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von
Lilly Trista
Montag. Pechtag. Aber heute nicht. Heute traue ich mich endlich! Nach
fünfeinhalb Jahren Verliebtsein würde ich ihn endlich fragen!
Ich hatte Nick einen Brief geschrieben, dass er zur großen Eiche im
Schulgarten kommen soll. Ich hoffe er kam überhaupt. Aber da in Sieben
Minuten der Unterricht wieder anfing, zog er es wahrscheinlich vor, nicht zu
kommen, stellte ich mit einem Blick auf meine Uhr, die ich zum vierzehnten
Geburtstag bekommen hatte, fest.
Dabei hatte ich so viel Mut aufbringen müssen um ihm diesen Brief zu
schreiben!
Hi Nick!
Kannst du bitte heute in der Pause zur großen Eiche im Schulgarten kommen?
Ich muss dich mal dringend was wichtiges fragen!
Magdalena
Er war nur kurz und auch nicht wirklich ein Meisterwerk, aber besser als
wenn ich geschrieben hätte:
Hallo! Liebst du mich? Dann kreuze an und gib mir den Zettel: Ja
Nein
Das wäre ja wie in der ersten Klasse gewesen. Außerdem wollte ich ihn
persönlich fragen. Schließlich würde ich ihm heute die Frage stellen!
Ich wollte mich gerade enttäuscht umdrehen, da kam er auch schon. Der
bestaussehendste Junge der Welt: Niklas.
Er erinnerte mich immer wieder an den gutaussehenden Drummer von Kayn Park,
meiner Lieblingsband.
Schwarze Haare, ohne Gel, lagen sie am Kopf, standen manchmal auch ein
bisschen ab, 2-3cm lang, leicht glänzend. Die schönsten dunkelgrünen Augen,
die man sich überhaupt vorstellen konnte, die schelmisch glitzerten, wenn er
lachte oder lächelte, aber auch manchmal, seit einer Woche oder länger,
waren sie nur noch matt. Überhaupt war er sehr traurig in letzter Zeit.
Manchmal beim Lachen hatte er so ein paar süße Grübchen. Er hatte sowieso
das niedlichste, süßeste Lächeln der Welt. Wenn er lachte, schmolz jeder
dahin, dann blitzen seine weißen Zähne und die Augen hatten einen
wunderschönen Glanz, so .... verführerisch und irgendwie verrucht, wenn er
mich anlächelte. Endlich war er dann bei mir angelangt und fragte:
"Was willst du? Ich hab nicht viel Zeit!"
Das fand ich ein bisschen ,unverschämt' wenn man das so sagen konnte. Ich
legte mir nochmal zurecht, was ich sagen wollte, und sagte dann, zögernd und
total nervös:
"Also, ich weiß nicht, wie ich's sagen soll .... aber weißt du, wenn du so
süß lächelst .... und überhaupt so süß bist, na ja, ich wollte dich fragen,
ob wir was miteinander machen wollen? Oder, um dirket zu werden, ob du
vielleicht mit mir zusammensein willst?"
Ein Moment schweigen. Ich konnte ihn nicht ansehen. Das hast du ja mal
wieder super hingekriegt, Maggi! So peinlich...
Ich hatte schon Angst er hätte mich nicht verstanden, und ich müsste diese
Frage, die mich so viel überwindung gekostet hatte, nochmal fragen, da sah
er mich erst traurig an, fast schon als täte es ihm leid, da fing er an
schallend zu lachen.
"Du? Du und ich? Bist du verrückt? Ich würde doch nie mit einem so
lächerlichen Mädchen wie dir gehen! Da hab ich doch ganz andere Angebote!
Nimms mir nicht übel, aber ich muss jetzt echt weg, ich hab wichtigeres zu
tun!"
Lachend ging er fort.
Was war denn schief gelaufen?
Was hatte ich denn falsch gemacht?
Wie konnte er mich nur so verletzen?
Ich dachte er hätte mich auch ein bisschen gern, denn er hatte schließlich
immer geflirtet und mir außerdem eindeutige Zeichen gegeben. Ein nettes
Lächeln, ein Hallo am Morgen. Im Unterricht ein stralendes Lächeln. Ab und
zu ein neckendes Wort. Ich hatte dann immer gelacht und dann gedacht: Was
sich liebt, das neckt sich! In der Grundschule jedenfalls.
Jetzt, wo er in meine Klasse im Gymnasium gekommen war, war er nur noch
blöd. Nur noch Beleidigungen und abschätzende Blicke. Er sah so gut aus. Und
ich dachte er wäre wenigstens nett, wenn keine anderen Jungen dabei waren.
Aber anscheinend war er immer so blöd.
Ich sank auf den Boden, mit dem Schulranzen am Stamm der Eiche entlang nach
unten rutschend. Was war nur passiert?
Wieso hatte ich das denn überhaupt gemacht? Ich hätte es doch ahnen können!
So wie er mich behandelt hatte! Wieso war ich nur immer so blöd?
Total aufgelöst ging ich zum Sekreteriat und sagte zu der Dame am Dresen:
"Hallo, ähem, Magdalena Korona, 8a, ich möchte mich befreien lassen. Mir
geht's nicht gut."
"Also, ich würde dir ja gerne helfen, aber dann musst du zum Arzt! Dies ist
nämlich dann das vierte Mal.", Informierte sie mich nachdem sie in einer
Mappe meinen Namen rausgesucht hatte.
"Oh, das ist aber blöd. Können sie mir bitte ein bisschen Geld leihen? Mein
Arzt ist in Großhadern und ich habe keine Fahrkarte, geschweige denn Geld!"
Auf den Geiz der Menschen konnte man sich immer verlassen. Und schon sagte
sie wie erwartet:
"Oh, na gut, dann mache ich da mal eine Ausnahme! Du kannst dann gehen!"
"Vielen Dank!"
"Aber vergiss nicht, die Befreiung von deiner Mutter unterschreiben zu
lassen!"
"Ja, mach ich!"
Langsam und scheinbar leicht angeschlagen wankte ich aus dem Sekreteriat.
Ich konnte den mitfühlenden Blick der Frau förmlich im Rücken spüren.
Kaum war die Tür zu, rannte ich schon zu meinem Fahrrad, schloss es auf und
radelte los.
Die Befreiung kann man fälschen. Wäre ja nicht das erste Mal.
Über eine Kreuzung, am Postamt vorbei. Am Krankenhaus vorbei und schon sah
ich die Kiesberge der Kiesgrube. Ich überquerte eine Straße und plötzlich
hörte ich das quietschen von Reifen auf Asphalt und hielt jäh an. Ich stand
auf der Straße wie ein geblendetes Reh und sah in die Heckscheibe eines
Autos, ohne wirklich etwas zu sehen. Ich konnte mich nicht bewegen, obwohl
ich das hupen des Fahrers die ganze Zeit hörte. Ich dachte nichts. Mein Kopf
war leer. Ich sah nur auf das Auto, ohne es wahrzunehmen.
Langsam, als der Fahrer des Autos ununterbrochen hupte, erwachte ich aus
meiner Starre und fuhr weiter.
Als wäre die ganze Welt in grau versunken, fing es dann auch noch an zu
regnen. Das passte ja zu meiner Stimmung. Das Wetter war der Spiegel meiner
Seele. Grau und trüb. Regen. Nässe.
Endlich an der Kiesgrube angelangt, hörte ich das erfreute wiehern des
Pferdes Orleon, das dem Besitzer der Kiesgrube gehörte und das ich manchmal
reiten durfte.
Orleon kam aus seinem Stall in den Regen um mich zu begrüßen. Aus seinen
Nüstern stieg Dampf auf, wenn er ausatmete.
"Hier, leckere Karotte!", schluchzte ich, kletterte über den Zaun und
vergrub mein Gesicht im Fell des Pferdes. Hemmungslos schluchzte ich los.
Tröstend legte Orleon seinen Kopf auf meine Schultern, nachdem er die
Karotte gefressen hatte.
Nach ein paar Minuten zog ich mich in die große Hecke zu meiner selbst
zusammen gezimmerte Bank zurück und ließ mir nochmal jedes seiner Worte
durch den Kopf gehen. Dadurch wurde es noch schlimmer. Ich heulte nochmal
los.
Warum nur? Warum hatte er mir das angetan? Was hatte ich ihm denn getan?
Warum? Warum?
Als meine Tränen dann versiegt waren, raffte ich mich auf und fuhr langsam
nach Hause. Ich fühlte mich wie nach einem Dauerlauf. Ich fühlte mich
zerschlagen, wie gerädert, total müde und kraftlos.
Gerade wollte ich den Schlüssel ins Schloss stecken, da ging die Tür der
Nachbarswohnung auf und Frau Kollner sagte:
"Magdalena, ich möchte dich bitte Mal sprechen, es ist wichtig!"
Wahrscheinlich hatte ich mal wieder zu laut Musik gehört oder so und sie
wollte sich darüber beschweren.
Also schleppte ich mich zu ihr rüber um mir eine ihrer Standpauken
anzuhören. Warum sollte ich mich weigern? Es war sowieso alles vorbei. Und
Ma würde mich nachher auch schimpfen warum ich so nass war. Dass ich geweint
hate, würde sie wiedereinmal übersehen. Ich sah Frau Kollner an und
schaltete mein Hirn schon mal ab, in der Erwartung ein paar weiteren,
langweiligen Minuten Strafpredigt. Das war ja nicht das erste Mal. Na dann,
fang an, Kollner!
Leider war dem nicht so. Als ich mich vorsichtig auf die Kante des mit
dunkelgrünen Samt bezogenen Sofa im piekfein eingerichtetem Wohnzimmer
meiner Nachbarin niederließ, brachte mir Frau Kollner einen heißen Kakao.
Ich rührte ihn nicht an. Sich selbst goss sie einen Whisky ein. Ich war
überrascht, dass sie so etwas überhaupt im Haus hatte. Und erst recht, dass
sie es auch noch trank! Das hätte ich nun wirklich nicht erwartet! Nicht von
unserer spießigen Nachbarin!
Sie nahm einen langen Schluck und sagte dann:
"Magdalena, es tut mir unendlich leid, dir das sagen zu müssen und ich tu es
wirklich nicht gerne. Allerdings sehe ich es als meine Pflich an, dir das zu
sagen."
Was sollte dass denn? Bloß weil sie sich beschweren will, muss sie doch
wirklich nicht so dramatisch tun!
"Aber als ich heute Morgen zu deiner Mutter rüberging, weil ich mich über
die Lautstärke des Fehrnsehers beschweren wollte,..."
Das sah ihr ja mal wieder ähnlich! Und ich hatte schon Angst gehabt, es
könnte etwas ernstes sein!
"... sah ich, dass die Tür offen war und betrat die Wohnung. Nun ja, um es
kurz zu machen, ich fand deine Mutter tot auf dem Boden. Die Sanitäter
sagten es war Alkoholvergiftung."
Vor Schreck wollte ich mich zurücklehnen, und fiel promt vom Sofa.
Ma? Tot? Niemals! Das war doch ein schlechter Scherz, oder? Nein, mit
soetwas macht man keine Witze, und erst recht nicht Frau Kollner.
Und außerdem konnte es gut sein. Ma trank seit ich denken kann. Durch ihre
Sucht gab sie die ganze Sozialhilfe für Alkohol aus. Wenn ich Anziehsachen
brauchte musste ich mir das Geld aus ihrem Portemonnaie nehmen.
Hast du den Job?
Hast du den Kredit?
Hast du den Job?
Kann ich ein Haustier haben?
Kann ich Taschengeld bekommen?
Kann ich mit ins Schullandheim?
Was hat die Bank gesagt?
Wie war das Vorstellungsgespräch?
Kann ich mit ins Skilager?
Haben wir den Kredit?
Immer war die Antwort negativ gewesen! Nie bekam ich etwas, was nicht
unbedingt nötig gewesen wäre! Immer hatte Ma einen Job höchstens eine Woche
gehabt!
Jetzt musste ich mich erst Mal ausheulen und nachdenken.
"Magdalena, es tut mir leid! Aber du musst noch zur eindeutigen
indentifizierung ins Krankenhaus."
"Gut, dann, dann gehe ich mal. Vielen Dank, Frau Kollner! Auf Wiedersehen."
Traurig verließ ich die Wohnung ohne mich nochmal umzusehen. Ich wusste,
dass sie mich durch den Spion beobachtete.
Aber ... Ma? Tot? Das konnte doch nicht sein! Es durfte einfach nicht wahr
sein. Ich sollte meine Mutter mit dem vom Alkohol aufgedunsenen Körper und
Gesicht nie wieder sehen? Okay, sie war nie eine gute Mutter, aber sie war
doch meine Mutter und ich liebte sie!
Vielleicht habe ich mir das nur eingebildet und jetzt liegt Ma im dunklen
Wohnzimmer und sieht fern. Genau! Das ist bloß meine Enttäuschung über Nicks
Verhalten!
Ich kramte in meiner Tasche und schloss die Tür auf.
Aber als ich drinnen war, belehrte die leere Wohnung mich eines besseren.
Ich roch den Geruch des Alkohols. Das war Ma's Geruch. Er war nicht gut,
aber mit der Zeit gewöhnt man sich daran.
Ich schloss einen Entschluss: Ich würde abhauen und umherziehen. Mich hielt
nichts mehr hier außer...
Da klingelte es. Ich sah durch den Spion und sah Laetitia, meine beste
Freundin. Ich überlegte ob ich aufmachen sollte oder nicht. Aber ich musste
ihr ja nichts erzählen. Obwohl, ich konnte ihr alles erzählen! Vielleicht
kam sie ja dann mit! Okay, wir hatten einen schlimmen Streit, aber sie
konnte mich doch jetzt nicht im Stich lassen! Schließlich waren wir mal so
gute Freundinnen gewesen! Und außerdem kam sie ja zu mir! Das macht sie
sicher nicht nur so!
"Hall..."
Da sah ich wer hinter Laetitia stand: Kathrin. Die verhasste Kathrin. Meine
Todfeindin Kathrin. Wie konnte Laetitia mir das nur antun? Sie wusste dass
ich Kathrin hasste seit sie mir Laetitia weggenommen hatte! Und dann brachte
sie sie auch noch mit in meine Wohnung! Nachdem ich mich sogar geschämt
hatte sie ihr, meiner besten Freundin, zu zeigen! Aber als sie dann heulend
vor meiner Tür stand weil ihr Kater Salomon, den sie abgöttisch geliebt
hatte, gestorben war, konnte ich sie doch nicht abweisen, oder? Doch selbst
sie war total angeekelt gewesen. Und nun das!
Kathrin schob Laetitia zur Seite und betrat den Flur mit einem Lächeln das
so viel sagte wie:Interessant wie du hier lebst! Wirklich, diese Behausung
verdienst du auch, du dreckige Schabe!
Gerade wollte ich ihr etwas Fieses sagen und sie rauswerfen, da holte diese
dumme Kuh einen Fotoapparat hervor und schoss ein Foto vom Flur.
"Ach ja, Laetitia, du hättest auf Magdalena hören sollen, Naivling!", sagte
sie abschätzend, verzog spöttisch die Lippen sah uns nacheinander fies
lächelnd an.
Das war gemein von ihr. Doch, ich war jetzt echt wütend.
"Wie kannst du mir das nur antun?Was zum Teufel habe ich dir getan? Warum
tust du das? Und du Latitia, du weiß wie ich sie hasse! Schert euch zum
Teufel!!!", kreischte ich.
Damit schleuderte ich die Kamera auf den Boden und schubste die beiden aus
der Wohnung.
Kaum war die Tür zu und ein paar Sekunden vergangen, klingelte es. Dem gnade
Gott, der da vor der Tür stand!
"Ja???"
"Die Kamera kannst du bezahlen!"
Mit diesen Worten und einem hönischen Lächeln auf den Lippen drehte sie sich
auf dem Absatz um und verschwand im dunkel des Treppenhauses.
"Danke! Für diese wichtige Info, Zicke!"
Ich schlug die Tür hinter mir zu.
"So eine Zicke!!! Wie ich sie hasse!" Nun stand meinem Entschluss wirklich
nichts mehr im Wege: Ich werde abhauen. Und nun alleine, da Laetitia mich so
verraten hat. Wie konnte sie mir das nur antun? Aber Kathrin war ja in der
Nähe, da konnte alles ja nur schiefgehen!
Ich war ein einziges Nervenbündel. Ich heulte. Musste immer wieder daran
denken, was mit Ma passiert war. Was mir Nick angetan hatte. Was mir meine
ehemalige beste Freundin Laetitia angetan hatte.
Ich hatte den ganzen Tag noch nichts gegessen und bekam jetzt Hunger. Aber
im Kühlschrank befand sich nur ein Stückchen faulender Käse. Also weiter
ohne Essen. Obwohl.... Mir kam eine Idee. Ich nahm mir einen großen Beutel
und ging los.
Wieder folgte ich den Schildern zum Krankenhaus.
Ich dachte an das Auto, das mich hier fast überrollt hätte. Warum hatte der
Fahrer mich vorhins nicht überfahren? Dann wäre ich endlich auch tot! Was
sollte ich dennjetzt machen? Was sollte ich mit meinem Leben denn noch
anfangen? Okay, ich wollte abhauen, aber ich müsste mich doch noch von
irgendetwas ernähren müssen! Sollte ich als armes Waisenmädchen auf der
Straße leben? Die Schule schmeißen und keinerlei Zukunft haben? In ein Heim
und dort leben, bis ich volljährig bin? Sollte ich irgendwann als Putzfrau
arbeiten? Denn ich war überzeugt, einen Schulabschluss würde ich nicht
schaffen. Ins Heim würde ich nie gehen und deshalb würde ich auch kein Geld
haben. Also würde ich die Schule abbrechen müssen und mich allein und mit
Nebenjobs durchschlagen müssen. Und keine Ausbildung bedeutet, ein nichts
ohne Geld zu sein.
Ich gelangte am Eingang an. Doch ich hatte nicht vor, meine Mutter anzusehen
wenn sie Tot ist.
Jetzt sah ich mich erst einmal nach der Krankenhausküche um. Ich musste nur
um ein paar Ecken.
"Hallo?", rief ich in die Küche als ich sie gefunden hatte. Keine Antwort.
Kein Wunder, es war Mittag, Essenszeit. Da wurde alles Personal für die
Essensauslieferung gebraucht. Aber das war mir nur Recht. Dann konnte ich in
aller Ruhe alles einpacken was ich brauchte. Denn ich brauche ja Proviant um
zunächst ein paar Tage zu überleben, nur so lange bis Gras über die Sache
gewachsen war und ich wieder einkaufen gehen konnte ohne dass ein
ausgerissenes Mädchen auffiel. Also packte ich meinen Beutel mit vielen,
verschiedenen Dingen, die mich sicherlich eine Woche und mehr satt machen
würden.
Dann schlich ich mich schnell raus, denn ich hörte Stimmen.
Schnell, mit gefüllter Tasche fuhr ich nach Hause.
Im Treppenhaus hörte ich Schritte und beeilte mich schnell in die Wohnung zu
kommen. Ich hatte vor allem und jedem Angst. Selbst wenn ich gar keinen
Grund hatte.
Ich packte viele Nützliche Dinge ein. Schließlich würde ich bald in einem
Wald sein. Ganz allein und ohne irgendwelche Menschliche Hilfe! Eine Welle
von freudiger Erwartung durchflutete meinen Körper. Ich würde schon heute
Abend losziehen.
Dann packte ich noch all meine Anziehsachen in einen anderen Rucksack und
musste dieses Mal nicht darauf achten was am Besten aussah, schließlich
würde mich niemand sehen. Und da war ich Ma dankbar. Und eine unglaubliche
Traurigkeit überkam mich. Warum? Nie wieder sollte ich Ma also sehen? Das
konnte doch nicht sein! Und ich heulte wieder hemmungslos.
Nachdem ich mich ausgeheult hatte saß ich auf dem Sofa und sah fern. Ich
musste bis zur Dunkelheit warten bevor ich dann aufbrechen würde.
Da fiel mir ein was ich vergessen hatte: das Glanzstück der ganzen Aktion:
DEN ABSCHIEDSBRIEF!
Ich raste in den Flur, nahm mir einen Stift und einen Zettel und fing an.
"Liebe Leute, wenn ihr..."
Nein! Zu blöd. Also ohne Anrede.
"Ich hoffe ich verletze niemanden zu sehr, aber..."
Auch zu blöd! Also anders:
"Wenn ihr diesen Brief lest, bin ich nicht mehr unter euch."
Ein guter Anfang. Denn es stimmte, ich wäre nicht mehr unter ihnen sondern
ich wäre dann im Wald. Aber es war ja nicht schlecht wenn alle erst mal
dächten ich wäre tot.
"Ich möchte nicht dass irgendjemand ein schlechtes Gewissen hat."
Doch, genau das wollte ich!!! Aber ich kann ja eins auf braves, kleines
Mädchen machen!
"Aber ich hielt es hier einfach nicht mehr aus. Der Leistungsdruck, die
Lehrer die immer mehr wollten als ich ihnen geben konnte, die falschen
Freunde, die "Freunde" die mich ärgerten wo sie konnten. Ich war doch auch
nur ein Kind, das versuchte seinen Weg in dieser großen weiten Welt zu
finden! Ich kann nicht nur für die Schule leben, um dann doch nur schlechte
Noten zu schreiben!"
Heuchel, heuchel
"Nun möchte ich mich von euch verabschieden, ich werde nun nicht mehr
darüber nachdenken, sondern meinen Weg gehen. Irgendwann muss ein jeder sich
aus der Gefangenschaft der Gesellschaft freischaufeln und endlich glücklich
werden. Auch wenn mein Ausweg vielleicht nicht der ist, der euch am besten
erscheint. In unendlicher Traurigkeit,
Magdalena Anelie Korona
Plötzlich klingelte es an der Tür. Ich löschte alle Lichter, schlich auf
leisen Sohlen zur Tür, sah durch den Spion und ...
Da stand Niklas! Was machte der denn hier?
"Lena, ich weiß dass du da drin bist! Ich möchte mich bei dir entschuldigen!
Ich war echt blöd! ..."
Den Rest wollte ich nicht mehr hören.
"Hau ab! Hast du mich nicht schon genug verletzt?"
Ich rannte ins Wohnzimmer und heulte nochmals. Warum zum Henker kam der Typ
hierher?
Ich versuchte mich auf's Fehrnsehen zu konzentrieren, musste aber immer
daran denken was Niklas hier gewollt hatte. Warum war er hier?
Wie hatte er her gefunden? Mein Gott, jeder hatte eine Klassenliste,
Schlaumeier!
Was wollte er von mir? Wusste er, dass Kathrin hier gewesen war? Wusste er
dass ich sie hasse? Wusste er etwa, dass Ma tot war? Wie viele wussten wohl
schon dass sie tot war? Ach, das war Schmarrn, niemand wusste, dass sie tot
war, deshalb hatte ich im Moment auch noch Sicherheit. Wahrscheinlich würde
schon bald jemand von Jugendamt da sein.
Ich dachte weiter über das Jugendamt nach und kam zu dem sicheren
Entschluss, dass ich fahren würde, sobald es dämmerte. Zufrieden über die
neue Wendung, die mein Leben nehmen würde, sah ich fern.
Inzwischen war es dunkel und ich konnte mir das kleine leicht aufbaubares
Zelt aus Ma's Schrank aus ihrem Zimmer holen. Ich nahm meine beiden großen
Reiserucksäcke und die Tasche mit dem Zelt und sah mich ein letztes Mal in
der Wohnung um. Mein Blick fiel auf die Ansammlung von leeren
Schnapsflaschen und er schauderte mich. Ich ließ die Tür hinter mir ins
Schloss fallen und ging die Treppen herunter in den Fahrradkeller.
Ich schloss mein Fahrrad auf, schob es die Rampe vom Fahrradkeller rauf und
hängte die Tasche mit dem Zelt an den Lenker. Den einen Rucksack legte ich
in den Fahrradkorb, den anderen nahm ich auf den Rücken. Glücklich radelte
ich los.
Ich lebte den Geruch des Sommers. Auch hier in der Stadt. Vor allem, wenn es
gerade geregnet hatte und der Sand aus den Spielplätzen seinen eigenen,
merkwürdigen Geruch ausströmte. Es war zwar dunkel, aber als ich über den
Sommer nachdachte, schien es mir, als spürte ich die warme Sonne auf meinem
Rücken. Aber es war nur eine Illusion. Ich spürte nur die vom Tag noch warme
Luft in meinem Gesicht und wie diese schwüle Luft meine Haut an den Armen
unter meiner Strickjacke sanft umspielte.
Wieder fuhr ich zur Kiesgrube, wieder am Krankenhaus vorbei. Doch hinter der
Kiesgrube befand sich auch ein riesiger Wald der bis über die Grenze nach
Frankreich führte. Oh, endlich frei! Wenn ich nicht auf Verfolger hätte
achten müssen hätte ich laut aufgeschrien und gejubelt. Ich bildete mir
jedenfalls ein, auf Verfolger achten zu müssen. Es war eigentlich ziemlich
unwichtig, aber ich blieb trotzdem noch vorsichtig. Ich dachte nämlich, dass
mir ein Jogger folgte. Aber der dreht bestimmt nur seine abendliche Runde.
Hör auf, dich selbst verrückt zu machen, Mädchen!
Ich wurde jetzt von der stummen Dunkelheit des Waldes umgeben. Tief sog ich
die Waldluft ein. Wunderbarer Walduft! Meine Lungen gefüllt mit Freiheit,
wie es mir schien, mein Kopf klar, meine Sinne geschärft und mein Herz
voller Fröhlichkeit radelte ich den Waldweg entlang.
Ich liebte den Wald. Irgendwie konnte man die Menschen mit Bäumen
vergleichen.
Die meisten waren starr und bewegten sich nur, wenn sie in einem emotionalen
Sturm waren, wie die meisten Laubbäume.
Die anderen waren immer emotional, wie die Trauerweiden.
Andere ließen nichts an sich heran, und wenn dann nur gleichgesinnte, so wie
die Tannen und anderen Nadelbäume.
Und meistens waren auch nur Nadelbäume oder Laubmischwälder zusammen. Wie
die großen Nationen der Welt.
Oder zwei waren gemischt, so wie in Deutschland: Hauptsächlich Deutsche und
Türken oder andere Ausländer. Deutschland war also so eine Art botanischer
Garten, mit Bäumen aus aller Welt.
Und zu viel Sturm kann einen Baum kaputt machen, so wie einen Menschen zu
viel Ärger oder Schmerz kaputt macht.
Und wenn man es zu viel wird, kann man sterben. Wie ein Baum, der bei einem
starken Sturm entwurzelt wird.
Der einzige Unterschied vom Wesen her ist, dass Bäume schlau sind und
deshalb nicht sprechen. Okay, sie hätten auch nicht gerade die Fähigkeit
dazu, selbst wenn sie's wollten. Er trotzdem waren sie intelligenter als
Menschen. Schließlich machen sie die Welt nicht kaputt. Sie begnügen sich
mit der Welt wie sie ist.
Ja okay, was sollten sie auch sonst machen?
So in Gedanken fuhr ich weiter durch den herrlich duftenden Wald und genoss
meine neu gewonnene Freiheit.
Ich wollte nach Frankreich, da würde niemand nach mir suchen. Das war der
Vorteil, wenn man in einer Stadt gleich neben der Grenze wohnte.
Doch nach ungefähr einer halben Stunde oder so, nachdem ich ein paar meter
zurückgelegt hatte und der Weg immer abschüssiger wurde, bekam ich es mit
der Angst zu tun. Hinter mir knackten Äste, selbst wenn ich längst vorbei
war. War da jemand?
Einer der mich verfolgt?
War ich doch entdeckt worden?
Nein!, rief ich mich zur Ordnung, das sind Vögel, die aufgeschreckt wurden!
Aber von wem? Oh, Mann! Von mir! Wirklich, Maggi, manchmal bewundere ich
dich so um deine Intelligenz! Mann, ey, wenn ich so weitermache lande ich
innerhalb von zwei Tagen im Irrenhaus, wegen Verfolgungswahn und meinen
Diskussionen, die ich mit mir selbst führte.
Wie sollte ich da erst einschlafen?
Ich bilde mir diese Geräusche am Schluss ja doch nur ein! Aber trotzdem...
Es klang als wäre jemand hinter mir her, und daran konnte ich mit noch so
viel Willenskraft auch nichts ändern.
Äste knackten weiterhin und ich zuckte immer mehr zusammen. Ich wurde
schneller und schneller.
Nun war ich mir sicher dass ich einen Verfolger hatte, wagte aber nicht
mich umzuschauen.
Bloß weg hier! Ich hatte große Angst.
So groß, dassich den kleinen Fels, der mitten auf dem Weg lag, nicht sah.
Natürlich sah ich ihn nicht, schließlich war es dunkel, aber als ich ihn
dann trotzdem bemerkte, war es zu spät. Ich konnte nicht mehr ausweichen.
Bremsen!, schoss es mir nur noch durch den Kopf und da flog ich schon in
hohem Bogen über den Sattel und landete unsanft auf meinem Knöchel. Benommen
blieb ich eine ganze Weile liegen. Ich hatte ja Zeit. Und keine Lust, jetzt
aufzustehen. Ich war müde und wäre auch liegengeblieben, aber dann kam mir
mein Verfolger in den Sinn.
Als ich sich mir nähernde Schritte hörte wollte ich mich aufrichten, konnte
mich aber nicht rühren. Vor Angst war ich ganz steif. Los, kriech vom Weg
runter, in ein Gebüsch!, sagte ich mir, konnte aber einfach nicht auch nur
den Arm heben.
War das heute denn nicht schon genug gewesen?
Tod, Verrat, Abfuhr und nun würde ich wahrscheinlich, nachdem ich
vergewaltigt worden war, kaltblütig abgeschlachtet, verstummelt oder erwürgt
werden. Gott, erbarme dich meiner! Lass mich nicht so sterben!
Kurze Zeit später spürte ich heißen Atem neben mir und eine heisere Stimme
die sagte:
"Hab ich dich endlich!" Räuspern.
"Man könnte ja denken du würdest verfolgt werden! Ich kam ja kaum nach! Noch
dazu als du so schnell gefahren bist! Eine halbe Stunde laufe ich dir jetzt
schon hinterher! Ich bin zwar der beste Läufer in der Schule, aber auf Dauer
hält das ja keiner aus!"
Ich wurde also doch verfolgt. Aber warum, zum Teufel, klang diese Stimme so
nach Niklas???
"Was tust du hier, du perverses Schwein? Hau ab und lass mich in Ruhe! Hast
du mir nicht schon genug angetan? Ich hasse dich zum Teufel! Was stehst du
hier rum? Hau ab! Lass mich doch einfach nur in Ruhe!", wollte ich rufen.
Aber meine Stimme machte nicht mit. Vor Erleichterung darüber, dass es nur
Nick war, bekam ich nur ein heiseres Krächzen zustande.
Heute hatte ich echt genug mitgemacht!
"Kannst... kannst du mir bitte mal aufhelfen?"
"Aber sicher! Hast du dich verletzt?"
Er zog mich zu sich hoch und kurze Zeit war ich nah an seinem Körper. Vor
wenigen Stunden hätte ich alles für einen solchen Moment gegeben, aber jetzt
war das anders.
"Nein. Es geht schon. Was machst du hier? Und warum verfolgst du mich?"
"Na ja... Ich war ja am Nachmittag bei dir, wie du weißt. Als du mich dann
so angeschrien hast, bin ich ein bisschen in deinem Hof herumgegangen und
hab nachgedacht. Und dann hab ich mir gedacht, dass ich einfach mal vor
deinem Haus warte. Irgendwann musst du ja mal raus. Ich weiß, ein ziemlich
blöder Entschluss, schließlich hättest du ja auch tagelang da drinnen
bleiben können! Aber irgendwie wollte ich auch nicht nochmal nach Hause und
na ja... Jetzt bin ich hier. Ich bin nämlich von daheim weg. Ich habe vor
wenigen Tagen herausgefunden, dass ich adoptiert bin. An einem Tag, ich
suchte irgendwas im Schrank meiner Eltern, eine Briefmarke oder so,
entdeckte ich meine Geburtsurkunde. Aber an die Geburtsurkunde war ein
anderer Zettel geheftet. Und auf dem stand, dass ich adoptiert bin. Mein
Stiefvater und meine Stiefbruder schlagen mich. Meine Mutter hat nichts
getan. Ich habe sie alle ja immer gehasst, aber als dann heute mein Freund
gestorben ist und meine Freunde mich gezwungen haben, dich zu verletzen,
habe ich einfach keinen Sinn mehr darin gesehen, hier zu bleiben. Es tut mir
leid um deine Mutter. Flo, mein Stiefbruder hatte es mir selbst erzählt. Er
war Zivi im Krankenhaus und wusste deshalb bescheid. Ich weiß, wie es ist,w
enn jemand stirbt! Erst wollte ich auch sterben. Aus dem Fenster springen.
