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Kratzer auf der Seele

von Matthias Waldner

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Kratzer auf der Seele
Es war am Sonntagabend kurz vor 22.00 Uhr. Martin Rohrbach hatte sich soeben bettfertig gemacht. Nun öffnete er das Dachfenster seines Zimmers. Draußen war es dunkel geworden, und am annährend wolkenlosen Himmel waren bereits erste Sterne zu sehen. Ein leichter lauer Wind fuhr Martin über die Stirn. Tief atmete er die würzige Frühlingsluft ein. Dann bemerkte er, dass er von Stechmücken umschwärmt wurde. „Ihr elenden Biester! Könnt ihr einen denn nie in Ruhe lassen?“ brummte er vor sich hin während er das Fenster wieder schloss. Auf dem Regal über seinem Bett war ein Radio. Er schaltete es ein, um die Nachrichten zu hören. Diese enthielten keine wichtigen Neuigkeiten. Doch dann war er plötzlich ganz Ohr. Die Sprecherin sagte: „Und nun die Wetterausichten für morgen, Montag, den 9. Mai. Ein Hoch dehnt schneller als erwartet von Frankreich her seinen Einfluss auf Deutschland aus. Gleichzeitig strömt von Südwesten her warme Luft ein. Die Vorhersage bis Morgen Abend: Die letzten Wolken lösen sich vollends rasch auf, und der Himmel wird sternenklar. Am Tag dann viel Sonnenschein mit nur wenigen harmlosen Wolken. Die nächtlichen Tiefstwerte liegen bei 12°, und die Tageshöchsttemperaturen erreichen in den Niederungen 26 bis 28°. In den höheren Lagen sind es immerhin noch um 23°. Der Wind weht nur schwach aus südwestlichen Richtungen.“
Martin schaltete erfreut das Radio ab. Nach etlichen grauen und kühlen Tagen wurde es nun endlich sonnig und warm. Dass gerade keine Ferien waren, trübte dabei seine Freude nicht im Mindesten. Der Weg zur Schule und zurück war schließlich bei schönem Wetter viel angenehmer als bei Regen und Kälte. Und bei Sonnenschein fiel ihm das Lernen auch gleich nochmals leichter als wenn es draußen trüb war. Ja, im Gegensatz zu den weitaus Meisten seiner Klassenkameraden ging er sogar insgesamt gesehen gerne zur Schule. Wobei dies noch lange nicht das Einzige war, worin er sich von seinen Mitschülern unterschied. Aber die Gedanken daran waren ihm unangenehm. Und darum schob er sie schnell wieder zur Seite. Er ging nochmals zur Toilette. Dann legte er sich in sein Bett. Schon wollte er das Licht löschen, als ihm wieder einfiel, dass er am nächsten Tag erst eine Schulstunde später kommen musste. Herr Steinmüller, der Musiklehrer, war auf einer Fortbildung und bescherte ihm auf diese Weise eine Dreiviertelstunde mehr Schlaf. Martin stellte darum den Radiowecker auf 7.00 Uhr. Nun knipste er die Lampe aus. Wenig später war er bereits eingeschlafen.
Am nächsten Morgen wurde er durch die sanfte Musik seines Radioweckers geweckt. Nachdem er aufgestanden war, ging er ins Badezimmer. Hier steuerte er erst einmal die Duschkabine an. Zuerst ließ er warmes Wasser über seinen Körper rinnen. Aber nach einer Weile drehte er die Mischbatterie in die Richtung des blauen Symbols bis die Temperatur allenfalls noch lauwarm war. Nun seifte er sich mit seinem Duschgel von oben bis unten ein. Dabei ließ er auch seine Haare nicht aus. Nachdem er alles wieder abgespült hatte, stieg er aus der Kabine. Er trocknet sich gründlich ab und schlang im Anschluss daran das Duschhandtuch wie einen Lendenschurz um seine Hüften. Danach föhnte er seine braunen leicht gelockten Haare. Gleichzeitig brachte er sie mit einer Bürste in die richtige Lage. Dabei beobachtete er sein Spiegelbild und war von dem, was er da sah, eigentlich ganz angetan. Vor wenigen Tagen war er 15 Jahre alt geworden, und aus seinem Gesicht verschwand allmählich das Jungenhafte. Dieser Eindruck wurde auch dadurch noch verstärkt, dass seine Barthaare stark zu wachsen begannen. Und alle zwei bis drei Tage musste er sich daher bereits rasieren. Ja er war er mit sich und seinem Aussehen ganz zufrieden, obwohl er in letzter Zeit häufig ein wenig blass war und auch etwas Gewicht verloren hatte. Aber nach den Erfahrungen, die er in den vorangegangenen Monaten in der Schule gemacht hatte, wunderte ihn dies auch nicht weiter.
