Lebe wohl
von
sina franke
1
Du hast sie vergessen, weil du sie vergessen musstest. Es war deine Entscheidung. Du konntest nicht mehr. Aber du konntest nicht ohne sie, doch das hast du damals noch nicht gesehen. Du dachtest sie wäre ein Fehler, doch sie war dein ganzer Lebensinhalt. Doch du konntest und wolltest es nicht sehen. Immer und immer wieder hörtest du sie sagen wie sehr sie dich liebe, doch du konntest damit nicht umgehen. Ich liebe dich, diese drei Worte hast du mit dir genommen und sie zerstört. Du warst dir nicht sicher, ob sie die Richtige war, ob du vielleicht etwas verpassen würdest, du warst doch noch so jung. Jetzt weißt du, es war ein Fehler zu Gehen. Keine hat dich so ausgefüllt wie sie. Keine hat dich so geliebt wie sie. Keine konnte dir das geben, was sie dir gab, ohne dass du es je verlangtest.
Jetzt stehst du in der Dunkelheit und denkst an damals zurück, wie es war mit ihr. Wie es zusammen war. Erinnerungen zucken durch deinen Körper wie heiße Nadelstiche und du versinkst in deinen Tränen, die nie jemand sehen würde. Auch nicht sie. Niemals würde sie deine Tränen je wieder stillen können. Nie werdet ihr wieder gemeinsam durch die Nacht laufen. Du hast dir und ihr euer Leben genommen. Sie zerbrach an deinem „Lebewohl“, das du ihr sagtest und sie dich danach nie wieder sah. Sie starb während du sie verließt. Immer wieder fragte sie sich „was habe ich nur falsch gemacht“ und in nimmer satter Qual wiederholte sie das gehörte „Lebe wohl“ aus deinem Munde bevor du die Tür hinter dir schlossest und dein Herz auf ewig an ihr verlorst.
Während du aus der Tür tratst wusstest du „ich liebe sie noch immer“, doch der Drang etwas anderes entdecken zu wollen war stärker. „ich bin noch jung, es gibt viele Mädchen, die ich lieben werde“ doch du logest dir selber etwas vor und unterdrücktest die Tränen, denn es sollte keiner sehen. Dein Leid hast du dann eingesperrt, nahmst dir immer neue Frauen, doch keine liebtest du so wie sie. Und du wusstest das war nicht das, was du dir erhofft hattest. Mit ihr hattest du doch alles gehabt.
Sie hätte dir alles gegeben, selbst ihr Leben und du hast es nicht gesehen, wolltest ein anderes Herz erobern.
Die Nacht ist kalt und du stehst dort mit einem Blumenstrauß in der Hand vor der Tür ihrer Eltern. Alle die schöne Zeit geht dir durch den Kopf, während du unschlüssig vor dem großen veralteten Haus stehst. Wie lang war es nun her? War das Haus längst verlassen? Hatte sie schon Kinder? Wenn ja müssten sie längst erwachsen sein.
Der kalte Wind hat deine Tränen trocknen lassen und deine Stimme eroberst du auch wieder zurück, als du die Klingel betätigst.
„Ja Bitte?“ ein Hausmädchen macht dir die Tür auf und schaut dich fragend an. es ist schon sehr spät scheinen ihre Augen zu sagen. Du schluckst. „Hallo, ist Linda vielleicht noch zu sprechen?“ deine von Rheuma geprägten Hände vergräbst du unter dem Blumenstrauß. Das Hausmädchen schaut dich verdutz, dann traurig an. „Oh, sie ist schon seit 5 Jahren verstorben guter Herr. Möchten Sie vielleicht hereinkommen?“
Fassungslos, wie betäubt stehst du da, mit dem Straus Blumen in der Hand und kannst nicht glauben, was du hörst.
Alles dreht sich. Du weißt nicht mehr, was du tun sollst, all die zu Recht gelegten Worte für sie hast du vergessen. „Wo, wo ist sie begraben?“ stammelst du.