Aber dann dachte ich mir, dass mein Leben wertvoll ist. Deshalb wollte ich
auch weg. Davor wollte ich mich noch bei dir entschuldigen, aber du wolltest
ja verständlicherweise nicht mit mir reden. Und dann bin ich mit meinem
Rucksack die ganze Zeit hinter dir her gerannt. Ich erzähl dir alles nochmal
zu einer anderen Zeit. Jetzt sollten wir vielleicht erst mal einen Ort
suchen, an dem wir schlafen können!"
Es hatte ne Weile gedauert, bis er alles erzählt hatte, da er total aus der
Pust war und nur langsam wieder zu Atem kam.
"Das...das tut mir leid. Gut, lass uns einen Platz suchen. Ich habe ein Zelt
dabei, das können wir dann aufbauen."
"Super! Ich hätte es nämlich nicht so angenehm gefunden, unter freiem Himmel
zu schlafen!"
Er half mir tragen und ich schob das Rad neben mir her, bis wir ein Stück
vom Weg entfernt waren. Denn es war gefährlich. Noch waren wir garantiert in
Deutschland!
Wir bauten das Zelt auf und ich lieh ihm eine meiner drei mitgebrachten
Decken. Die Isomatten legte ich unter uns, denn der Boden wäre sonst zu hart
und zu kalt gewesen. Wir unterhielten und nur wenig.
"Gute Nacht!"
"Ja, dir auch!"
Damit war es besiegelt, dass wir zusammenbleiben würden.
Wo war ich? Warum hörte ich denn Vögel? Warum hatte kein Wecker... Ach ja.
Jetzt erinnerte ich mich wieder.
Leckere Düfte stiegen mir in die Nase. Ich zog mich schnell an und ging nach
draußen. Nick hatte ein kleines Feuer gemacht und es irgendwie geschafft,
Toast zu machen. Er hatte auch Käse, Butter und Wurst aus meinem
Vorratsrucksack geholt.
"Morgen!"
"Guten Morgen! Hier, willst du nen Toast? Schmeckt echt gut!"
Ich nahm den Tost, sezte mich neben ihn und genoss das warme Wetter. Die
Sonnenstrahlen fielen durch die Bäume und es war ein wunderbarer, klarer
Sommermorgen. Und das beste war, dass ich frei von allen Verpflichtungen
war. Zwar hatte ich einen hohen Preis bezahlt, aber ich war frei und war mit
Nick zusammen. Ich betrachtete den kauenden Nick. ER sah mich kurz an,
lächelte. Ich lächelte zurück. Er aß weiter. Er war so süß mit den
zerzausten Haaren und so hübsch...
Dann hörte ich das leise Rauschen eines Flusses. Ein kaltes Bad wäre jetzt
genau richtig!
"Lass uns Baden gehen! Wer zuerst da ist!", rief ich einer spontanen
Eingebung folgend und sprang auf.
Ich rannte los, immer meinem Ohr nach. Und ich sah auch schon eine kleine
steile Böschung die zu einem Fluss führte.
Am Fluss angekommen, bemerkte ich, dass ich natürlich keine Badesachen dabei
hatte. Ich zog einfach alles, bis auf die Unterwäsche aus. Denn ob ich jetzt
einen Bikini oder meine Unterwäsche anhatte, kam auf das gleiche raus.
Nick war inzwischen auch da und zog auch alles, bis auf seine
Simpsons-Boxershorts aus.
"Uh, du siehst ja richtig sexy aus, Maggi! Oder willst du, dass ich dich
Magdalena nenn? Oder Lena? Oder Mag?"
"Ach, ist mir egal, wie's dir gefällt" Schließlich nennt mich fast jeder
anders! Na, aber deine Boxershorts sind ja auch nicht ohne!"
Er sah so gut aus! Braungebrannt, ein paar Muskeln. Nicht zu viele aber auch
nicht zu wenig.
"Schau mich nicht so lüsternd an! Ich weiß, dass ich gut aussehe, Nick!",
scherzte ich. Denn unter seinen Blicken wurde ich fast schon rot. Aber er
musste das selbe denken wie ich über ihn, also rief ich:
"Los, ab ins Wasser! Oder willst du hier Wurzeln schlagen?"
"Okay! Also, stürzen wir uns in die Fluten!"
Das Wasser war ziemlich kalt. Nick war einfach reingesprungen und deshalb
schon im Wasser, aber ich zierte mich. Langsam ging ich ins Wasser. Ich war
bis zur Hüfte drinnen, da wurde Nick ungeduldig und spritzte mich voll.
"Ah, hör auf!"
"Dann beeil dich! Mann, so zimperlich!"
"Ich bin nicht zimperlich! Hör also sofort damit auf! Und nenn mich nicht
zimperlich!"
"Zimperlich, zimperlich..."
Da sprang auch ich einfach rein, schwamm schnell zu ihm und tauchte ihn
unter. Prustend kam er wieder hoch, schüttelte seinen Kopf wie ein nasser
Hund und versuchte, auch mich unterzutauchen. Aber ich war zu schnell für
ihn. Wir spritzten uns gegenseitig voll und es wurde eine richtige
Wasserschlacht, bei der wir immer weiter abtrieben. Nach einer weile, mir
war schon ganz wieder ganz kalt, schwammen wir gegen die Fließrichtung des
Flusses zu der Stelle zurück, an der wir auch ins Wasser gegangen waren. Wir
kletterten die Böschung herauf und liefen zum Zelt zurück. Dort trockneten
wir uns ab und zogen uns an.Wir bauten das Zelt ab und beeilten uns, unsere
Spuren zu verwischen. Das Fahrrad beluden wir wieder mit unseren Sachen, wie
einen Packesel und gingen dann zurück zum Weg. Nick war überrascht, weshalb
wir so schnell aufbrechen, aber ich sagte ihm:
"Um so schneller wir sind, um so schneller sind wir in frankreich und somit
auch bald fast unerreichbar für diejenigen für die es sich lohnt uns zu
verfolgen!"
"Du hast natürlich Recht, aber wir müssen uns echt beeilen, wenn wir nicht
erwischt werden wollen. Und leise sein!"
"Ach, es ist elf Uhr Vormittags und ich glaube nicht, dass jemand sich
hierher verirrt. Schau dir doch mal die Wege an! Und nirgends sind Spuren
von Menschen oder irgendwelchen Arbeiten oder Pflastersteinen!"
Wenn man hier nicht aufpasste, trat man schnell in eine Distel oder in die
manchmal kniehohen Brennnesseln. Und es gab auch keine Pflastersteine.
Es sah aus, als wäre seit Jahren niemand hierentlang gegangen.
Aber das war nur gut so. Niemand würde uns finden. Niemand.
Der Weg ging schon seit Ewigkeiten geradeaus. Der Tag neigte sich dem Ende
zu und wir sahen uns nach einem Plätzchen zum Übernachten um. Wir hatten den
ganzen Tag geredet und gelacht. Nick war so viel netter, als ich gedacht
hatte!
Als wir die Hoffnung auf einen Platz zum Übernachten schon fast aufgegeben
hatten, hörte der Wald auf und wir befanden wir uns am Fuße eines sehr
kleinen Hügels, an dem eine kleine, verfallene Kirche stand.
Wir beschlossen hier zu übernachten, wenn es keine Menschen gab.
Die Kirche war zwar verfallen, aber als wir uns am Eingang befanden und auf
ein lautes "Hallo?" keine Antwort bekamen, betraten wir ein.
Innen war es gar nicht so verfallen wie es von außen ausgesehen hatte.
Durch fast überall intakte Buntglasfenster kam warmes Licht und fiel auf den
gepflasterten Boden. Trotzdem wirkte die Kirche kalt und düster. Durch das
geringe Licht konnten wir gerade die reichlichen Stuckverzierungen an der
Decke und an den Wänden sehen. Es gab noch ein paar Bänke, doch der meiste
Platz war noch gar nicht bebaut. Überhaupt sah die ganze Kirche, obwohl
wegen der Größe eher eine Kapelle, aus als wäre sie gar nicht fertig gebaut
worden.
Bänke fehlten. Der Beichtstuhl war nur als ein hoher Einlass in die Wand zu
erkennen. Aber es gab einen Altar.
Und der war, wie es schien, als erstes gebaut geworden. Er befand sich vorne
im Kirchenschiff. Ein Steinerner Vorsprung mit einer halb verwesten
Rüschendecke darauf und einem Vergoldetem Kreuz an dem Jesus Christus hang,
stellte den Altar da.
An der Wand hinter dem Altar schien einmal ein großes Ölgemälde gehangen zu
haben, denn an der Stelle war ein Rechteckiger Fleck, der heller schien als
die restliche Wand.
Wie beschlossen, erst einmal die Gegend um die Kapelle herum zu erkunden und
dann dort zu übernachten. Wir stellten unsere Sachen, auch das Fahrrad, an
den Einlass wo der Beichtstuhl mal stehen sollte und traten wieder in das
helle Sonnenlicht hinaus. Gleich hinter der Kapelle entdeckten wir einen
kleinen Brunnen in dem sich klares Wasser befand.
Wir nahmen erst einmal ein paar Schlucke, und dann umrundeten wir den
kleinen Hügel. Nirgends gab es Anzeichen von Menschen. Gut so. Dann rannten
wir auf den Hügel. Weit und breit nur Wald und ein paar Lichtungen. Man
konnte nicht ein mal mehr die Stadt erkennen, aus der wir gekommen waren.
Das hieß, wir waren über der Grenze! Wir fragten uns zwar, was eine
einzelne, nicht fertiggestellte Kirche mitten im Wald auf einer kleinen
freien Fläche verloren hatte, dachten aber nicht länger darüber nach. Wir
legten uns ins Gras und sahen die Wolken an. Plötzlich packte Nick mich an
den Händen und wir rollten zusammen den Hügel herunter, wie ich es immer
getan hatte, als ich klein war.
Wir rollten aber total schief und kamen dadurch zum Glück direkt bei der
Kapelle an.
Der Himmel im Westen färbte sich schon dunkel. Deshalb gingen wir in die
Kapelle, und holten Kerzen aus dem Rucksack.
Wir zündeten ganz viele an, aber nicht zu viele, denn sonst sah man uns von
außen sofort.
Dann schnitten wir Baguettescheiben, belegten es mit viel Käse, Wurst und
geschnittenen Cocktailtomaten.
Als wir fertig gegessen hatten, sagte Maggi:
"Nick, erzählst du mir jetzt ein bisschen von dir und deinen Beweggründen
mitzukommen?"
"Okay. Ich habe jemanden verloren, der mir mehr wert war als alles andere.
Aber bevor ich es dir erzähle, machen wir lieber die Tür zu, und stellen das
Zelt auf, ehrlich gesagt, fürchte ich mich schon ein bisschen hier.
Ganz alleine in einer Kirche mittenauf einer großen Lichtung, rundherum nur
Wald. Jedenfalls fast. Um uns herum ist zwar viel Wiese, aber vielleicht
gibt es ja Kreuzottern hier, und dann möchte ich nicht unbedingt von denen
gebissen werden!"
"Okay."
Wir schlossen die schweren Türen und bauten zur Sicher heit das Zelt auf.
Dann legten die Isomatten rein, die Decken drauf, löschten die Kerzen,
machten die Taschenlampen an und legten unsauf die Matten. Ich zog mich bis
auf meine Unterwäsche aus und kuschelte mich in meine Decke.
Auch Nick machte sich zum Schlafen bereit.
Jetzt lagen wir also da und ich sah ihn erwartungsvoll an.
"Also. Einmal, bin ich mit dem Bus vom Park nach Hause gefahren. Ich stand
also vorne, nähe Busfahrer, als plötzlich die Leute hinten anfingen zu
schreien und nach einem Arzt zu rufen.
Ich lief also hinter, weil ich erst kurz davor einen Erst-Hilfe-Kurs gemacht
hatte.
Da lag ein Junge auf dem Boden der sich in Krämpfen wand.
Ich erkannte sofort dass er einen Epileptischen Anfall hatte. Ich hatte zum
Glück einmal einen Dokumentarfilm darüber gesehen und wusste was zu tun war.
Ich kniete mich hin und legte seinen Kopf auf meine Beine, damit er sich
nicht anstieß.
Dann fragte ich im Bus herum ob jemand Wasser oder ein feuchtes Tuch hatte.
Zum Glück hatte jemand eine Flasche Wasser dabei, so konnte ich Wasser auf
ein Tuch tun und ihm damit die Stirn kühlen.
Dann reinigte ich eine Wunde am Bein, aus der unablässig Blut rann. Jemand
hatte dem Fahrer bescheid gesagt, denn er hatte angehalten und dann kam ein
Krankenwagen.
Der Notarzt fragte mich, nachdem der Junge einigermaßen versorgt war, woher
ich gewusst hatte, was ich tun müsste.
Ich sagte es ihm und er sagte, dass ich ihm das Leben gerettet hatte.
Ich konnte es nicht glauben! Fünf Minuten später und er wäre tot gewesen!
Am nächsten Tag besuchte ich ihn im Krankenhaus.
Er hieß Lorenz und dankte mir überschwenglich, dass ich ihm das Leben
gerettet hatte.
Er wusste was für ihn auf dem Spiel gestanden hatte.
Wir unterhielten uns, und verstanden uns wirklich gut.
Ich besuchte ihn sooft es ging. Auch als er wieder gesund war und zurück in
das Heim musste, in dem er lebte, weil seine Eltern sich mit ihm überfordert
gefühlt hatte, besuchte ich ihn.
Ich erfuhr dass er, als er im Bus war, ausgerissen war um Bus zu fahren.
Er liebte Bus fahren, und als ich mit den Betreuern geredet hatte, durfte
ich mit ihm in den Park gehen und Busfahren.
Aber meistens fuhren wir nachmittags nur Bus.
Er liebte Bus fahren und mir machte es auch Spaß.
Lorenz und ich wurden beste Freunde.
Ich hätte nie gedacht dass es soetwas unter Jungen gäbe, es gibt ja auch
Freundschaften unter normalen Jungen ziemlich selten. Ich hatte mich davor
sogar vor Behinderten geekelt, aber jetzt ging ich mit Lorenz um wie mit
jedem normalen Jungen, nur netter und ich musste mich nicht verstellen, wie
bei den anderen Jungen in unserer Klasse.
Doch dann, gestern, als ich heimkam, erfuhr ich von meinem tollen Bruder,
der im Krankenhaus arbeitet, wörtlich: dass so ein "blöder Behinderter"
angefahren wurde und tot ist.
Ich hasse meinen Bruder.
Er erzählt mir immer die Sachen, die ich nicht hören möchte, deshalb weiß
ich dass mit deiner Mutter auch. Und es tut mir leid.
Deshalb bin ich auch ausgerissen. Aber auch wegen meinen Eltern.
Vor ein paar Tagen habe ich im Schrank meiner Eltern nämlich eine Urkunde
entdeckt die besagt dass ich adoptiert bin.
Dass war natürlich ein Schock, aber ich habe ihnen das nicht erzählt, mein
Vater hätte mich nur geschlagen.
Dann hast du mich das gestern gefragt und ich musste dich verletzen.
Ich hasse alle Leute in dieser Stadt! Alle scheinen so herzlos!
Niemand schien mich zu verstehen!
Deshalb habe ich nur schnell ein paar Anziehsachen eingepackt und bin dann
zu dir um mich bei dir zu entschuldigen. Ich wollte danach abhauen.
Als ich im Treppenhaus war, hörte ich wie Sarah, die dumme Zicke sagte: `Die
Kamera kannst du bezahlen!´
Und dann kam sie mir entgegen. Ich konnte mich gerade noch im Schatten einer
Treppe verstecken.
Kurz vorher hatte ich mich auch vor Laetitia verstecken müssen, die heulend
aus dem Haus rannte.
Tja, dann habe ich gewartet, ich weiß auch nicht warum, du hättest ja auch
erst morgen kommen können, und bin dir danach gefolgt. Du hast ein ganz
schönes Tempo drauf!
Und den Rest weißt du ja!"
Ich machte ein schuldbewusstes Gesicht und sagte: "Laetitia hat wegen mir
geweint. Sie kam mit der blöden Kathrin zu mir in die Wohnung, ich hasse
Kathrin, und nach diesem Tag habe ich nur noch herum geschreien, wie du ja
auch erfahren hast.
Tja, da war sie wohl vollkommen perplex, als Kathrin ihr sagte sie habe sie
immer nur ausgenützt.
Aber, es tut mir so leid, wegen Lorenz! Ich wusste das nicht! Sonst hätte
ich dich auch nicht so angeschrien. Es tut mir echt Leid!"
Und dann gähnten wir beide gleichzeitig. Ich fand für heute war es genug.
Ich wollte nur noch schlafen, dann musste ich wenigstens nicht mehr über
alles nachdenken.
"Ach, das ist schon okay. Wenigstens weißt du ja, wie ich mich fühle und
sagtst nicht dauernd irgendwelche Sachen, die keiner in so einer Situation
hören will!"
"Gut. Das denke ich auch! Also, ich bin jetzt müde. Gute Nacht, bis
morgen!", sagteich, sah ihn noch mal an und löschte die Taschenlampe.
Ich schlug die Augen am nächsten Morgen auf, und sah, dass Nick nicht mehr
da war. Aber er war sicher nur in die Kapelle gegangen.
Ich streckte mich erst mal ausgiebig, dann kroch ich aus dem Zelt.
Ich trat nicht in helles Sonnenlicht, sondern in eine kühle Kapelle. Ich
spürte den harten, steinernen, kalten Boden unter meinen Füßen.
Ich ging durch die inzwischen offene Tür. Wie Nick die wohl so leise
aufgekriegt hatte ohne mich zu wecken? Aber ich hatte einen tiefen Schlaf.
Endlich spürte ich weiches, warmes Gras unter meinen Füßen.
Der Morgen war warm und freundlich. Am Himmel waren zwar Wolken, aber das
waren ja keine Gewitterwolken.
Ich sah Nick am Brunnen, wo er sich wusch. Zum Glück hatte er noch seine
Boxershorts an, sonst wäre es ihm sicher peinlich gewesen, wenn ich ihn
nackt sah.
Er hatte heute wieder Simpsons-Boxershorts an, aber diese Mal nur mit Bart.
Gestern war Homer drauf gewesen, als er sich gerade an die Stirn schlug und
"Nein!" rief. Bart gefiel mir besser.
"Guten morgen! Wie hast du denn die Tür aufbekommen ohne mich zu wecken? Was
für süße Boxershorts du doch heute wieder an hast!"
"Danke, Morgen auch. Die Tür ging ganz leicht auf, komisch oder? Obwohl sie
so schwer aussieht. Wollen wir nach dem Frühstück gleich weiter?"
"Okay. Aber jetzt bist du ja fertig, oder? Dann kannst du ja schon mal das
Zelt und den Rest abbauen. Wir können uns ja dann Baguettebrötchen machen
und auf dem Weg essen."
"Dein Wunsch ist mir Befehl! Aber wir haben nur noch zwei Scheiben Käse und
eine Scheibe Wurst. Aber Brot haben wir genug. Trotzdem müssen wir irgendwie
wieder an ein bisschen Käse und Wurst kommen!"
"Ja, ich weiß schon, aber irgendwie werden wir schon was finden!"
Dann brachen wir bald auf. Wir kamen von der Lichtung auf einen Weg im Wald.
Die Brote waren schnell gegessen, der Weg wurde immer besser, bis dann sogar
einzelne Pflastersteine auf dem Weg waren, und dann, nachdem wir lange
gelaufen waren, gingen wir vom Weg herunter und in den Wald.
Denn da der Weg besser war, würde bald ein Ort oder gar eine Stadt kommen.
Als wir das Zelt aufgebaut hatten, sagte ich zu Nick:
"Bald kommt ein kleines Französisches Dorf, das Granerié heißt. Ich kenne
es, denn meine beste Freundin, Xenia, wohnt dort. Es sind zwar noch ein paar
Kilometer bis dahin, aber ich wollte fragen, ob wir dort ein bisschen
bleiben können? Keine Angst, es gibt nicht mal eine Polizeiwache dort, erst
im nächsten Dorf, es wohnen höchstens Hundert Leute dort, sie erfahren
nichts von der Außenwelt, sie leben wirklich wie abgeschnitten vom Rest der
Welt. Wir haben also nichts zu befürchten. Und ich würde gerne mal wieder
mit ihr reden und ihr alles erzählen, denn ihr kann man vertrauen! Bitte!
Wir können auch erst ein bisschen hier bleiben, wenn du willst!"
"Okay, wenn du's sagtst, dann muss es ja stimmen, dass wir nichts zu
befürchten haben! Aber wir bleiben erst noch hier!"
"Yeah, Danke!", rief ich, außer mir vor Freude, umarmte ihn und gab ihm
einen Kuss auf die Wange.
Ich freute mich total auf Xenia, sie war schon seit Jahren mit mir
Befreundet. Wir kannten uns in- und auswendig.
Endlich würde ich sie wiedersehen! Ich war schon früher oft bei ihr, in den
Ferien. Ma hatte mich dann los und musste nichts zahlen.
Dass ich Xenia kannte kam daher, dass ich meine Tante besuchte, die damals
noch lebte, damit ich besser Französisch spreche.
Ich wohnte mit ihr ungefähr zehn Kilometer von Granerié entfehrnt.
Als ich einen Ausflug machte, verirrte ich mich. Dann fing es an zu
Gewittern. Ich flüchtete mich in dieses Dorf, welches wir ja bald erreichen
werden.
Ich hatte mich Am Fußknöchel verletzt und die Mutter von Xenia half mir.
Ich übernachtete bei ihnen und Xenia und ich wurden beste Freundinnen.
"Wie viel Uhr ist es? Du trägst deine Uhr doch Tag und Nacht, oder?"
"Es ist...12 Uhr 7 Minuten. Zeit zu Mittag zu essen!"
"Gut, ich habe da ein Hühnchen dabei, das müsste sowieso gegessen werden,
sonst wird es nur schlecht. Du sammelst Feuerholz, ich mach den Rest."
"Okay."
Er sammelte also Holz während ich das Hühnchen von allen Seiten würzte. Auf
Italienisch und Spanisch heißt Hühnchen übrigens Galina. Wie eine aus meiner
Klasse.
Als er wiederkam suchte ich mir zwei Astgabeln heraus, steckte sie in die
Erde, bohrte einen Stock durch das Hühnchen und briet es dann auf dem Feuer,
dass Nick entfacht hatte. Als es dann endlich fertig war, war es nicht mal
schlecht. Wenn man von dem Verkohlten Äußeren, und den Innereien, die ich
mich nicht getraut hatte rauszunehmen, absah. Aber es war ja auch das erste
Mal, dass ich ein Hühnchen gebraten habe. Danach wussten wir nicht was wir
tun sollten. Also hieß es faulenzen. Ich suchte mir ein Plätzchen in der
Sonne, breitete meine Isomatte aus und bräunte mich.
Tja, auch wenn wir keine Wurst und keinen Käse haben, waren wir glücklich.
Ich weil ich Xenia bald wiedersehen würde und Nick weil er ... nun, er war
einfach glücklich, ich weiß auch nicht warum. Wahrscheinlich weil er von
seiner tyrannischen Familie weg war. Wieso hatte seine Mutter ihm auch nicht
geholfen? Was war das für ein Mensch? Aber noch schlimmr war ja wohl sein
Vater. Es war nicht mal sein eigener Sohn, und er schlug ihn trotzdem ohne
Grund.
Und erst der Bruder! Nick hatte mir auf dem Weg hierher erzählt, was er noch
so für fiese Sachen gemacht hat.
Bald wurde mir kalt und langweilig. Und zum Brote belegen hatten wir immer
noch nichts. Ich sah in den Himmel, von dem man nur kleine Stückchen sah.
Doch dass was ich sah, beunruhigte mich ein bisschen. Der Himmel war ganz
und gar schwarz.
"Nick, wir müssen uns beeilen! Es gewittert bald! Wir müssen die Decken
irgendwie an das Dach vom Zelt hängen, denn ich weiß nicht, ob das Zelt
wasserdicht ist!"
Und sofort nachdem wir die Decken mit Wäscheklammern an der Zeltdecke
festgeheftet hatten, fing es an in Strömen zu regnen.
Wir saßen zum Glück in unserem Zelt, während es schüttete. Es war richtig
gemütlich. Ich habe Regen schon immer geliebt, wenn es mir warm war und ich
beobachten konnte wie die Tropfen fielen. Diese Mal konnte ich die Tropfen
zwar nicht beobachten, mir war auch kalt, aber es war trotzdem gemütlich.
Ich wünschte wir hätten die Decken nicht benötigt! Dann sah ich unter die
Decken, und es drang kein Wasser durch das Zeltdach.
"Nick, wir können die Decken benutzen! Das Zeltdach ist wasserdicht!"
Vorsichtig, damit nicht doch noch Wasser eindrang, nahmen wir erst mal nur
eine Decke ab. Wir kuschelten uns zu Zweit unter die decke und ich genoss
den Körperkontakt.
Glücklicherweise hatten wir die Rucksäcke mit in das Zelt genommen, denn so
konnten wir die letzte Scheibe Käse auf zwei Scheiben Baguette verteilen.
Obwohl es noch hell war, wurden wir von dem gleichmäßigen Tropfen schnell
müde.
Schläfrig redeten wir noch über alles mögliche. Und dann schliefen wir beide
mitten im Gepräch und in unseren Sachen ein.
Als wir am nächsten Morgen ein Feuer gemacht, Toasts geröstet und sie
trocken verschlungen hatten, bemerkten wir, wie dreckig unsere Sachen waren.
Wir hatten jetzt beide seit drei Tagen das selbe an.
Wir könnten zwar beide unsere Sachen wechseln, entschieden aber dass es
besser wäre, wenn wir unsere Sachen immer sofort wuschen. Also beschlossen
wir, die Sachen auch jetzt gleich zu waschen.
Aber unsere Mägen knurrten und wir hatten großen Hunger. Ich hatte also die
geniale Idee Pfannkuchen zu machen.
Da musste man wenigstens nur Mehl und Wasser mischen und in einer Pfanne
anbraten. Dann ein bisschen Zucker drauf und fertig.
Nachdem wir gegessen hatten, gingen wir mit unserer dreckigen Wäsche zu dem
Bach. Es war ganz lustig, denn wie zu erwarten landeten wir am Schluss im
Bach.
Danach packten wir unsere Sachen und zogen ein paar Meter weiter. Als wir
mit dem Zelt in der Hand und den Rucksäcken auf den Rücken und das Fahrrad
schiebend durch den Wald gingen, rutschte ich plötzlich aus.
"Shit!", fluchte ich, mir den Hintern reibend, stand auf und sah auf den
Boden, wo ein riesiger zertretener Pilz war.
Nick lachte. Ich ging wütend weiter. Dann hatte ich plötzlich eine tolle
Idee.
"Wenn du aufhörst zu lachen, sag ich dir die Lösung zu unserem
Wurst-Käse-Problem!"
"Okay, sag!"
"Es hat ja geregnet. Also sind viele Pilze gewachsen."
"Ja und?"
"Pilze sind ein Nahrungsmittel!"
"Ja schon, aber was hat das mit unserem Problem zu tun?"
"Kapierst du denn nicht? Wir können sie zerkleinern, kochen und eine Art
Brotaufstrich daraus machen!"
"Glaubst du das das dann einigermaßen genießbar wird?"
"Nicht wirklich. Aber wir können es ja mal versuchen!"
"Okay. Aber bauen wir hier das Zelt auf. Danach können wir ja dann die Pilze
sammeln und sie dann mit ein bisschen Zwiebel kochen."
"Okay."
Dann bauten wir das Zelt auf. Inzwischen hatten wir schon Übung und kriegten
es jetzt schon in weniger als 4 Minuten hin.
Danach streiften wir durch den Wald und suchten Pilze. Na ja, wir suchten
eigentlich nicht, sondern fanden nur. Überall wuchsen Pilze. Zum Glück
hatten wir erst kürzlich in Biologie Pilze durchgenommen, so konnten wir
giftige von essbaren unterscheiden.
Ein Wunder, dass wir sie nicht bemerkt hatten.
Wir sammelten erst mal nur eine Tüte voll, wer weiß ob der Brotaufstrich gut
wurde!
Jeder nahm sich eine Hälfte der Pilze vor, die er dann zerkleinerte. Wir
schnitten die Pilze so klein, dass man fast nicht mehr erkannte was diese
Masse davor einmal war.
Wir zerstampften die Pilze noch mehr im Topf, wo sie dann vor sich hin
köchelten. Die Pilze wurden gewürzt und ich gab noch ein bisschen Butter
dazu. Es wurde eine dickflüssige Masse.
"Das haben wir ja ganz gut hinbekommen. Jetzt muss es nur noch gut
schmecken!", sagte ich, nachdem wir die ganze Masse in die größte Schüssel
gefüllt hatten, die ich dabei hatte. Inzwischen war es schon wieder dunkel.
Nur der Schein des Feuers gab noch Licht ab.
Aber der Himmel war noch Rot von der Untergehenden Sonne. Ich betrachtete
die Wolken die von den letzten Sonnenstrahlen erhellt wurden. Es war
wunderschön.
Aber seltsam, hier unten war es dunkel und oben, am Himmel schien sozusagen
die Sonne.
"Hach", atmete ich tief ein, hob die Arme und sagte: "Endlich frei! Keine
Verpflichtungen mehr! Keinen Stress in der Schule mehr!" Ich stand von der
Plastiktüte, auf der ich gesessen hatte, auf und drehte mich im Schein des
Feuers um meine eigene Achse.
"Du sprichst mir aus der Seele! Aber es ist doch ziemlich unbequem hier auf
dem Boden zu sitzen. Da hinten habe ich beim Pilze suchen einen Baumstamm
gesehen, auf den können wir uns setzten. Ich schleife ihn hierher, okay?"
"Gute Idee, ich helf dir!"
"Schon gut, das ist Männersache!"
"Wie du meinst..."
Nur wenig später hörte ich wie Nick zurückkam. Aber er kam nur langsam
voran, kein Wunder, der Stamm schien ziemlich schwer.
Ich stand auf, hob die Tüten auf und wartete, bis Nick den Baumstamm dann
abgelegt hatte.
Dann setzten wir uns auf den Baumstamm. Wie durch ein Wunder war er total
trocken, und das obwohl es die ganze letzte Nacht durchgeregnet hatte. Wir
saßen also da, starrten in das Feuer und ich lehnte mich an Nick an. Es war
so gemütlich, dass ich wünschte, wir könnten ewig hier sitzen. Aber was
sollte uns heute daran hindern? Nichts! Dachte ich.
Wir unterhielten uns ein bisschen. Dann sagte er was ganz süßes:
"Ach, Maggi! Du bist so hübsch und so süß! Und nett bist du auch noch! Wie
konnte mir das so lange verborgen bleiben? Ich wünschte, ich hätte dich
schon viel früher verletzt..."
Weiter kam er nicht, ich musste ihn einfach küssen. Der Kuss war
wunderschön. Seine Lippen waren weich. Er war so süß!
Als wir uns wieder voneinader lösten, weil wir ja Lebewesen waren und atmen
mussten, sah ich wie wunderschön seine Augen waren.
"Wie schön..." Und wir küssten uns nochmal. Und nochmal. Und noch viele Male
an diesem Abend.
Doch dann ertönte plötzlich ein Schuss! Verschreckt fuhren wir hoch.
"Schnell, wir müssen das Feuer löschen! Sonst entdeckt man uns!"
Und wir trampelten auf dem Feuer herum, bis es gelöscht war.
Dann krochen wir schnell ins Zelt, deckten uns zu und hofften, dass uns
niemand entdeckte. Aneinandergeschmiegt, schliefen wir ein.
Doch wir schliefen nicht lange. Wir hatten am Vorabend nicht bemerkt, wie
spät es schon war. Also wachten wir nach wenigen Stunden, von Sonnenstrahlen
geweckt, auf.
Wir lugten vorsichtig aus dem Zelt. Nichts.
Nur wie immer: die Vögel zwitschern, die Äste wiegen sich sanft im Wind, die
Asche vom gestrigen Feuer wurde über die ganze Fläche vor und um unser Zelt
geweht worden, aber keinerlei Anzeichen von einer "fremden Existenz".
Trotzdem sind wir vorsichtig, und beschließen, doch schon heute in das Dorf
zu gehen.
Wir zogen uns noch schnell saubere Sachen an, schließlich darf niemand etwas
bemerken, nur Xenia, sie ist schließlich meine beste Freundin. Und ihr werde
ich es auch sofort, in der esten Nacht, erzählen, auch wenn ich dann vor
Schmerz fast vergehen werde.