Nun ging Martin in sein sonnendurchflutetes Zimmer zurück, um sich seine Kleidung zusammenzusuchen. Er beschloss, keine Strümpfe und kein Unterhemd anzuziehen. Ansonsten fiel seine Wahl auf ein buntes Kurzarmhemd und eine hellblaue Sommerhose. Als er fertig angekleidet war, ging er mit seiner Schultasche ins Erdgeschoss hinab. In der Küche war der Frühstückstisch bereits gedeckt. Dies lag daran, dass seine Eltern vor ihm gefrühstückt und das Haus schon verlassen hatten, um zur Arbeit zu gehen. Martin schmierte sich eine Brotscheibe mit Butter und Marmelade. Außerdem goss er Milch in seine Tasse.
Die ersten Bissen und Schlucke konnte er problemlos zu sich nehmen. Doch beim letzten Viertel des Brotes war seine Kehle plötzlich wie zugeschnürt. Dies war in den letzten Tagen beim Frühstück schon einige Male so gewesen. Martin zwang sich, den Rest des Brotes zu essen. Und auch seine Milch trank er aus. Danach ging er nochmals hoch in sein Badezimmer, um sich die Zähne zu putzen. Als er damit fertig war, war es kurz vor 8.00 Uhr. Die Realschule lag eine knappe halbe Stunde Fußmarsch entfernt. Und darum war es für ihn nun allmählich Zeit, aufzubrechen. Unten an der Wohnungstür schlüpfte er in seine Sandalen . Nun wollte er mit der Schultasche unter dem Arm das Haus verlassen. Aber plötzlich hatte er den Eindruck, sein Magen würde im nächsten Moment explodieren. Gleichzeitig spürte er ein aufsteigendes Brennen, und er begann zu würgen. Schnell rannte er zur Toilette, wo er sich übergab. Danach ging es ihm fürs Erste wieder besser. Und nachdem er sich den Mund nochmals gründlich ausgespült hatte, verließ er das Haus. Die Sonne schien schon warm, ohne aber zu stechen. Zuerst ging er eine kleine Straße entlang. Zu seiner Rechten war die Bahnlinie, und links von ihm befand sich eine Reihe von Gärten. Tief atmete Martin die frische Frühlingsluft ein. Zuerst ging er recht flott. Aber je näher er seiner Schule kam, desto schwerer fiel es ihm, überhaupt weiterzugehen. Und plötzlich merkte er, wie Angst in ihm hoch kroch. Er musste sich zusammenreißen, um nicht wieder umzukehren und nach Hause zu rennen. Schließlich erreichte er dann aber doch das Schulgelände. Vor dem Haupteingang standen vier seiner Schulkameraden. Als Martin vielleicht noch 10 Meter entfernt war, wurden sie auf ihn aufmerksam. „Ach, da kommt ja unser Depp der Nation“ rief Fabian. Die anderen lachten.
Als Martin sie fast erreicht hatte, sagte Stefan: „Nanu, was sehe ich?! Der ist ja barfuss. Dass du ein Weichei bist, habe ich schon immer gewusst, aber wie bescheuert muss einer sein, dass er so rumläuft?!“ Und Harald fügte hinzu: „Er kommt fast schon daher wie ein Mädchen. Es fehlt nur noch, dass er sich die Zehennägel lackiert. Wenn er das tut, ist die Sache vollends perfekt.“ Wieder erklang schallendes Gelächter.
Martin ging schnell weiter. Im noch leeren Klassenzimmer der 9a setzte er sich auf seinen Platz. Jedes Wort seiner Mitschüler war für ihn wie ein Keulenschlag gewesen. So ging das nun schon fast das ganze Schuljahr.

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