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Kategorien > Absurd > Bizarr

Lebenswert?

von PsychoGurke

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„Nun? Wie sieht es jetzt aus? Möchtest du noch eine Scheibe Kängurusalami mit Pfefferkernen abhaben oder kann ich sie essen?“ Nicht mehr lange würde ich das alles mitmachen, schließlich war ich schon längst ein nervliches Wrack seit dem dieses Kindertheater begonnen hat. Eigentlich wollte ich nur von ihr wissen, ob sie noch genug Hunger hätte, um ein weiteres belegtes Brötchen vertilgen zu können. Doch sie blieb eisern, sprach kein einziges Wörtchen und die Antwort auf meine Frage würde äußerst verspätet oder gar nicht eintreffen. Mein Stresspegel musste ungeheuerlich in die Höhe gestiegen sein. Jedenfalls stand ich kurz vor einem Nervenzusammenbruch und würde jeden Moment die Beherrschung verlieren, in Tränen ausbrechen, eventuell einen Tobsuchtanfall erleiden.

Das Drama muss im Herbst letzten Jahres begonnen haben. Es war ein ungeheurer Schicksalsschlag gewesen und wie so oft stellte sich die Frage nach dem Grund für das Unglück. Wieso ich? Wieso trifft es ausgerechnet mich? Es leben so viele Menschen auf dieser Erde, aber treffen tut es immer die, die es eigentlich nicht treffen dürfte. Aber die Hauptrolle in dem damaligen Trauerspiel musste nicht ich übernehmen. Vielmehr zählte ich zu den Angehörigen und Freunden des Opfers. Jedenfalls geschah es völlig unerwartet. S i e musste vom einen Tag auf den Anderen urplötzlich im Rollstuhl sitzen. Nie wieder würde sie laufen können. Querschnittsgelähmt. Der Schock saß so tief. Wie schnell es doch gehen konnte. Und je höher wir sie ab diesem Zeitpunkt auch den Berg herauf schoben, sie jede einzelne Stufe einer Treppe hinaufhievten desto steiler und tiefer ging es bergab. Sie redete nicht mehr mit uns, macht sich lediglich durch schwer interpretierbare Zeichen deutlich. Mal zitterte ihr Kopf, als wolle sie ein Nicken andeuten, ein anderes Mal war eine kaum auffällige Handbewegung zu vernehmen. Warum tat sie uns das an?
Ich erinnere mich nur zu gut: Die ersten zwei bis drei Tage nach der Diagnose saß sie nur da. Wie erstarrt. Regungslos. Geistesabwesend.

Zu essen weigerte sie sich auch. Nässte sich ein. Was man ihr auch verabreichen wollte, nichts würde sie schlucken. Die Lippen blieben verschlossen. Ebenso die Augen, als wolle sie nicht, dass wir erfahren, wie es um ihre Gefühle steht. Eiskalt war sie. Seelisch wie auch körperlich. Und als anscheinend nichts mehr zu helfen schien, selbst das gute Zureden von Oma nicht, musste für ihr Wohl entschieden und gesorgt werden, indem dies auf Teufel komm raus durchgesetzt werden würde, selbst mit zärtlicher Gewalt. Gegen ihren Willen wurde sie in eine heiße Badewanne mit wohltuenden, ätherischen Ölen gelegt. Eine Nasensonde bekam sie, denn ab sofort würde sie künstlich ernährt werden. Die Nährstofflösungen enthielten lebensnotwendige Eiweiße, Kohlenhydrate, Fette, Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente in optimaler Zusammensetzung. Dies beruhigte nicht nur das Gewissen.

Schließlich haben Schuldgefühle die Zeit damals auch nicht unbedingt erleichtert, geprägt würde es wesentlich treffender bezeichnen. Die mehr als ungerechtfertige Frage nach dem Verantwortlichen blieb nicht aus. Schuldzuweisungen führten zu familieninternen Streitereien und Spaltungen in der Verwandtschaft.

Und während alles zu zerbrechen drohte, schien auch s i e zu zerfallen. Wie schlecht sie doch aussah! Bitter-ironisch war deshalb auch vor allem der Tag, an dem ihr ein Zahn ausfiel. Was folgte war der allmähliche Verlust ihres Gebisses und ihrer nur noch sehr dünnen Haarpracht. Die glänzte schon lange nicht mehr derartig gesund und frisch wie früher. Fuhr man ihr tröstend durch die Strähnen, so spendete man keine Anteilnahme, sondern verschlimmerte diesen grauenvollen Umstand nur noch unnötigerweise. Hatte man darauf schließlich gleich ein ganzes Haarknäuel in der Hand. Zudem hatten wir aus organisatorischen Gründen und Geldproblemen leider nicht annähernd die nötige Zeit, um uns um sie zu kümmern. Zumeist verbrachte sie daher ihre Tage in einer dunklen, finsteren Ecke, bei den verstaubten, absterbenden Pflanzen und alten Spinnennetzen.