Aber jetzt packten wir erst mal alle Sachen, die wir gestern draußen
vergessen hatten in einen Rucksack und bauten das Zelt ab.
Doch bevor wir gingen, strichen wir noch ein bisschen von der Pilz-Pampe auf
das letzte Toastbrot, bissen ab, und spuckten alles wieder aus.
"Bäh! Echt, ich will dich ja nicht beleidigen, aber: Das schmeckt echt
eklig!"
"Echt, du hast vollkommen recht! Sowas von ekelhaftes hab ich echt noch nie
gegessen! Jetzt wissen wir wenigstens wie Socken schmecken, wenn sie seit
drei Jahren nicht gewaschen wurden!"
"Ja, aber auf die Erfahrung hätte ich echt verzichten können!"
Wir suchten uns danach den Weg zur Straße und gingen eine Weile schweigend
nebeneinander her. Dann sahen wir uns gleichzeitig an und mussten lachen.
Mai, er ist halt so süß!!!
Dann kamen wir an den Ortseingang und blieben stehen.
"Jetzt sind wir da, du siehst: keine Polizei, nur drei Geschäfte. Ein
Supermarkt, ein Elektrogeschäft, ein Kleidungsgeschäft. Im Supermrkt gibt es
übrigens alles, wirklich, alles. Und Leute von außen, die hier beliefern,
kommen nur zwei Mal die Woche, und selbst dann kriegen die nichts mit, die
sind jung und sehen immer ein bisschen zugekifft aus."
"Na gut, die Macht sei mit uns!"
Und lachend gingen wir ins Dorf. Ich sagte zu Nick:
"Bleib kurz hier mit dem Fahrrad stehen, bitte!", und ging in den leeren
Supermarkt. Und zur Wursttheke.
"Was darf's denn sein? Heute haben wir besonders schöne Zunge im Angebot!",
sagte die Verkäuferin auf Französisch und ich antwortete ihr, ebenfalls auf
Französisch:
"Nein, danke.."
"Magdalena! Wie schön!", rief Tante Jeanette, rannte um die Theke und
umarmte mich herzlich.
"Gut siehst du aus! Warum hast du nicht angerufen bevor du hierher kamst?"
Tja, jetzt waren wir mittendrin.
"Ich wollte euch überraschen, ich hoffe es geht, dass ich ein paar Tage bei
euch bin?"
"Aber natürlich! Komm, ..."
"Tante Jeanette? Da ist noch etwas: ich hab einen Jungen dabei, Nick, er ist
echt nett und wird auch keinen Ärger machen oder so, aber er kann ..."
"Natürlich!", sagte sie mit einem Augenzwinkern, "Dann geht doch schon mal,
Xenia ist zu Hause!"
"Danke!", antwortete ich und gab ihr einen Kuss auf die Wange.
Ich ging zu Nick heraus und wiederholte nochmals, was ich mit Tante Jeanette
besprochen hatte. Dann gingen wir zu Xenia.
Ich sah sie schon von weitem auf der Veranda sitzen.
Da entdeckte sie mich.
"Maggi!!! Was machst du denn hier? Ihr habt doch noch gar keine Ferien!",
rief sie laut, rannte auf mich zu, wir umarmten uns und hüpften vor freude
ein bisschen herum.
Für Nick muss das ja blöd ausgesehen haben, aber ich freute mich so!
"Endlich, wir haben uns schon so lange nicht mehr gesehen!"
"Ja, ich erzähl dir heute Nacht, warum wir hier sind. Das ist Nick!"
"Hi! Aber jetzt sag schon! Warum seid ihr hier?"
Ich sehe Nick an, er nickt mir zu, ich sage:
"Wir sind hier, weil Ma tot ist. Nichts hat mich mehr dort gehalten. Und
Nick ist hier, weil er seinen besten Freund verloren hat und herausgefunden
hat, dass er adoptiert wurde."
Ich hatte herausgefunden, dass Nick das wirklich erst zwei Tage bevor wir
abgehauen sind, herausgefunden hat. Und das hätte mich auch umgehauen. Aber
er hätte es mir sagen sollen!
Schließlich haben wir echt kein einziges Geheimnis mehr voreinander, das
hoffe ich jedenfalls.
"Oh mein Gott! Aber, warum hast du nicht bescheid gesagt oder irgendetwas?
Du hättest doch bei uns wohnen können! Aber jetzt musst du im Wald leben!"
"Xenia, ich mache das doch gerne! Ich liebe den Wald und auch mein neues
Leben! Und die Regierung hätte esnie und nimmer gebilligt, dass zwei
Jugendliche einfach im Wald leben! Das weißt du genauso gut wie ich!"
"Schon, aber wir hätten es doch versuchen können!"
"Xenia, du musst verstehen, dass ich jetzt nicht darüber reden will. Zu
schmerzhaft. Es reicht doch, wenn heute Nacht alle Wunden wieder aufgerissen
werden! Und nun, lass uns erst mal unsere Sachen wegbringen!"
"Gut, ihr könnt das Fahrrad und das Zelt in den Schuppen hinterm Haus
stellen und die Rucksäcke ins Haus. Aber am besten wär's wohl, wenn die
Rucksäcke in mein Zimmer kämen."
Nachdem wir das Rad und das Zelt in einen Schuppen gebracht hatten, gingen
wir in das Efeuüberwucherte Haus. Die schwere, alte Holztür quietschte nicht
mehr, wie sie es sonst immer gemacht hatte. Fragend sah ich Xenia an.
"Manchmal muss ich nachts noch weg - und Ma sperrt manchmal die Verandatür
an meinem Zimmer ab, falls jemand einbrechen sollte."
"Aha, verstehe!", antwortete ich ihr und wir lächelten uns an. Immer, wenn
ich zu ihr kam, und wir uns eine Weile nicht gesehen hatten, also jedes Mal,
war am Anfang eine kleine Distanz zwischen uns. Aber nach spätestens einer
halben Stunde war die überwunden.
Dann gingen wir den hellen Flur entlang, kamen an der modernen Küche vorbei,
und kamen dann zu der Tür, durch die man Xenias Zimmer, oder sollte man
lieber "Zimmern" sagen?, betrat.Wir betraten es, und wie immer war ich total
eifersüchtig auf Xenia.
Nicht nur, dass sie ein schöneres Zimmer als ich hatte, und das hatte
wahrscheinlich jeder, sondern es war auch viel schöner und gemütlicher, als
alle Zimmer der Welt.
Jetzt eine kleine Beschreibung: Der Teppich war Dunklerot, genau wie die
bodenlangen Samtvorhänge an den Fenstern, die eine ganze Wand einnahmen und
von denen aus man den schönen, großen Garten sehen konnte. Der Garten war
wunderschön. Überall Blumen, ein Springbrunnen, ein Baum mit einer Schaukel,
ein Baumhaus und einen Mini-Swimming-Pool.
Aber wieder zurück zu Xenias Zimmer: da gab es den riesigen, alten,
polierten Sekretär mit den vielen Geheimfächern.
Man konnte zum Beispiel die Holzlatte zwischen zwei Schubladen herausnehmen,
dort versteckt Xenia ihr Tagebuch. Natürlich ist es für mich total tabu.
Dann gibt es da noch die Sofaecke mit dem Fernseher. Da war es so gemütlich.
Die Sofas waren allesamt aus rotem, glänzendem Leder in dem Knöpfe waren.
Bei den Knöpfen war im Leder dann kleine Einbuchtungen. Man könnte denken,
das wäre unbequem, aber es war das Gegenteil, total gemütlich und vor allem
weich.
Ich wundere mich immer, wie man so reich sein kann, aber Xenias Mutter hat
ein Erbschaft gemacht, und diese Erbschaft war dieses Haus, mit ein paar
Möbeln und ein bisschen Geld.
Okay, dann gab es noch viel Vitrinen, in denen uralte, schön bemalte Bücher
und Familienschmuck standen und lag. Das Zimmer selbst war sehr groß.
So an die zwanzig Quadratmeter.
Da waren zwar wenige Möbel, aber dafür hatte man Platz um zu Skaten und
Einrad zu fahren. Skaten war auf dem teppich zwar ziemlich schwer, aber
Einrad kann man sehr gut fahren.
Und die Wand, die der Fensterfront gegenüber war, bestand nur aus Spiegeln.
Früher hatten Xenia und ich immer Modenschau davor gemacht. Das war immer
ziemlich witzig gewesen.
Und dann gab es ja noch die anderen drei Zimmer. Nick hatte die Türen auch
schon bemerkt, nachdem er erst mal gestaunt hatte, und gefragt, was dahinter
denn so war.
Tja, dahinter waren in einem Zimmer nur Kissen, Matratzen, und noch mehr
Kissen. Also, eine Schicht Matratzen, fünf übereinander, und dann kamen nur
noch Kissen. Aber zwischen den Matratzen gab es einen kleinen Kühlschrank,
von dem nicht mal Xenias Mutter wusste, in dem sich Süßes und Chips und Eis
befanden, falls man nachts hungrig wurde. Xenia hatte ihn von einem Kumpel
gekauft, spottbillig, wie sie es nannte. Für mich wäre es natürlich ein
Vermögen.
In einem anderem Zimmer waren nur Anziehsachen, so viele, wie ich sie mir
immer gewünscht hatte. Das letzte Zimmer war alles mögliche: Rumpelkammer,
Fahrradraum, Xenias eigene Spiesekammer, die jedoch meistens leer war, weil
alles im Kühlscharnk unter ihren Matratzen war, und Gästezimmer.
"Nick, du schläfst aber lieber oben auf dem Dachboden, okay?"
"Okay! Aber diese Zimmer ist ja echt der Wahnsinn!", sagte er und man sah
ihm die Begeisterung echt an.
Das mag alles total fantastisch klingen, aber wer eine Erbschaft macht, der
kann sich dann auch einen eigenen Kühlschrank mit Gefrierfach leisten. Und
Miete mussten sie ja auch nicht zahlen, das Haus gehört ja ihnen.
Dann gingen wir nach oben auf den Dachoden um Nick sein Zimmer zu zeigen. Es
war klein, er musste sich mit einem Feldbett, einem Tisch und einem Stuhl
mit nur drei Beinen begnügen, aber er würde sowieso die meiste Zeit bei uns
unten sein.
Eigentlich hatte ich mich schon daran gewöhnt, mit Nick in einem Raum zu
schlafen. Und ich fand es ziemlich beruhigend, einen starken Jungen in
meiner Gegenwart zu haben. Vor allem, weil ich ihn so mag.
Aber wenn ich mich mit Xenia unterhalten werde, heute Nacht, dann finde ich
es doch nicht so toll ihn dabei zu haben, wenn ich weinen und alles erzählen
werde. Doch ich wurde sofort von Xenia abgelenkt:
"Hey! Ich hab eine Idee! Wir machen eine Party! So wie sonst auch!"
"Oh, cool, eine Party? Komm, Lena, sag ja! Vielleicht gibt es hier ja ein
paar süße Mädels!"
"NICK!"
"He, das war doch nur ein Scherz!"
"Na gut, dann werde ich vielleicht auf Francois treffen! "
"Francois?"
Ha, jetzt konnte er sehen, wer hier im Nachteil war!
Da meldete sich Xenia nochmal zu Wort:
"Der hat mich übrigens, in der ersten Zeit, nachdem du weg warst, jeden Tag
nach dir gefragt! Aber davor hat er sich von Madleine getrennt. Ziemlich
komisch oder?"
Oh ja, das stimmt. Jeder wusste, dass er Madleine wirklich wollte. Außerdem
war ich immer in den Freien, wenn ich Nick nicht sah, in ihn verliebt
gewesen. Ich hatte eine Art "Ersatz" für ihn gesucht, schätze ich. Irgend
jemanden musste ich ja anhimmeln.
Auch wenn Francois allgemein für seine Gewaltbereitschaft bekannt war. Seine
Lieblingsbeschäftigung war es, jemanden, der ihm im Weg stand zu verprügeln.
Aber irgendwie hatte er auf mich anziehend gewirkt. Wahrscheinlich weil ich
wusste, dass ich nie mit ihm zusammenkommen würde.
Das war wie diese ganzen Teenies, die lauter Boygroups anhimmeln, weil sie
wissen, dass diese nie was von ihnen erfahren werden, und dass sie, wenn sie
mal wieder keinen Freund hatten, sagen könnten, dass sie dem oder dem immer
treu bleiben werden.Desto mehr wunderte ich mich dass er auch nur einmal
nach mir gefragt hatte. Aber vielleicht, wenn er tatsächlich was von mir
wollte, könnte ich ihn so richtig schön auflaufen lassen!
"Oh ja! Bitte! Es wird bestimmt cool!", sagte ich.
Und dann war es Abend.
Wir hatten den ganzen Tag den Garten mit Laternen und Lichterketten
geschmückt und auch ein paar einfache Kuchen gebacken. Nur Bisquitboden,
Sahne, Schokosträusel. Schmeckt trotzdem. Auf manche haben wir dann noch
Erdbeeren und Äpfel gelegt.
Dann haben wir noch Xenias ganzen Kühlschrank und jede Süßigkeit und Chips
im ganzen Haus herausgekramt, und alles im Garten auf einen Tisch gestellt.
Dann noch Bowle gemacht, in die sicher irgendjemand etwas Alkohol
reinschütten würde. Danach haben wir im Garten noch ein paar Plastiktische
und -stühle aufgestellt, damit man sich hinsetzen konnte, wenn man vom
tanzen geschafft war.
Und nachdem wir uns dann eine halbe Stunde ausgeruht hatten, schafften wir
noch die Sterioanlage aus dem Wohnzimmer nach draußen. Das war eigentlich
gar nicht schwer, vorsorglich waren Rollen am Boden von dem Hocker auf dem
die Anlage stand, angebracht.
Und dann machten wir die "Überraschungsanrufe".
"Überraschung" weil jeder im Dorf sowieso wusste, dass ich mit Nick da war.
Tja, so war das halt, wenn man in ein Dorf mit fünfzig Einwohnern kam.
Jeder wusste sofort bescheid.
Aber das war nicht schlimm, denn jeder hatte sich drauf vorbereitet, dass
Xenia eine Party feiern würde, sie macht das immer, wenn ich komme.
Und dafür hat sie dann auch immer die richtigen Partyhits auf einer CD.
Die Jugend des ganzen Dorfes sagte zu, was soll man auch sonst machen?
Vor allem, weil Xenia die beliebteste im Dorf war, sie hatte schließlich die
herzlichkeit ihrer Mutter, und die Coolheit und das Verständnis ihres
Vaters. Ihr Vater. Er war, laut Xenias Erzählungen, ein Volksheld.
Okay, das war für das Dorf schon ziemlich richtig, obwohl das für uns
außenstehende, schwer nach zu vollziehen war.
Er hatte ein Feuer gelöscht, ganz alleine, weil jeder im dorf geschlafen
hatte. Eine Scheune hatte gebrannt, das konnte er zwar nicht löschen, aber
als das Feuer dann auf ein Nachbarhaus übergriff, konnte er es verhindern,
dass das ganze dorf abfackelte.
Allerdings hatte er nicht bemerkt, dass er selbst auch Feuer gefangen hatte.
Und als er es dann bemerkte, war es zu spät. Er verbrannte bei lebendigem
Leib und niemand konnte ihn retten, alle schliefen ja noch. Und leider war
er so anständig, nicht zu schreien.
Und diese Höflichkeit hatte ihn dann das Leben gekostet. So spielt das
Leben, grausam und unberechenbar.
Dann klingelte es, die ersten Gäste kamen. Ein paar Minuten später war die
Party in vollem Gange.
Alle tanzten nach den coolsten, neuesten Liedern. Ich glaub, ich lass mir
die CD von Xenia brennen.
Dann kam ein langsames Schmuselied.
"Wollen wir?", fragte da Nick.
"Aber immer doch!"
Und wir tanzten eng umschlungen. Es war so schön mit ihm. Ich ertrank
förmlich in seinen wunderschönen Augen.
Aber da war das Lied schon vorbei.
"Soll ich uns ein Glas Bowle holen?"
"Gerne!"
Er ging, und Francois kam.
"Hi!" "Hi." "Wie geht's so?" "Ganz gut. Ich hab gehört du hast mit Madleine
schluss gemacht?"
"Ja, sie hat genervt. Außerdem musste ich immer an eine andere denken."
Ich hatte so ein komisches Gefühl, dass er mich meinte. Aber das bildete ich
mir wahrscheinlich nur ein.
"Loisa?" Er mochte auch "Honey", wie der Name schon sagt, eine gutaussehende
Blondine aus einem der Nachbardörfer.
"Nein. Tanzt du den nächsten ruhigeren Tanz mit mir?"
"Mal sehen."
"Okay, dann - Bis dann!"
Mein Gott, so schüchtern hatte ich ihn noch nie erlebt! Echt, es musste
stimmen, dass er ein bisschen auf mich stand.
Na ja, ein bisschen? So wie der sich benahm?
Sonst bildete ich mir ja nichts auf so was ein, aber wenn er ... weiter kam
ich nicht, Nick war schon wieder da.
"Hat er dich genervt?"
"Eifersüchtig?"
Ärgerlich sah er hinter Francois her.
"Nein, ich doch nicht!"
"Aha!"
"Hi Leute!", sagte Xenia, "ich hab grade mit Gerard getanzt!"
"Wow, respekt!"
Xenia war echt in ihn verliebt.
"Francois hat mich angesprochen. Ich erzähl's dir nachher!", sagte ich mit
einem Seitenblick auf Nick.
Der schien das aber gar nicht zu bemerken. Gut so, dachte ich mir. Wir
unterhielten uns noch ein bisschen, andere kamen dazu und gingen auch
wieder.
Sie erzählten auch von der Jagd, die gestern Abend stattgefunden hatte.
Nick und ich sahen uns an. Das erklärte den Schuss. Zum Glück hatte uns
niemand entdeckt. Aber grausam fand ich es trotzdem. Und Tante Jeanette
hatte mir "frische Zunge" angeboten. Bäh.
Auch Xenia war am Schluss unter denen die gingen.
Dann saßen nur noch Nick und ich auf den Stühlen und unterhielten uns. Aber
dann wollte ich wieder tanzen.
"Komm, mischen wir uns wieder unters Volk!"
"Haha, okay! Ohne uns läuft die Party ja nicht!"
Lachend stürzten wir uns ins Getümmel.
Ich tanzte ausgelassen, mit fast jedem. Dann kam wieder einruhiger Tanz.
Und Francois stand vor mir.
Tja, ich konnte ja nicht anders, ich hatte echt keinen Bock, dass einer
seiner Wutausbrüche die ganze Party ruiniert.
Nach ein paar Sekunden war plötzlich Nick da.
"Darf ich mal?", sagte er und schob den verdutzten Francois zur Seite.
"Was war das denn? Hatte der zu viel Alkohol in seiner Bowle?"
"Warum denn? Ist es denn ein Wunder, dass es vielleicht auch andere Jungen
geben könnte, die zufällig mal mit mir tanzen? Ich würde dir empfehlen dich
nicht mit ihm anzulegen, er kann sehr, sehr jähzornig werden!"
"Ich habe keine Angst vor ihm!"
"Okay!"
Zum Glück verlief der Abend dann ziemlich ruhig. Und Xenia hatte am Ende
einen Freund, Gerard.
Und dann war's plötzlich drei Uhr morgens.
Und die meisten mussten gehen. Es waren noch ein paar Päärchen da und
deshalb legte Xenia nochmal einen ruhigeren Song auf.
Nick und ich tanzten noch, ebenso Xenia und Gerard. Denn der Rest war weg.
Dann musste auch Gerard gehen. Man sah Xenia an, dass sie ihn am liebsten üb
er Nacht dabehalten hätte. Aber sie wusste, dass ich ihr erzählen wollte,
weshalb wir da waren.
Also gab sie Gerard einen flüchtigen Kuss auf die Wange und er ging. Wir
räumten noch ein bisschen auf, Xenias Mutter kommt ja morgen von ihrer
Freundin zurück, und da sollte es dann schon etwas besser aussehen.
Sie hatte es Xenia zwar erlaubt, aber sie erwartet schon, dass wir ein
bisschen aufräumen.
Als wir dann die essensreste weggeschmissen und das gröbste aufgeräumt
hatten, konnten wir uns nur noch ins Haus schleppen, uns duschen und dann
lagen wir alle in unseren Betten. Dachten wir. Aber dann kam plötzlich Nick
rein um Gute Nacht zu sagen.
Und dann fiel mir etwas ein.
"Hey, Nick, wie wär's wenn wir ihr beide erzählen, warum wir hier sind? Dann
hört sie's nicht nur aus meiner Sicht, und das wär' doch nicht schlecht,
oder?"
"Okay, wenn du willst."
"Na dann erzählt mal! Und von Anfang an!"
"Okay!", fing ich an, "also: Vor ein paar Tagen habe ich mich getraut, ihn
zu fragen, ob er mit mir gehen will. Und, um's knapp zu machen, er hat
gelacht und mich beleidigt."
"Aber das hab ich ja nicht mit Absicht gemacht! Meine "Freunde" haben mich
gezwungen, sie zu beleidigen, falls sie mich das fragt. Weißt du, ich habe
einen gewalttätigen Stiefbruder, und der schlägt mich oft. Und in dem
Moment, als alle um mich herumstanden, da haben sie mich so sehr an ihn
errinnert und ich bekam Angst. Ich konnte einfach nicht nein sagen, sie
hätten mich geschlagen, da war ich mir sicher!"
"Oh, das war aber echt voll fies!"
"Ja, ich hätte mich ja wehren können und einfach nein sagen können, und ich
weiß, es ist keine Entschuldigung, aber ich hatte so viele schlechte
Erfahrungen mit meinem Bruder gemacht! Es ging einfach nicht!"
"Ja, ich hab ja auch deine Freunde gemeint. Das war fies! Schließlich
hättest du ja auch ja sagen wollen, und es war echt fies. Aber erzählt
weiter!"
"Also. Dann kam ich nach Hause, nachdem ich mich befreien lassen habe, und
als ich grade die Tür aufschließen wollte, kam Frau Kollner, meine Nachbarin
..."
An diesem Abend vergoss ich sehr viele Tränen, aber Xenia und auch Nick
taten ihr bestes, mich gut zu trösten. Und als Nick dann von Lorenz
erzählte, machte er auch oft Pausen, weil er auch fast geheult hätte, aber
er heulte nicht, er hatte zu viel Stolz um zu weinen.
Am nächsten Morgen wachte ich auf, und fühlte mich total ... scheiße. Ich
erinnerte mich an gestern, an das Aussprechen und wie wir alle auf Xenias
Bett gesessen waren und geredet hatten.
Alle Wunden waren wieder aufgerissen und ich wäre am liebsten im Bett
geblieben, den ganzen Tag.
Da bemerkte ich, dass ich ja in Xenias Zimmer im Bett, oder im Schlafzimmer,
lag, meinen Arm um Lena gelegt, die sich an mich gekuschelt hatte. Ein
warmes Gefühl durchströmte meinen ganzen Körper.
Oh, Lena, Maggi oder einfach Magdalena! Was hatte ich für ein Glück! Ich
hatte das bestaussehende Mädchen der Welt, und das netteste noch dazu!
Ich spürte ihr seidigweiches, blondes Haar zwischen meinen Fingern, und vor
meinem Geistigen Auge sah ich ihre strahlend blauen Augen, die so
lebenslustig glitzerten, wenn sie so umwerfend lachte.
Sie war perfekt. Ihre kleine, süße Stupsnase, ihre sinnlichen Lippen, ihre
geschwungenen Augenbrauen... Von ihrem Traumkörper ganz zu schweigen. Ich
blieb liegen, bis Maggi aufwachte, mich sah und mich mit einem Kuss auf die
Nase begrüßte.
"Morgen!" Ihre Augen waren gequollen und rotgeweint. Sie sah, ... na ja,
schrecklich?, aus. Aber trotzdem so süß und verletzlich wie selten.
Ich musste sie einfach küssen, und zwar auf den Mund.
Xenia war nicht im Zimmer und so umarmte ich Maggi zärtlich. Ich wollte sie
einfach spüren. Und ich schätze, wir wären noch weiter gegangen, wenn nicht
plötzlich die Tür aufgegangen wäre und Xenia mit einem Tablett
hereingekommen wäre.
"Morgen!", sie schien nichts bemerkt zu haben. Verlegen sahen wir auf das
Tablett. Darauf standen drei Tassen Cappuchino, für jeden eine, und drei
Milchbrötchen die mit Schokolade gefüllt waren.
Mehr oder weniger hungrig aßen wir.
Ich hatte keinen Apetit, und gab mein Brötchen Xenia, die ziemlich hungrig
war.
Aber auch Lena schien nicht so richtig hungrig zu sein. Kein Wunder, es war
halt alles wieder erwähnt worden, was sie so verletzt hatte.
"Was wollen wir heute denn machen?"
"Nichts!", sagten Lena und ich gleichzeitig.
"Warum denn? Ich bin aber so kribbelig, ich hab sogar schon den Garten
vollkommen aufgeräumt als ihr noch geschlafen habt."
"Oh, danke! Aber wir sind beide ziemlich geschafft, das erste Mal, dass wir
wieder in einem richtigen Bett liegen. Du kannst ja etwas mit Gerard machen
und wir bleiben hier, okay? Wann kommt deine Mutter?"
"Okay, gute Idee. Meine Mutter war schon da, sie ist wieder weg, zu ihrer
Freundin in die Stadt, sie ist krank und meine Mutter versorgt sie."
"Oh, gut! Äh, ich meine: schön. Na dann, viel Spaß mit Gerard!"
"Danke, den werden wir haben!"
Und damit schnappte Xenia sich das Tablett, fegte aus dem Zimmer, rief noch
"Salü!" und die Tür schlug zu.
Irgenwie war ich kribbelig. Einen Tag mit Lena, ganz allein, in einem
Bett... Wer weiß was da noch passieren wird?
"Tja, jetzt sind wir hier alleine. Nur du und ich."
"Ja, ja! Ganz alleine!"
Und damit begann eine wilde Kissenschlacht. Kissen hatten wir ja genug.
Und wieder einmal landeten wir, außer Puste, übereinander.
Ich hatte gerade versucht, ihr mit einem Kissen die Haare zu elektrisieren,
da hatte sie sich umgedreht und lag nun auf mir.
Sie gab mir noch einen Kuss, den ich voll genoss.
Schließlich war das schon der dritte an einem Tag, und das war echt viel,
normalerweise quält sie mich ja förmlich, bis sie mir dann endlich einen
einzigen Kuss gibt.
Der Kuss war wunderbar. Dann drehte sie sich wieder weg und blieb geschafft
und schwer atmend auf dem Rücken liegen, ich war auch ziemlich geschafft.
"Oh Mann, ich hab heute gar nichts runtergekriegt, echt, wie kann man nur so
viel zum Frühstück essen wie Xenia!"
"Tja, frönksösische Mädschen sind alt manschmal etwas ungriger!"
"Stimmt, das habe ich auch schon gehört. ... und kannst du mir noch
schicken, eine Flasche von die Bier, die so schön at geprickelt in meine
Bauchnabel!"
"Hey, Ich hab eine Idee, warte hier, ich bin gleich zurück!", sagte sie und
rannte davon.
Ich musste an so ein Lied denken, das war genauso wechselhaft, wie sie. Im
einen Moment ruhig und zärtlich, im anderen wild und unbezwingbar.
Und da war sie auch schon wieder da und legte eine CD in Xenias Anlage im
Zimmer.
"So..."
"Oh, Kayn Park? Mein Gott, Xenia hat eine CD davon?"
"Xenia?", antwortete sie lachend, "Doch nicht Xenia! Das ist meine Kayn Park
CD! Ich liebe Kayn Park, sie haben so wunderbare Songs! Irgendwie, ist es
so, als hätten sie alle meine Gefühle in ihre Texte eingepackt. Ich liebe
sie einfach. Und immer wenn ich sie höre, trösten sie mich irgendwie, weiß
auch nicht warum, eigentlich sind sie ja ziemlich..."
"Gekreischt. Sagte meine Steifmutter immer liebevoll dazu. Mann, ich hätte
nicht gedacht, dass es noch jemanden auf der Welt gibt, der so über KP
denkt!"
"Du hörst auch Kayn Park?"
"Oh ja! In jeder freien Minute!"
Ich konnte es noch gar nicht fassen, dass es sie gab. Sie war echt perfekt,
für mich jedenfalls. Sie sieht unglaublich gut aus, wenn sie glücklich ist;
sie hört Kayn Park; Sie ist total nett; und cool.
Hat die selben Interessen wie ich; versteht mich; hat so unwiederstehliche
Augen und ihre sinnlichen Lippen! Ihre schlanken Finger...
Und ich war ununterbrochen mit ihr zusammen! Ich glaub ich wär ausgeflippt,
weil mir jetzt erst mal klar wurde, was für ein Glück ich hatte.
Vor einer Woche war ich totunglücklich gewesen und hätte mich am liebsten
von einem Hochhaus gestürzt, und jetzt war ich so glücklich und liebte das
Leben wie nie zuvor.
Schon seit längeren Zeit erklang jetzt Kayn Park und das erste Lied war
vorbei. Die letzten Akkorde. Dum dum dumm. Und vorbei.
Sie war einfach Perkfekt!
"Tanzen?"
"Gerne!"
"Wie tanzt man danach? Ich find auf den Schulpartys sieht's total beknackt
aus, wenn alle so blöd herumhopsen."
Und dann probierten wir irgendwas aus.
Als es dann fast perfekt war und wir einen Tanzstil für das Lied entwickelt
hatten, war das Lied schon wieder vor bei. Aber die CD hatte ja mehrere
Lieder, zwölf um genau zu sein.
Und zu vier davon tanzten wir dann auch. Und zwar mit unserem eigenen
Tanzstil, sie legte mir die Arme auf die Schultern, ich meine um ihre
wunderbaren, wohlgeformten... Hüften, und dann kreisten wir mit den Hüften,
oh mann, es war so witzig!
Vor allem bei Faster! Einem, wie der Name sagt, sehr schnellen Lied, kamen
wir gar nicht mehr nach, mit unseren Hüften.
Na ja, sie schon, ich schätze sie hat da einfach mehr Übung.
Aber auch wenn es lächerlich aussah, es hat einfach nur Spaß gemacht. Und
Spaß war für mich in letzter Zeit einfach zu selten gewesen.
Dann fielen wir erschöpft auf das Bett und blieben da eine Weile erschöpft
und nach Luft schnappend liegen. Dann sahen wir uns an und lachten uns halb
tot.
"Was meinst du, sollen wir uns was zu essen machen, ich hab langsam Hunger
bekommen!"
Da hatte sie ganz recht, ich war auch hungrig geworden von der ganzen
Bewegung.
"Okay, gerne. Auf, in den Kampf ... äh, in die Küche!" Lachend gingen wir,
immer noch in Nachtsachen, in die Küche.
Dort machten wir uns Hot Dogs mit Röstzwiebeln und zu viel Ketchup, er lief
am Rand schon von der Semmel runter und die Küche sah katastrophal aus.
Arme Xenia. Aber Lena machte sich auch schon an die Arbeit aufzuräumen.
"Na los, Faulpelz! Ich mach hier doch nicht alles alleine! Du darfst ruhig
helfen!"
"Danke, aber ich glaub nicht, dass ich dir beim Saubermachen eine große
Hilfe wäre!"
"Oh doch!"
Und schon hatte ich einen Wischlappen im Gesicht.
"Oh, du bist ja noch ganz schmutzig hinter den Ohren!"
Und damit hatte ich einen ätzenden Lappen nicht nur auf dem Gesicht, sondern
auch hinter den Ohren.
Kichernd machte Lena mit dem aufräumen weiter.
Auch ich machte mich an die Arbeit, ein bisschen sauer, denn so ein Lappen
im Gesicht war nicht unbedingt angenehm!
Aber mein Gott, wenn ich sie gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich das
selbe gemacht, obwohl, wahrscheinlich doch nicht.
Vor allem hätte ich nie einem Mädchen einen dreckigen Lappen ins Gesicht
geschleudert, das arme Ding, dafür wäre Lena mir echt zu schade gewesen!
Auch egal, ich würde schon nicht dran sterben! An so einem blöden Lappen.
"Hey, was glaubst du, wann kommt Xenia oder ihre Mutter wieder?"
"Weiß nicht, ein, zwei Stunden oder so? Aber ich glaub, dass Xenia noch mal
anruft."
Und als wäre es Gedankenübertragung gewesen, klingelte das Telefon und Xenia
sagte, dass sie jetzt Heimkommen würde.
