Laterne im Schneesturm
von
Natascha Wahl
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Missmutig schabte Julie das festgefrorene Eis von ihrem Auto,
das sich über Nacht, wie eine feine Schicht, über den Rover
gezogen hatte. Während sie mit aller Kraft, die sie morgens um sieben Uhr aufbringen konnte, das Eis von der Windschutzscheibe kratzte, nahm sie sich vor, nach diesen misslungen Start in den Morgen, nicht über den weiteren Verlauf des Tages zu spekulieren.
Sie war nämlich nicht nur spät dran, sondern hatte auch äußerst schlecht geschlafen und die Vorstellung, gerade an ihrem ersten Arbeitstag zu spät zu kommen, gab ihr die Kraft bereits zehn
Minuten später fertig zu sein, um den Motor starten zu können.
Ein erleichterter Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass sie es schaffen würde… Lachend zog sie sich die Mütze vom Kopf, sie war ganz schön ins Schwitzen geraten bei dieser Hektik am Morgen und auf die Autoheizung konnte sie jetzt getrost verzichten.
Fünf herrlich geruhsame Wochen in Irland lagen hinter ihr.
Auf ihren langen Spaziergängen in den einsamen Buchten, in denen
nur das Gekreische der Seevögel und das Wellenrauschen ihre Ruhe unterbrachen, hatte sie endlich die Zeit gefunden, zu sich zu kommen, ihre Gedanken zu ordnen und sich für die vor ihr liegende Zeit zu wappnen.
Fünfzehn Minuten später betrat Julie den kleinen Coffey Shop,
in dem zu dieser Uhrzeit wie gewöhnlich hektische Betriebsamkeit herrschte. Nachdem sie sich den Schnee vom Mantel geklopft und
dabei einen missbilligenden Blick einer Frau geerntet hatte,
die hinter ihr stand, sah sie sich suchend im Cafe um.
Sie war mit ihrem Makler zum Frühstück verabredet, der ihre wochenlange Abwesenheit, so hoffte sie jedenfalls, dazu genutzt hatte, endlich das perfekte Gebäude für ihre neu erworbene Unabhängigkeit zu finden. Denn nachdem sie sechs Jahre lang in der Uniklinik gearbeitet hatte, wobei das Wort „gearbeitet“ noch untertrieben war, sich „zerrissen“ hatte, würde es eher treffen,
hatte sie kurz ein Blick auf ihr Sparkonto geworfen, ihre Kündigung eingereicht und war bereit gewesen, ihr altes Leben hinter sich zu lassen, um ein Neues zu beginnen.
Und am rechten Tisch neben dem Fenster, sah sie auch schon ein
Teil ihres Lebens sitzen, in der Hand einen Milchkaffee.
Als er sie erblickte, winkte er zur Begrüßung übertrieben mit
der linken Hand. Lächelnd ging sie auf ihn zu.
„Guten Morgen Benjamin! Schön Dich wieder zu sehen!“
„Sehr schön nach der langen Zeit Dich wieder zu sehen!“
erwiderte Benjamin, der sich inzwischen erhoben hatte und ihre
Hand zur Begrüßung länger, als nötig festhielt.
„Ich hoffe meine Freude Dich zu sehen, wird sich in der nächsten halben Stunde verdoppeln!“ sagte sie und öffnete die Knöpfe ihres Mantels.
„Wenn Du damit auf Deine zukünftige Arztpraxis anspielst…
dann werden die Immobilien, die ich in Deiner Abwesenheit ausgewählt habe, vollständig befriedigen!“ antwortete er und unterdrückte
dabei ein zweideutiges Grinsen. Julie, die damit beschäftigt war, ihren Mantel über den Stuhl zu hängen und vorgab, dies hochkonzentriert zu tun, murmelte darauf:
„Sehr schön!“ Und nahm unter Benjamins herausfordernden Blicken platz.
„Was darf`s sein?“ fragte die Bedienung, die plötzlich neben ihnen stand und gelangweilt auf sie herabblickte. Ohne einen Blick auf
die Karte zu werfen, antwortete sie:
„Ein Glas frischgepressten Orangensaft und Rührei mit Toast bitte!“
Kaugummikauend notierte das Mädchen die Bestellung und wandte
sich dann dem Nachbartisch zu. Lächelnd und mit einem Blick,
den Julie nicht deuten wollte, sah Benjamin sie an.
