Kriegsnacht
von
Tony Drake
Ohne nachzudenken griff er nach der Axt, die neben der Tür, durch die er
soeben den Schuppen betreten hatte, an der Wand lehnte. Sie lag schwer in
seiner Hand und erweckte in ihm ein Gefühl relativer Sicherheit. Das kalte
Holz des Griffes erwärmte sich unter seinen Händen langsam und er spürte,
wie die Axt zur Verlängerung seines Armes wurde. Schwer atment lehnte er an
der Schuppenwand, starrte ins Dunkel und wartete. Sie würden wiederkommen.
Er wusste es und er würde auf sie warten. In seinem Magen bildete sich ein
Knoten, seine Kehle war zugeschnürt, er leckte sich immer wieder nervös über
die aufgesprungenen Lippen und er musste viel Selbstbeherrschung aufwenden,
um sich nicht einfach in einer Ecke des Schuppens zusammenzurollen und auf
das Ende zu warten. Aber das durfte er nicht. Er hatte eine Aufgabe. In
seinem Kopf hämmerte es, er dachte, die Stirn müsse ihm zerspringen. Ein
Gedanke jagte den anderen, ohne Ende, ohne Anfang. Ihm wurde schwindelig,
die Schwärze vor ihm begann sich zu drehen, seine Knie wollten einknicken.
"Kümmere dich um deine Mutter und deine Schwester! Beschütze sie! Du bist
jetzt der Mann im Haus! Beschütze sie, beschütze sie...!" Zum hundertsten
mal hörte er die Stimme seines Vaters. Sie dröhnte in seinem Kopf, wie die
Brandung an den Klippen, jedes Wort eine riesige Woge, die ihre Kraft mit
den Felsen messen wollte und unweigerlich daran zerbrach.
Ein näherkommendes Geräusch lichtete die Nebel um seinen Kopf. Hufe auf
Stein. Sie kamen! Mit fiebrigen Augen starrte er durch den Türspalt neben
sich. Zwei, drei, vier tanzende Lichtpunkte näherten sich dem dunkel da
liegenden Dorf. Die Nacht verlieh der Szene etwas friedliches. Die niedrigen
Hütten, die sich gleichermaßen aneinander wie an den Deich schmiegten,
schienen zu schlafen, bewacht von der großen Birke auf dem Dorfplatz. Erst
das Fackellicht der sich nähernden Reiter beleuchtete hier und dort die
schreckliche Wirklichkeit und strafte die Nacht lügen.
Er schob langsam die Tür des Schuppens weiter auf und versuchte das Zittern
zu unterdrücken, das sich seines Körpers bemächtigen wollte. Er musste auf
den richtigen Augenblick warten. Sie kamen näher, gleich, gleich waren sie
nah genug. Wieder schnürte ihm die Angst die Kehle zu, doch plötzlich sah er
vor sich seine Mutter und seine Schwester, erschlagen, tot auf der Erde
liegend, die Augen weit aufgerissen, einander nochimmer umklammernt. Die
Angst wurde zu Wut und der Knoten der seine Kehle zugeschnürt hatte zu einem
heiseren Schrei. Der Augenblick war da! Er rannte los, spürte kaum den
kalten Schlamm der Straße an seinen nackten Füßen. Er sah nur den ersten
Reiter, der überrascht sein Pferd zügelte und die Fackel hob, um zu sehen
wer diesen wütenden, schmerzvollen, kaum menschlichen Schrei austieß. Was er
erblickte ließ ihn erstarren. Der Junge war über und über mit Dreck bedeckt
und hatte nur wenige Stofffetzen am Leib. Seine Blick war fiebrig, fast
wahnsinnig, seine Gesichtszüge verzehrt, soweit sie unter der Erde zu
erkennen waren. Mit beiden Armen hielt er eine angerostete Axt hoch erhoben.
Der Reiter hatte keine Zeit mehr aus seiner Erstarrung zu erwachen. Mit all
der Kraft, die er aufbringen konnte ließ er die Axt niederfahren auf den
verdutzten Reiter. Sie senkte sich genau zwischen Hals und rechter Schulter
in dessen Leib. Ein Würgen entstieg der Kehle des Sterbenden und während es
langsam aus dem Sattel sank, starrte der Junge auf seine Hände auf denen
sich nun Blut und Dreck zu einer klebrigen Schicht vermischten. Er spürte
wieder das Pochen in seinen Schläfen, alles drehte sich um ihn, der Boden
schwankte. Ein plötzlicher stechender Schmerz in seinem Rücken vertrieb noch
einmal die Schleier vor seinen Gedanken, seine Beine hielten sein Gewicht
nicht mehr und er konnte seine Arme nicht mehr spüren, er musste würgen und
Blut lief aus seinem Mundwinkel. Etwas zog in seinem Rücken, ein Ruck und
die Erde schien immer näher zu kommen. Noch bevor er aufprallte wurde ihm
schwarz vor Augen und den Schlamm der Straße spürte er schon nicht mehr.
Die Reiter hoben ihre toten Kameraden auf sein Pferd und ritten vondannen
ohne sich einmal nach dem Jungen umzusehen. Er war nur noch eine weitere
Leiche auf einer mit Leichen bedeckten Straße durch ein ausgerottetes Dorf.
Kommentare
Denise Rüegg schrieb am 2008-03-22 17:10:06:
Du hast einen genialen Schreibstil!
Mach weiter so!
Lg Denise
Jackson schrieb am 2007-03-22 22:33:33:
Echt traurig. Dein Stil ist etwas Spannendes mit einem Schuss Tiefgründigkeit.
Schreib mehr!
fitifitsch schrieb am 2007-03-07 17:13:56:
echt cool die gefällt mir i mag spannende geschichten^^
Elrond schrieb am 2006-09-28 14:45:58:
sehr interessant geschrieben...mit verlaub, der stil erinnert mich an meinen eigenen....nur angelehnt natürlich, doch ich kann diesen text somit deine arbeit nur loben...
auf ein weiteres!
ch.knogler@aon.at schrieb:
Gute Geschichte! Sogar sehr gut! Ich hab jetzt alle deine Geschichten gelesen - schreib doch mal ein Buch- und sie berührten mich sehr.
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