Wir aßen noch schnell zu ende, zogen uns an und setzten uns vor den
Fernseher. Da kam Xenia heim und wir machten uns einen lustigen Nachmittag.
Am Abend, so gegen sechs kam dann auch Xenias Mutter heim und machte uns
Abendessen.
Nach einer halben Stunde rief uns ihre Mutter dann zum Essen.
Alles sah gut aus. Ich nahm erst ein bisschen Baguette, bestrich es mit
Entenpastete und aß dazu noch ein paar gefüllte Eier.
Dann kam das Hauptgericht: überbackene Zuchini.
Mh, ich mochte Zuchini und außerdem war das die beste Mahlzeit seit gut
einer Woche!
Danach gab es dann noch etwas anderes, es sah ein bisschen unapetitlich aus,
es waren irgendwelche Dinger, paniert.
Ich wollte erst gar nichts essen, aber dann sah mich Lena abwartent an und
da nahm ich mir dann etwas.
Es war eigentlich sehr gut, aber beim ersten Bissen war ich überrascht, denn
innen war es ziemlich glitschig. Ich nahm mal an, es war sehr zartes
Fleisch. Aber sehr lecker!
Also aß ich davon mindestens sieben Stück, aber es war auch verdammt lecker!
Dann kam der Nachtisch: Mousse au chocolat!
"Oh lecker! Wie schaffen sie es nur, so etwas leckeres zu machen? Erst die
leckere Pastete, dann die Zuchini und dieses zarte Fleisch und dann das!
Lecker!"
"Fleisch? Oh, da hast du wohl was verwechselt! Das war kein Fleisch, sondern
Weinberschnecken! Eine französische Spezialität!"
Oh.
Jetzt wurde mir klar, warum Lena und Xenia nur eine gegessen hatten.
Oh oh. Jetzt wo mir klar wurde, was mir da im Magen herumschwamm...
"Ist dir nicht gut?", fragte Xenias Mutter.
"En...Entschuldigen sie mich bitte kurz?"
Und ich rannte raus.
Auf die Toilette und spülte mir gründlich den Mund aus.
Es war ja echt lecker gewesen, aber wenn ich daran dachte, dass das der
Geschmack von Schnecken war, der da in meinem Mund war, Igitt!
Oh Gott, wieso hatte ich denn nicht gemerkt dass ich Schnecken gegessen
hatte? Und wieso hatte niemand etwas gesagt?
Ich hatte ja gesehen, wie Lena und Xenia sich angesehen hatten, aber ich
dachte das wäre wegen etwas anderem! Oh mann!
Als der geschmack aus meinem Mund verschwunden war, ging ich wieder ins
Esszimmer und aß noch das Mousse au chocolat.
Maggi und Xenia versuchten, nicht laut loszulachen, aber das quittierte ich
ihnen nur mit ein paar bösen Blicken.
Dann gingen wir zu Xenia ins Zimmer, sahen da noch ein bisschen Fern und
dann legten wir uns alle zusammen auf die vielen Matratzen um noch ein
bisschen zu reden.
"Wieso habt ihr mir nicht bescheid gesagt, was ich da in mich
reingeschaufelt habe?"
"Oh, aber es hat dir doch so gut geschmeckt!"
"Genau, und da wollten wir dich doch nicht stören!"
Und die beiden lachten sich einen ab, auf meine Kosten!
Aber das konnte ich verstehen, ich hätte es genauso gemacht.
Als sie sich endlich beruhigt hatten, fragte Lena:
"Hey, wie war's denn bei Gerard, Xenia?"
"Cool, nett, einfach schön. Er ist so nett und lustig und einfach perfekt!"
"Oh, da kenne ich auch jemanden, der perfekt ist!"
Stimmt ja. Und dabei sah ich Lena an.
"Danke."
"Gern geschehen!"
"Ach, er ist so süß!", schwärmte Xenia, anscheinend ganz auf diesen Gerard
fixiert.
Wir redeten noch bis spät in die Nacht hinein, ab und zu warf Xenia eine
Bemerkung über ihren Gerard ein, sonst redeten nur Magdalena und ich.
Wir redeten über dies und das.
Am nächsten Morgen schien wieder die Sonne und wärmte uns, als wir auf der
Terrasse vor Xenias Zimmer saßen und jeder einen Banana-Split aß, den wir
uns vorher in der Küche gemacht hatten.
"Geht ihr in eine Klasse?", fragte Magdalena dann Xenia.
"Nein, Gerard ist eine Klasse über mir."
"Ach so. Dann kann er dir ja dann wertvolle Tips geben!"
"Oh ja, das stimmt!", sagte Xenia und sie und Maggi sahen sich vielsagend an
um dann zu lachen.
"Ja ja, seine Tipps sind echt wertvoll, vor allem, weil er den gleichen
Lehrer hatte in Latein und Mathe, wie ich und der Boliou ändert seine
Arbeiten nicht für jede Klasse ab sondern schreibt in jeder Jahrgangsstufe
die selben Exen und Schulaufgaben, so heißen die Arbeiten doch bei euch,
oder?"
"Ja, das ist ja cool, da wirst du ja wie durch ein wunder zur
Musterschülerin mutieren!", sagte Magdalena.
"Hoffen wir's!"
"Ich denk mal schon, also was machen wir heute?"
"Wie könnten doch an unseren Platz gehen und dort Stockbrot backen? Sag ja!
Wir können ja auch irgendeine Soße oder so mitnehmen, dann schmeckt's nicht
so fad."
"Hey, eine super Idee! Das machen wir, okay? Nick? Was sagst du dazu?"
"Okay, wenn's Spaß macht!"
"Oh ja, und wie! Es ist zwar nicht ganz so gut wie das essen von Xenias
Mutter, aber das magst du ja doch nicht so gerne, wie's aussieht!", und sie
lachte.
Aber da konnte ich nicht mitlachen, woher hätte ich denn wissen sollen, dass
ich da Schnecken zu essen bekommen würde!
"Also, ich bring dann mal das Geschirr rein und sag Mamon bescheid, dass wir
heute nicht mitessen!"
Sie ging weg und ich sagte zu Maggi:
"Hey, Maggi, wann wollen wir denn weiter? Ich mein, wir sind ja nicht ewig
hier sicher, und irgendwie denke ich da besonders an Francois, du hast ja
selbst gesagt, dass der uns gefährlich werden könnte, und, ach ich will
weiter!
Heute Abend können wir Xenia ja schon mal drauf einstellen, dass das unser
letzter Abend sein wird, denn ich bin in letzter Zeit so unruhig!"
"Ja, also, wenn du meinst...", sagte sie ziemlich niedergeschlagen.
Gefasster sagte sie dann:
"Okay, wenn du das unbedingt willst, wir können Xenia ja nochmal irgendwann
besuchen, wenn ich sie jemals wieder sehe."
Das letzte sagte sie so leise, dass ich sie kaum verstand, aber ich wollte
auch nicht näher darauf eingehen, ich konnte nicht verstehen, was sie damit
meinte, und fragte deshalb nach.
"Ja, schau mal, es ist nicht unbedingt üblich dass zwei Jugendliche einfach
ver-schwinden, man wird uns suchen und deinen Eltern wird man dich
weg-nehmen, da sie als unzuverlässig erklärt werden werden.
Ich habe gar niemanden mehr, man weiß nicht, wo mein Vater ist, ich weiß
nur, dass er irgendwohin gegngen ist, wo weiß ich nicht.
Und wenn zwei Kinder, sorry, aber wir gelten vor dem Gesetz als Kinder,
alleine dastehen, werden wir vielleicht zu Pflegeeltern oder so geschickt,
und was sollen wir denn dann machen?
Ich werde Xenia also vielleicht nie wieder sehen!"
"Hey, seh nicht alles so schwarz, wer weiß denn ob wir jemals entdeckt
werden?"
Aber mit ihren Vermutungen sollte Magdalena mehr Recht haben, als wir es uns
wünschten.
Also saßen wir am Abend am Feuer.
Neben mir stand eine Schüssel mit Teig, der auch endlich fertig war, wir
hatten lange gebraucht, bis er so gut war wie beim letzten Mal - aber das
hier würde auch das letzte Mal sein, dass ich Xenia sah, ich wusste es
einfach.
Wir saßen schon eine Weile da, waren fast satt und quatschten, aber
irgendwie wollte das Gespräch nicht so recht ins rollen kommen.
"Hey, Magdalena! Ich hab dich schon zweimal was gefragt, bist du schon so
müde?"
Nick.
Ich hatte eine plötzliche Wut auf ihn.
Der letzte Abend mit meiner besten Freundin und er wollte ihn mir
vermasseln! Warum konnten nicht nur ich und Xenia Stockbrot machen?
Es ging mir nicht ums Stockbrot, aber ich wollte den letzten Abend allein
mit Xenia verbringen, mein Leben lang würde ich sie nicht wiedersehen, und
dieser Typ saß da und versuchte mir Befehle zu erteilen!
Es reicht nicht, dass er das Fass zum überlaufen gebracht hatte als er mich
so kalt abservierte, sonst hätte vielleicht doch noch alles gut werden
können, ich hätte ein normales Leben, wie ich es mir so lange gewünscht
hatte, führen können. Zwar bei einer Pflegefamilie, aber immerhin!
Im Moment hätte ich ihn echt umbringen können!
Aber Xenia sah, dass ich ihn keinen Moment länger ertragen konnte.
Ich hatte mir immer eine Freundin wie sie gewünscht, und dieser dumme Nick
wollte mir den letzten Abend mit ihr versauen!
"Nick, würdest du uns bitte allein lassen? Ich würde gerne mit Lena allein
reden."
Nick sah ein, dass es zwecklos war, hierzubleiben, als er einen einzigen
Blick auf mein Gesicht warf.
Er schlich sich durch den Wald in die Richtung des Hauses davon. Das Feuer
prasselte, ich sah zu Boden, die Dunkelheit die außerhalb des flackernden
Feuers lag, hüllte Nick fast sofort ein.
"Was ist los? Warum bist du heute so bedrückt? Ich seh doch dass was mit dir
nicht stimmt! Red schon!"
"Es ist ... wir gehen morgen. Nick will das. Ich aber nicht. Und, ich weiß
es klingt dumm, aber ich habe das Gefühl, dass wir uns nicht so schnell
wiedersehen werden."
"Morgen? Ich würde auch morgen gehen. Besser jetzt als zu spät. Komm schon,
du musst mir versprechen, morgen zu gehen! Es ist das beste für euch!
Ich sah, wie schwer es ihr viel, das zu sagen, aber ich sah auch, dass sie
es ernst meinte und dass sie recht hatte.
Und ich sah, dass ich etwas hatte, was niemand hatte: eine Freundin, die
alles tun würde um mich glücklich zu machen oder zu beschützen.
So sagte ich schweren Herzens ja. Wir umarmten uns. Als wir uns wieder
trennten, rann eine einzelne Träne über ihre Wange. Verstolen wischte sie
sie weg.
"Komm, genießen wir den letzten Abend der uns bleibt. Weißt du noch..."
Und wir schwelgten in Erinnerungen. Unser erstes zusammentreffen, das erste
Geheimniss dass wir teilten. Und wir erinnerten uns an alles noch genau. Und
wir würden auch all das nicht vergessen.
Den ganzen Abend redeten wir, lachten wir, aßen wir und waren glücklich.
Am nächsten morgen war ich früh wach und wir gingen.
Ich hatte mich ja gestern von Xenia verabschiedet, nochmal würde ich's nicht
aushalten.
Schnell gingen wir, nachdem Nick sich von Xenia und wir uns noch von Tante
Jeanette verabscheidet hatten.
Wir ließen das Dorf hinter uns. Wir redeten über dies und das. Ich war in
ihn verliebt und er war cool und süß wie davor.
Wir redeten gerade darüber, wie die Umgebung für unsere kleine Holzhütte
aussehen müsste, da tauchte hinter der nächsten Kurve ein kleines Dorf auf.
Es war größer als das in dem Xenia lebt, aber kleiner als die Stadt aus der
ich kam.
Mich wunderte es nur, dass ich nichts von der Ortschaft gewusst hatte. Aber
egal.
Plötzlich hatte ich totalen Heißhunger auf etwas Süßes. Aber weil ich einmal
eine Sendung über den plötzlichen "Heißhunger" gesehen hatte, wusste ich,
dass man diesen am besten mit Traubenzucker stillen kann, weil man nur zu
wenig Zucker im Blut hatte.
Und wo gibt es Traubenzucker? -In der Apotheke!
Also beschlossen wir, durch den Ort zu gehen.
Aber dann fanden wir es schlauer, wenn nur ich durch die Stadt ging, denn
wenn man uns beide sah, und die Polizei doch nach uns suchen sollte, dann
wäre es besser, nicht zusammen gesehen zu werden.
Also nahm Nick das Rad und unser Gepäck, ich nur einen Rucksack mit dem Geld
und dann trennten wir uns.
Und das war der größte Fehler den wir machen konnten.
Ich sah Nick im Unterholzverschwinden und selbst ging ich weiter die letzten
Meter zur Ortschaft.
Ich sah, es war ein Rodungsdorf, denn alle Häuser und Geschäfte lagen an
einer Straße, in deren Mitte eine kleine Kirche stand.
Die Apotheke lag direkt am Ende der Straße.
Wir hatten ausgemacht, dass wir uns außerhalb, ein paar Meter von der Straße
entfernt, im Wald trafen, also beeilte ich mich in die Apotheke zu kommen,
damit Nick nicht zu lange warten musste.
Ich trat auf die Apotheke zu und öffnete die Tür.
Dann nahm ich mir eine Packung Johannisbeer-Traubenzucker und betätigte die
kleine Klingel, wie man es aus Hotels im Fernsehen kannte.
Es dauerte eine kleine Weile, dann hörte man Schritte von der Wendeltreppe
die nach oben führte und ein paar meter rechts vom Tresen endete.
Wahrscheinlich wohnte der Apotheker über der Apotheke.
Gespannt wartete ich, bis ich den Apotheker sah.
Er war in etwa so alt wie meine Mutter gewesen war, nur dass sie mindestens
zehn Jahre älter ausgesehen hat als sie wirklich war. Der Schmerz über den
Tod meiner Mutter war wieder da, aber ich konzentrierte mich auf den
Apotheker und verdrängte die Erinnerungen an meine tote Mutter.
"Was darf's denn sein? Ah, du hast dich schon entschieden! Das macht dann
ein Euro dreißig!", sagte der Apotheker auf etwas holprigen Französisch als
er sah was ich in der Hand hatte und zwinkerte mir zu.
"Okay", antwortete ich auf Französisch, obwohl Okay ja eh überall das
gleiche hieß und holte mein Portemonee heraus.
"Einen Moment. Ach, wo ist denn jetzt das ein Euro Stück?", murmelte ich auf
Deutsch.
"Ah, eine Landsgenossin! Ich bin auch Deutscher, wie man an meiner
Aussprache merkt. Woher kommst du denn? Und was hat dich denn hierher, in
dieses kleine Dorf verschlagen?"
Aha. Also auch ein Deutscher. Aber wieso zwinkerte er immer so?
"Aus einer Stadt, gleich an der Grenze, Anschburg."
Ich wusste auch nicht, wieso ich ihm die Wahrheit sagte, ich hätte
eigentlich vorsichtiger sein müssen, aber jetzt war's raus. Mist.
"Mein Gott, was für ein Zufall! Ich auch, ich bin aber hierher gezogen,
nachdem ich mich von meiner Freundin getrennt hatte. Aber das ist über
dreizehn Jahre her. Den Traubenzucker bekommst du natürlich umsonst! Es ist
selten genug, dass ein Deutscher hierher kommt, noch dazu jemand, aus der
selben Stadt wie ich!"sagte er und zwinkerte wieder so.
"Ach, das ist wirklich nett von ihnen!", sagte ich und nahm das Geld, dass
ich schon auf den Tresen gelegt hatte.
Dabei rutschte mein Ärmel nach hinten.
Der Apotheker packte plötzlich mein Handgelenk.
Ich wollte schon schreien, da ließ er entkräftet los und sank auf den Stuhl
hinter ihm.
"Ma... Magda... Magdalena? Bist du es wirklich? Magdalena Anelie?"
Die Narbe hatte mich verraten.
"Ich habe nichts verbrochen! Jedenfalls weiß ich nichts davon. Also können
sie mich nicht beschuldigen! Ich.."
"Ach, Magdalena! Darum geht es doch gar nicht!"
Tränen liefen ihm über die Wangen und er sprang auf und umarmte mich.
"Magdalena! Du bist meine Tochter. Ich bin dein Vater!"
"Aber, aber das geht doch nicht! Sie verwechseln mich bestimmt!"
"Nein. Dich kann man nicht verwechseln. Du bist meine Tochter. Ich kann es
nicht fassen. Nach all den Jahren habe ich dich gefunden! Ich habe dich an
der Narbe erkannt, denn ich habe sie dir ausversehen zugefügt.
Bei deiner Geburt wollte ich dir die Nabelschnur abtrennen, der Arzt hatte
es mir angeboten. Eigentlich wollte ich ja auch nicht, mir war noch schlecht
von all dem Blut dass deine Mutter bei der Geburt verloren hatte.
Als ich es dann getan hatte, wollte ich die Zange dem Arzt geben, da fiel
sie mir herunter und verletzte dich am Handgelenk.
Die Wunde musst genäht werden. Ich machte mir solche Vorwürfe! Aber jetzt...
Gott sei dank ist mir die Zange heruntergefallen!
Ach, Magdalena! Komm, das ist zu viel für uns beide, ich schließe die
Apotheke und wir trinken eine heiße Schokolade!
Du musst mir alles erzählen! Ich erzähle dir zuerst alles, denn das dauert
nicht so lange, dein Leben ist bestimmt viel interessanter. Du musst aber
bescheid wissen, das erklärt dir sicher vieles. Komm, wir gehen!"
Benommen sah ich, dass er zusperrte und ein Schild umdrehte, dass "Geöffnet"
innen stand und folgte ihm über die Wendeltreppe, die er davor
heruntergekommen war dann nach oben.
Es war, als sähe ich auf jemanden anderes herunter. Aber es geschah mir.
Unfassbar. Mein Vater. Ich hatte ihn gefunden! Diese Gedanken beherrschten
mich. Sonst war mein Kopf leer.
Er sagte, ich solle mich in einen Ohrensessel setzen, er würde inzwischen
eine heiße Schokolade machen. Doch ich rannte zu ihm und umarmte ihn. Ich
musste einfach heulen.
Ich hatte ihn gefunden! Meinen Vater!
"Ich kann es nicht... fassen... erst stirbt Mam, dann finde.... ich dich!
So... viel auf... einmal! Aber... ich bin so... glücklich! ....Mein
Leben.... lang... habe ich mich... nach diesem.... Moment... gesehnt!",
schluchzte ich. Er sagte:
"Ich mich auch, meine Tochter! Aber jetzt setz dich erst mal! Ich brauche
jetzt eine schöne heiße Schokolade, und du sicher auch!"
Und er verließ das Zimmer um uns eine Schokolade zu machen.
Ich sah mich um.
Ein hoher Ohrensessel, ein niedriger Tisch aus dunklem Holz, eine blank
Polierte ältere Komode, ein schöner alter Sekretär, ein dunkelroter Teppich
und eine große, sehr gemütlich aussehende Couch.
Ich entschied mich für die Couch, damit ich neben meinem lange vermissten
Vater sitzen konnte.
Da kam er auch schon herein, stellte die zwei dampfenden Tassen auf den
Tisch und setzte sich neben mich.
"Am besten beginne ich am Anfang. Am 11. März vor genau 15 Jahren traf ich
deine Mutter, wir trafen uns auf der Arbeit, ich war Filialleiter, ich hab
erst später Pharmzie studiert, sie war Verkäuferin. Es stimmt, was ich
einmal in einer Zeitschrift gelesen habe: Die häufigsten Beziehungen
beginnen am Arbeitsplatz!
Nach zwei Monaten hat deine Mutter mir dann gesagt, dass sie schwanger ist.
Zwillnge!
Wir haben uns natürlich riesig gefreut, deine Mutter hat nach drei Monaten
dann aufgehört zu arbeiten, weil sie sich um eine harmonische
Schwangerschaft bemüht hat.
Als es dann sowiet war, kamen du und deine Schwester auf die Welt.
Und dann, nach wenigen Monaten, haben ich und deine Mutter uns gestritten.
Und zwar so sehr, dass wir uns trennen wollten.
Aber ich wollte auch einen der Zwillinge, ich wollte nicht alleine weg
gehen. Damals konnte man euch karakteristisch ja noch nicht unterscheiden,
also nahm ich halt deine Schwester.
Warte, ich weiß du willst fragen, was aus deiner Schwester geworden ist,
aber dazu kommen wir gleich.
Ich habe versucht in Deutschland zu bleiben, aber ich wollte nach Frankreich
in ein kleineres Dorf um dort ein ruhiges Leben zu führen.
Aber aus dem kleinen Dorf wurde eine Kleinstadt. Und hier lebte ich dann,
machte eine Apotheke auf und erlebte die großen und kleinen Probleme deiner
Schwester mit.
Du wirst dich fragen: Meine Zwillingsschwester? Dann muss ich ihr ähnlich
sehen, aber dann hättest du ich dich ja auch erkennen müssen! Das hab ich
auch, aber ich dachte ehrlich die ganze Zeit, du wärst deine Schwester die
mir einen Streich spielen will.
Du denkst jetzt, sie ist in Frankreich aufgewachsen, dann kann sie doch gar
kein Deutsch, aber sie hat natürlich ihre Muttersprache gelernt.
Und dann denkst du: aber so ähnlich wiederum kann ich ihr doch auch nicht
sein? Oh doch! Du bist ihr wie aus dem Gesicht geschnitten.
Aber wie kamst du denn hierher?" Und dann erzählte ich ihm ein bisschen.
Aber ich kam nicht weit, ich konnte nur ein bisschen von meinem Leben
erzählen, da kam mein Spiegelbild zur Tür herein und blieb überrascht
stehen. Erst dachte ich, ich halluzienierte, aber dann fiel mir ein, dass
ich ja eine Zwillingsschwester hatte!
Aber auch sie schien die Geschichte zu kennen und zu kapieren wer ich war,
denn sie rannte auf mich zu und umarmte mich sofort.
Ich war von ihrer Umarmung ziemlich überrascht, sie schien mich für eine
verlorene Schwester zu halten oder so, aber ich fand es nett, von ihr umarmt
zu werden.
Dann sah sie mich an und ihr, nein unser Vater erklärte ihr, wie er mich
erkannt hatte.
Und dann erzählte ich nochmal alles von Anfang an: wie mein Leben mit Ma
sich immer mehr verschlechtert hatte, wie sie immer mehr trank, wie ich in
der Schule immer schlechter wurde, wie Ma einen Job nach dem anderen
hinwarf, auf wie viel wir verzichten mussten, weil Ma so viel trank.
Als ich dann bei Nick anlangte, wusste ich nicht, wie ich da weiter machen
sollte.
Schließlich war er mein Vater und mit Ma hatte ich auch nie über so was
geredet.
Ich überlegte, ob ich das einfach weglassen sollte, da fiel mir ein, dass
Nick ja noch wartete!
Da erzählte ich alles über ihn auf die Schnelle und sagte dann, dass wir ihn
holen müssten.
Unser Vater war dagegen und wollte ihn alleine holen und ihn in einem Hotel
unterbringen, weil er sagte, ich würde das nicht verkraften, nach all der
Aufregung, wo er auch Recht behalten sollte, und ich solle mich erst
ausruhen.
Aber ich konnte Nick doch nicht ewig warten lassen!
Noch dazu war es ja jetzt schon dunkel, und er machte sich bestimmt Sorgen,
warum ich so lange in der Stadt war, obwohl ich doch nur ein bisschen
Traubenzucker kaufen wollte!
Also zog ich meine dünne Jacke enger um mich und die beiden anderen zogen
sich auch an.
Dann gingen wir zum vereinbarten Treffpunkt, auf dem Weg dahin begegneten
wir kaum jemanden, wir bemerkten nur ein paar Leute, die aufgeregt in
Richtung des Stadtrandes rannten.
Mit der Zeit fingen wir auch an zu rennen.
Als wir dann immer näher kamen, sahen wir eine Menschentraube und Blaulicht.
Dann drängelten ich mich schlimmes ahnend durch die neugierig gaffende
Masse, und sah nur noch, wie Nick von einem Polizisten vom Boden
heraufgezerrt wurde.
Dann ging alles ganz schnell.
Ich rannte zu ihm hin, um ihn zu fragen, was los war. Er sagte nur:
"Francois! Er hat uns verraten!
Ich liebe dich, ja? Das darfst du nie vergessen! Ich liebe dich!"
Dann befreite er sich vom Polizisten, nahm eine Kette vom Hals, umarmte
mich, gab mir einen Kuss und drückte mir die Kette in die Hand.
Ich steckte sie schnell ein.
Francois? Xenia hatte Recht gehabt, er hatte was vor! Und jetzt war es wahr
geworden und Nick wurde in ein Polizeiauto geschleift, wie ein
Schwerverbrecher.
"Wohin bringe sie ihn? Was hat er denn getan?", heulte ich.
Da kam ein Polizist auf mich zu und packte mich am Arm.
"Bist du seine Komplizin? Wegen euch Kindern haben wir jetzt echten Ärger!
In Deutschland abgehauen, und nach Frankreich gegangen! Und du kommst auch
mit! Denn du wirst auch in ein Heim gebracht. Seine Eltern sind unfähig und
deine Mutter ist tot. Und ob ihr in Frankreich oder in Deutschland im Heim
sitzt, ist egal. Also, steig jetzt ei..."
"Sie wird nichts tun! Ich bin ihr Vater und sie können das Kind zu nichts
zwingen! Also lassen sie sie los! Und schreien sie sie nicht an! Ich weiß
genau..." Nick war abgeführt worden, wegen mir. Ich war schuld. Ich war
Schuld. Ich war Schuld.... Das war das letzte was ich dachte, bevor ich
zusammenbrach.
Als ich die Augen aufschlug, lag ich in einem Bett. Ich sah eine
Stuckverzierte Decke über mir und violette Wände neben mir.
An einer wand stand ein polierter Sekretär und davor ein alter Stuhl, mit
rotem Samtüberzug. An einer Wand hing ein altes Foto, eingerahmt und
schwarz-weiß.
Darauf war eine ältere Dame abgebildet, die einen Windhund an der Leine
hatte, sie hatte dunkles Haar, das gelockt war und trug ein zur damaligen
Zeit sehr schickes Kostüm.
Sie stand vor einem Café.
Über eine Ecke des Rahmens war ein Schwarzes Seidenband.
Die anderen Wände waren mit Postern von tiefen Wäldern und Nebeligen Bächen,
einer Pferdeherde die in einem Tal stand, umrahmt von riesigen Bergen und
trank, einer Allee voller dunkelroter Herbstlich gefärbter Bäume, ein
Wasserfall über dem sich ein Regenbogen spannte und es gab einen Rahmen, in
dem ein Gedicht mit wunderschöner, geschwungener Handschrift geschrieben
stand:
Von den Kindern
Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst.
Sie kommen durch euch, aber nicht von euch,
und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.
Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken.
Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht ihren Seelen,
den ihre Seelen wohnen im Haus von Morgen,
das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen.
Ihr dürft euch bemühen wie sie zu sein, aber versucht nicht, sie euch
ähnlich zu machen.
Denn das Leben läuft nicht rückwärts,
noch verweilt es im Gestern.
Ihr seid die Bögen, von denen eure Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt
werden.
Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der unendlichkeit,
und er spannt euch mit seiner Macht, damit seine Pfeile schnell und weit
fliegen.
Lasst euren Bogen von der Hand des Schützen auf Freude gerichtet sein;
Denn so wie er den Pfeil liebt, der fliegt,
so liebt er auch den Bogen, der fest ist.
Khalil Gibran
Irgendwie beeindruckte mich diese Gedicht, und ich stimmte diesem Khalil
Gibran in stummen Einverständnis zu.
Ja, man kann kein Lebewesen besitzen und erst Recht nicht seine Kinder.
Man kann ihnen ein Zuhause geben, aber man kann ihnen nicht befehlen, was
sie denken sollen.
Und man soll sie nicht zu einem kleinen Ebenbild seiner selbst machen,
sondern eher versuchen wie sie zu werden.
Eine andere Macht, bestimmt, was aus ihnen wird. Niemand weiß, was, aber es
kann nicht aufgehalten werden.
Und in diesem Moment, war ich meiner Mutter dankbar, für all die schönen
Momente, die ich mit ihr hatte, bevor sie so viel trank.
Und es gibt immer Menschen, denen es schlechter ging als mir.
Aber da fiel mir ein, wo ich war und was mit Nick geschehen war.
Doch zum Glück wurde ich abgelenkt, denn da ging die Tür leise auf und meine
Schwester, deren Namen ich immer noch nicht wusste, kam mit einem Tablett
auf dem Tee und Kekse standen, herein.
"Oh, du bist wach? Ich wollte mich gerade zu dir setzen. Ich hoffe ich habe
dich nicht geweckt?"
"Nein, nein. Ich war schon wach. Weshalb bin ich denn hier? Und wessen
Zimmer ist das?"
"Du bist umgekippt, als dieser Niklas ins Heim gebracht wurde und der Arzt
hat gesagt, du hattes einen Nervenzusammenbruch. Es war wohl einfach zu viel
in den letzten Tagen.
Erst das mit deiner Mutter, dann hast du uns gefunden und dann wurde Niklas
ins heim gebracht. Kein Wunder dass deine Psyche das nicht ausgehalten hat!
Aber der Arzt und Paps haben gesagt, dass es bei dir schnell wieder in
Ordnung kommt, weil du zäh bist und am Leben hängst. Woher er das weiß, weiß
ich auch nicht, aber es stimmt wahrscheinlich, oder?"
Ich glaube nicht, dass sie wirklich mit einer Antwort gerechnet hat, aber
ich gab sie ihr trotzdem.
"Oh, na ja, so würde ich das nicht sagen.
Ich muss zugeben, dass ich mich in den letzten Tagen schon öfters am
liebsten umgebracht hätte.
Warum muss das alles auch immer nur mir passieren? Ich wünsch es zwar auch
niemand anderen, aber das ganze Leid hätte doch über mehrere Menschen, denen
es immer gut ging, in kleinen Dosisen verteilt werden können!
Was passiert jetzt wohl mit Nick? Der Arme hatte es ja auch nie leicht! Ach,
ich wünschte ich wäre mit dem Kopf auf einen Stein gefallen und hätte das
Gedächtnis verloren, dann könnte ich alles vergessen und könnte ein neues
Leben anfangen. Denkst du ich komme in das selbe Heim wie Nick? Und warum
bin ich bei euch und nicht im Krankenhaus?"
"Wie kommst du darauf, dass du in ein Heim kommst? Paps hat darauf
bestanden, dich hierzubehalten, er kann das genauso gut wie irgendein
wildfremder Arzt, auch wenn dir Paps jetzt wahrscheinlich auch noch
wildfremd vorkommt, aber er ist total lieb und nett.
Das Gedicht da an der Wand ist sein Motto, wenn es um Erziehung geht.
Und überhaupt ist er toll. Er wird dir sicher gefallen.
Aber es braucht Zeit, bis du dich an uns gewöhnt hast, und uns ein bisschen
kennst.
Deshalb musst du schnell gesund werden. Und ich helfe dir dabei.
Denn Paps hat gesagt, es hilft, wenn du darüber redest und wir zusammen eine
Lösung finden. Und weil du eher einer Gleichaltrigen vertrauen wirst, möchte
ich gerne mit dir reden, natürlich nur, wenn es dir recht ist?"
"Oh, gerne!"
Ich war überrascht, dass sie sich anbot, wo ich ihr doch eher lästig
vorkommen müsste.
Da kam irgendwer daher, sie hatte plötzlich eine Schwester und da hätte sie
doch eher sauer sein müssen, ich würde ihr Leben schließlich wahrscheinlich
ziemlich durcheinander bringen!
"Gut! Ich freue mich, aber wir müssen uns auch ein bisschen besser
kennenlernen.
Ich geb dir jetzt ein Schlafmittel, weil du jetzt wenigstens als erstes
deinen Körper schonen musst und viel Ruhe brauchst.
Hier, trink den Tee. Das schlafen und Ruhe haben dauert etwa eine Woche und
dann kannst du aufstehen und wir gehen spazieren und unterhalten uns oder
ich zeige dir meine Lieblingsplätze.
Und dann wird alles ein bisschen besser, hoffe ich. Paps erkundigt sich zur
Zeit über Nick, denn er hofft, er kann ihn aus dem Heim holen. Aber das wird
problematisch, denn er kann ihn nicht adoptieren weil er Angst um dich hat,
ich weiß auch nicht warum..."
