. Das ist so typisch für dich."
"Was willst du eigentlich? Dass er dich zuerst fragt? Glaubst du das hat Mr Universum nötig?" Tino lachte los. Etwas zu laut für seinen Geschmack.
"Geh nach Hause. Ich rufe Susi an und frag die." Die Tatsache, dass ihr Kopf noch immer auf seinem Schoß lag, passte nicht zum Rest der Situation. Wenn sie sauer auf ihn war, verließ sie meistens das Zimmer. Oder die Wohnung. Sie weinte.
"Tut mir leid, Babe. War nicht so gemeint."
Er strich ihr vorsichtig die Haare aus dem Gesicht. Aber Nina weinte weiter. Tino fühlte sich immer hilflos wenn er sie zum Weinen gebracht hatte.
"Hey, laß uns was trinken gehen, ok?" Er hätte sie auch in den
Arm nehmen können. Aber das wollte er heute nicht.
"Ich will in mein Bett. Komm mit."
Also, gingen sie ins Bett. Tino legte sich neben sie und streichelte ihr den Rücken. "Komm näher." hörte er Nina sagen. Er wußte, dass sie nicht mit ihm schlafen wollte. Es ging ihr nicht mehr um irgendwelche Spielchen oder einfach bißchen Spaß haben. Er hatte Angst, dass es ihm auch nicht mehr darum ging. Er hatte Angst, dass sie sich gegenseitig weh tun würden. "Komm näher..."

Kommentare

Lisa_22_09_1992@gmx.de schrieb am 2006-12-29 20:51:47:
Gibt es eine Fortsetzung? Das währe ienfach super, dennich würde gerne wissen wie es mit den beiden weiter
geht.
Mythoswolf schrieb:
In die Geschichte kann ich mich sehr gut reinversetzten, weil ich dasselbe auch schon erlebt habe. Sie ist aber auch sehr gut geschrieben, gefällt mir sehr ;)
red.owl@gmx.de schrieb:
Sehr, sehr schön. Diese Geschichte hätte fast meine Präferenzliste komplett durchgewirbelt, aber deine Erste bleibt auch für mich die Beste. Ergo 1. Weiße Schokolade, 2. Komm näher!!! Sehr, sehr schön meine Süße, aber ich habe auch nichts anderes erwartet.
Stellt sich doch jetzt nur die Frage: Gibt es verschiedene Definitionen von Freundschaft? Läuft eine Mann-Frau-Freundschaft anders ab, als eine Mann-Mann- oder Frau-Frau-Freundschaft? Kann man ein gleiches Ziel (Freundschaft) auf verschiedenen Wegen erreichen, oder entwickelt man bei einer Mann-Frau-Freundschaft automatisch eine platonische Beziehung. Vielleicht entwickelt sich ja unabhängig vom Geschlecht immer eine platonische Beziehung? Freundschaft = platonische Beziehung???

Egal! Lass uns eine Beziehung führen! ;)

Dicke Umarmung
Mia

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