Wie betäubt hörst du zu und gehst deinen Weg zum Friedhof.
Prunkvoll steht er dort in der Nacht und schon von weitem erahnst du das Grab von ihr. Sie hatte schon immer viel Geld gehabt und so sieht auch das Grab aus. Frische Blumen sind ausgebreitet und ein strahlendes Bild aus ihrer Jungend ist eingerahmt, daneben ein älteres mit ihren Kindern. Kein Mann.
Tränen laufen dir über die Wangen. Du kannst es nicht fassen. Sie sagte nicht Lebe wohl. In einem Brief schrieb sie dir, sie würde auf ewig auf dich warten, doch nun war es vorbei. Sie hatte nicht ewig Zeit gehabt.
Du kniest dich ins feuchte Gras, berührst das Foto, welches du gemacht hast und bemerkst nicht die Schritte hinter dir.
Eine alte Greisin beobachtet dich. „Manuel, bist du das?“, dein Name halt in deinen Ohren wieder wie ein Schuss und doch erschrickst du nicht, denn diese Stimme kommt dir bekannt vor.
„Sie wurde überfahren. Im Sterben sagte sie mir ich solle dir Lebe wohl sagen. Doch ich konnte dich nach so vielen Jahren nicht auffinden. Sie hat dich nie vergessen, weißt du. Immer, wenn sie deinen Namen hörte kamen ihr die Tränen. Ihre Tochter nannte sie Manuela ihren Sohn Emanuel. Ist das nicht erschreckend? Wie ein Mensch bis ans Ende seiner Tage so übermäßig trauern kann? Ich meine du warst ja nicht verstorben, aber du hast sie verlassen. Ohne Grund.“
Du senkst deinen Kopf. Alles pulsiert. Dein Körper bebt. „Ich hatte Angst, dass sie mich verlassen wird. Für einen anderen oder einfach so, weil es ihr zu langweilig wird, deswegen habe ich es getan. Aus Angst. Verstehen Sie mich? Ich habe sie trotzdem geliebt.“
Die Greisin tritt ans Grab und nimmt deinen Kopf in ihre Hände.
„Sie hat dich nie vergessen.“
„Ich habe sie immer geliebt.“
1
Kommentare
frane, sina schrieb am 2007-12-16 19:47:13:
lieber scare,
ja in dieser geschichte bin ich nciht die ch-person, sondern doch ein wenig das meadchen, dass vergessen wurden. wenn auch nciht ganz so schlimm (und dass ich auch noch lebe) und wir immer noch zusammen sind. ja, die worte habe ich aus mir heraus geschribene, in vielen geschichten merkt man, dass ich wenigstens immr ein kleines bisschen von mir schreibe.
ich finde es sehr schoen, dass dir meine geschichte so gut gefallen hat, das neahme ich als sehr grosses kompliment.
lg sina
Sacre schrieb am 2007-12-09 21:41:32:
Deine Geschichte erinnert mich sehr sehr Stark an meine EX-Beziehung
bis zu der Stelle wo du mit "Die Nacht ist kalt..." anfängst.
Und sie berührt mich in den tiefsten Punkten meines Herzens
Hat Gefühle in mir geweckt wo ich dachte das sie schon lange verloren sind
Ich verstehe jedes Wort, als wenn du sie wärst .
Ich hab in meinem Leben nur ein paar mal geweint, und heute war es dank dir wider so weit.
Noch eine Frage von mir: Das was du geschrieben hast bis zu der Stelle wo du mit "Die Nacht ist kalt...."
anfängst. Sind das gelebte Worte was ich sehr stark vermute, oder...?
malli schrieb am 2007-11-10 18:59:14:
Die Wendung kommt wirklich gut!
Michael Martsch schrieb am 2007-11-09 15:05:57:
pheew das is ne ziemlich traurige geschichte... allerdings is sie sehr gut geschrieben worden. Gefühlvoll-traurig, aber perfekt.
Kommentar hinzufügen