Leere
von
Wer bin ich?
Erinnerungen sind wie Sandkörner. Die dicksten bleiben in Sieb hängen, und die kleinen geraten in den Sog und tauchen nie wieder auf. Nur leider kann man sich keinesfalls aussuchen welche man behalten möchte, darüber entscheidet man nicht. Vielleicht sind gerade die am intensivsten, die man versucht, durch ein Loch zu pressen und stecken bleiben. Ich weiß es nicht. Jedenfalls gibt es die einen und die anderen Erinnerungen. Ich wage zu behaupten, dass fast jeder Mensch ungefähr gleich viel von den beiden besitzt. Nur es gibt auch welche, bei denen eins überwiegt. Und ich glaube, dass ich so ein Mensch bin. Und ich denke, es hängt auch alles nur davon ab, wie man das Sieb hält. Denn ich schüttle es wie verrückt und stampfe auf den Sandkörnern rum, während es möglicherweise richtig wäre, das Sieb einfach nur locker zu halten. Wenn man einfach alles sacken lässt.
Wenn ich so durch die Räume gehe, ohne Plan und völlig ziellos, erscheinen sie mir kahl und trostlos, wie leergefegt, obwohl sie doch voll stehen mit Möbeln und fröhlichen Bildern. Ich schleppe mich von einer Ecke in die nächste, versuche zu schlafen, versuche wieder aufzustehen. Alles erscheint mir so sinnlos, zu gehen und zu sprechen. Mein Schädel brummt und ich kann das schwere Ding kaum tragen. Obwohl ich mir so viele Fragen stellen könnte, scheint sich in meinem Kopf nichts als gähnende Leere zu befinden. Jegliches Glück, alles was auf einen psychisch gesunden Menschen deuten würde, ist aus meinem Körper verschwunden. Keine Tränen laufen über mein Gesicht, vielleicht bin ich so zerbrochen, dass ich zum Weinen nicht mehr fähig bin, vielleicht ist der Schmerz auch nur so groß, dass nicht einmal Tränen diesen beschreiben könnten. Stunden vergehen wie Jahre, die Zeit scheint sich dem Stillstand zu nähern. Mein Herz ist zu einem Ballon geworden, es bläht sich immer weiter auf, drückt gegen meine Brust, droht meinen Körper auseinanderzureisen. Ich blute aus tausend Wunden. Jemand sollte kommen, und mir den Gnadenstoß verpassen.
All den Schmerz, der mir bis jetzt zusammengenommen in meinem Leben widerfahren ist, kommt nicht gegen das an, was ich jetzt empfinde. Diesen Schmerz kann ich nicht heilen. Diesen Schmerz kann ich auch nicht bekämpfen. Alles was ich tun kann ist warten. Und zu hoffen, dass es mit der Zeit abnimmt.
Jegliches Licht habe ich abgeschaltet. Ich schleppe mich in die Küche, hole mir ein Glas Wasser und setze es an meine Lippen. Obwohl es meinen Mund ausspült, sind meine Lippen doch gleich wieder trocken. Ich setze mich an den Küchentisch, blicke aus dem Fenster. Tausend kleine Wolken zeichnen sich am Himmel ab, still und bewegungslos stehen sie dort oben. Dann lass ich meinen Blick durch die mir sichtbare Stadt schweifen. Sie erscheint mir fremd, ich bekomme Angst, wenn ich daran denke, bald wieder hinaus zu müssen. Ich wende meinen Blick vom Fenster weg und stehe auf. Mein Ziel ist das Wohnzimmer. Was für eine Stecke! Außer Atem setzte ich mich, nein, werfe ich mich auf die Couch. Das Kissen lasse ich über meinen Kopf fallen, endlich ist es wieder dunkel um mich herum.