Nach und nach ging ein strenger Geruch von ihr aus, der an eine Mischung aus Ammoniakgasen und Schwefelwasserstoff erinnerte. Selbst ein dampfendes Schaumbad war hierbei machtlos.

Monate vergingen. Alltag und Normalität kehrten ein. Zumindest glaubten wird das. Doch konnte dies nicht ewig währen, dessen waren wir uns bewusst. So kam es schon bald dazu, dass wir durch ein äußerst tragisches Ereignis wieder Einzug in die harte Realität erhielten. Resigniert mussten wir nämlich feststellen, dass sie einen Suizidversuch begangen hat.

In die Vorratskammer bin ich gegangen.
„Die panierten Hähnchenflügel. Aber die ohne den Speck in der Panade. Du weißt, dass der Pfaffi die nicht mag.“
In jenem Augenblick öffnete ich nichts ahnend den Deckel der Tiefkühltruhe. – Und entdeckte s i e.
Erfrieren wollte sie. Sterben. Tod sein. Die Gewissheit traf mich wie ein Schlag, stach mir ins Herz. Warum? Warum?
Panikerfüllt zerrte ich sie aus der Truhe, hoffte, dass es nicht zu spät sein würde. Wie lange hat sie darin gelegen?
Mir schlug das eigene Herz bis zum Hals, als ich ihren Puls untersuchte. Auf die Erregung folgte eine große Erleichterung. Es fühlte sich an als würde mir ein dicker, schwerer Gesteinsbrocken vom Herzen fallen, denn ich konnte ein Pochen vernehmen. Und da unten lagen auch schon die Chicken Wings!
Wie sich herausstellte, haben sich die Kinder mit ihr beschäftigt. Verstecken haben sie gespielt und was war nahe liegender als s i e in der Kühltruhe unterzubringen? Unsportlicherweise habe ich mich dann einfach in ihren Zeitvertreib eingemischt, indem ich s i e in ihrem Schlupfwinkel ausfindig gemacht habe.

Aber es hat uns zu Tränen gerührt, dass sich die Kinder alsdann mit ihr beschäftigt haben. Gelacht habe ich, nachdem ich sah wie viel Mühe sich die Kleinen gaben, als sie mit ihr „Mumifizieren“ spielten. Jedoch empfand ich es als nicht korrekt, auf welche Art sie versucht haben, ihr das Gehirn durch die Nase zu entfernen. Deswegen übernahm ich jenen Teil der Einbalsamierung. Letztlich bedeckten wir sie mit trockenem Natronsalz, dies dient zur Entwässerung des Körpers. Für die so genannte Nachtrocknung, der letzte Schritt bei einer Mumifizierung, besorgten wir eine große Tüte mit Holzkohle, machten ein ansehnliches Feuerchen und hängten sie über den Grill.

Langsam besserte sich ihr Zustand und festigte sich. Die Kinder hatten ihr in der Schule extra eine Perücke gebastelt, die sie nun täglich trug. Zwar kam es immer noch vor, dass sie sich und ihren Rollstuhl einnässte, doch war nun vorgesorgt: Ein Monatsvorrat an Windeln lag nun in dem Schrank unter der Spüle parat. Großartig ist vor allem, dass die Pampers nicht nur sehr günstig waren, sondern auch die Note „Sehr Gut“ bei der Stiftung Warentest erhalten haben.

Schon bald bekam unsere Familie Zuwachs: Der kleine Terrierwelpe Konrad mit den treu schimmernden

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Kommentare

Johannes Beck schrieb am 2007-12-20 20:43:41:
Der Wahnsinn.
Wow, die Idee is einfach nur genial, leider auch sehr real! Aber die Art und Weise, wie du das Ganze formulierst, hat was krasses; es wirkt salopp dahingesagt und erzeugt damit zusammen mit dem schauderhaften Inhalt einfach eine unglaubliche Stimmung. Und wie du das ganze arrangiert hast, also echt, Hut ab. Sehr komplex, mit schönen Klammern und Rückblicken und so weiter.
Wirklich sehr, sehr gut.
Stefanie schrieb am 2006-06-07 12:03:53:
Makaber, aber gut!
? schrieb am 2006-05-28 20:12:52:
verwirrend wenn auch gut geschrieben

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