„Die Auszeit hat Dir anscheinend gut getan! Du siehst ganz bezaubernd aus heute Morgen, weißt Du das?“ fragte er und hob
seine Hand, um ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht zu streichen.
Den Impuls unterdrückend zurückzuweichen sagte sie:
„Ich würde jetzt gerne die Immobilien sehen, von denen Du mir am Telefon so begeistert erzählt hast!“
„Aber natürlich!“ entgegnete er halbherzig und wand sichtlich
bemüht seinen Blick von ihr ab, um nach seiner Aktentasche zu greifen.
„Die meisten Gebäude entsprechen genau Deinen Vorgaben!
Ich denke die Auswahl wird wohl nur eine Frage deines Schönheitssinns werden!“ sagte er und schlug die Mappe auf.
„Und nebenbei erhoffe ich mir, dass wir nach den Besichtigungen, oder in den nächsten Tagen, Zeit haben werden, um bei einem Glas Wein ausgiebig Deine Rückkehr zu feiern! Wie Du weißt, habe ich einen Kamin…“ sagte er mit einem vielsagendem Lächeln.
Und ich habe kein Interesse! dachte sie, während sie nach der
Mappe griff. Stattdessen antwortete sie: „Wenn es meine Termine zulassen, gerne!“ fragte sich im selben Augenblick aber, warum in Gottes Namen sie es nicht fertig gebracht hatte, ehrlich zu antworten, denn das letzte was sie jetzt gebrauchen konnte und Benjamins ungeheuchelter Blick bestätigte ihr dies, war eine erneute Beziehung, die von vornherein zum Scheitern verurteilt sein würde!
Ihren Blick fest auf das Prospekt vor sich gerichtet, dessen Buchstaben vor ihren Augen verschwammen, versuchte sie das aus dem inneren aufkommende Panikgefühl zu ignorieren, als ihr Frühstück serviert wurde.
Im selben Moment klingelte Benjamins Handy, der sich daraufhin mit einer Entschuldigung erhob und eilig in Richtung Toilette verschwand.
Seufzend blickte sie auf ihr goldgelb dampfendes Rührei, wickelte das Besteck aus der Serviette und nahm sich vor, diesen Vormittag so schnell wie möglich, hinter sich zu bringen.
Ungeduldig trat Julie aufs Gaspedal, während sie in den zweiten
Gang schaltete, der stockende Verkehr, der sie fünfzehn Minuten nicht vorhandene Zeit, gekostet hatte, schien sich endlich
aufgelöst zu haben. Ihr Handydisplay zeigte fünf unbeantwortete Anrufe an, von denen sie noch keines geschafft hatte zurückzurufen.
Willkommen zurück! dachte sie zynisch und musste lächeln.
Obwohl sie sich in Irland fest vorgenommen hatte, ihre Arbeit
erst wieder in ihrer eigenen Praxis aufzunehmen, hatte sie kurz
nach ihrer Heimreise, die dringende Bitte eines ehemaligen Kollegen, der von ihrer Kündigung erfahren hatte, nicht abschlagen können,
ihn für zwei Wochen zu vertreten. Und durch das Berichte schreiben und ein Notfall hatte sie natürlich zwei Stunden länger als geplant in der Praxis festgesessen. Im Eiltempo war sie nach Hause gefahren, hatte kurz geduscht und war in ihr kleines Schwarzes geschlüpft, obwohl ihr nach Kuschelpyjama und aufs Sofa schmeißen zumute
gewesen war. Doch ihre beste Freundin gab für sie eine
Willkommen - Zurück Party heute Abend und da sie sowieso viel zu wenig Zeit mit ihren Freunden verbrachte, war ihr das heute Abend sehr wichtig! Nach ein paar heruntergewürgten Schlucken eiskalten Kaffees, der seit heute Morgen dort stand, hatte sie sich in der Lage gefühlt, den Abend zu beginnen.
„Jennifer? Konntest Du Julie schon auf ihrem Handy erreichen?“ fragte Ben während er aus dem Fenster nach ihr Ausschau
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Kommentare
honey schrieb am 2007-07-26 14:57:06:
schnell weiter bitte
eve schrieb am 2006-10-15 14:06:27:
wann geht´s weiter?
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