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Kategorien > Misshandlung > Kindheit

Kriegszustand

von Schattenschalk

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Vorwort: Geehrte Leser,

Sollten sie ein sensibles Gemüt haben. lesen sie bitte nicht weiter.
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Kriegszustand

Meine Fantasie rettete mich so manches mal davor, den Verstand zu verlieren. Alles war besser als die Realität. Wirklich alles. In meinen Gedanken hatte ich eine Welt geschaffen, für all jene Monster, die unverstanden waren. Eine, außerhalb der Phase existierenden Welt, die Platz für alle bot, die ungerechteweise wie Dreck behandelt wurden. Manchmal unterhielt ich mich mit ihnen. Sie gaben zwar nie Antwort. Aber ich war mir sicher, dass sie sehr genau zuhörten. Es waren die Monster aus Geschichten und Filmen, die bei mir ein Zuhause fanden. Wir hatten eine Abmachung. Ich hielt sie geheim und sie beschützten mich vor den wahren Monstern. Die Monster, die nicht deinen Körper, sondern deine Hoffnungen fressen. Menschliche Monster, denen man auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist. Selbstverständlich gab es diese Monster nicht wirklich. Aber wenn ein Kind sich schon imaginäre Beschützer sucht, dann doch wohl die stärksten. Ich las gerade ein Buch, dass ich meiner Mutter stibitzt hatte. Es trug den Titel: Die Psyche des Menschen, im Wandel der Evolution. Mutter hatte es geschenkt bekommen, als Onkel Hans zu Weihnachten kam. Ein seltenes Ereignis. Sie hatte sich überschwenglich bedankt und es dann in die Ecke geworfen. Sie war dann doch eher der Konsalik-Leser. Anfangs las es sich recht schwerfällig und ich wollte schon aufgeben. Doch dann, mit jedem Wort das ich neu begriff, wurde es immer leichter zu verstehen. Ich verstand immer mehr zusammenhänge. In dieser Nacht verstand ich, warum Frauen häufiger Vegetarisch essen, als Männer. Umso mehr ich las, desto mehr wollte ich wissen. Es faszinierte mich. Leider konnte ich nur mit meinem Großvater über solche Themen sprechen. Aber er wohnte knapp 200 Kilometer weit weg. Die Gespräche meiner Familie beschränkten sich auf den Bierpreis, Dallas, die Schlechtigkeit des Menschen und die Farbe der Wohnzimmerdecke. Bei einem Intelligenztest schnitt ich außergewöhnlich gut ab. Dennoch waren meine Noten katastrophal. Warum das so war, erfahren sie in den nächsten Minuten. Ich legte das Buch kurz zur Seite und betete, dass es ruhig bleiben würde. Mein älterer Bruder war nicht da und wenn Mutter und ihr Freund wieder Streit anfingen, musste ich mich der Situation ganz alleine stellen. Davor graute es mir. Vater war, zu diesem Zeitpunkt, seit 3 Jahren tot. Damals war ich 11 Jahre alt, als die Polizisten die Nachricht überbrachten. Seit dem hatte Mutter ständig ihre Freunde gewechselt. Alle stammten aus der selben kneipe, in der sie die Männer abschleppte. Der Neue, Joseph Schreiner, war nun seit etwa einem halben Jahr bei uns. Eine Art Hass-Liebe hatte sich zwischen ihm und Mutter entwickelt. Beide waren dermaßen egozentrisch, dass sie nur nehmen konnten. und wenn sie doch mal gaben, hatte das immer selbstsüchtige Gründe. Mutter dachte nur noch an ihr Vergnügen und an ihre legalen Drogen. Sie trank manchmal zwei Flaschen Wein am Abend. Ihr Freund bevorzugte härtere Getränke, die ihn immer aggressiv machten. Ich zog die Decke bis an meinen Hals. Es war bitter kalt. Die nackte Glühbirne brachte den Rauhreif an den Zimmerwänden zum glitzern. Durch die einfach verglasten fenster zog die Kälte, kroch unter die dünne Decke und stach mir in die Glieder. Direkt über mir grinste Alice Cooper auf mich herunter. Das Poster hatte schon Risse. Der Kleiderschrank war, wie fast alles aus dem Zimmer, vom Sperrmüll herbeigeschafft. Ich stellte mir vor, wie sich die Kleiderschranktüre quietschend öffnen und einen Weg offenbaren. Einen Weg in ein Zauberland, in dem ich mich satt essen kann, saubere Kleidung habe, eine gut riechende Frau auf mich wartet, die mich lächelnd empfängt. Dort würde ich dann bleiben. Und ich würde nie wieder etwas von der realen Welt hören, die mich durchkauen und ausspucken möchte, damit ich verdreht und verwirrt im Schmutz liege. Ich sah zum Fenster. Ich dachte daran, wie es wäre das Fenster zu öffnen und dort den Weg ins Zauberland zu finden. Ich müsste nur springen. Den Rest würde die Schwerkraft erledigen. Ich hatte schon oft hinausgesehen, nach unten gestarrt. Und umso länger ich gestarrt hatte, desto weniger gefährlich erschien es mir. Ich konnte sogar die Ritzen zwischen dem Bordsteinpflaster erkennen. Ich stellte es mir ganz einfach vor. Auf die Fensterbank klettern, die Augen schließen und einfach loslassen. Es würde sich wie in der Achterbahn anfühlen. Dann würde ich die Augen aufmachen und in diese liebevollen Augen blicken. Ein Engel würde mich empfangen. Doch dann dachte ich an meinen Bruder. Ohne mich wäre er dem ganzen allein ausgeliefert. Das konnte ich ihm nicht antun. Erst wenn sicher war, dass er weggehen konnte, würde ich ins Zauberland gehen. Es war jetzt Mitternacht. Hoffnungsvoll löschte ich das Licht und legte mich mit dem Gesicht zur Wand. Wenn ich mich ganz stark konzentrierte, konnte ich einen Film abrufen und ihn an die Wand projezieren. Ein Gedankenfilm, den ich sich selbst entwickeln lasse. Meistens waren es lustige Filmchen. Es war so still. Eigentlich viel zu still. Normalerweise lief jetzt Mutters Fernsehgerät und jemand würde etwas kriminaltechnisch wichtiges plärren. Ein ungutes Gefühl machte sich in meinem Magen breit. Ich versuchte mich zu beruhigen. Vielleicht machte Mutter wieder etwas nicht jugendfreies, mit Joseph. Eigentlich hasste sie Männer. Ich erinnerte mich en ein Gespräch, dass ich mal mit ihr hatte. Wir gingen durch die Fußgängerzone und Frau Stiefel, die sie vom Karnevalsverein her kannte, unterhielt sich mit ihr. Wie immer stand ich daneben und musterte die Schaufenster. Das Gespräch fiel auf einen Zeitungsbericht, wo eine Irre Frau einen wildfremden Mann, in einem Fahrstuhl, umgebracht hatte. Ich schüttelte traurig den Kopf, als meine Mutter darüber lachte und von ausgleichender Gerechtigkeit sprach. Ungefragt mischte ich mich ins Gespräch ein und fragte wie sie so etwas nur gutheißen kann. Der arme Kerl hatte vielleicht eine liebende frau und Kinder, die ihn nun vermissten. Ich wurde richtig wütend. Wie kann man sich nur über den tod eines Menschen freuen, fragte ich. Darauf konnte meine Mutter nichts erwidern. Sie warf mir einen giftigen Blick zu und verabschiedete sich von Frau Stiefel, die sich herzlich von mir verabschiedete. Sie mochte mich und ich mochte sie. Das gefiel meiner Mutter ganz und gar nicht. Zur Strafe kaufte sie mir zu kleine Schuhe, die furchtbar schmerzten. Ich ertrug es.