"Ja ja, ich kann das verstehen. Er kann doch nicht einfach noch ein
wildfremdes Kind bei sich aufnehmen."
"Das ist schön, wenn du das verstehst. Aber er versucht alles zu tun, um
Nick aus dem Heim zu bekommen, der Arme soll doch nicht gefangen sein. Er
ist genauso angeschlagen wie du, und Paps hat Angst, dass er sich etwas
antut. Ich meine, wer weiß ob er das alles aushält? Noch dazu wo du doch
jetzt auch nicht mehr bei ihm bist. Aber ich bin froh, dass er nicht zu
seinen "Eltern" zurückmuss, nach dem was du uns erzählt hast! Ich hoffe,
Paps findet wenigstens eine Pflegefamilie für ihn..."
"Kann ich ihn denn irgendwie eine Nachricht zukommen lassen? Ich muss ihm
doch sagen, dass er sich nicht antun soll..."
Aber da wurde ich plötzlich so müde, dass ich mitten im Satz einschlief.
Zwischenzeitlich wachte ich ab und zu auf um etwas zu trinken und auf die
Toilette zu gehen. Ich bekam nicht sonderlich viel mit, von der Zeit, die
ich im Bett verbrachte.
Immer wenn ich aufwachte war jemand da, der mich dann nett anlächelte. Mein
Vater erzählte mir Geschichten von sich und meiner Mutter, meine Schwester
erzählte mir Witze und brachte mir ruhige Musik zum Einschlafen.
Nick vergaß ich in dieser Woche völlig.
Als ich einmal aufwachte, saß eine alte Frau an meinem Bett.
Erst dachte ich, ich träume, denn sie sagte, sie sei meine Oma, und Ma hatte
gesagt ich hätte keine Verwandten.
Aber dann sagte sie, sie sei meine Oma väterlicherseits und da glaubte ich
ihr natürlich.
Dann schlief ich wieder ein.
Meine Oma war jetzt öfters da und wir unterhielten uns öfter. Sie erzählte
mir Geschichten über ihre Jugend und ich ihr von mir.
Sie war sehr nett, und sah aus wie die Dame auf dem Bild.
Es war aber meine Urgroßmutter Elisabeth auf dem Bild. Und sie erzählte mir,
das das hier das Arbeitszimmer meines Vaters war und dass das auch ihr Haus
war.
Jedoch war sie ausgezogen um ihm und meiner Schwester Platz zu machen und
hatte jetzt ein kleines "Hexenhäuschen" auf dem Land, nicht weit weg, mit
einem kleinen Kräuterladen und sie verdiente sich ihr Geld mit
Naturheilmitteln aus ihrem Garten und importierten Tees.
Aber ich war so selten wach, dass ich nicht so viel mitbekam.
Nach einer Woche dann, durfte ich endlich aufstehen.
Ich aß mit ihnen und sie antworteten auf alle meine Fragen, nur bei Nick
wichen sie aus.
Mein Vater sagte, er würde mir bald alles erklären. Ich dachte nicht weiter
darüber nach und nach ein paar Tagen machte ich den ersten Spaziergang mit
meiner Schwester.
Sie hieß übrigens Felicity. Ein sehr schöner Name, wie ich fand.
Als wir gerade gehen wollten, sagte sie, sie müsse noch schnell ihren
Schlüssel aus ihrem Zimmer holen und ich kam mit, denn wir könnten das Haus
dann durch die Veranda an ihrem Zimmer verlassen und durch den hinterm Haus
gelegenem Garten in den Wald gehen.
Als ich ihr Zimmer sah, war ich überrascht.
Alles im Haus war so alt und schön (nicht das ihr Zimmer hässlich war), aber
ihr Zimmer war so modern.
Die Wände waren mandarin, und überhaupt war das Zimmer sehr hell, weil sie
gelbe, lange Vorhänge vor der Fensterfront hängen hatte, durch die das ganze
Sonnenlich hereinflutete.
Der Fußboden war auch orange.
Es gab eine gelbe Couch vor der ein Fernseher stand, einen Schreibtisch,
einen großen Schrank aus Buche, einen Computer, einen großen Schaukelstuhl,
eine Hängematte in einer Ecke, mehrere Regale mit Büchern und Krimskram,
eine Vitrine mit versteinerten Muscheln und Fischen und anderen hübschen
Sachen, eine kleine Sitzgruppe und ein großes Bett mit einem gelben
Moskitonetz darüber, das runterhang wie ein Baldachin.
Das hört sich jetzt nach einem riesigen Zimmer an, aber es war von der Größe
her eher mittel und durch die vielen Sachen wirkte es sehr gemütlich.
Und dann entdeckte ich an der Wand ein riesiges Poster von Kayn Park. "Wow,
du magst auch Kayn-Park?"
Mögen? Ich liebe Kayn Park!"
"Ich auch! Mein Lieblingslied ist Faster!, wenn ich mich entscheiden müsste,
denn ich finde alle Lieder gut. Und deins?"
"Come on. Weil's so einen coolen Text hat. Und wieso bei dir Faster?"
"Weil ich mit Nick dazu getanzt hab und dann einen wunderschönen Tag
hatte..."
"Ihr habt doch nicht etwa...na du weißt schon?"
"Nein", sagte ich lachend, "aber wir haben uns den ganzen Tag geküsst. Das
war schön. Aber jetzt kann ich nur hoffen, dass er bald eine Pflegefamilie
findet, sonst sehe ich ihn nie wieder. Ich glaub nämlich nicht, dass sie
seine Komplizin, wie sie mich genannt haben, zu ihm lassen."
"Mh. Lass uns gehen."
Abweisend wie immer, wenn das Gespräch auf Nick kam. Aber egal. Wenn es so
weit war, würde ich schon erfahren was los war, wenn ich es auch kaum
erwarten konnte.
Aber ehrlich gesagt, war er mir im Moment fast schon ein bisschen egal, er
konnte kurz warten, so schlimm konnte es da ja nicht sein, ich musste mich
auch um mich kümmern.
Kaum hatte ich das gedacht, bereute ich es auch schon wieder, aber ich wurde
durch Felicity abgelenkt.
"Na komm schon, ich will dir meinen Lieblingsbaum zeigen!"
Sie nahm mich an die Hand und zog mich durch den großen Garten und ein
kurzes Stück durch den Garten hinter sich her in den Wald.
Dann standen wir vor einer riesigen Eiche. Sie war gewaltig, mit dem großen
Stamm. Dann sagte Felicity, wir sollen raufklettern.
"Aber wie denn? Der nächste Ast ist meter über uns!"
"Ganz einfach!"
Sie ging um den Baum herum und wickelte eien Nailonfaden von einem Stein am
Boden, zog daran und eine Strickleiter rollte sich von oben herab.
"Tada! Und jetzt hoch!"
Und ich kletterte hinter ihr hoch. Die Strickleiter wackelte ganz schön,
aber es war lustig. Oben zog ich mich dann am Ast hoch und hielt mich an
einem anderen fest, während Felicity die Leiter hochzog und um den Ast
wickelte. "Komm, weiter oben gibt es einen dicken Ast, an dem eine
Hängematte hängt, da können wir uns hinsetzen."
"Du hast dich hier ja richtig häuslich eingerichtet!"
"Ach, eigentlich nicht, es gibt nur die Hängematte. Man sollte dem Baum ja
nicht allzuviel zumuten!"
"Stimmt!"
Und dann kletterten wir über mehrere Äste nach oben, der Baum war echt ein
Traum für jemanden der gerne auf Bäume kletterte!
Dort setzten wir uns dann auf die Hängematte. Allzuviel zu schaukeln traute
ich mich nicht, wir waren mindestens 10 Meter über dem Boden! Aber Felicity
beruhigte mich:
"Die Hängematte ist dreimal um den Ast gewickelt, und mit 8 Knoten
festgemacht, uns kann echt nichts passieren!"
"Gut. Dann erzähl mal ein bisschen. Auf was für eine Schule gehst du?"
"Auf eine Realschule, weil ich schon auf dem Gymnasium war, aber da war ich
zu schlecht, und du?"
"Ich bin oder war auch auf einem Gymnasium. Und hatte eigentlich auch fast
nur sechser. Ein Fünfer war schon ein Lichtblick. Aber Nick war das genaue
Gegenteil. Er war super. Hatte nur einser und ganz selten mal ne zwei. Aber
er hat mir erzählt, wie er das gemacht hat: er saß hinten und hatte sein
buch, einen Taschenrechner, ein lösungsbuch oder einen Spiegel mit dem er
von anderen Abschreiben konnte da. Also, war das das geheimnis seines
erfolgs."
"Und wie habt ihr euch kennengelernt? Als du uns über ihn erzählt hast, hast
du nur gesagt, dass ihr zusammen seid."
"Na ja. Wir waren zusammen in der Grundschule. Da saßen wir auch
nebeneinander. Dann ging ich auf das eine Gymnasium, er auf ein anderes.
Aber nach einiger Zeit kam er dann auf meine Schule und wie durch Zufall
auch in meine Klasse. Ich glaube aber, er konnte sich doch noch an mich
erinnern und hat deshalb meine Klasse gewählt. Aber das ist ja egal.
Jedenfalls kam er in meine Klasse und war eigentlich ein total arrogantes
Arschloch, wenn ich das so sagen darf. Aber er sah gut aus und ich wusste,
dass ein Mensch sich in einem Jahr oder zwein, nicht so sehr verändern kann,
wo ich ja auch Recht behalten hatte. Wie man sagt: Unter der harten Schale
ein weicher Kern.
Jeden falls hab ich ihn dann einen Brief geschrieben, das wir uns an der
Eiche in unserem Schulgarten treffen und dann hab ich ihn, er kam natürlich
zu spät, gefragt, ob wir miteinander gehen wollen.
Aber er hat nur gelacht und mich beleidigt. Dann bin ich heim, wo ich
herausfand, dass meine mutter tot war.
Dann klingelte es und meine beste freundin war mit meiner größten feindin da
und die beleidigte mich, indem sie meine schäbige wohnung fotografierte und
drohte, das Foto der ganzen Klasse zu zeigen.
Und als die weg waren, kam er. Da bin ich ausgeflippt und bin abgehauen.
Aber als ich im dunklen Wald war, hab ich immer Geräusche gehört und bin
hingefallen und hab mir den Fuß verstaucht und bin ohnmächtig geworden,
nachdem ich ihn angeschrien hatte, weil er mich verfolgt hatte.
Und als ich aufgewacht bin, lag ich im Zelt und dann kamen wir uns näher.
Also, eigentlicheine lange Geschichte.
Und dann kam raus, dass wir seit der Grundschule ineinander verliebt waren.
Tja, so war das halt. Und, hast du nen Freund?"
"Im Moment nicht, hatte aber bis vor zwei Monaten einen. Sah scheiße aus,
war aber okay. Nur konnte er es nicht ertragen, als ich mit ihm Schluss
gemacht hab.
Und dann wurde er fies und hat es an meiner Freundin ausgelassen. Aber egal,
ich hab's ihm richtig gegeben indem ich allen erzählt habe, dass ich mit ihm
Schluss gemacht habe und dass er drei Mal gesagt hat, dass er mich liebt.
Ich meine, es war doch alles nur eine Wette! Ich wusste ja nicht, dass er's
so ernst nimmt! Aber es war mir eigentlich egal, denn meine Wette war
erfüllt und fertig. Also, erzähl ein bisschen über dich. Hast du viele
Freunde in deiner Schule? Wie sind sie denn so?"
"Ach. Freunde? Nicht wirklich. Meine damals beste Freundin hat mir den
großen Gefallen getan und meine größte Feindin mit in meine Wohnung
gebracht, die da ein Foto geschossen hat und es dann allen in meiner Klasse
zeigen wollte. Aber das hab ich dir ja eh grade erzählt. Tja, sie war meine
beste Freundin, aber eben: war. Und sonst hatte ich nicht so viele
Freundinnen. Nur eine, die war echt nett und ich saß auch eine Weile neben
ihr. Aber wir kannten uns nur kurz.
Wir waren normalerweise ziemliche Außenseiter und ich war froh drüber, dann
musste ich nicht andauernd mit diesen kindischen Idioten zu tun haben.
Ich meine, ihre Hauptbeschäftigung war Flaschendrehen. Und nicht mal mit
gescheiten Einsätzen wir Zungenküssen oder so.
Nein, nur mit so Sachen wie: jemanden anrufen und ihm sagen dass man ihn
liebt um ihn gleicht danach zu sagen, dass man ihn nur verarscht hat. Das
ist sooooo langweilig.
Die wollen doch nur mit Jungs zusammen sein. Warum gehen sie nicht einfach
hin und reden so mit ihnen.
Ich meine, denen muss es doch auch total langweilig sein!"
"Stopp! Was ist denn Flaschendrehen?"
"Hmm, kennst du Wahrheit oder Pflicht? Wort oder Tat? Nein? Also.
Man hat eine leere Flasche. Die legt man waagrecht auf den Boden und dreht
sie. Der, auf den der Flaschenhals zeigt, der muss etwas tun oder eine Frage
beantworten, die der, der davor dran war, ihm gestellt oder halt gesagt hat,
dass er machen muss. Das ist das Partyspiel.
Wahrheit oder Pflicht geht aber ein bisschen anders, da fragt man
irgendjemanden: Wahrheit oder Pflicht? Er antwortet und muss dann entweder
eine Frage beantworten oder etwas tun, was man will.
Ist eigentlich lustig, aber so kindisch!"
"Oh, jetzt kann ich's mir vorstellen. Mein Gott. Bei uns heißt das anders.
Ich mags auch nicht. Es gibt echt lustigeres! Aber ich und meine Freundinnen
spielen es mit richtig lustigen Einsätzen. Ich und eine meiner Freundinnen
hatten die Aufgabe zwei "Beste Freunde", wenn es das unter Jungs gibt,
auseinander zu bringen, wir wollten sehen, ob wir's schaffen, dass sie ihre
Freundschaft wegen uns aufgeben. Wir haben's nicht so richtig geschafft,
aber für eine gewisse Zeit schon. Und zwar haben wir das so gemacht: meine
Freundin musste mit dem einen zusammenkommen, ich mit dessen besten Freund.
Er sah so scheiße aus! Eine riesige, spitze Nase! So ein riesiges Ding! Aber
du kennst doch den Spruch: wie die Nase des Mannes, so sein Johannes!
Also jedenfalls hatte er noch dazu die hässlichste Frisur wie ein Junge in
der Zeit der Igelfrisuren haben kann: sie sah aus wie die Tonsur eines
Mönchs, nur ohne die Glatze hinten.
Oder wie ein Regenschirm den er sich über den Kopf gestülpt hat.
Oder ein Pilz.
Und eine Figur, die jedes Mädchen neidisch gemacht hätte: schlank und groß.
Allerdings ohne Brüste. Sonst hätte er nur noch eine Perrücke gebraucht.
Aber die hätte er auch so gebraucht, bei der Frisur!
Jedenfalls total daneben, aber Wette ist Wette.
Aber ich hab ihn halt dann ein paar SMS und E-Mails geschrieben und dann,
nach einem halben Monat oder eher mehr hatte ich ihn um den Finger
gewickelt.
Aber an dieser Dauer sieht man ja, dass er abnormal ist. Ich meine, um ihn
anzutreiben hab ich ihn auch sachen wie: also, bis dann, hab dich sehr
lieb...schreib schnell, ich warte sehnlich!... geschrieben, aber er hat
immernoch so lange gebraucht.
Jeder andere pubertierende Junge hätte mich nach einer woche spätestens
gefragt ob ich mit ihm gehen will, schließlich hab ich meine Absichten klar
begründet und in dem Alter sind die doch Mädchensüchtig! Vor allem so ein
hässlicher wie der, ich meine, er kann nicht behaupten, er könne sich vor
Angeboten kaum retten!
Na ja. Dann hatten wir ein Date und dann hab ich ihn abserviert. Aber dann
hab ich allen von uns erzählt, sein bester Freund wusste es natürlich nicht,
wäre ja nicht anders zu erwarten gewesen, ist schließlich peinlich
abserviert zu werden.
Und darüber hat sich sein Freund natürlich aufgeregt, und die beiden, ich
habe fast den Verdacht, dass sie sich mehr zu Jungs als zu Mädchen
hingezogen fühlen, haben sich gestritten, die beiden Schätzchen! Hihi.
Und, ich habe ihn ja nie sonderlich gemocht, ich bin eine gute
Schauspielerin, hab ich ihn noch ein bisschen weiter verarscht. Er ist ein
echt übler Verlierer. Er liebte mich damals, wenn man in unserem Alter von
"Liebe" sprechen kann, immer noch, er sagte andauernd solche Sachen, und da
ich ja mit ihm Schluss gemacht habe, hatte er ja keine Chance mich zu
hassen, er war schließlich grade in der Hochsaison seines Verliebtseins und
musste sich dann abservieren lassen.
Aber er hat versucht seine Ehre zu waren: natürlich hat er gesagt, in etwa
die selbe Mail hätte mich in der nächsten Zeit auch erreicht, weil er sich
auch überhaupt nicht mehr "zu mir hingezogen" fühle. Aber ich bin ihm auch
ein bisschen dankbar, denn ich hatte mit zehn, elf und mit ihm mit zwölf
einen Freund. Mit dreizehn auch, aber dank ihm wurde die Kette nicht
unterbrochen. Aber sonst bin ich ihm nur noch dafür dankbar, dass meine
internetrechnung höher gworden ist, was aber natürlich nichts im Vergleich
zu seiner ist: 1295 Euro in einem Monat! Zwar nicht nur wegen mir, sondern
weil er auch so blöd war und online irgenwelche baller-tot-oh wieder
lebendig schnell wieder schießen-tot-viel blut-spiele spielen musste.
Aber da ist er selbst dran schuld. Und wie lange hat er wohl für eine
einzige mail gebraucht?
Echt, so was sentimentales! Aber ich heile eher mich von meinem Zorn, als
dich, dabei solltest doch du mir von dir erzählen!
Also, erzähl mir von Laetitia! Es kann doch nicht sein, dass du immer nur
mit ihr gstritten hast!"
"Nein, das nicht. Eigentlich war das unser einziger Streit. Und leider war
auch ich dran Schuld. Wir hatten uns schon vorher ein bisschen gestritten.
Ich bin furchtbar eifersüchtig musst du wissen und als sie sich dann öfters
mit Kathrin unterhalten hat und immer öfter was mit ihr machen wollte, wurde
ich so eifersüchtig! Ich hatte Angst, dass sie überhaupt nur noch alles mit
ihr machen wollte und nicht mehr mit mir.
Aber sie hat auch versucht, mich aus meiner Mauer die ich aus Trotz und
Beleidigtsein um mich aufgebaut hatte, herauszuholen.
Aber ich bin stur und wollte, dass sie nur noch mit mir befreundet ist.
Und dass war so dumm von mir! Damit hab ich alles nur schlimmer gemacht und
die beste Freundin verloren, die ich in meinem Leben hatte! Es tut mir so
leid! Ich wünschte, ich könnte es ihr sagen. Bis jetzt war ich so sauer auf
sie. Und dachte, Xenia wäre meine beste Freundin gewesen, aber jetzt wird
mir klar, dass es in wirklichkeit Laetitia war!
Ach, ich komm mir so dumm vor, so schrecklich schuldig. Denn ohne meine
eifersucht hätte ich mich ja auch mit Kathrin anfreunden können.
Es hätte gedauert, aber das hätte mir die Freundschaft mit Laetitia wert
sein müssen. Aber in meiner eigenen Dummheit, Sturheit und größter
Eifersucht, wurde mir das gar nicht bewusst. Ich war so furchtbar dumm!
Ach, Laetitia! Ich wünschte, sie wäre da, dann könnte ich es ihr sagen, dann
würde vielleicht alles wieder in Ordnung kommen! Inzwischen wusste sie ja,
dass Kathrin nicht ganz so nett ist.
Ich hasse mich dafür, dass ich die Freundschaft einfach so aufgegeben habe.
Wir waren nämlich schon zerstritten als sie zu mir kam, mit Kathrin, ich
hoffte, sie würde sich entschuldigen, ich war da zu stolz für, aber
wahrscheinlich hatte diese hinterlistige Kathrin sie mit irgendeinem
fadenscheinigen Grund überredet zu mir zu gehen. Mit ihr war es immer so
lustig und ich war über ein dreiviertel Jahr mit ihr beste Freundin und
dass, ohne dass wir uns mal größer gestritten hätten.
Nur wenn ich mal wieder sauer war, obwohl ich keine Grund hatte. Aber jetzt
ist es auch zu spät. Kathrin ist ihre beste Freundin.
Und ich will die beiden auch nicht auseinander reissen, wenn es Laetitia bei
ihr besser gefällt, was ja gut sein kann, bei meiner verdammten Eifersucht.
Und wenn ich böse über sie geredet habe, dann nur weil ich so verletzt war.
Ich war so dumm und habe immer wieder gehofft, dass sie sich mit Kathrin
streitet und wir wieder befreundet sind wie davor. Aber es hat sich
ausgefreundschaftet, nach meinem kindischen, idiotischen Verhalten! Dabei
war sie doch meine beste Freundin...", schluchzte ich.
Denn jetzt, wo mir klar wurde, wer wirklich an unserem Streit schuld war,
musste ich heulen.
Ich hatte es im inneren immer gewusst, aber Kathrin die Schuld gegeben.
Aber von einer anderen Seite gesehen, hatte Laetitia genauso Schuld.
Wenn ihr unsere Freundschaft etwas wert gewesen wäre, hätte sie mich auch
nicht für die Kathrin aufgegeben.
Aber auch Kathrin war Schuld: bloß weil sie keine Freundin mehr hatte,
schnappt sie sich einfach die nächstbeste.
Und es hatte mir immer einen Stich versetzt, wenn ich die beiden so fröhlich
und lachend gesehen hatte. Und manchmal hatte Laetitia zu mir geschaut und
ich hatte das gefühl, dass sie auch ein bisschen denkt wie ich. Aber dem war
wohl nicht so. Und was wenn ich das falsch verstanden hatte und sie jemanden
hinter mir angeschaut hatte?
Aber es war auch ziemlich fies von ihr, wenn sie mit Kathrin über mich
gelästert hat. Das hab ich nämlich ziemlich gemerkt. Einmal, wir haben in
Sport für so einen total dämlichen Tanz geübt und immer zwei Reihen standen
sich gegenüber, da hat Kathrin zu mir geschaut, ich konnte den Tanz
nämlichnicht, hat dann was zu Laaetitia gesagt und die beiden haben sich die
ganze Zeit über mich lustig gemacht. Das war echt ein Scheiß Gefühl.
Und ich wollte auch nicht den ersten Schritt machen, sie hatte eine Freundin
und was wenn sie mich dann auslachte wenn ich mich entschuldigte und ihr
sagte wie ich denke?
Was wenn sie genauso fies geworden war wie Kathrin?
Was wenn sie mich hasste und gar nichts mehr von mir wissen wollte?
Was wenn ich ihr egal war?
Ach, hätte ich doch nur mehr gewusst, wie sie denkt, dann wäre vielleicht
das schlimmste verhindert werden können!
Und wäre ich doch nicht so verdammt stur und eifersüchtig gewesen!
Aber jetzt konnte man es auch nicht mehr ändern!
All das erzählte ich auch Felicity.
Aber was gewesen ist, ist gewesen und jetzt auch vorbei. Vorraussichtlich
würde ich ja jetzt hier leben und da musste ich mich auch nicht mehr mit
diesen Sorgen herumschlagen.
Jetzt konnte ich eh nichts mehr ändern, wie gesagt. Also, lass die Sorgen
von Deutschland hinter dir, jetzt lebst du in Frankreich!
"Hey, werde ich jetzt bei euch bleiben?"
"Ja, Paps hat sich um alles gekümmert, du musst jetzt nur noch ein paar
Papiere unterschreiben. Schließlich können wir ja nicht alles über deinen
Kopf hinweg entscheiden! Und es wird auch keinerlei Kosequenzen für dich
haben, Paps hat alles geregelt."
"Super! Also bin ich jetzt Magdalena Anelie ... wie noch?"
"...von Trommer!"
"Was, wir haben einen Adelstitel?"
"Ja, von Uroma Elisabeth. Paps hat den Adelstitel zurückgekauft, war nicht
billig, aber es hat sich mehr als gelohnt, auch wenn man ab und zu damit
aufgezogen wird, in der Schule, von den Mitschülern und Lehrern.
Auch wenn die Lehrer es meistens nicht so meinen, aber wenn man frech wird,
dann wird man ununterbrochen gehänselt.
Und, auch wenn's feige klingt, ich bin lieber ruhig und drück mich in die
Bank, als aufzufallen und reihenweise schlechte Noten zu kassieren weil man
vorlaut und der ist, der immer wenn die Klasse Mist baut, seinen Kopf
herhalten muss. Das übernimmt jemand anderes.
Aber das wirst du ja sehen, denn du kannst sicher in meine Klasse.
Dann kannst du Latein abwählen, nach dem was du mir erzählt hast war das ja
der reinste Horror.
Und da du ja Französisch und Deutsch sprichst, wie ich, ist das ja kein
Problem! Französisch muss man können, wie man sich hier in Frankreich denken
kann, und Deutsch ist neben Englisch die zweite Fremdsprache. Und das kannst
du ja auch!
Also, hier ist das mit den Fremdsprachen ein bisschen anders, außerdem bin
ich ja, euren Maßstäben entsprechend auf einer Realschule, da reichen zwei
Fremdsprachen. Das ist super! Wir beide in einer Klasse! Denn ich muss
sagen, ich finde dich bis jetzt sehr nett! Und das wird echt lustig."
"Ja, ich finde wir haben's gut getroffen, zwei nette Zwillinge! Ich hoffe es
ist keine hübscher als die andere! Sonst unterscheiden sie uns zu schnell!
Man, das wird erst lustig mit den Lehrern! Wenigstens ein paar wochen
sollten sie damit schwierigkeiten haben!"
"Ach, das ganz sicher, unsere Lehrer sind nicht so streng wie in
Deutschland, lassen alles durchgehen und geben einem trotzdem eine eins auf
alles!"
"Oh, mein Gott! Wie lange habe ich davon geträumt, der Herr sei gepriesen!
Hach..."
Und genau da traf mich ein Regentropfen, genau auf die Nase!
"Schnell, laufen wir nach Hause!"
"Ach, ich glaub dafür ist es zu spät! Es ist eh nur ein Schauer. Aber wir
können den Regen nutzen, so wie ich es immer mache: wenn's regnet, zieh ich
mich bis auf die Unterwäsche aus und laufe nach Hause. Ich liebe den Regen!
Komm!" Und damit zog sie sich aus, bis sie nur noch ein T-Shirt und ein
Höschen anhatte, so wie ich.
Und dann kletterten wir vorsichtig den glatten, jetzt noch rutschigeren Baum
herunter. Vor ihr schämte ich mich gar nicht, und meine Freude wurde auch
nicht getrübt, weil ich nicht an Nick dachte, sonst wäre ich sofort traurig
gewesen, weil er im Heim saß, während ich mich hier amüsierte.
Aber als ich dann barfuß im Moos stand, meine Kleider hangen über einem Ast,
später konnten sie ja trocknen, und sah, wie Felicity sich da im Regen
drehte, die Arme ausgestreckt und tanzend, da wurde ich von ihrer Freude
angesteckt. Es war ein warmer Regen, ich fühlte mich wohl und liebte Wasser,
also, was hielt mich davon ab, Felicitys Beispiel zu folgen? Nichts!
Also streckte ich die Arme aus, sah nach oben in die Baumkronen durch die
der Regen auf uns herunterprasselte und drehte mich, immer schneller
werdend. Ich genoss den Regen. Es war toll.
Und an Heimgehen wurde nicht mehr gedacht. Später nahmen wir uns an die
Hände und drehten uns so. Es machte solchen Spaß!
Aber wenn uns jemand gesehen hätte... er hätte gedacht, wir sind verrückt!
Aber das sind wir ja auch ein bisschen. Aber nur ein bisschen. Aber das
konnte man ja auch erwarten, nach allem was ich durchgemacht hatte!
Aber daran wollte ich jetzt gar nicht denken. Was kümmerte mich das jetzt?
Jetzt wollte ich glücklich sein. Und das hatte ich mir auch verdient.
Ach, aber dann wurde der Regen immer schwächer und dann hatte der Regen
aufgehört und wir langen im Moss und lachten, ohne jeglichen Grund.
Ach, es war einfach nur schön.
Sich um nichts kümmern müssen.
Einfach nur frei sein.
Nichts tun.
Keine Ahnung von der Zukunft haben, aber sich auch keine Sorgen machen. Und
was das beste war: eine Freundin neben sich zu haben.
Wir lagen da, auf dem feuchten Moos, nass, Haut an Haut und sahen durch die
Blätter auf den blauen Himmel. Die Sonne trocknete langsam unsere Haut und
wärmte uns. Die Strahlen kitzelten auf der Haut und ich fühlte mich
irgendwie ... sauber.
Ich weiß nicht warum, aber jetzt war mein Leben geregelt: ich hatte einen
netten Vater, eine Super-Schwester, einen nette Oma, würde bald in eine
andere Schule gehen, neue Freunde, kein Latein mehr und ein geregeltes Leben
leben.
Mein Vater war reich, nach der Ausstattung der Wohnung und dem, was Felicity
mir erzählt hatte, zu urteilen.
Denn sie hatte mir erzählt, dass er viel von einem Großonkel, den er kaum
gekannt hatte, geerbt hatte. Und noch dazu hatte er eine eigene Apotheke,
die den Lebensunterhalt sicherte.
Und dann konnte er sich als Psychologe auch noch was dazu verdienen, denn er
hatte in Frankreich auch Psychologie studiert. Deshalb durfte er mich, als
ich den Nervenzusammenbruch hatte, auch bei sich behalten.
Und wenn es in der Apotheke nicht gut lief, was nicht zu erwarten war da sie
die einzigste in der kleinen Stadt war, konnte er Leute beraten und
behandeln. Außerdem verdiente auch Oma sehr gut mit ihren Naturheilmitteln,
bei denen Vater ihr half.
Sie gab Felicity jeden Monat Geld auf ein Konto, für schlechte Zeiten. Denn
Oma wusste, wie schnell es gehen könnte, dass man arm wird und wie der
letzte Dreck behandelt wird.
Denn ihre Mutter war Jüdin. Und als Hitler an die Macht kam, war sie 16 und
gerade schwanger gewesen.
Das wäre schlimm genug, weil es ein uneheliches Kind war und sie auch viel
zu jung war, aber als dann auch noch die Judenverfolgung stattfand, war es
noch schlimmer.
Das Kind hatte sie nachdem sie zum Christentum umgestiegen war, verloren.
Manche mögen jetzt denken, es sei feige, einfach den Glauben zu wechseln,
aber wenn man schwanger ist, muss man auch an sein Kind denken. Vor allem
wenn man an die Judenverfolgung im Mittelalter denkt und daraus lernt.
Aber trotzdem könnte man denken, dass ihr Glaube kaum etwas wert war, da sie
sich schon nach zwei Besuchen der Judenverfolger ergeben hat, aber sie hat
das nur mit guten Absichten getan, denn wenn sie sich früh "ergibt", dann
ist sie weniger verdächtig und wenn sie den hohen Herren der Politik helfen
und dienen will, zur Wiedergutmachung dafür, dass sie so lange wie eine
ungläubige gelebt hatte.
Das war jedenfalls die Meinung der Politiker.
Aber sie hat das nicht aus diesen Gründen getan, ganz und gar nicht, sondern
um anderen zu helfen. Denn desto weniger verdächtig sie wurde, desto mehr
konnte sie ihren Glaubensbrüdern und -schwestern helfen. Denn unter Hitler
wollte jeder Macht und Reichtum. Wenn sich da ein hoher Herr eine Dienstmagd
mehr zulegte, fiel das nicht auf.
Und wenn ein bisschen Essen fehlte, fiel das auch nicht weiter auf wenn's
mal ein bisschen mehr wurde, das fehlt.
Die hohen Herrschaften gingen ja nicht in die Küche und schon gar nicht
einkaufen, da wussten sie gar nicht wieviel Essen überhaupt vorhanden war.
Und im großen Keller der Herrschaften konnte man viele Menschen hinter einer
Wand von Weinkisten unterbringen.
Essen war ja genug da, auch wenn es trotzdem nicht im Überfluss vorhanden
war. Aber so konnte sie 23 Juden das Leben retten.
23 Menschenleben, das waren so wenige im Vergleich zu den über einer
Milionen Juden die vergast wurden, aber immer noch mehr, als die meisten
Menschen von sich behaupten können. Wer hat schon überhaupt einem Menschen
bewusst das Leben gerettet? Ich bin sehr stolz auf meine Urgroßmutter. Denn
sie hat Menschenleben gerettet.