Mein Vater hat immer gesagt, je mächtiger etwas ist, desto größer ist auch der Schatten, den es hinterlässt. Die Liebe ist ein typisches Beispiel dafür. Sobald du von diesem Gefühl ergriffen bist, schwebst du auf Wolke sieben, das Leben erscheint dir wie eine Karussellfahrt ohne Absteigen. Wenn du aber dann heruntergefallen bist, bekommst du die Schattenseite dieser Macht zu spüren, dir ist kalt und du versuchst dich zu verstecken, aber der Schatten ist zu groß, als das du mit einem Sprung wieder im Licht stehst. Endlich weiß ich was es bedeutet. Nie wollte ich mich verlieben, nie wollte ich mich diesem Gefühl preisgeben. Doch am Ende hatte es auch mich erwischt, jenes, das jeden Menschen auf dieser Erde einmal den Kopf verdreht. Hätte ich nur auf mich gehört. Hätte die Vernunft doch mein Herz dominiert. Warum habe ich nicht den Kopf weggedreht anstatt hinzusehen, wieso habe ich mich darauf eingelassen, anstatt wegzurennen. War es das wert? Es tut so weh. Dieser Schmerz fesselt mich hier, lässt mich meine Wohnung nicht verlassen. Irgendjemand muss mich aus dieser Lethargie holen, bevor ich noch anfange Wurzeln zu schlagen. Sie ist überall da in meinem Kopf. Und ich bekomme sie nicht heraus.
Mein Telefon klingelt. Es ist seltsam surreal, wie ein Zeichen aus einer fremden Welt. Vielleicht ist es meine Mutter, vielleicht ein Freund von mir. Ich möchte es nicht wissen, ziehe stattdessen den Stecker der Telefonbüchse. Es ist wieder alles ruhig. Wie ein Roboter laufe ich durchs Haus, begehe Zimmer für Zimmer, ohne nach etwas bestimmtem zu suchen. Schließlich lasse ich mich oben im Schlafzimmer wieder in mein Bett fallen. Es ist wie ein nicht enden wollender Teufelskreis.
Was habe ich falsch gemacht? Womit habe ich diese Strafe verdient? Ich vermisse sie. Jedes einzelne Teil von ihr. Das ich völlig ziellos die Räume durchstreife ist gelogen. Erinnerungen suche ich, Erinnerungen an Situationen mit ihr, Erinnerungen an sie, die sich in diesem Haus abgespielt haben. Ich klammere mich daran, als wäre es das Letzte, das ich besitze. Wie kann man jemanden vergessen, wenn man es im Grunde seines Herzens doch nicht will? Das ist so seltsam paradox. Liebe ist paradox. Jedes Mal wenn ich aufstehe, möchte ich mich wieder setzten, und jedes Mal wenn ich sitze, möchte ich wieder aufstehen. Vielleicht sollte ich mir einen Bohrer holen und versuchen sie mir aus dem Kopf zu schleudern.
Ich glaube, ich werde verrückt. Ich glaube, es ist Zeit zu gehen.
Meine Schritte sind schwer, mein Herz erdrückt mich, und mein Schädel droht zu platzen. Aber ich gebe nicht auf. Ich werde nicht schon wieder meine Zeit vergeuden. Der Weg zur Tür scheint meilenlang zu sein, aber ein Schritt folgt dem nächsten und die Tür kommt näher, wenn auch kaum zu sehen. Ich habe Angst. Oh mein Gott, ich habe eine verfluchte Angst. Das ist der schwerste Schritt in meinem Leben. Man kann sich selbst nicht überwinden, aber man kann sich selbst zu etwas zwingen. Das Leben geht weiter, auch ohne mich, und wenn ich mich nicht verdammt noch mal beeile, fährt der Zug los, bevor ich ihn erreicht habe.
Meine Hand berührt den Türknopf. Ich habe keine Ahnung, was passieren wird, wenn ich diese Tür aufstoße, ich werde mich dem hingeben, das da kommt. Die Erde dreht sich weiter, und nicht jeder Weg, der nach einer Sackgasse aussieht, ist auch eine.
Kommentare
Inchen schrieb:
gut nachzuvollziehen. schön geschrieben und formuliert. weiter so ;) gruß
isabel.mayer@web.de schrieb:
wow... sprachlos... mehr!!
edzard667@onlinehome.de schrieb:
tja... ich muss mich isabel anschhließen! sorry, würde gern was konstruktives schreiben, aber bin nach dem lesen sehr niedergeschlagen. mehr!!
Kommentar hinzufügen