Ein Klirren. ich schrak hoch und knipste das Licht an. Das klang wie eine Flasche. Sofort begann sich ein altbekanntes Programm einzuschalten. Vorbereitung auf den Kriegszustand. Ich sprang aus dem Bett, zog die Jeans an, stülpte mir das dünne Sweatshirt über den Kopf und schlüpfte in die offenen Turnschuhe. Es waren nur wenige Schritte, bis zu Mutters Schlafzimmer.

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Kommentare

Schattenschalk / Raziel schrieb am 2008-11-18 00:53:13:
@Petra
Ich weiß gar nicht, wo ich jetzt ohne dich wäre. Wahrscheinlich würde ich immer noch auf demselben Levell herumkrebsen und keine Entwicklung sehen. Mut ist ein wenig wie ein alter Motor. Es kommt nur dann wirklich in Schwung, wenn man die Kurbel anwirft. Dank dir hatte ich zwei Hände mehr, die diese Kurbel stärker drehen konnten.
Ich danke dir, meine Liebe.
petra schrieb am 2008-11-17 21:46:15:
Ich schließe mich 100%% Bine an.
Meine Wut und mein Hass auf diese menschlichen Ungeheuer sind grenzenlos.
Ich kenne Dich gut und Du bist mir sehr nahe und ich weiß wovon ich spreche wenn ich Dir sage,dass ich die höchste Bewunderung für Deinen Mut empfinde Dies zu veröffentlichen.
Ich hoffe sehr,dass Du anderen Betroffenen damit helfen kannst sich zu outen und mit Ihrem Schicksal fertig zu werden.
das Sie erkennen,dass Sie Opfer sind und Sie sich nicht selbst bezichtigen an Ihrem Leid die Schuldigen zu sein.

Ich bin sehr stolz auf Dich
Petra
Schattenschalk / Raziel schrieb am 2008-11-05 12:20:54:
@Bine
Leider findet so etwas immer noch tagtäglich statt. die Zeichen sind da. Aber die meisten übersehen sie wissentlich. Bei mir war es ähnlich. Selbstverständlich zeigte ich als Kind ein merkwürdiges Verhalten. Zurückgezogen, verängstigt, unfähig freundschaftliche Bindungen einzugehen. Als Reaktion darauf, wurde ich auf eine Sonderschule verfrachtet und einer Zukunft beraubt, die ich hätte haben können.

Danke für deinen Kommentar
Bine schrieb am 2008-11-03 10:47:28:
Wow, ich bin mir nicht sicher, ob es je eine Geschichte vor deiner geschafft hat, so überwältigende Reaktionen in mir hervor zu rufen.
Ich empfand (und empfinde noch immer) beim lesen deiner Geschichte eine so unbeschreibliche Wut und eine solche Truaer das es mit Worten nicht zu beschreiben ist. Ich bin mir nicht sicher wann ich das letzte Mal bei einer Geschichte geweint habe, aber jetzt tue ich es... Es tut mir aus tiefstem Herzen leid, dass dir (und wohl auch vielen anderen Menschen) so etwas passieren musste!
Liebe Grüße

Bine

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