Und hieß es nicht: Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt?
Aber noch dazu hat sie ihr Kind verloren. Wegen all den Sorgen und weil sie
ihre gesamte Familie sowie den Vater ihres Kindes verloren hat.
Und das war sehr viel mehr, als ich ertragen könnte. Obwohl es bei mir auch
nicht so viel besser war, bevor ich meine jetzige Familie kennengelernt
habe.
Deshalb liebte ich sie, obwohl ich sie nie kennengelernt habe, deshalb
bewundere ich sie, dass sie so viel Mut hatte und nicht einfach weggelaufen
ist, wie ich.
Und dann hatte sie einen Einflussreichen Freund, mit dem sie nochmals ein
uneheliches Kind bekam. Er musste nochmal für eine Woche auf See, danach
wollten sie heiraten.
Aber ihr Verlobter kam nicht mehr zurück. Das Kind gab sie ihren Eltern, da
sie selber wegzog und dort noch einen Mann kennenlernte. Als sie dann ein
Haus bezogen hatten, nahmen sie das Kind, meine Oma, zu sich und lebten bis
zum Tod meiner Uroma glücklich miteinander in dem großen Haus.
Aber letztendlich habe auch ich hier meine Familie gefunden und kann jetzt
endlich normal leben.
Über all das dachte ich nach als wir da nebeneinander im Moos lagen. Wir
zwei Schwestern.
Aber dann fiel mir siedendheiß ein, dass ich immer noch nicht wusste was mit
Nick los war. Aber wie so oft verschob ich das auf später.
Jetzt nicht dran denken.
Aber mir fiel etwas anderes ein: das Amulett, dass mir Nick gegeben hatte!
Ich stand auf und suchte in meinen Hosentaschen nach der Kette.
Komisch, dass ich das vergessen hatte! Sie war ja immer in meiner Tasche
gewesen!
Aber es war andererseits auch so viel passiert, da war es kein Wunder. Als
ich es mir genauer ansah, sah ich, dass an dem Lederband eine kleine
Glaskugel hang, in der sich Flüssigkeit befand und in der Flüssigkeit
schwamm ein Stück, es sah aus wie von einer braun gewordenen Karotte.
Ich wusste nicht was es war. Aber das Amulett war wunderschön. Die Glaskugel
war nur zwei Zentimeter klein und mit Silber umfasst.
Ich legte mir das chwarze Lederband um den Hals und nahm den Anhänger in die
Hand. Nach einer kurzen Zeit hatte er meine Körperwärme angenommen.
"Was hast du denn da?", fragte Felicity.
"Es ist der Anhänger, den mir Nick in die Hand gedrückt hat, bevor er wie
ein Schwerverbrecher in das Polizeiauto gezerrt wurde."
"Oh! Zeig mal."
Neugierig betrachtete sie es, drehte und wendete es.
"Sieht ziemlich wertvoll aus. Echtes Silber. Aber was ist das da drinnen?"
"Ich hab keine Ahnung. Aber es sieht auch sehr alt aus. Und wie das Stück
einer Karotte, finde ich."
"Stimmt. Aber vielleicht weiß ja Paps was drüber, er ist ja ein ziemlich
intelligenter Mann."
Aber später haben wir dann doch vergessen ihn zu fragen.
"Hey, ich glaub wir sollten jetzt mal nach Hause gehen. Das können wir doch
so, oder?"
"Sicher. Hier kommen ziemlich selten Leute vorbei, außer sie wollen zu uns.
Also dann. Ähm, wir konnten deine Sachen noch nicht waschen, sie sind voll
im Matsch gelandet als das Rad umgefallen ist, aber ich gebe dir natürlich
was von mir!" "Gut, danke!"
Wir nahmen unsere Sachen von den Ästen, sie tropften fast noch, und machten
uns auf den Weg.
Als wir schon das Haus sahen, rief plötzlich ein Franzose:
"Hey, Felicity, wie geht's? Ist dir nicht kalt?"
Felicity zuckte nicht mal zusammen. Als hätte sie's schon erwartet.
"Erschrick nicht, das ist nur Alex, ein Freund von mir. Ein Kumpel, wie man
eher sagt. Er ist ziemlich okay und wird öfter vorbei kommen.
Also, gewöhn dich schon mal an ihn!"
Sie sah, wie ich versute meine Kleidung so vor mich zu halten, dass ich
wenigstens ein bisschen verdeckt war.
"Ach, no panic! Er hat mich auch schon im Bikini gesehen, und du siehst ja
nicht grade schlecht aus, wenn ich das so sagen darf!"
"Ach, aber du auch nicht!"
Lachend drehten wir uns gleichzeitig zu Alex um.
"Hi, darf ich dir Magdalena vorstellen? Meine Zwillingsschwester."
Da stand ihm erst mal der Mund offen.
Also ging ich hin, klappte sein Kinn nach oben und sagte:
"Mund zu, sonst zieht's! Ich bin Magdalena, kannst mich aber ruhig Lena
nennen!"
"A... Alex! Wie geht denn das? Warum hast du mir nie von deiner
Zwillingsschwester erzählt?"
"Gleich erzähl ich dir die Geschichte, kommt erst mal rein, und wir ziehen
uns kurz um, okay? So lange musst du dich noch gedulden!"
"Okay. Aber beeilt euch!"
"Wird gemacht! Was willst du?"
Inzwischen hatten wir das Zimmer betreten und Felicity hatte den großen
Schrank geöffnet.
"Ich weiß nicht, welche Größe hast du denn?"
"36 in Hosen und 34 in Oberteilen, du?"
"Genauso! Cool, dann kann ich mir immer Sachen von dir ausleihen!"
"Oh, dass das mal nicht zur Gewohnheit wird, du bekommst natürlich auch neue
Sachen! Aber dann kann ich mir doch auch Sachen von dir leihen, oder?" "Ach
sicher. Sagen wir einfach, alle Sachen gehören uns beiden, okay?"
"Gut. Aber teilen wir nicht den Hirsch, bevor er überhaupt erlegt ist, oder
wie auch immer diese Sprichwort heißt. Also was willst du? Welche BH Größe
hast du?"
Sie sah auf meinen Zettel und stellte fest, dass wir auch da die selbe Größe
hatten.
"Echt, wir haben überall die selben Maße!"
Als sie das sagte, und alle mich hier in Unterwäsche sahen, wünschte ich mir
so sehr, dass Nick da wäre.
Ich wünschte so, dass wir uns küssten und er mich so zärtlich umarmte wie er
es immer getan hatte.
Dass er seine Arme um meine Hüften schlang, mich mit seinen wunderbaren
Augen ansah, und sein schönes Gesicht zu meinem beugte um mir einen
zärtlichen Kuss zu geben.
Ach, Nick! Ich vermisse dich so sehr!
Weshalb war er nicht hier? Ob er sich auch so sehr nach mir sehnte wie ich
mich nach ihm?
"Hey, was ist mit dir? Du siehst so komisch aus! Magdalena?"
"Ja? Was los?"
"Du sahst grade so komisch aus und ich hab dich schon fünf mal gefragt, was
du anziehen willst! Woran hast du gedacht?"
"An Nick. Was er wohl gerade macht? Vielleicht geht es ihm jetzt schlecht,
während ich hier meinen Spaß habe! Ich wünschte er wäre hier und wir könnten
uns nahe sein..."
"Hey, langsam wird's hier ja nicht mehr jugendfrei!"
"Halt deine Klappe, Alex!", giftete Felicity ihn an.
"Komm, zieh erst mal was an! Dann hol ich uns was zu drinken! Wir drinken
wohl lieber einen Tee, bevor wir uns mitten in den Ferien eine Grippe
holen!"
"Ferien?"
"Na ja, zur Zeit sind hier in Frankreich noch Ferien"
"Ja, aber leider nur noch kurz", sagte Alex.
Inzwischen hatte ich mir dann endlich ein paar frische Sachen ausgesucht:
eine schwarze, echt coole Hose mit riesigem Schlag, ein kurzes, rosa Top und
eine hautenge, dünne schwarze Jacke zum drüberziehen, denn inzwischen war es
dunkel und ein bisschen abgekühlt.
Dann zogen wir uns im Bad um und gingen wieder zu Alex. Jetzt, wo er so da
saß, wurde mir bewusst, wie gut er aussah.
Natürlich kam er nicht an Nick heran, aber gut sah er trotzdem aus.
Hoffentlich war das bei allen Franzosen so! Aber ich hatte ja Nick!
Als wir uns dann umgezogen hatten, machten ich und Felicity es uns auf der
Couch bequem. "Also, jetzt erzähl doch mal, wie kommst du denn hierher und
wieso wusste ich nichts von ihr? Und die wichtigste aller Fragen: Kann ich
was zu trinken haben?"
"Sicher! Ich hol uns einen Tee, aber was willst du?"
"Eistee?"
"Okay, wartet kurz. Du kannst ja schon mal anfangen, Magdalena."
Sie war kurz draußen und andauernd sah dieser Alex mich total neugierig an.
"Also, wie kommst du denn jetzt her?"
"Der Storch hat mich gebracht, weißt du? Ach, das ist eine längere
Geschichte. Also, es fing damit an, dass mein Schwarm mich abserviert und
ziemlich runtergemacht hat. Dann kam ich Heim und meine Mutter war tot.
Dann hat meine beste Freundin mich verraten und ich bin abgehauen.
Dann, in der Nacht im Wald, hat mich mein Schwarm, Nick eingeholt, als ich
vom Fahrrad gefallen und mir meinen Fuß leicht verstaucht habe.
Da ich ohnmächtig wurde, hat er mich ins Zelt gelegt und war am nächsten
Morgen deshalb immer noch da.
Ich hab ihm verziehen und wir sind gemeinsam weitergezogen weil er seinen
besten Freund verloren und rausgefunden hat, dass er adoptiert wurde. Also
hat er auch keinen Sinn gesehen und ist mit mir abgehauen.
Also, nicht weil er eh nichts mehr zu verlieren hatte und da konnte er auch
mit einer wie mir abhauen, sondern weil er mich liebte.
Dann sind wir kurz umhergezogen und waren bei einer Freundin, eine Weile,
und dann waren wir noch kurz unterwegs und sind dann hier gelandet.
Das heißt, ich bin in diese Stadt, er hat vor der Stadt gewartet, wurde
gefangen und ist jetzt im Heim.
Aber ich bin in diese Stadt gekommen, weil ich mir Traubenzucker kaufen
wollte, da bin ich in diese Apotheke gekommen und da hat mein Vater mich
erkannt.
Also war ich kurz hier und hab ihnen ein bisschen erzählt, da wollten wir
Nick holen, aber er wurde gerade weggefahren und da hatte ich `nen
Nervenzusammenbruch. Tja, das war's."
"Wow. Krasse Geschichte. Aber was ist mit Nick? Und wie lange bist du bis
jetzt hier?"
"Eine Woche oder ein bisschen länger. Was mit Nick ist, weiß ich nicht,
jeder weicht mir aus wenn ich frage. Aber ich hoffe es geht ihm gut. Und was
ist mit dir?"
Inzwischen war Felicity hereingekommen und hatte die Getränke hingestellt.
Ich nippte an meinem noch heißen Tee.
"Ach, mir geht's gut, warum fragst du?"
"Hast du ne Freundin?"
"Nein. Im Moment nicht."
"Im Moment nicht? Hast du vielleicht eine Aussicht auf eine in der nächsten
Zeit? Ich denke eher nicht. Er hat fast alle, die einigeermaßen annehmbar
aussehen schon durch, musst du wissen. Mit mir hat er's auch versucht, ist
aber gescheitert, weil er so ein netter Kerl ist. Und so was witziges will
man doch nicht nur für eine Woche oder weniger, oder?", mischte sich
daraufhin Felicity ein.
"Ach, Feli, mein Schatz, liebst du mich denn nicht mehr? Oder warum fügst du
mir denn solchen Schmerz zu, mein Darling?"
"Ach, du weißt doch, dass ich dich liebe!"
"Mai, wie süß ihr beiden Turteltauben doch seid, aber ich muss euch
unterbrechen. Wo ist denn die Toilette?"
"Die Toilette ist da, wo wir uns umgezogen haben."
"Ach ja. Ich bin gleich wieder da."
Also öffnete ich die Tür an der Wand rechts im Flur vor dem Zimmer und
sperrte hinter mir ab.
Als ich wieder herauskam, hörte ich, wie die beiden leise miteinander
redeten. Sie hatten mich noch nicht gehört und ich hörte noch, wie Felicity
sagte:
"...hat vor ein paar Tagen versucht sich umzubringen. Aber jetzt ist er
außer Lebensgefahr. Ich denke mal, nach allem versucht er gar nicht mehr aus
dem Heim wegzukommen...."
"Redet ihr etwa von Nick? Er hat versucht sich umzubringen? Warum habt ihr
mir nichts gesagt? Ich muss zu ihm! Was, wenn er es nochmal versucht? Ich
muss ihm sagen, dass er..."
"Beruhige dich! Du kannst nicht zu ihm, das dürfen nur Verwandte. Jedenfalls
offiziell. Da Paps alles versucht hat, alles legale, habe ich eine Freundin
deren Mutter in diesem Heim arbeitet und die dich zu ihm bringen kann.
Aber dafür müssen wir abwarten. Ich wollte dir das heute Nacht sagen, denn
heute können wir frühestens zu ihm.
Also, was sagst du? Wir müssen nur darauf achten, dass mein Vater nichts
davon mitbekommt."
"Ja, ja sofort!"
"Gut. Ich werde dann heute Nacht den Wecker stellen. Also, sorge dich nicht
länger, und hab noch ein bisschen Spaß, freu dich nur auf heute Nacht und
keine Angst, er ist längst über den Berg und ist wieder in seinem
Einzelzimmer. Also gibt es auch keine Zimmerpartner der uns verraten
könnte."
"Ähm, Felicity?"
"Ja?" "Wie hat Nick denn versucht sich umzubringen?"
"Er wollte aus dem Fenster springen. Er war zu der Zeit im 2.Stock und hätte
vermutlich sowieso mit ein paar weniger schlimmen Verletzungen überlebt,
aber sein Sprung wurde ein wenig gedämpft, als er im Zweiten Stockan einem
Blumenstock hängen geblieben ist, sein Hemd ist dann aber gerissen und er
ein paar Prellungen und einen verstauchten Fuß davongetragen hat, keine
Angst, er ist jetzt im ersten Stock, da kann nicht viel passieren."
"Gut. Am besten wir hören jetzt auf darüber zu reden, unser Vater kriegt
sonst noch was mit. Und wir müssen vorsichtig sein. Alex, wir können uns
doch auf dich verlassen?"
"Sicher können wir das, er wird ganz sicher nichts sagen!"
Dann redeten die beiden noch ein bisschen über belanglosen Zeug. Ich dachte
die ganze Zeit an Nick.
Wie verzweifelt war er, um zu versuchen sich umzubringen?
Was war nur geschehen?
Wieso hatte mir niemand was gesagt?
Aber ich kam zu keiner Antwort.
Nach einer halben Stunde, gegen acht, ging Alex dann.
Wir gingen in die Küche und aßen ein paar Brötchen.
Unser Vater war nicht da, er musste noch ein paar Tabletten zu einer alten
Dame bringen.
Dann gingen wir ins Bett, als er dann kam.
Eine Weile waren wir noch wach, dann schliefen wir und standen um halb eins
wieder auf, zogen uns leise an und schlichen aus dem Haus.
10.Kapitel-Der Besuch
Erst gingen wir relativ zügig durch den Wald, bis wir dann an eine Straße
kamen, die wir eine viertel Stunde entlang gingen.
Dann bogen wir nach Rechts in eine andere, genauso große Straße ein. Es war
eine Allee mit lauter Birken. Es sah sehr schön aus, wenn ich nicht gewusst
hätte, dass das die Straße zum Kinderheim war, hätte ich wahrscheinlich
etwas fröhlicher sein können, weil ich Birken sehr gern hatte.
Aber jetzt, wo ich wusste, dass das Heim so nah bei uns war, nur eine halbe
Stunde weg, und ich wusste, dass Nick hier versucht hatte sich umzubringen.
Was, wenn er es geschafft hätte?
Dann würde ich wahrscheinlich noch einen Nervenzusammenbruch haben, und wer
weiß?
Vielleicht würde auch ich versuchen mich umzubringen?
Aber das dachte ich eher nicht, denn meine Familie, so kurz ich sie auch
kannte, ich hatte sie schon sehr lieb gewonnen.
Schließlich hatte Felicity alles versucht um mich zu Nick zu bringen. Und
mein Vater war so lieb zu mir gewesen, als ich krank war, und natürlich auch
danach.
Alle waren nett, und meine Oma hatte ich besonders lieb gewonnen. Denn
vorher hatte ich keine gehabt und dass sie jetzt so nett war, war schon
toll. Und sie hatte wirklich gute Ansichten über Gott und die Welt. Sehr
zeitgewandt und nicht so spießig und uralt wie die meisten alten Menschen.
Aber sie war ja auch noch relativ jung, erst 61 Jahre alt. Aber all das tat
jetzt nichts zur Sache.
Den Weg legten wir vorsichtshalber schweigend zurück, wir hatten das meiste
schon daheim besprochen. Also wie lange wir laufen und welchen Weg wir
nehmen müssen. Wir hatten beide schwarze Kleidung an, um im Wald und auf der
Straße nicht gesehen zu werden.
Denn wir durften auf keinen Fall erwischt werden. Irgendwie galten wir bei
denen schon fast wie Schwerverbrecher, dabei hauen doch tagtäglich
irgendwelche Jugendliche von Zuhausen ab, ich frage mich echt, warum alle so
ein Theater machen mussten!
Inzwischen waren wir in den Wald um das Heim herum eingebogen und schlichen,
Bloß keinen Krach machen!, zum Seiteneingang.
Na ja, eher gesagt zum Küchenpersonaleingang, aber hauptsache wir kamen
rein.
Eine wohlgenährte, dunkelhaarige Frau wartete innen auf uns. Es war relativ
hell, alle fünf meter war eine Neonlampe an der Decke an.
Irgendwie kam mir das hier nicht wie ein Kinderheim, sondern eher wie ein
Gefängnis oder Krankenhaus vor. Aber das war nur hier unten so. Als wir nach
oben kamen, waren die Wände in einem freundlichen Mandarin gestrichen und es
hangen überall Bilder von Kindern gemalt.
Es schien, als ob sich hier alle Kinder wohl fühlten.
Außer Nick. Sonst hätte er ja nicht versucht sich umzubringen.
Dann stiegen wir noch die Treppe in den ersten Stock hoch und dann standen
wir vor Nicks Zimmer.
Anscheinend wurde er eingesperrt, er hatte natürlich schon mehrere
Ausbruchversuche unternommen, nahm ich mal an, denn die Frau musste erst
einen Schlüssel holen um uns aufzusperren.
Ich war furchtbar nervös, wer weiß wie Nick aussah, nachdem er sich
umbringen wollte. Ich hoffte nur, es ging ihm "den Umständen entsprechend".
Die Frau kam zurück und sperrte uns auf, ich betrat vorsichtig hinter
Felicity den Raum.
Die Frau blieb netterweise draußen, sie wusste über mich und Nick bescheid,
Felicity genügte ihr als Anstandswauwau.
Ich machte das Licht an. Nick saß aufrecht auf dem Bett. Anscheinend schlief
er nicht sonderlich viel, denn er sah auch nicht so gut aus, er hatte
Augenringe und seine Haut schien irgendwie grau.
Er wollte schon eine bissige Bemerkung machen, da er dachte eine der
Aufpasser habe den Raum betreten, da sah er auf und sah dass ich es war.
Er schien seinen Augen nicht zu trauen, dann trat ein sehr glücklicher
Ausdruck auf sein Gesicht. Ich lief auf ihn zu und wir umarmten uns heftig.
"Ich mach mal das Licht aus, sonst bemerkt man uns doch noch.", sagte
Felicity.
Aber wir beachteten sie gar nicht sondern küssten uns.
Wie lange hatte ich das vermisst! Wir sahen uns tief in die Augen.
"Du bist da! Wie hast du es geschafft..."
Ich legte ihm den Finger auf die Lippen, küste ihn und dann erklärte ich ihm
alles.
"Als ich in der Apotheke war, hab ich meinen Vater gefunden. Oder eher er
mich. Jedenfalls ist das meine Zwillingsschwester Felicity."
Ich machte eine vage Handbewegung in ihre Richtung, er sah kurz hin, nicke
ihr zu und sah dann wieder mich an.
"Sie hat eine Freundin deren Mutter hier arbeitet, sie hat uns auch zu dir
gebracht und uns aufgesperrt. Aber wie geht es dir? Weshalb hast du versucht
dich umzubringen?"
"Es geht mir einigermaßen gut. Ich hab viele blaube flecke, aber sonst geht
es mir gut. Warum ich mich umgebracht habe? Ich war verzweifelt! Ich wusste
nicht warum sie mich hier einsperren. Ich dachte ich würde dich nie wieder
sehen! Aber ich denke, ich werde es schaffen, hier rauszukommen.
Ich bin einmal ins Zimmer des Leiters gekommen, er wollte irgendwas mit mir
besprechen und ich musste noch warten. Da hab ich eine Akte mit meinem Namen
auf seinem Tisch gesehen. Natürlich hab ich sie mir durchgelesen. Und ich
weiß auch, warum mich alle hier wie einen Schwerverbrecher behandeln. Mein
Stiefvater hat erzählt, ich hätte kleine Kinder geschlagen und meine Mutter
dumm angeredet und lauter andere Sachen, die ich nie gemacht habe.
Jedenfalls haben sie ihm geglaubt.
Aber dass er mich geschlagen hat, scheinen sie vergessen zu haben. Aber ich
hab auch gesehen, dass sie Verwandte meiner Mutter aufgespürt haben! Und
deshalb muss ich dich um einen Gefallen bitten."
"Alles was du willst, Nick!"
"Kannst du zu ihnen gehen und ihnen alles erzählen? Sie müssen mich hier
rausholen! Denn der Leiter ist ein dummes Arsch, bevor der sich bewegt bin
ich dreißig! Bitte!"
"Natürlich! Wie heißen sie?"
"Es ist die Schwester meiner Mutter, also meine Tante und sie heißt Maria
Michaelis. Sie wohnt auch in der Stadt, wo du jetzt wohnst!"
"Gut, ich werde sie natürlich dazu bringen dich hier herauszuholen. Und wenn
ich es ewig versuchen muss. Ich werden sie dazu bringen!"
"Danke, du bist so süß! Ich liebe dich!"
"Ich dich auch, aber versuch nie wieder dich umzubringen! Es gibt immer eine
Lösung! Und jetzt hat du auch noch Verwandte hier! Wir haben echt Glück im
Unglück! Stell dir vor, ich hätte auch so früh aufgegeben, dann wärst du
jetzt noch bei deiner Stieffamilie und ich wäre bei einer Pflegefamilie.
Aber so haben wir beide Verwandte gefunden!"
Aber da fiel mir noch was ein. Ich holte das Amulett unter meinem Shirt
hervor und fragte Nick:
"Was ist das? Warum hast du es mir gegeben?"
"Ich hab's dir gegeben, weil ich Angst hatte, dass sie es mir wegnehmen,
nachdem sie mich so behandelt haben. Es ist ein Amulett, dass mir meine
Stiefmutter gegeben hat. Sie bekam es von meiner Leiblichen Mutter, bevor
die starb. Und es ist ein Amulett aus silber und mit dem Sück einer
Alraunenwurzel drinnen.
Meine Stiefmutter sagte, dass meine Mutter es von ihrer und die wieder von
ihrer Mutter bekam und immer so weiter.
Dann gab sie es mir. Und bitte bewahr es für mich auf.
Weshalb kommt ihr erst jetzt?"
"Na ja, ich hatte einen Nervenzusammenbruch und dann... na ja, ich bin ja
jetzt hier!"
Da klopfte die Frau von draußen, es war das Zeichen, dass wir rausmussten.
Wir küssten uns nochmal zum Abschied und dann musste ich raus.
Er hielt meine Hand, als ich dann aufstand und ein paar Schritte ging, zog
er mich nochmal zu sich und strich mir über die Wange, küsste mich wieder
und ließ dann meine Hand los.
Eine vereinzelte Träne lief über seine Wange. Ich wusste, ich musste raus,
aber ich wischte ihm doch noch zärtlich die Träne weg und flüsterte:
"Ich werde dir schreiben, wenn ich nicht mehr zu dir komme. Keine Angst, du
kommst ja bald raus! Ich liebe dich, für immer, mein Märchenprinz!"
Ich sah ihn nochmal an, sah seine wunderschönen dunkelgrünen Augen im
dunkeln aufblitzen und er lächelte nochmal sein tolles Lächeln, dann fiel
die Tür leise zu.
"Beeilt euch, Mädchen, sie kommen, ich habe Schritte gehört! Geht die Treppe
runter und dann nichts wie raus! Ich regle das schon, wenn wir doch gehört
werden sollten! Los jetzt!"
"Kann ich ihnen einen Brief für Nick mitgeben lassen? Bitte?"
"Ja, aber jetzt macht schnell!" ,sagte sie ein bisschen ängstlich, ein
bisschen lächelnd.
Und wir rannten, auf leisen Sohlen zur Treppe, schlichen durch die schwach
beleuchteten, einsamen Flure, dachten schon, wir hätten uns verirrt, da
sahen wir die Treppe in den Keller.
Wir rannten sie herunter und mussten nur noch die Tür öffnen, dann wären wir
draußen.
Felicity machte gerade leise die Tür auf, da hörten wir schnell näher
kommende Schritte.
"Halt! Niemand haut ab, Kinder, hört ihr Nicht?"
Anscheinend dachte derjenige, wir wären Kinder die sich nach draußen
schlichen.
Schnell schlüpften wir durch die Tür, ließen sie hinter uns zufallen, und
rannten so schnell es ging in den Wald.
Außer Puste endlich auf der Hauptstarße angekommen, blieb Felicity stehen,
stützte sich auf ihre Knie und keuchte:
"Man, haben wir ein Glück gehabt! Wenn die uns erwischt hätten!"
"Oh ja! Komm, beeilen wir uns, nach Hause zu kommen!"
Schweigend gingen wir auch den Heimweg. Felicity schien zu spüren, wie wenig
Bock ich drauf hatte, jetzt zu reden. Und das war auch gut so.
Ach, es war so viel passiert in letzter Zeit. Als ich das das erste Mal
richtig bewusst dachte, fühlte ich mich plötzlich wie ausgebrannt.
Und was würde noch kommen?
Ich würde hoffentlich noch die Verwandten von Nick finden und dann musste
Nick noch raus aus dem Heim.
Shit. So viel noch. Es würde sehr anstrengend werden. Aber ich wollte es
Nick zuliebe tun.
Schließlich vermisste ich ihn jetzt schon, dabei hatte ich ihn grade erst
gesehen. Aber ich sehnte mich schon wieder nach seinen Küssen und den
zärtlichen Worten und auch nach seinen Händen. Wie er mir die Haare aus dem
Gesicht strich. Wie er meine Hände streichelt. Mir das Gesicht streichelt.
Wie seine Hände unter mein Shirt gingen. Ach, Nick!
Als wir dann in ihrem Zimmer waren, zog ich mir nur noch ein T-Shirt von
Felicity über den Kopf und fiel in ihr Bett.
Es war ja groß genug für uns beide. Auch Felicity legte sich hin und löschte
das Licht.
Nur der Mond schien durch die Ritzen im Vorhang. Wir hatten noch nicht
geredet. Ich war so müde, konnte aber trotzdem nicht schlafen.
"Lena? Schläfst du?"
"Nein."
"Ich muss sagen, mit deinem Nick hast du echt die richtige Wahl getroffen!
Soweit ich das im dunkeln beurteilen konnte. Ach, als ihr so da saßt und
euch gegenseitig angehimmelt habt, man da war ich vielleicht eifersüchtig!
Ich will auch so jemanden süßen!"
Ich drehte mich zu ihr um.
"Ach. Du hast doch Alex. Ich mein, der steht Nick doch in fast nichts nach!"
Ich log ein bisschen. Niemand konnte an Nick auch nur annähernd herankommen!
"Ach, du weißt doch dass wir nur Freunde sind. Glaub mir, wir haben's schon
versucht, aber irgendwie war ich nicht richtig in ihn verliebt. Und dann
haben wir kaum miteinander geredet. Aber zum Glück haben wir uns
zusammengerissen und wieder miteinander geredet. Als Freunde. Aber du lenkst
ab. Wieso bist du so traurig? Man sollte doch erwarten, dass du glücklich
bist, schließlich hast du Nick wiedergesehen! Und das wolltest du doch die
ganze Zeit!"
"Ich weiß. Und es klingt sicher auch komisch, abe ich bin nur noch trauriger
als davor. Ich sehne mich noch mehr nach ihm. Und ich konnte sehen, dass es
ihm schlecht ging!"
"Ach so. Da hast du recht. Aber wenigstens weißt du jetzt wie du ihm helfen
kannst! Nicht dass ich lauschen wollte, aber..."
"Ist schon okay. Da hast du Recht. Ach, aber ich fühle mich so müde und
ausgezehrt. Also, ich will jetzt schlafen, okay? Gute Nacht!"
"Nacht."
Ich wollte sie nicht verletzen oder so, aber sie konnte das nicht verstehen.
Und ich war ihr deshalb auch nicht sauer, sie konnte ja nichts dafür.
Ich lag noch, wie mir schien, ewig wach und fiel dann in einen traumlosen
Schlaf.
11.Kapitel-Ein schönes Gefühl
Ich war noch im halbschlaf, da kitzelte mich was an der Nase. Ich wischte es
weg. Da kitzelte mich etwas an der Wade, die unter der Decke hervorschaute.
Ich ignorierte es. Dann kitzelte mich etwas am Oberarm.
"Ach shit!"
Ich setzten mich im Bett auf. Alex stand da, mit einer gefärbten Feder in
der Hand und lächelte mich schelmisch an.
"Morgen du Schlafmütze! Es ist halb zwei! Ich hatte den Auftrag dich zu
wecken, während Felicity mit den Verwandten von deinem Schatz telefoniert!"
"Was tut sie? Du weißt bescheid?"
"Sicher. Ich weiß alles. Ja, auch von den erotischen Dingen, die du und
dieser Nick getan habt!", scherzte er.
"Haha. Ich wünschte es wäre so, aber wir hatten leider kein Geld für die
Kondome, weißt du?", scherzte ich müde zurück.
"Also, was ist jetzt mit Felicity?", fragte ich, während ich meine Beine
über den Bettrand schwang.
"Sie telefoniert mit den Verwandten von deinem Nick! Hab ich doch schon
gesagt!"
Er legte die Feder weg und ließ sich in die Hängematte fallen.
"Ach, du weißt doch was ich meine."
"Nein. Sie hat die telefonnummer aus dem Telefonbuch rausgesucht und
telefoniert jetzt mit denen, um ein Treffen zu vereinbaren. So was sagt man
niemanden am Telefon!"
"Okay. Ich geh jetzt erst mal ins Bad. Kannst du mir vielleicht eine Tasse
Pfefferminztee besorgen? Und einen Keks? Danke!"
"Ihr Wunsch ist mein Befehl, Herrin!"
Irgendwie ließ mich das alles kalt.
Was passieren sollte, würde passieren.
Jetzt könnte ich es eh nicht mehr ändern.
Alex war weg und ich stand mit einem Seufzer auf, ging zum Schrank, raufte
mir die Haare, gähnte und suchte mir eine dunkelrote Bluse mit
Fledermausärmeln und einen Knielangen schwarzen Rock heraus. Ich schlurfte,
immernoch müde, ins Bad und wusch mich.
Dann zog ich mich an und setzte mich auf's Sofa. Als Alex hereinkam sagte
ich: "Wie lange kann man brauchen, um einen Tee zu machen? Der Rekordhalter
ist .... Alex!"
"Mein Gott, hat Madame heute gute Laune!"
"Entschuldigung.", sagte ich halbherzig und schlürfte meinen Tee.
Felicity kam herein und sagte:
"Guten Morgen! Ich hab was mit den Verwandten von Nick ausgemacht. Wir
sollen heute um drei bei ihnen sein. Kann Alex mit?"
"Sicher."
"Alex? Hast du Lust?"
"Ja, gerne. Aber pass auf, Madame hat heute keine gute Laune!"
"Sie wird schon ihre Gründe haben."
Ich biss ungerührt in den Keks, als ginge es mich gar nichts an, was die
beiden da redeten.
Ich stand auf und ging in die Küche um meine Tasse aufzuräumen. Als ich die
Spülmaschine gerade zumachte, kam mein Vater herein.
