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Kategorien > Surrealismus > Skuriles

Kurvendiskussion

von Alex

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Kurvendiskussion


„Na Bernd, was schreibst du denn gerade?“
„Ja, es ist etwas kompliziert. Ich verarbeite sozusagen meinen letzten Zeitarbeitsjob.“
„Ach, der, wo du dich mit der Firma so ums Geld gestritten hast?“
„Ja genau! Der Job in der Verpackungsfirma. Es war ja gerade nicht die Verpackungsfirma, sondern die Zeitarbeitsfirma, die den Ärger gemacht hat.“
„Ok, und was ist das Komplizierte?“
„Hmm, also ich will mich sozusagen an dieser Firma rächen. Ich will sagen, wie mies diese Firma ist, ich will sogar den Namen nennen. Nur, ich kann nicht einfach so einen Text schreiben, der ungefähr so geht: „Die Tuka-Zeitarbeit GmbH ist eine miese Firma“. Das wäre doch viel zu heikel, wenn das mal auffällt, wegen Verleumdung und so. Stattdessen lasse ich einen Charakter in meiner Geschichte diesen Satz sagen. Dann fällt´s unter künstlerischer Freiheit.“
„Aha, naja, das ist doch einfach nachvollziehbar?“
„Äh, ich wollte ja auch nicht einfach nur meine Message an den Mann oder die Frau bringen, sondern auch eine Geschichte erzählen, deswegen hab ich mir gedacht, dass ich eine Geschichte schreibe über einen Autor der eine Geschichte schreibt. Also, eine Story in der Story, alles klar?“
„Aah, ja, das gefällt mir. Und dieser Autor schreibt also eine Geschichte über jemanden, der mit deiner Zeitarbeitsfirma zu tun hat?“
„Genau, Chris! Gleichzeitig soll der Leser aber auch etwas über den Autor in meiner Geschichte erfahren. Oh, Moment, das Handy klingelt……Hallo? Ja, hallo Tammy. Klar, um was geht es denn? Kurvendiskussion? Schreib mal auf, Chris: F(x)=(2 mal x hoch4) - (3 mal x hoch 3) + (x Quadrat) - 12 Ja, also der erste Schritt denn du machen musst ist Polynomendivision. Hattet ihr das schon? Ok, also such zuerst mal eine leichte Zahl, die auf jeden Fall 0 ergibt, meistens ist das 1 oder 2 oder -1 oder -2. Moment….1 geht nicht, 2 …32 minus 24, ja doch, kommt hin. Ok, dann ist 2 schon mal ein Schnittpunkt mit der x-Achse. Dann teilst du die Funktion durch (x-2) und dann weiter wie normal, ok? Ja, ruf mich an, wenn´s doch nicht klappt, kein Problem! Tschö!“
„Deine Schwester?“
„Ja richtig, brauchte Hilfe bei Hausaufgaben. Meine Eltern können da nicht mehr helfen, ich war ja der einzige auf dem Gymnasium.“
„Sehr schön. Aber ich muss zugeben, ich bin neugierig auf die Geschichte. Les doch mal was vor.“
„Hehe, wenn du willst? Mach es dir auf dem Bett gemütlich.“
„Ah, es scheint gerade die Sonne genau herein, ich mach mal den Vorhang zu.“
„Einer der Vorteile, im ersten Stock zu wohnen, gerade jetzt im Winter, wo die Sonne eh so tief steht. Aber gut, ich fang an:

Stolz ließ sich Daniel in den Stuhl zurückfallen. Eine weitere Schlacht um Worte war erfolgreich ausgetragen. Er hatte nicht einfach nur gesiegt, nein, er hatte zurückgeschlagen. Aus der Defensive heraus war er in die Offensive gesprungen. Zufrieden drehte er seinen Kopf zum Bett hin und lächelte seine Muse an. „Eva, es ist fertig!“

„Ich bin in der Geschichte eine Frau?!“
„Naja, es ist nicht so einfach…“
„Ach, ich glaube du übertreibst. Die Leser können schon mit einem schwulen Paar fertig werden.“
„Vielleicht….vielleicht… aber ich kann dich vielleicht etwas trösten. Ich habe nämlich nicht geschrieben, dass die beiden wirklich zusammen sind. Für mich ist das mehr so eine platonische Geschichte. Also der Daniel hier verehrt Eva, aber er begehrt sie nicht. Verstehst du? So wie ich zum Beispiel Björk verehre, ganz einfach für ihre Art.“
„Naja gut, ich glaube dennoch dass du zu vorsichtig bist, aber erzähl weiter.“
„Ok:

Eva sprang neugierig vom Bett auf und beugte sich herab zur Schreibmaschine. „Wendepunkte. Was für ein seltsamer Titel für eine Geschichte. Worum geht es denn da?“ Daniel zog das Papier aus der Rolle und antwortete: „Es geht, ganz einfach gesagt, um Rache. Der Hauptcharakter hier, Fland, wird von seiner Firma um Geld betrogen. Für die Firma sind es Peanuts, für ihn jedoch ist es das, was ihn am Leben erhält. Nun, im Grunde verzweifelt er an der Hinhaltetaktik seiner Firma, an den bürokratischen und kapitalistischen Fesseln, bis er sich entschließt, Rache zu üben. Und zwar in dem er, mit vollem Schuldbewusstsein, ganz bei Verstand, die Verantwortlichen seiner Firma umbringt.“
Eva schreckte impulsartig zurück. Doch sofort danach reckte sie erneut fasziniert den Kopf hervor. „Ich verstehe was du bezweckst, eine Befreiung von den schweigend geduldeten Regeln unserer Gesellschaft.“
„Ja, genau! Und wie du das ausdrückst!“ Daniel klatschte in die Hände. „Du solltest auch mal versuchen etwas zu schreiben. Ich bin sicher, es wäre hinreißend.“ Eva hielt lächelnd ihre Handflächen vor den Körper und meinte: „Ach danke, aber, ich weiß nicht, ich könnte mir nicht so viele Gedanken machen. Was ich sage, sage halt einfach so. Was ich fühle.“ „Genau so, was du fühlst. Versuch doch mal ein Gedicht zu schreiben.“ riet Daniel ihr, doch Eva legte sich erneut auf das Bett und meinte: „Weißt du, ich bin im Moment ganz zufrieden, wenn ich dir hier zuhören kann. Lies mir doch die Geschichte vor.“
Daniel antwortete: „Ok, einen Moment.“, worauf er aufstand und das Zimmerlicht anschaltete. Es war inzwischen ziemlich dunkel geworden und da Daniel sich nur ein Zimmer im Erdgeschoss leisten konnte, waren die Schatten größerer Häuser das Einzige, was durch das Fenster fiel.

„Und was denkst du bis jetzt?“
„Hehe, naja, noch ist nicht viel passiert. Aber ich denke, dass sich die wahre Handlung eh in dieser Wendepunkt-Geschichte abspielt.“
„Ja, richtig. Der Teil hier ist mehr so die Brücke. Ok, weiter geht’s:

Daniel nahm die erste Seite vom Stapel des Manuskripts und begann:

„Dunkelheit machte Flands Leben aus. Die Dunkelheit um ihn herum, die Dunkelheit in ihm selbst. Im Flackerlicht zweier schwacher Kerzen betrachtete er die Dokumente auf dem Tisch. Sein letztes Gehalt, ein Bruchteil von dem, was er erhoffte. Seine offenen Rechnungen, ein Vielfaches von Befürchteten. Sein Kontostand, der sich auf dem Tiefpunkt befand. Er fühlte, wie die Fesseln sich um seinen Hals, die Arme und die Beine legten. Ja, ja, das Geld machte einen frei, das Geld schnürte einen ein. Wo war der Punkt, an dem man nicht mehr das Geld besaß, sondern stattdessen vom Geld besessen wurde?“

„Das ist doch Thoreau?“ staunte Eva. Daniel nickte und meinte: „Ja, ich hab in dem Seminar tatsächlich zugehört, hehe:

Fland schaute zum tausendsten Mal auf die Abrechnung. Ganz klar. Es fehlten 300 €. 300 €, die er durch Überstunden hätte verdienen sollen, die ihm jedoch nicht bezahlt wurden. Was tun? Wenn er Widerspruch einlegen würde, würde kein einziger Euro auf sein Konto kommen. Würde er still halten, hätte er die übrigen 400 € bis zur nächsten Woche, nur um danach erneut vollkommen mittellos zu sein. Was er auch tat, er konnte nur verlieren. Das war das Risiko, ständig an der Kante des sozialen Netzes zu leben. Ein falscher Schritt und der Sturz ins Bodenlose war besiegelt. Dabei hatte er sich doch schon bis zum Masochistischen gequält.

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Kommentare

HenrY schrieb am 2009-09-07 10:57:17:
Genial *__* =)
Köstlich :P
Perfekt :D

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