Lautlos
von
Elvis
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Das Wasser rinnt ihr durch die Finger, tropft lautlos zu Boden. Mit leerem Blick starrt sie auf das immer kleiner werdende Häufchen Schneematsch in ihrer Hand, die vor Kälte ge-rötet ist. Sie hat sich gegen einen Baum gelehnt, spürt die harte Rinde an der Hinterseite ihres Kopfes, fühlt den eisigen Windhauch auf ihrem Gesicht, die Kälte, die ihr den Rü-cken hochkriecht. Langsam fährt sie sich mit ihrer Zunge über die spröden Lippen und wischt sich die vom Schnee nasse Hand an ihrer Jeans trocken. Lange Zeit steht sie ganz still. Sie hört nichts, nicht einmal ihren eigenen, regelmässigen Atem. Die Stille, die sie umgibt, erscheint ihr unecht und quälend. Ihr Kopf fühlt sich an, als ob er gleich platzen wolle, überfüllt von all den unerwünschten Gedanken, den schmerzenden Erinnerungen. Wo sind die Erinnerungen an ihre glücklichen Momente? Wo die Bilder ihrer Kindheits-träume? – Verschwunden. Verschwunden in der Traurigkeit, die bleischwer auf ihren Schulten lastet und die schönen Erinnerungen in Dunkelheit hüllt. Sie schaut in die ver-schneite Abendlandschaft hinaus. Über dem gegenüberliegenden Wald und dort, wo sich der Horizont zu den leeren Feldern herabbeugt, hat sich der Himmel violett-rosa verfärbt, und der aufgehende Mond wirft seinen Schein auf das gefrorene Gras. Wie mächtige Mär-chenriesen ragen die kahlen Bäume aus der Dämmerung hervor, und irgendwo in der Ferne bellt ein Hund.
Sie versucht diese verzauberte Kulisse in sich aufzusaugen, um damit die düsteren Gedan-ken zu vertreiben. Doch die Bilder können die schwarze Mauer aus Schmerz und Angst nicht durchbrechen. Ein dicker Kloss bildet sich in ihrem Hals, und die Traurigkeit nagt mit spitzen Zähnen an ihrem Herzen. Ihre Augen füllen sich mit Wasser, alles ver-schwimmt, und eine kleine, warme Träne fällt lautlos in den Schnee.
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