"Guten Morgen! Du hast aber lange geschlafen! Es freut mich, dass ihr durch
Nicks Nachnamen Verwandte von ihm gefunden habt! Ich hoffe, sie können Nick
da raus holen!"
So hatte Felicity ihm das also erzählt!
"Ja. Das hoffe ich auch! Und ich bin dir auch sehr dankbar, dass du mich
aufgenommen hast!"
"Ach, das hätte doch jeder getan!"
"Nein, das denke ich nicht! Und dann hast du mich auch gepflegt als ich den
Nervenzusammenbruch hatte!"
"Nicht der Rede wert!"
Ach, ich hatte ihn so lieb! Aus reiner Spontanität umarmte ich ihn.
"Ach, danke Paps!"
Das war das erste Mal, dass ich ihn Paps nannte. Er bemerkte es auch und
lächelte.
"Also, ich muss dann wieder in die Apotheke! Wenn du wieder mal Apetit auf
Traubenzucker hast, du weißt, du bist jederzeit willkommen!", sagte er und
zwinkerte mir zu.
"Ja! Viel Spaß!"
Vor mich hin kichernd ging ich wieder zu Felicity.
Lächelnd setzte ich mich dort dann zu Alex in die Hängematte.
Er runzelte die Stirn, aber das war mir egal.
Paps hatte meine Laune gehoben. Jetzt fühlte ich mich richtig eingelebt in
der Familie. Ich nannte ihn Paps, Oma Oma und Felicity war ja eh so was wie
eine beste Freundin.
"Okay...",sagte Alex langgezogen und sah mich dabei ein bisschen komisch an.
"Ja ja. Es tut mir leid, okaaaaayyyyyy?"
"Oooooooookaaaaaaaaaayyyyyyyyyyyy!"
Damit war zwischen uns alles geklärt.
"Wie viel Uhr ist es?"
"Halb drei. Wir müssen aber erst um viertel vor los."
"Okayyyyy. Das ist gut. Dann haben wir noch ne viertel Stunde Zeit. Das ist
wenig, aber immerhin. Wir müssen absprechen was wir ihnen erzählen."
"Ach, ich glaub das sollten wir erst entscheiden, wenn wir wissen, wie die
so sind, oder?"
"Okay. Und mal schaun, was für Leute das überhaupt sind. Ich will ja nicht
dass Nick vom Regen in die Traufe kommt!"
Kurze Zeit später befanden wir uns auf dem Weg zu Nicks Verwandten. Alex und
Felicity unterhielten sich über irgendwas, mir war alles egal und dann
standen wir vor dem Haus, das wir gesucht hatten.
Wir öffneten das Gartentor und betraten den kleinen Vorgarten in dem zwei
große Tannen standen. Dadurch wirkte der Vorgarten und das Efeuüberwachsene
kleine Haus ziemlich düster, aber ich fand es schön.
Als wir an der Tür angelangt waren, klingelte ich.
Und plötzlich war ich aufgeregt.
Was sollte ich ihnen denn erzählen?
Da wurde die Tür geöffnet und eine Frau stand vor uns.
"Guten Tag, Frau Michaelis! Wir haben telefoniert."
"Ah, Felicity! Kommt erst mal rein, dann könnt ihr auch sagen, weshalb ihr
kommt!"
Also hatte Felicity noch keine Vorarbeit geleistet.
Wir betraten also das Haus und ich war überrascht.
Von außen sah das Haus dunkel und traurig aus, aber von Innen war es hell
und freundlich. Die Wände der Eingangshalle waren gelb und mit kleinen
Orangenen Händen bedruckt. Das erinnerte mich ein bisschen an einen
Kindergarten, aber ich fand es süß. Auch so war es hell, den eine breite
Treppe führte nach oben und hinter der Treppe war eine Fensterfront bis zur
Decke.
Aber dann führte uns Frau Michaelis nach Rechts durch eine Tür, bei der man
erst so einen Perlenvorhang zur Seite schieben musste.
Das Wohnzimmer war sehr schön eingerichtet. Eine große hellblaue
Couchgarnitur stand an der Wand unter mehreren Fenstern.
Auf den Fensterstöcken standen Topfpflanzen wie Geranien oder auch
Stiefmütterchen. An der gegenüberliegenden Wand hing ein großes Gespraytes
Bild auf dem der Name Michaelis abgebildet war. Es sah echt cool aus und
würde Nick echt gut gefallen. Unter dem Bild war der Fernseher und die
Stereoanlage. Neben dieser war noch ein großes Bücherregal. Die gesamte Wand
war ungefähr fünf Meter breit. Neben der Couch war der Ausgang zur Terasse
und in den Garten. Als Frau Michaelis das Zimmer betrat hatte sie vier
Gläser und einen Krug mit Limonade auf einem Tablett. Das stellte sie auf
dem Tisch der vor der Couch ab und kaum hatte sie das getan, kam ein kleiner
Junge zur offenen Tür vom Garten hereingerannt.
Wir hatten uns auf die Couch gesetzt und Frau Michaelis hatte uns Limonade
eingeschenkt.
Der kleine Junge rannte auf mich zu und setzte sich auf meinen Schoß.
"Nils, komm, lass das Mädchen und setz dich zu mir, ja?"
"Ach, das...das ist schon in Ordnung!", sagte ich.
Ich war total überrascht. Nils war Nick wie aus dem Gesicht geschnitten. Er
hatte die selben Haare und die selben Augen. Das selbe niedliche Lachen und
seine Augen strahlten mich an.
"Hallo! Ich bin Nils. Und wie heißt du?", fragte er mich da.
"Ich bin Magdalena, aber du kannst mich Lena nennen!"
"Aha. Lena, schau mal, was ich im Garten gefunden habe!"
Und da öffnete er seine kleine Hand und zeigte mir ein Gänseblümchen.
"Oh, wie hübsch!"
"Ja. Und das stecke ich dir in die Haare! Du hast sehr schöne Haare!"
"Oh, danke!"
Mann, war der aber süß! Er stellte sich neben mich auf das Sofa und steckte
mir das Blümchen in die Haare. Ach, wie niedlich! Dann setzte er sich wieder
auf meinen Schoß.
"Also, das ist mein Sohn Nils.", sagte Frau Michaelis.
"Mama, warum sind diese Leute denn hier?"
"Nils, mein Schatz, geh doch noch ein bisschen raus und spiel mit dem Hund,
okay?"
"Ja Mama!"
Daraufhin rannte der kleine nach draußen und man hörte das freudige bellen
eines Hundes.
Toll, dachte ich, sie hat schon ein Kind. Wird sie da noch eins aufnehmen?
"Also, wir sind hier, weil wir sie um etwas bitten wollen...", fing Felicity
an. Aber das wollte ich selber sagen.
"Und zwar ist das so. Ihre Schwester hat vor circa vierzehn Jahren ihren
Sohn zur Adoption freigegeben..."
Sie wurde blass.
"...und nun ja, um die Sache kurz zu machen: er ist jetzt hier in einem
Heim, weil er von seinen Pflegeeltern, die ihn sehr schlecht behandelt
haben, abgehauen ist. Und zwar mit mir. Und na ja, er ist also in diesem
Heim und hat auch schon versucht sich umzubringen, so verzweifelt ist er. Er
ist wirklich unglücklich. Und da die Heimleitung herausgefunden, dass er
hier Verwandte hat, nun ja, wir wollen sie bitten, dass sie ihn vielleicht
irgendwie da raus holen. Sie können ihn ja davor einmal besuchen oder so..."
"Also, dazu kann ich nur sagen: ich habe keine Schwester. Und ihr müsst
jetzt gehen. Ich habe keine Zeit mehr..."
Mit diesen Worten und einem sehr blassen und erschrockenem Gesicht scheuchte
sie uns raus.
"Aber, sie können ihn doch nicht..."
Die Tür fiel zu.
"..einfach seinem Schicksal überlassen!", rief ich.
"Tja, das war dann wohl nichts!", sagte Alex nüchtern und traurig gingen wir
nach Hause.
Am Abend kämmte ich mir die Haare und da fiel das Vertrocknete Gänseblümchen
aus meinem Haar.
Warum war die Frau so blass geworden?
Warum hatte sie nichts dazu gesagt?
Und warum weigerte sie sich mit uns zu sprechen?
Wir hatten heute noch mehrmal versucht, sie anzurufen, aber es war immer nur
der Anrufbeantworter drangegangen. Nur beim letzten Mal hatte sich die hohe
Kinderstimme von Nils gemeldet.
"Hallo?"
"Ist deine Mama da? Kannst du ihr mal den Hörer geben? Ich bin's, Lena."
"Ah, Hallo Lena! Meine Mama sagt, sie will nicht ans Telefon. Sie hat
Kopfweh und sagt, sie telefoniert morgen zu dir zurück!"
"Oh, gut, danke! Bis morgen dann, und sag ihr gute Besserung, okay?"
"Mach ich! Tschüß, Lena!"
Also hatten wir es aufgegeben und nun konnten wir nur noch auf den morgigen
Anruf hoffen.
Alex war immer noch da, obwohl es schon ziemlich dunkel und auch spät war.
"Sag mal, hast du eigentlich kein Zuhause?", fragte ich Alex, als wir alle
in Felicitys Zimmer saßen. Er spielte mit irgendeinem Sandball, ich
blätterte eine Zeitschrift durch und Felicity lackierte sich ihre
Fingernägel.
"Doch, schon."
"Und machen sich deine Eltern keine Sorgen?"
"Ach, die wissen wo ich bin.", winkte er lässig ab.
"Ach."
"Ja ja, er hat schon Recht. Wenn sie wollen dass er heim geht, dann rufen
sie schon hier an.", sagte Felicity.
"Shit! Bin ausgerutscht und hab mir die ganze Hand angemalt! Mist, der ist
in 30 Sekunden trocken! Ich hoffe echt, dass ich den noch abkrieg!", rief
sie aus und stürzte ins Bad. Die Tür fiel hinter ihr zu.
Alex sah ihr überrascht nach. Ich sah nur flüchtig auf.
"Hilfe Anne, ich bin mit einem Jungen zusammen, er möchte mit mir Sex haben,
aber ich habe Angst davor. Was soll ich nur tun? Bitte hilf mir, ich habe
Angst, dass er mit mir Schluss macht! Deine verzweifelte Inge", las ich aus
meiner Zeitschrift vor.
"Ach, das arme Ding!"
"Und, was antwortet Anne?", fragte Alex.
"Liebe Inge! Wenn er dich liebt, dann kann er warten. Lass dich nicht von
ihm überreden oder tu es nicht nur wegen ihm, er spürt das! Bist du sicher,
dass du es mit IHM tun willst? Ist eure Liebe stark genug? Darüber musst du
dir klar sein. Ich hoffe du triffst die richtige Entscheidung! Anne.
Also hier sind die Mädchen ja genauso naiv und dämlich wie in
Deutschland.",stellte ich fest.
"Lass mal sehen!"
Alex kam zu mir und setzte sich in die Hängematte neben mich.
"Liebe Anne! Ich habe mich in zwei Jungen gleichzeitig verliebt. Was soll
ich tun?", las er vor.
"Mein Gott, wie die kleinen Kinder. Und da soll noch mal jemand sagen, dass
wir Jungs dumm sind, weil wir Computerzeitschriften lesen!"
"Da muss ich dir ausnahmsweise Recht geben."
"Was denkst du, nimmt diese Frau Michaelis Nick auf?"
"Ich weiß nicht. Aber es macht mich traurig, wenn ich daran denke, dass sie
ihn im Heim vergammeln lassen will!"
Ich spürte förmlich wie sich ein Schatten über mein Gesicht legte.
Er sagte: "Nicht traurig sein. Jetzt hast du mich!"
Und jetzt stell sich mal einer vor, was er machte: er legte seinen Arm auf
meine Schulter und sein Gesicht näherte sich dem meinen.
"Sag mal, bist du verrückt?"
Ich versetzte ihm eine Ohrfeige und sprang auf. Durch den plötzlichen Sprung
schaukelte die Hängematte so stark, dass Alex herunterfiel.
Wie konnte er auch meine Traurigkeit dermaßen missbrauchen?
"Was fällt dir ein? Langsam müsstest du doch kapiert haben, dass ich nur
Nick liebe! Nach allem was wir miteinander durchgemacht haben!"
"Aua! Deshalb hättest du mich ja nicht schlagen müssen! Ich wollte doch nur
auf Nummer sicher gehen."
"Ach? Und was hättest du getan, wenn ich dich geküsst hätte?"
"Ich hätte den Kuss genossen und dich danach zur Schnecke gemacht.
Schließlich will ich keinem Skater sein Mädchen streitig machen!"
Ich hatte nebenbei erwähnt, dass Nick skatete.
"Ach. Wie furchtbar selbstlos von dir! Was hat das denn mit Skaten zu tun?"
Ich war sauer.
"Skater halten zusammen. Ich hätte ihm gesagt, was du getan hättest und dann
hätte er zu entscheiden gehabt, was weiter passiert."
Ich glaubte ihm nicht wirklich, aber ich hatte auch keine Lust mich mit ihm
zu streiten, schließlich würde ich ihn, wenn alles gut ging, noch jahrelang
sehen.
"Okay. Ich will dir mal glauben, aber wenn du das nochmal machst..."
"Ganz sicher nicht! Außer ihr kommt mal auseinander..."
"Darauf kannst du lange warten!"
Ich hätte auch sagen können: das wird nie passieren! Aber wer weiß? Was wenn
doch?
Das wäre genauso, wie wenn man sagt: Ich werde nie einen Tropfen Alkohol
trinken! Am Schluss wurde man abhängig. So wie Mam.
"Was ist denn hier los? Was machst du denn auf dem Boden Alex?"
"Ach nichts, ich bin zu schnell aufgestanden und da ist er rausgefallen.",
log ich. Felicity musste da nicht auch noch reingezogen werden.
Und irgendwie fühlte ich mich geschmeichelt, dass er mich küssen wollte.
Aber wahrscheinlich hatte er das nur getan um seinem Ruf gerecht zu werden.
Aber trotzdem. Wahrscheinlich hatte er das mit der Probe oder so nur
gefaselt, weil ihm nichts besseres eingefallen war.
Dankbar sah Alex mich an.
"Genau."
"Ach, Gott sein Dank hab ich den Nagellack weg bekommen!"
"Ja. Da hast du echt Glück gehabt."
"Also, ich denke ich geh dann mal Heim."
Alex ging, Felicity schien zu wissen, dass irgendwas passiert war. Sie sah
mich fragend an, fragte aber nicht genauer nach.
Dann machten wir uns für's Bett fertig und Paps kam um uns Gute Nacht zu
sagen. Wir gingen ins Bett, kuschelten uns aneinander und ich nahm einige
Spitzen von ihrem Haar zwischen meine Finger.
"Glaubst du, sie ruft wirklich an morgen?"
Felicity wusste sofort, wovon ich redete.
"Ja. Ich denke, es ging ihr nur näher, als wir dachten."
"Das könnte sein. Gute Nacht! Träum was süßes!"
"Du auch!"
Ich dachte an Nick. Mit seinem Lächeln vor meinem geistigen Auge schlief ich
ein.
Ich träumte von einer sonnigen Wiese. Ich hatte ein wunderschönes Kleid wie
im Mittelalter an und küsste Alex.
Da kam Nick mit einem Schwert und tippte Alex an. Der entschuldigte sich und
löste sich in Luft auf. Beschämt hielt ich die Hand vor den Mund. Nick war
mir nicht sauer und nahm mich an die Hand. Es fing an zu regnen. Er hielt
sein Schild über unsere Köpfe und wir küssten uns.
Glücklich lächelnd schlief ich weiter.
Am nächsten Tag wachte ich auf, wusch mich und betrat das Esszimmer.
"Ah, Guten Morgen, Magdalena!"
"Hi Mag."
"Morgen Paps, morgen Felicity."
"Na, wie gefällt's dir denn bis jetzt so bei uns? Ich muss zugeben, dass wir
beide uns noch nicht so viel begegnet sind, außer als du im Bett warst..."
"Ach, das ist okay. Felicity kümmert sich um mich, und außerdem haben wir
uns doch viel unterhalten!"
"Ja, wenn du das so siehst, freut mich das! Ich dachte nur, wenn du etwas
wissen willst, egal was, oder etwas machen willst, dann komm nur zu mir. Wir
können ja sowieso etwas machen. Heute habt ihr Ferien, wie schon länger und
ich habe meinen freien Tag, da könnten wir ja irgendwo hinfahren. Habt ihr
irgendeinen Vorschlag?"
Ich schnitt mir eine Semmel auf, bestrich sie mit Butter und belegte sie mit
Käse.
Mmmhhh... Französischer Käse! Lecker! Sowas hatte ich nur zwei mal gegessen:
einmal, als Mam nüchtern war, hatte sie mir zum Geburtstag drei verschiedene
Sorten auf dem Wochenmarkt gekauft, und das zweite Mal habe ich mir, nachdem
ich einmal fünf Euro gefunden hatte, auch einen schönen, großen Käse
gegessen.
Und jetzt konnte ich das immer haben! Lecker!
Mit großem Apettit biss ich in das lecker belegte Brötchen. Himmlisch!
"Hm, ich weiß eigentlich nicht, was wir denn so machen sollen. Aber ich habe
gelesen, dass es in Frankreich doch so viele Burgen gibt?"
"Ja, das ist in der Tat richtig. Und es gibt auch eine hier in der Nähe.
Allerdings ist es schon fast eine Ruine, im Gegensatz zu vielen anderen
schönen Burgen. Aber wir können sie uns ja trotzdem gerne ansehen. Denn de
Hälfte der Burg ist noch relativ gut erhalten, es sind auch viele Zimmer
ausgestattet wie im Mittelalter..."
"Oh, Mag, du weißt ja nicht, was für einen Fehler du gemacht hast! Jetzt
wird er den ganzen Tag darüber reden, und wenn wir in der Burg sind, dann
kannst du dir den Informationskatalog sparen, er kann dir alles erzählen!",
verspottete Felicity ihn liebevoll.
"Ach, das ist doch schön! Ich interessiere mich auch sehr für's Mittelalter.
Übriges, der Käse schmeckt so gut!"
"Ja, er ist ja auch frisch und französisch! Aber wenn du dich für das
Mittelalter interresierst, dann kann ich dir gerne ein paar meiner Bücher
geben. Manche sind allerdings auf Französisch!"
"Ach, das ist kein Problem, sie redet auch mit Alex immer französisch! Und
zwar so gut, als wäre sie hier aufgewachsen!"
Ach ja! Aber das bemerkte ich gar nicht mehr, ob jemand jetzt Deutsch oder
Französisch redet, war eigentlich egal.
Und da ich ein paar alte Übungsbücher von Laetitias Schwester bekommen habe,
konnte ich auch die Grammatik perfekt.
"Hey, Mag, bevor wir aber zur Burg fahren, wir können ja erst Nachmittags
losfahren, könnten wir da noch einkaufen gehen?"
"Oh ja, gerne!"
"Ach, aber Felicity, ich hatte gedacht, wir könnten ja mit dem Rad
dorthinfahren!"
"Ach nein! Komm schon Paps, wir haben doch ein Auto... Außerdem brauche ich
noch einiges, und dir kann ich auch etwas mitbringen...."
"Na gut Felicity. Aber dann machen wir bald mal wieder eine Radtour, ja?"
"Okay, danke Paps!"
Damit stand sie auf, brachte ihr Geschirr in die Küche und ich ging mit ihr
in ihr Zimmer.
Dort holte sie ihr Portemonnee, anscheinend hatte sie viel Geld, denn es war
sehr ausgebeult.
Und dann fuhr uns unser Vater in die nächste größere Stadt.
"Danke Paps!"
"Bitte, gerne geschehen. Ich hab auch noch was zu besorgen. Ich hol euch in
eineinhalb Stunden ab, okay? Und, Magdalena, hier, ein bisschen Geld für ein
paar neue Sachen oder was du halt willst."
"Oh...so viel? Danke!"
"Also, bis dann!"
"Ja, Ciao!"
Paps fuhr weg und ich drehte mich zu Felicity um. Sie zog mich an der Hand
durch den Eingang des Supermarktes.
Dieser typische Supermarktgeruch schlug uns entgegen. Ich mochte das
irgendwie, es roch so nach Essen. Und da das bei mir und Ma immer ziemlich
knapp gewesen war, brauchte ich diesen Geruch förmlich.
Daheim, na ja, eher gesagt: in Deutschland bei Ma, war ich jede Woche
mindestens zweimal in einen Supermarkt gegangen, selbst wenn ich kein Geld
hatte (wie immer eigentlich), nur um diesen Geruch zu atmen.
Es war so etwas wie eine Bestätigung für mich, dass auch bessere Zeiten
kommen würden, in denen ich mir genug zu Essen kaufen könnte.
Denn früher, als Ma noch nicht getrunken und wir genug Essen gehabt haben,
waren wir oft einkaufen und hatten uns auch Sachen leisten können, die nicht
unbedingt nötig gewesen waren. In den letzten neun Jahren war das meistens
nicht mehr möglich gewesen. Da hatten wir nur das, was man zum überleben
brauchte kaufen können. Auch keine Süßigkeiten oder Knabbersachen.
Nur Alkohol, für den hatte Ma immer Geld gehabt.
Aber man denkt nicht schlecht über Tote.
Felicity hatte inzwischen eine kleine Einkaufsliste herausgekramt und
studierte sie ausgiebig.
"Also, ich brauche Knabbersachen, Süßigkeiten, ein oder zwei Zeitschriften,
Shampoo, Brot, Haarspangen und die neue Kayn Park-CD."
"Okay. Was? Kayn Park haben eine neue CD rausgebracht? Ein Album?"
"Ja, schon seit einer Woche! Aber in Deutschland kommt das Album
wahrscheinlich erst in ein paar Monaten raus!"
"Oh mann! Cool! Das neue Album von Kayn Park... Wow!"
"Also, wenn wir die Sachen dann alle haben, suchen wir noch ein paar
Klamotten für dich aus, okay?"
"Okay. Gibt dir dein Vater immer so viel Geld?"
"Ach, das ist verschieden, aber wenn man neue Sachen braucht, dann gibt er
es uns sicher. Nur wenn der Schrank fast überquillt und wir trotzdem was
neues wollen, dann müssen wir es bezahlen. Also, los geht's! Holen wir uns
einen Einkaufswagen?"
"Ja, los!"
Wir holten uns einen Einkaufswagen und los ging's!
Der Supermarkt war echt groß, denn es gab hier auch Kleidung, aber im oberen
Geschoss. Wir mussten also erst die Nahrungsmittel einkaufen und dann die
Kleidung.
Wir gingen also die einzelnen Reihen ab. Erst kam lauter Obst und Gemüse.
Dort legte Felicity eine Sternfrucht und vier Kiwis in den Wagen.
"Du musst was sagen, wenn du etwas willst, du kannst alles haben, was du
willst!"
"Okay, ich sag dir dann bescheid."
Dann gingen wir durch die Regalreihen.
In der Ersten war Babynahrung, da legte Felicity Obstbrei in den Wagen.
Anscheinend aß sie das immernoch. Sie sagte, es schmecke genau wie ein
leckeres Gemisch aus Apfelbrei und Erdbeeren.
Dann kam das Shampoo und die anderen Kosmetikartikel. Da nahm sie ein teures
Erdbeer-Shampoo und für jeden von uns eine Gesichtsmaske und ein paar coole
Haarspangen.
Außerdem reinigungstücher, denn Schminke habe sie ja genug, wie sie treffend
sagte. Ich hatte ihre kleine Truhe voller Schminke schon gesehen. Es schien
als hätte sie Schminke kiloweise eingekauft. Oh, ich freute mich schon, wenn
es eine Party gab!
"Hey Felicity, gibt es bei euch Leute die Partys feiern?"
"Oh ja! Allein in der Klasse gibt's mindestens einmal im Monat eine Party.
Ist auch oft ganz witzig. Und auch bei den anderen aus der Clique gibt's
immer jemanden, dessen Eltern nicht daheim sind. Da brauchst du dir echt
keine Sorgen zu machen!"
"Cool!"
"Oh ja! Vor allem an Geburtstagen."
Wir unterhielten uns noch ein bisschen darüber. Sie wunderte sich, dass ich
in Deutschland kaum auf Parties gewesen war.
Ich sagte ihr, ich wäre eine Aussenseiterin gewesen, was sie nicht glaubte.
Außerdem wurden bei ihnen alle eingeladen, egal, ob man sie mochte oder
nicht. Und für gewöhnlich kamen auch alle. Das würde echt lustig werden.
Dann hatten wir die Zeitschriften erreicht. Aber anscheinend gab es die
Skaterzeitschrift, die Felicity immer las, zur Zeit nicht, also nahm sie nur
eine Musikzeitschrift.
Und dann, dann kam das Essen.
Da kauften wir ziemlich viel ein, ich hatte schon ein schlechtes Gewissen,
aber Felicity beruhigte mich.
Wir kaufte Erdnussbutter, die Felicity echt sehr gut fand, ein Baguette,
zwei Pasteten (auf meinen Wunsch) und dann die Süßigkeiten und das
Knabberzeug. Schokolade, mit Erdnüssen und Honig, Honig mit Nüssen,
Türkischen Honig, Krokant, Marzipan, Nugatriegel mit Nüssen, eine Tüte mit
"sowas von sauren Zeug, da brennts dir bei den ersten paar Drops echt fast
die Zunge weg! Echt sauer!", Sahnebonbons, Krokantbonbons und dann noch
viele französische Köstlichkeiten, die ich gar nicht kannte.
Danach war der Einkaufswagen jedoch schon halb voll. Das würde ja Unmengen
kosten!
Aber als ich Felicity darauf hinwies, sagte sie nur:
"Ach, das ist nun wirklich kein Problem! Das ist nicht viel, erstens nehmen
wir ja nicht das teuerste und zweitens haben wir mehr als genug Geld dabei!
Also, nehmen wir noch zwei Packungen von diesen leckeren Chips hier und dann
suchen wir dir noch ein paar schöne Anziehsachen aus!"
Mich wunderte zwar, dass Felicity so locker mit Geld umging, aber wenn sie
sagte, dass sie genug hatte...
"Aber ich weiß ja, warum du das sagst. Es muss dir komisch vorkommen, wenn
wir hier so viel ausgeben, nur für den Genuss. Süßes macht dick, aber Süßes
ist gut für die Seele. Aber komm, mach dir keine Sorgen! Jetzt bezahlen wir
erst mal und dann kaufen wir dir was schönes!"
"Gut!"
Also bezahlten wir, es war doch etwas billiger als ich gedacht habe,
stellten die Sachen in ein großes Schließfach, da man keine sonstigen Waren
mit in das Bekleidungsgeschäft nehmen durften.
Dann fuhren wir die Rolltreppe hoch und betraten das Kleidungsgeschäft.
Wir durchschritten die Kinder und Babyabteilung und kamen dann zu der
Jugendkleidung.
Bevor ich mir die Sachen auch nur ansah, zählte ich nochmal das Geld nach,
damit ich am Schluss nicht mit leeren Händen an der Kasse stand. Aber ich
hatte mich nicht getäuscht, Paps hatte mir tatsächlich zweihundertzwanzig
Euro mitgegeben, ich konnte es nicht fassen. Meine Hände zitterten leicht,
so viel Geld hatte ich noch nie in den Händen gehalten!
Jetzt wo ich mich versichert hatte, dass ich echt mehr als genug Geld dabei
hatte, suchten Felicity und ich die Kleidung für mich aus. Und ich brauchte
ja alles, denn meine Kleidung konnte ich echt nicht mehr anziehen. Die Tage
im Wald und ihr Alter hatte die Kleidung nicht mehr ausgehalten. Es waren
schon viel Löcher in fast allen Kleidungsstücken.
Dann ging ich in eine Kabine und probierte alles nacheinander an.
Als erstes ein wunderschönes kurzes, rotes Samtkleid mit Spagetthiträgern,
welches am Rücken weit ausgeschnitten war.
Als ich nach draußen ging, um es Felicity zu zeigen, war da auch ein etwa
zwanzigjähriger Verkäufer, der mir hinterherpfiff. Felicity sagte, ich müsse
es unbedingt nehmen, denn es sah wirklich gut aus. Außerdem hatte sie ein
ähnliches Kleid in dunkelblau.
Die könnten wir dann zur ersten Party, auf die wir zusammen gingen anziehen.
Mal schaun, wer uns unterscheiden konnte. Also drückte ich es Felicity in
die Hand, denn ich würde es kaufen.
Danach probierte ich noch ein tief ausgeschnittenes, dunkellilanes Top an,
auf dem in glitzernden Buchstaben Sexy Princess stand, an. An den Seiten war
es mit goldenen Schnüren zusammengehalten, echt sexy!
Auch das hielt Felicity bald in ihren Händen.
Inzwischen hatte Felicity sich ein bisschen mit dem Verkäufer unterhalten.
Als ich noch ein enges, dunkelblaues, langärmliges Oberteil mit weißen
Seitenstreifen und einen Rollkragenpulli mit der Aufschrift Sweety
anprobiert hatte, mich ein bisschen mit dem Verkäufer, der auch immer
schlaue Bemerkungen einwarf, unterhalten hatte, holte er sich einen Stuhl
und sah mir bei meiner Modenschau zu. Mich störte das wenig.
Es gab nur eine Bedingung an ihn: wenn er weiter zusehen wollte, bekam ich
auch alles 30% billiger.
Er ließ sich darauf ein und ich machte fröhlich weiter.
Ich nahm noch einen beigefarbenen Pulli, der einen großzügigen V-Ausschnitt
hatte und dessen Ärmel zum Rand hin immer breiter wurden, einen weißen
Pulli, eine schwarze, enge Sweatjacke und ein schwarzes, schulterfreies
Shirt auf dem ein cooles, weißes Trible war.
Dann nahm ich drei Hosen, eine schwarze mit riesigem Schlag, so ähnlich wie
auch Felicity hatte, eine lange dunkelrote mit glitzernden Streifen an der
senkrechten Naht und eine Jeans mit einem coolen Blumenmuster am Bund.
Außerdem noch eine normale Jeans, für Ausflüge und Bäume, eine dunkelblaue
Caprihose und zwei Röcke: einen langen schwarzen, der nach unten hin immer
breiter wurde, er sah echt gut aus, und einen dunkelbraunen Rock, der bis
knapp über die Knie ging. An den Knien war er etwas breiter, wie eine
Miniausgabe des langen schwarzen Rockes.
Dazu kaufte ich noch zwei lange, halterlose Seidenstrümpfe. Die fand ich
sehr viel besser als Strumpfhosen.
Dann noch eine wärmere Jacke, denn ich wollte das wichtigste jetzt schon
kaufen. Da fiel mir ein, dass ich bis jetzt nur langärmlige Sachen gekauft
hatte und nahm noch fünf kurzärmlige Shirts: ein weißes, das über eine
Schulter hing, ein knappes, dunkelgrünes Top, ein haselnussfargenes
one-shoulder-top mit einer braunen Blume an der Schulter, eine hennafarbene,
luftige Bluse und ein mit Silberfäden durchwobenes Top.
Als es an die Unterwäsche ging, musste der Verkäufer weg.
Dann nahm ich noch ein paar coole Schnürstiefel und ein paar hochkantige
Sandalen, sowie einen coolen, rosa Triangel-Bikini.
Dann gingen wir mit diesen Klamottenbergen zur Kasse, bekamen die dreißig
Prozent Rabatt und außerdem noch zwanzig Prozent Mengenrabatt obendrauf.
So blieben noch zwanzig Euro übrig. Das war gut, denn ich wollte nicht alles
ausgeben.
Wir kamen gerade rechtzeitig, denn die ganzen Tüten mussten ja erst mal
rausgeschafft werden, genau wie die Lebensmittel.
Wir luden alles in den Kofferraum und fuhren wieder nach Hause.
Ich war echt geschafft, freute mich aber trotzdem sehr, auch auf den Ausflug
zur Burg.
Aber erst räumten wir die Lebensmittel in den Kühlschrank oder stellten die
Süßigkeiten in ein Schrankfach in Felicitys Zimmer.
Ich zog mir meine neue Jeans und das dunkelgrüne Top und die schwarze Hose
an, packte die Sweatjacke in einen Rucksack, in den Felicity ihre Sweatjacke
und die Packung Krokantbonbons gepackt hatte.
Dazu kam noch eine Flasche Wasser und dann kam Paps rein um uns abzuholen.
"Oh, du hast dir aber schöne Sachen ausgesucht!"
"Danke! Hier, das Restgeld."
"Ach, nimm es als Taschengeld! Also los dann!"
Wir gingen aus dem Haus und setzten uns in das Auto. Dann fuhren wir durch
eine schöne Landschaft übers Land, es wqar ein herrlich sonniger Tag und
nach einer Kurve tachte auch schon die Burg auf.
