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Kategorien > Denken des Menschen > Selbstzweifel

Kurze Geschichte von Innerer Stärke

von Derdawohlwerist?

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Wie er so da lag und die Pepperoni, mit den Zähnen, aus seinem Sandwich zog, schien ihm klar zu werden dass nicht sein neues Konzept, für das nächste Buch, unausgereift war, sondern er selbst. Er war nicht der Typ für Selbstmitleid und so fühlte es sich auch nicht für ihn an. Ganz im Gegenteil. Wenn man es nur distanziert genug betrachtet, so sagte er sich immer, kann man in jedem bisschen Zweifel oder Kummer, oder all den anderen extremen Gefühlen denen es immer wieder gelingt Individuen von innen heraus dahinzuraffen, etwas finden dass einen weiter bringt. „finden“ ist das falsche Wort denn „erkennen“ trifft wohl eher die Tonart in der Er dachte.
An diesem Abend baten ihm weder die Selbstzweifel noch die, durch Distanz gewonnene, Erkenntnis, dass der Mangel nicht an seiner Idee für das neue Buch sondern an seinen Fähigkeiten diese Umzusetzen zu suchen war, einen hinreichend Bedeutungsvollen Stoff um daraus eine Kurzgeschichte zu Formen.
Jemand hatte ihm mal zu erklären versucht dass Kurzgeschichten für Autoren eine Art Abstraktes Selbstheilmittel seien. Er empfand es nicht als sonderbare Weisheit dass Autoren ihre Kurzgeschichten schreiben um sich selbst vor der Couch zu bewahren, nicht zuletzt weil die meisten sich eine solche Behandlung nicht einmal annähernd leisten können. Allerdings beschäftigte ihn an dieser Erzählung wieder ein und dieselbe Sache, die ihn immer beschäftigt wenn er denn auf sie stößt. Die Macht des Kummers, oder allgemein gesprochen, des psychischen Leides, war es die ihn immer wieder vor Erfurcht in sich blicken ließ. In sich selbst war er dann auf der Suche nach Narben, Rissen, kleinen Einschnitten in seiner Vergangenheit oder irgendetwas das als Anzeichen gelten könne dass er ein solch starkes Gefühl bereits zu spüren bekam. Doch nichts. Nicht eine Träne befeuchtete ein Fleckchen des staubigen Kalenderpapiers, aus dem seine Vergangenheit war.
Er begann sich selbst in Frage zu stellen. Nicht direkt sich selbst aber seine Methoden. Seine Distanzierte Sichtweise auf die Dinge hatte ihm Immer Vorteile verschafft. Er war jederzeit Herr aller Situationen, die ihn umgaben, und hatte sich oft schon für oder gegen etwas oder jemanden entschieden, noch lange bevor ein Dilemma auch nur ansatzweise in der Lage war zu keimen. Deswegen wusste er auch nicht genau warum er sich in den letzten Monaten immer öfter mit diesem Phänomen konfrontiert fühlte obwohl jenes ihn nie selbst betraf.
Er wollte sich selbst nicht eingestehen dass es ihm ganz eindeutig an Kummer mangelte. Er hatte nie welchen gehabt, denn er konnte ihn immer vermeiden und schätzte sich jedes Mal glücklich darüber.
Diesmal funktionierte es nicht. Ganz und gar nicht. Er hatte erkannt was ihm fehlte doch das brachte ihn nicht weiter. Er schien in seinen eigenen Gedankenweben aus Assoziationen zu haften. So sehr er auch versuchte sich von diesem, scheinbar, selbst kreierten Problem zu lösen, er kam nicht los. Er versank förmlich in einem klebrig organischen Etwas, dass die Frage „Warum“ geschaffen hatte. Es ergab für ihn keinerlei Sinn dass die Summe aus allem, was er bisher als Positiv erachtete, sich plötzlich in dieser einen Sekunde als Stahlhartes Negativum auf sein Gemüt herablassen konnte um einen Druck aus zu üben den er am Vorabend nicht zu beschreiben gewagt hätte.
Schlussendlich brach er in Tränen aus. All dass was er im Geiste nicht verarbeiten konnte, was er auf psychischer Ebene nicht zu verarbeiten vermochte, entlud sich nun Physisch. Sein weißes Hemd zeigte sich ihm für einen Augenblick als transparent, während des bruchteiligen Augenblicks indem er den Spiegel mit blanker Faust zerschlug. Er ließ sich zu Boden sinken und spürte nicht dass er sich immer noch inmitten der Spiegelscherben befand.
All das traf ihn so unvorbereitet. Bis vor einer Minute schien er sich selbst zu lieben und Mitleid mit allen anderen zu haben. Nun steckte er in einem Sumpf aus Selbstmitleid, den er nicht erkennen konnte, aus Gründen die sich ihm nicht darboten. Zu allem Überfluss hielt ihn dieses Geistesgeflecht derart gefangen dass er sich kein stück Distanzieren konnte. Es muss sich für ihn angefühlt haben wie ein Psychischer Asthma Anfall, ein stures Versagen aller Kontrollelemente. Die daraus resultierende Panik hätte womöglich jeden anderen Menschen dieser Erde ebenso auf den Balkon getrieben. Der Focus auf den letzten Ausweg des Leidenden.
So stand er da. Die salzig schmeckende Transparenz erfüllte sein Hemd und im Winde des 12. Stockwerks spürte auch er dass er sich inmitten von Scherben lieber nicht hätte auf die Knie fallen lassen. Er ließ seinen Oberkörper über die Brüstung hängen, in der Gewissheit dass die Gesetze der Physik den Rest hinterher reißen würden. In erster Linie bezweckten eben diese Gesetze jedoch dass die Pepperoni sich einen unfreiwilligen Weg zurück in ihre Existenz und in seinen Mund bahnte. Wenn sein inneres Leid ihm nicht in den letzten Momenten die Tränen in die Augen getrieben hätte, so hätte dies nun sicherlich die Pepperoni erledigt.
Doch bevor die Physikalischen Grenzwerte erreicht waren die seine Füße vom Boden gelöst hätten, warf ihn ein säuerlicher Husten zurück auf den Balkon. Und bevor er in Versuchung kam, sich erneut in die Hände der Physik zu begeben, hatte er bereits den Stift umschlossen und schrieb.

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