Anscheinend hatte Paps andere Vorstellungen von einer halb verfallennen Burg
als ich, denn die Burg war nur ein bisschen "abgebröckelt", wenn man das so
sagen konnte. Es fehlten sozusagen nur ein paar Steine.
Aber rundherum war ein toller Park. Aber zuerst gingen wir in die
möbilierten Zimmer. Es war sehr schön und Paps erzählte mir viele
Geschichten von den Fürsten die hier gelebt haben.
Und das interessanteste war die riesige Folterkammer. Paps hatte mir ja
erzählt, dass hier die "blutrote Baronin" gelebt haben soll, aber jetzt
konnte ich es glauben: es gab eine eiserne Jungfrau, schwere Ketten,
Streckbänke, schwere Eisenringe hingen in den Wänden und es gab eine Truhe
voller Foltergeräte wie Keulen oder andere Waffen, die einem zwar weh taten,
aber eben nicht töteten.
Alle Gerätschaften waren noch orginal erhalten, denn der Kerker und die
Folterkammer war seit dem Tod der Baronin verschüttet gewesen, und deshalb
war alles erst seit einem Jahr zu besichtigen.
Paps hatte mir erzählt, was für einen Aufruhr es gegeben hatte, als
herauskam was hier vor urzeiten für Grausamkeiten verübt wurden.
Man stritt sich, ob man alles der Öffentlichkeit preisgeben sollte, oder
wieder alles zuschütten.
Am Schluss hatte man sich aber dazu durchgerungen, der Wissenschaft und der
Hotels zuliebe, alles groß aufzuziehen.
Man hatte sogar einen Dokumentarfilm darüber gedreht. Schon zwei Bücher über
die Blutrote Baronin und ihre Machenschaften wurden herausgegeben. Aber es
war ja auch interessant.
Aber vor allem die eiserne Jungfrau faszinierte mich. Sie zog mich, so
konnte man schon fast sagen, in ihren mörderischen, blutigen Bann.
Natürlich fand ich es schrecklich, was damit gemacht wurde, aber irgendwie
fand ich es auch ein bisschen anziehend.
Denn nach allem was mir Paps erzählt hatte, glücklicherweise verschwieg er
mir die interessanten Sachen nicht weil er dachte ich sei zu jung, hatte der
Name der Blutroten Baronin zwei Bedeutungen: einmal war ihr Gesicht von
einem feuerroten Mal entstellt, welches sie schon von Geburt an hatte, und
zweitens lud sie Mädchen aus der Stadt, die früher ein Dorf war, in der
Hoffnung von einem reichen Prinzen, der zufällig "gerade zu besuch" war,
geheiratet zu werden, zu sich ein um sie erst grausam zu foltern, ihr Blut
fließen zu sehen und sie dann von der Eisernen Jungfrau umarmen zu lassen.
Die Eiseren Jungfrau war wie eine Art großer Sarkopharg, der innen
scharfkantige Messer hatte, die jeden der sich drinnen befand aufzuschlitzen
und zu Hackfleisch zu verarbeiten. Vorne hatte er zwei Flügel, die sich
schließen ließen um ihr Opfer dann zu töten. Am Boden der Jungfrau führte
ein Schacht zum in der Nähe gelegenem Fluss.
Wenn die durch die Qualen der Folter sowieso schon fast toten Opfer dann
noch die "letzte Umarmung" entgegennahmen, wurde der zerfleischte Körper
dann durch den Schacht in den Fluss gespült.
Es musste wirklich angenehm sein, wenn man badete und plötzlich trieb eine
bis zur unkenntlichkeit gefolterte Leiche an einem vorbei.
Brrr, mich schüttelte es bei dem bloßen Gedanken daran.
Eigentlich verachtete ich diese Baronin schon, denn wer war denn so
verrückt, irgendwelche fremde Mädchen zu sich einzuladen, nur um sie zu
foltern und dann zu töten. Und alles nur zum Spaß?!
Echt verrückt.
Dann gingen wir die große, alte, steinerne Treppe nach oben und sahen uns
noch die restlichen wunderschönen Zimmer an. Die Schlafzimmer waren toll, so
tolle Himmelbetten
Dann gingen wir bis zum Abendrot im Park spazieren.
Von einer großen Terasse aus sahen wir den Sonneuntergang. Er war
wunderschön.
Ich wünschte Nick könnte dabeisein!
Allerdings war es auch schön, mit meiner Familie zusammen zu sein. Sehr
schön. Endlich fühlte ich mich wohl und liebte das Leben.
Und im Hinblick auf die nächste Zeit freute ich mich am meisten, dass ich
nie wieder in meinem Leben Latein haben würde!
Und außerdem würde ich auch diese Idioten aus meiner Alten Klasse nie
wiedersehen. Nur um Laetitia tat es mir sehr leid.
Wir schlenderten alle zusammen Arm in Arm zum Auto und fuhren nach Hause.
Da es schon dunkel war, und alle hungrig waren, schob Paps nur drei
Fertigpizzen in den Ofen.
Und, wie hätte es anders sein sollen, waren es natürlich Quattro
Formaggi-Pizzen!
Als alle pappsatt waren, gingen wir ins Bett.
Ich krabbelte zu Felicity unter die Decke, wir kuschelten uns aneinander und
Felicity spielte mit meinen Haaren.
Wir waren beide müde, wollten aber trotzdem noch nicht schlafen.
"Wollen wir fernsehen? Es kommt eine Komödie, eigentlich ganz lustig."
"Ach, nein, keinen Bock..."
"Gut, ich auch nicht wirklich. Wie fandest du es denn so mit uns auf der
Burg?"
"Ach, es war wunderschön! Ich bin so froh, dass all diese Zufälle mich zu
euch gebracht haben! Ihr seid beide so nett und so lieb zu mir! Obwohl ich
erst so kurz bei euch bin würde ich um nichts in der Welt wieder weg wollen!
Ihr seid einfach eine so tolle Familie für mich!"
"Oh, es ist sehr schmeichelhaft, wenn du das sagst, mach nur weiter! Nein
Schmarrn, aber stört es dich nicht, dass Paps keine Freundin hat?"
"Nein. Ich glaube es würde mich viel mehr stören wenn er eine hätte."
"Gut, dass du auch so denkst. Ich bin glücklich so wie es jetzt ist. Aber
manchmal denke ich, dass Paps so einsam sein muss!"
"Ja, es muss nicht leicht sein, für ihn. Ich frage mich, was er so gedacht
hat, nachdem er den ersten Schock überwunden hatte, als ich plötzlich vor
ihm stand. Zuerst natürlich war er glücklich, aber dann? Ich meine, es ist
ja dann doch nicht grade einfach, plötzlich zwei Töchter zu haben! Da muss
er sich dann Sorgen um die Zukunft von zwei Kindern machen!"
"Stimmt. Da hast du Recht! So habe ich das noch gar nicht gesehen! Armer
Paps..."
"Aber ich habe ja keine Last dazubekommen, sondern eine Freude mehr. Und die
wenigen Sorgen, die ich mir wegen euch gescheiten Mädchen machen muss, die
nehme ich gerne in Kauf. Schließlich habe ich ein großes Geschenk erhalten
und bin sehr glücklich darüber. Wegen mir müsst ihr euch keine Sorgen
machen. Ich bin sehr froh, dass alles gekommen ist, wie es gekommen ist!"
Wir hatten gar nicht bemerkt, dass Paps hereingekommen war, so vertieft
waren wir in unser Gespräch gewesen.
"Oh, Paps! Wie lange bist du denn schon da? Wir wollten wirklich nicht über
dich reden, aber, na ja..."
"Aber das ist doch nicht schlimm! Es ist gut, dass ich weiß wie ihr denkt.
Aber keine Angst, ich habe nur gehört, wie du gesagt hast, dass es komisch
sein muss, plötzlich zwei Töchter zu haben und den Rest. Und in Zukunft
klopfe ich auch an, keine Angst."
"Ach, darum geht es ja nicht. Aber ich bin froh, dass wir das geklärt haben!
Sonst wäre ich wahrscheinlich die ganze Nacht wach gelegen und hätte darüber
nachgedacht!"
"Na zum Glück brauchst du das ja jetzt nicht mehr!"
"Ja, da bin ich auch froh!"
"Ach ja, Felicity und Magdalena. Oma hat grade angerufen. Sie möchte das
Geld, dass sie dir, Felicity immer überwiesen hat, unter euch beiden
aufteilen. Ich hoffe, dass du das einsiehst, Felicity!"
"Aber natürlich! Schließlich ist sie meine Schwester! Ich wollte Oma auch
schon bescheid sagen, aber jetzt hat sie ja schon von alleine dran gedacht!
Schließlich braucht auch Mag ein bisschen Geld!"
"Ja, das ist richtig. Was sagst du dazu Magdalena?"
"Ach, aber das muss doch nicht sein...Oma kann doch nicht jemanden, den sie
erst so kurz kennt schon so viel Geld geben! Ich meine die Hälfte von dem
was Felicity bis jetzt hatte, das sind ja fast zehntausend Euro! Das kann
ich doch außerdem unmöglich annehmen!"
"Natürlich kannst du!"
"Na ja, also wenn du nichts dagegen hast, Felicity..."
"Nein! Nimm es doch einfach! Wann bekommst du wieder so ein Angebot?
Zehntausend Euro, sowas kann man doch gar nicht ausschlagen!"
"Na ja, wenn das so ist... gerne! Vielen, vielen Dank! Ihr seid so nett zu
mir!"
"Aber das ist doch selbstverständlich!"
"Ach, das würde ich nicht sagen!"
"Doch, das ist es! Du bist jetzt ein Mitglied der Familie, also bekommst du
auch deinen Anteil. An Liebe und allem anderen! Also hätten wir das jetzt
auch geklärt. Ich will euch ja nicht vom Schlafen abhalten, also gute Nacht
ihr beiden! Schlaft gut und träumt was schönes!"
Er strich uns beiden zärtlich übers Haar und gab uns dann einen Kuss.
"Macht nicht allzu spät das Licht aus, ja?"
"Gute Nacht Paps!", sagten wir im Chor.
Als er draußen war, sagte ich zu Felicity:
"Bist du sicher, dass du das viel Geld mir geben willst?"
Sie setzte sich auf, sah mich an und sagte energisch:
"Jetzt hör mir mal zu! Natürlich will ich es dir geben, denn ich liebe dich!
Du bist meine Schwester, und wenn du mir das nicht glaubst: warum sollte ich
das tun? Du wohnst in meinem Zimmer. Wir haben doch genug andere Räume,
warum ziehst du nicht einfach um? Weil ich es nicht will! Warum liegen wir
sogar zusammen in einem Bett? Warum schläfst du nicht in der Hängematte?
Weil ich dich lieb habe! Und wieso sind alle fröhlicher, sogar Alex? Weil
wir alle dich lieb gewonnen haben! Also, wieso sollte ich das bisschen
materiellen Besitz nicht mit dir teilen, wo du uns doch so viel gibst? Na,
sag mir das mal! Also, beschwer dich ja nicht. Und du gehörst zur Familie,
auch Paps hat es dir gesagt, also nimm dir einfach was du willst, frag nicht
bei jeder Kleinigkeit, ob du es auch wirklich benutzen darfst, denn du
gehörst zur Familie! Okay? Und das ist unser Zimmer, das Zimmer von uns
beiden."
"Ja. Ach Felicity, du bist so lieb!"
Wir umarmten uns und ich musste ein bisschen weinen.
Aber das war auch schnell vorbei. Ich war überrascht von so viel Liebe und
Verständnis, das die beiden mir entgegen brachten.
Aber es war so schön, ich fühlte mich jetzt wirklich zu ihnen gehörig. Es
war ein schönes Gefühl.
12.Kapitel-Die Mutter
Am nächsten Morgen wachte ich auf, und musste mich einfach freuen. Es war
noch niemand wach, denn es war noch früh.
Ich stand einfach auf wie ich war, in Paps' Hemd und einem Höschen, öffnete
leise die Tür zur Terasse, lief in den Wald, drehte mich drei mal um mich
selbst und ließ einen Freudenschrei los.
Dann lief ich wieder zum Haus und steckte meine kalten Füße unter die Decke.
Ach ich war so glücklich!
Zum vollkommenen Glück fehlte nur noch Nick. Ich musste mich endlich um
diese Frau Michaelis kümmern. Und wollte sie gestern nicht anrufen? Das
hatte ich ja total vergessen!
Ich schlich mich zum Telefon, drückte auf den knopf um die Nachrichten
abzuhören, denn wenn sie angerufen hatte, musste ihre Nummer hier sein, dann
konnte ich sie auch gleich zurückrufen.
Und es war tatsächlich eine Nachricht von ihr auf dem Anrufbeantworter.
"Ähm, hallo? Hier Michaelis...es wäre nett, wenn du mich zurückrufen
könntest, Magdalena. Ich habe dir nämlich etwas wichtiges zu erzählen. Also
dann, Tschüß. Piep. Sie befinden sich jetzt im Hauptmenü. Um die Nachricht
zu löschen, drücken sie bitte die eins. Um den Anrufer zurückzurufen,
drücken sie bitte die sieben. Um die..."
Ich drückte auf die sieben und hörte es klingeln.
"Hallo?"
"Ah, hallo Nils! Hier ist Magdalena. Kann ich mal deine Mama sprechen?"
"Ja. Warte mal kurz..."
Der Hörer wurde irgendwo hingelegt und dann nahm Frau Michaelis ihn in die
Hand.
"Hallo?"
"Hallo, Frau Michaelis! Ich sollte sie zurückrufen?"
"Ah, Magdalena. Es ist schön, dass du anrufst. Also, ich möchte dir etwas
wichtiges sagen, und lieber nicht am telefon. Also, hättest du heute Zeit,
vorbeizukommen? Wie wär's so gegen halb vier? Da ist Nilck...äh, Nils
nämlich in der Kindergruppe."
"Äh, gerne. Ich komm dann halb vier vorbei. Falls ich doch nicht kommen
kann, sage ich ihnen bescheid ja? Ich habe nämlich meinen Vater noch nicht
fragen können..."
"Ist gut. Also, bis dann!"
"Ja."
Aber sie hatte schon aufgelegt.
"Hey! Morgen Wen hast du denn angerufen?"
Gähnend und sich streckend kam Felicity vorbei und ging ins Bad.
"Frau Michaelis. Ich geh heute halb vier mal zu ihr, ja? Oder hatte Paps
irgendwas vor?"
"Glaub nicht...Aber frag ihn doch.", sagte sie. Jedenfalls verstand ich das,
denn sie putzte gerade Zähne.
"Okay."
Ich schlich mich in die Apotheke, weil ich ja nicht wusste, ob nicht
vielleicht ein Kunde da war. Aber ich hörte keine Stimmen, so ging ich die
Treppe runter und gab Paps einen Kuss.
"Oh, guten Morgen!"
"Morgen Paps! Hattest du heute irgendwas vor?"
"Nein, warum fragst du? Wenn du etwas machen wolltest, tut es mir leid, aber
da musst du mir früher bescheid sagen, denn dann kann ich dir sagen, wann
ich frei habe."
"Ach, nö. Ist schon okay. Aber ich gehe heute halb vier nochmal zu Frau
Michaelis. Sie will mir irgendwas wichtiges sagen."
"Ja, tu das! Viel Spaß da. Ich glaub nicht, dass wir uns noch sehen, bevor
du gehst, denn heute kommt ein Freund von mir vorbei. Wir wollen uns über
die verschiedenen Pharmazeutischen Mittel unterhalten, die man bei
chronischen..."
"Ja, ist gut Pa, ich würde es eh nicht verstehen. Bis dann!", unterbrach ich
ihn und ging in Felicitys Zimmer. Na ja, eigentlich war es ja unser Zimmer.
Felicity war schon fertig, also nahm ich mir meinen dunkelbraunen kurzen
Rock und das dunkellilane "Sexy Princess"-shirt aus dem Schrank.
Ich duschte, zog mich an und ging zu Felicity.
"Uh, sexy! Gut sehen wir heute aus, Majestät!", meinte Felicity unterwürfig,
als ich reinkam.
"Ja, das stimmt. Du siehst auch ganz annehmbar aus!", sagte ich mit einem
leicht näselnden, hochnäsigen Ton.
"Aber mir müssen heute auch gut aussehen. Denn heute wirst du meiner Clique
vorgestellt!"
"Oh. Aber ich hab dir doch gesagt, dass ich heute zu Frau Michaelis gehe!"
"Ja, wir treffen uns ja auch zum Pizzaessen."
"Fel, wie viele sind in deiner Clique?"
"Mal zwanzig, mal dreißig. Je nachdem, wer seine Freunde mitbringt. Aber
heute kommen nur meine engsten Freunde, also fünfzehn. Keine Panik, sind
alle nett! Auch wenn Nadja einen ein bisschen bissigen Humor hat. Aber sie
meint's nicht so. Und wenn wir dann heute da rein kommen, wird sie eh erst
mal ziemlich ruhig sein!"
"Fünfzehn, deine engsten Freunde? Oh Gott, wie groß ist die Clique, wenn
jeder all seine Freunde mitbringt!"
"An die vierzig könnten's schon werden.."
"Wow! Cool! So Viele!"
"Yes. Is schon cool."
"Wow, ich freu mich! Wie viel Uhr ist es?"
"Halb zwölf."
"Mann, da haben wir ganz schön lang geschlafen!"
"Jap.Um zwölf treffen wir uns in der Pizzeria."
"Wie lange brauchen wir denn hin?"
"Ach, fünf Minuten..."
"Gut. Kommt Alex auch?"
"Ja. Er gehört ja zum Hofstaat."
"Aha."
"Was war denn letztens los? Ihr ward ja echt komisch."
"Och, das..."
"Jetzt sag schon!"
"Na ja, Alex hat versucht mich zu küssen und als ich ihm eine Ohrfeige
gegeben hab, hat erso getan, als hätte er mich nur testen wollen, ob ich
auch wirklich zu Nick gehöre."
"Ups!"
"Was heißt hier ups?"
"Ich wusste ja nicht, dass er das ernst nimmt, sonst hätte ich ihn natürlich
davon abgehalten, aber er musste es ja regelrecht versuchen."
"Was? Warum?"
"Na ja, ich hab ihn ein bisschen aufgezogen, dass du ja dann das einzige
Mädchen sein dürftest, bei dem er es noch nicht versucht hat zu landen und
anscheinend hat er es ernst genommen und es auch bei dir versucht."
"Ach so. Ein Glück! Ich dachte schon, er will womöglich wirklich was von
mir!"
"Ach, glaub ich nicht. Dann hätte er mir gegenüber mal was erwähnt. Er sagt
mir sogut wie alles. Nur ein paar Sachen weiß ich noch nicht. Zum Beispiel,
wie oft er sich einen runterholt, ob er Petting lieber mag oder..."
"Okay, ich hab schon verstanden Fel!", unterbrach ich sie lachend. Sie
lachte auch ein bisschen.
"Gut, war nur ein Witz! Also dann, wir müssen los."
Ich zog meine neuen Stiefel an und dann verließen wir das Haus durch die
Terassentür, gingen kurz durch den Wald und kamen dann auf die Straße die
dann direkt durch die Stadt ging.
Die Pizzeria lag direkt an der Hauptstraße. Ich war total aufgeregt. Was
wenn sie mich auslachen? Was wenn mich niemand mag? Oder wenn alle total
blöd sind? Das letzte schloss ich sofort aus, denn Felicity würde sich nie
mit solchen Typen abgeben. Und auch nicht mit welchen die übber jemadne
lachen. Also müssen alle so nett sein wie Felicity. Oder fast alle. Das
tröstete mich, ich straffte den Rücken und ging hinter Felicity in die
Pizzeria.
Mhh, dieser Geruch...Pizza...Nudeln...Lecker!
Felicity lächelte mir aufmunternd zu, dann sah ich mich um.
Felicity hatte etwas von mehr als fünfzehn Leuten erzählt, aber ich sah
niemanden, in unserem Alter.
"Felicity...wo sind denn deine Freunde?"
"Na jedenfalls nicht hier...dann müssen wir wohl wieder gehen. Schade!
Nein, nur ein kleiner Scherz. Sie sind in einem anderen Raum, denn es gibt
hier keinen Tisch an den meine neun engsten Freunde passen. Ich wollte dich
nämlich erst mal nur ihnen vorstellen."
Sie ging los und ich hinterher.
"Ach so. Okay."
Ein Scherz. Und ich dachte, wir müssten echt nach Hause gehen. Dabei hatte
ich mich ja auch gefreut, nach allem, was mir Felicity immer so von ihren
tollen Freunden erzählt hat. Aber der Scherz war ja harmlos, und
einigermaßen intelligent. Nicht so, wie der Scherz den unser geliebtes
Hühnchen, das Mädchen dessen Name halt Hühnchen bedeutete, und eine ebenso
bescheuerte Freundin mal einer Mitschülerin gespielt haben.
Diese Mitschülerin, Marianne, hatte nämlich den Spitznamen Engel, da sie
sehr gläubig war.
Wer weiß wie die Deppen aus meiner Klasse zu dem dämlichen Namen gekommen
sind, aber das tut nichts zur Sache.
Jedenfalls gehen das Hühnchen und die andere zum "Engel" hin und geben ihr
eine Karte auf der stand: Gott liebt dich! Jesus kehrt zurück und er wird
dich in das unendliche Paradies zu den Engeln mitnehmen!
Die beiden standen also hinter Marianne und konnten sich das Lachen kaum
verkneifen. Aber die arme Marianne blieb ganz cool und fragte nur, woher sie
diese Karte hatten. Dumm wie sie waren, sagen sie:
"Von einer Frau, aus dem Einkaufszentrum! Sie hat gesagt, wir sollen sie dir
geben!"
"Schön für euch, aber ich brauche die Karte nicht, aber ihr scheint Gottes
Segen ja echt nötig zu haben! Er wird auch euren verwirrten Seelen helfen!
Wenn ihr Glück habt und er von eurer unendlichen Dummheit nicht geblendet
wird.", sagte Marianne, drückte ihnen die Karte wieder in die Hand.
Das hämische Lächeln verschwand daraufhin von den Gesichtern der beiden und
sie schlichen sich wie geprügelte Hühnchen weg.
Ach, die armen! Hatten wohl geglaubt, sie würden endlich zu den coolen
zählen! Schade nur, dass die beiden ihr Leben lang so blöd bleiben würden!
Inzwischen hatte ich das auch Felicity erzählt und wir lachten beide, denn
die dummen Hühner konnten uns echt gestohlen bleiben!
Ich musste auch gleich an eine andere Begebenheit aus meiner alten Klasse
denken und war froh, als ich sah, dass sich hier jeder selbst verteidigte,
wenn er dumm angemacht wurde, oder geärgert.
Denn es war echt mehr als blöd, wenn man sich von jemanden anderen
verteidigen lassen musste.
Denn einmal machte ich gerade jemanden nach, der die Angewohnheit hatte,
sich andauernd am Hintern zu zupfen, anscheinend war seine Hose zu eng. Sein
kleinerer Freund beobachtete mich dabei und kam dann zu uns rüber. Und dann
sagte er:
"Ach, über jemanden anderen könnt ihr nicht lästern, oder?"
Meine Freundin und ich lachten uns schlapp, denn es war doch echt mehr als
peinlich, wenn der Freund, noch dazu einer, der knapp ein einhalb Köpfe
kleiner war, als der den er verteidigte, denjenigen verteidigen musste.
Dafür konnte der arme "Hosenzupfer" aber nichts, denn er war wirklich ein
bisschen bescheuert.
Ach, ich würde sie vermissen, all diese geballte Dummheit auf einem Haufen!
Dann waren wir vor einer Tür aus der Applaus drang, angelangt.
"So, jetzt wirst du sie kennenlernen! Du wirst sie lieben! Und sie dich!"
"Okay, gehen wir rein. Ich habe Hunger."
Ich wollte es mir nicht anmerken lassen, dass ich nervös war. Aber ich war
wie sie, und sie sah, dass ich nervös war.
Sie öffnete die Tür.
Ich sah, dass ein paar Leute an einem Tisch saßen und aßen, andere, die ihr
Essen anscheinend noch nicht hatten, kegelten. Jemand hatte alle zehn Kegel
umgehauen und deshalb aplaudierten noch ein paar.
Dann drehten sie sich zu uns um, um zu sehen wer da kam.
"Hey, Fel! Gregor hat gerade..."
Der, der es sagte, sah uns beide und hielt mit offenem Mund inne.
"...alle zehn umgehauen. Wow, wer ist denn von euch Felicity?"
"Ich. Ihr werdet überrascht sein, pardon, ihr seid übberrascht. Man sieht es
daran, dass einige uns mit offenem Mund anstarren. Aber kaut doch bitte erst
mal hinter!"
Einige, die sich ertappt fühlten, schluckten. Dabei hatte, so weit ich das
sehen konnte, keiner noch Essensrest zwischen den Zähnen. Ja, soweit ich das
beurteilen konnte, und das konnte ich sehr gut, bei all den offenen Mündern,
hatten alle recht saubere Zähne.
Einer, anscheinend dieser hervorragende Gregor, hatte die Kegelkugel in der
Hand und drehte sich zu uns um. Als er uns sah, war er so überrascht, dass
er die Kugel fallen ließ. Direkt auf seinen Fuß!
Ich versuchte nicht loszulachen und biss mir auf die Lippen. Er fluchte und
hüpfte auf einem Fuß herum. Die anderen sahen sich nicht mal nach ihm um.
Sie waren noch zu sehr mit mir beschäftigt.
"Also. Das ist Lena. Aber, wenn ihr das für angemessen haltet, könnt ihr sie
natürlich auch das achte Weltwunder nennen."
Ein paar lächelten, aber nicht ohne mich anzustarren. Ich lächelte
schüchtern. Warum starren die mich denn alle so an? Okay, es ist
wahrscheinlich nicht gerade üblich, plötzlich zwei Felicitys zu haben.
"Sie ist meine Zwillingsschwester und hat Hunger. Deshalb schlage ich vor,
wir gehen erst mal bestellen, bis ihr euch einigermaßen gefasst habt und
dann könnt ihr Fragen."
Sie zog mich hinter sich raus und dann zu einem Kellner.
"Hey, alle Jungs außer Alex sind ja schon viel älter, als wir und die
anderen Mädchen!"
Das war mir gleich aufgefallen.
"Ach, Alex ist auch sechzehn, er ist nur ein bisschen klein für sein Alter.
Natürlich sind alle älter. Mit gleichaltrigen kann man doch nichts anfangen!
Außerdem sind sie lustiger und haben mehr Mut zum Risiko. Außerdem wirst du
noch sehen, wie cool sie sind!"
"Na dann freu ich mich ja auf die schule."
"Warum? Dort sind auch nur ältere in unserer Klasse, weil ich eine
übersprungen habe. Und ich habe mich erkundigt, du kommst auch in meine
Klasse. Auch wenn du in deiner Schule nicht so gut warst, hier haben wir
einen anderen Lehrplan. Du hattest das selbe wie wir und vieles hatten wir
noch nicht, da ich ja auf einer Gesamtschule bin, also für die deutschen
Maßstäbe ein Gemisch aus Real- und Gymnasium. Aber man kann auch das Abitur
machen. Ähm, Hallo?"
Wir waren bei einem Kellner angekommen. Cool, ich musste keine Klasse
wiederholen, sondern ein Jahr weniger machen! Und ich würde mit Felicity in
eine Klasse kommen! Juhu!
"Was wollt ihr, bitte? Oh."
Er hatte aufgeschaut und war auch überrascht. Aber er fing sich
verhältnismäßig rasch.
"Ich wusste nicht, dass wir ein Zwillingspaar in unserer schönen Stadt
haben. Aber so klein ist die Stadt ja auch nicht, also, was darfs sein?"
Das hörte sich vielleicht lustig an! Ein Italiener, der Französisch spricht!
"Sie ist auch erst seit kurzem da. Für mich eine mit Sardellen und
Schinken."
Der arme Kellner verstand wahrscheinlich gar nichts, wo sollte denn ein
vierzehnjähriges Mädchen herkommen, einfach so. Aber er nickte trotzdem.
"Gut! Für mich auch!"
"Kommt sofort!"
"Tja, alle sind überrascht! Aber meine Freunde haben sich jetzt hoffentlich
gefangen. Das ist ja unheimlich, wie die einen anstarren!"
"Da hast du verdammt nochmal Recht!"
Sie lachte kurz und machte zum zweiten Mal die Tür auf.
Inzwischen hatten sich alle an den langen Tisch gesetzt. Jetzt sah man den
Rest vom Raum. Da war eine lange Kegelbahn, der restliche Boden war aus
Parkett und die Wände waren auch mit hellem Holz getäfelt. An der Wand waren
ein paar Fenster, die in einen Garten herausgingen.
Hoffentlich war gerade niemand im Garten gewesen und hatte zum Fenster
hereingeschaut, der hätte sich ziemlich gewundert, warum alle mit offenem
Mund zur Tür starrten. Denn von außen sah man die Tür nicht.
"Na also. Wenigstens habt ihr euch schon mal gesetzt. Und ihr schaut auch
nicht mehr ganz so überrascht. Gut. Die Pizzen kommen bald, ihr könnt dann
also fragen.
Niemand sagte irgendwas. Wir setzten uns zu ihnen an den Tisch. Alle
warteten, das irgendjemand etwas sagte.
Ein Junge beugte sich vor und sah mich genau an.
"Also geschminkt ist sie nicht. Es ist also kein Scherz."
"Ihr habt keine Fragen? Nichts?"
"Na ja..."
Endlich sagte mal jemand etwas!"
"Ja?"
"...sie ist wirklich deine Schwester?"
"Ja du Depp! Viel interessanter ist doch, wo kommst du denn so plötzlich
her?"
Ich wollte gerade antworten, da fragte auch schon der nächste:
"Wie heißt du?"
Und als wäre eine Mauer, die sie am Fragen gehindert hatte, in sich
zusammengefallen, fragten alle drauf los.
"Wieso bist du denn erst jetzt hier?"
"Wo hast du bis jetzt gewohnt?"
"Habt ihr uns die ganze Zeit nur auf den Arm genommen und du warst die ganze
Zeit da?"
"Seid ihr echt Zwillinge? Nicht nur Schwestern?"
"Ja genau! Wie alt bist du denn?"
"Und wieviele Schwestern hast du denn noch?"
"Wo ist denn deine Mutter?"
"Ja, ist sie etwa auch plötzlich da?"
"Woher kommt sie denn?"
"Was ist dein Lieblingsessen?"
Was sollte denn diese Frage plötzlich? Aber ich sah auch, wer sie gestellt
hatte: Alex! Also, kein Wunder. Er kannte mich ja schließlich schon.
"Stopp!", rief Felicity, die größtenteils nur gelächelt und sich gefreut
hatte, dass ihre Freunde so verwirrt waren.
"Jetzt könnt ihr zuhören. Das wichtigste zuerst: ihr Lieblingsessen
ist...Lena?"
"Oh, vieles...Pizza, Lasagne, Bratkartoffeln, Hummer..."
"Also, jetzt wisst ihr ja bescheid, die Pizzen kommen!"
Alle schauten enttäuscht. Denn jetzt waren sie auch nicht schlauer als
davor. Aber die Pizzen kamen, und das war jawohl das wichtigste!
Nachdem dann alle, deren Pizzen auch erst jetzt kamen, vom ersten Stück
abgebissen hatten, fragten sie schon wieder, woher ich denn jetzt so
plötzlich käme.
"Okay, wenn ihr auch solche Nebensachen wissen wollt...", sagte Felicity
lächelnd.
"Also, sie kommt aus Deutschland. Als unsere Eltern sich gestritten haben,
wir waren noch Säuglinge, trennten sie sich und unser Vater ging mit einem
von uns weg. Das war ich. Lena blieb bei ihrer Mutter. Als die dann vor zwei
Wochen starb, hielt Lena es nicht mehr aus und ist abgehauen. Ihr Freund kam
mit. Na ja, er wurde erst in den Tagen im Wald ihr Freund, aber egal. Sie
fand uns dann durch Zufall und jetzt kebt sie bei uns. Ihr Freund wurde ins
Heim geschafft, wir hoffen aber, seine leibliche Mutter zu überreden ich
bei sich aufzunehmen. Denn er wuchs bei einer Pflegefamilie auf und jetzt
haben wir Verwandte gefunden.
So das waren jetzt vierzehn Jahre in einer Minute. Wenn ihr noch Fragen
habt, sie wird euch alles erklären."
Sie zeigte auf mich und aß in aller Ruhe weiter. Sie freute sich anscheinend
diebisch, dass sie ihre Freunde so verwirren konnte.
"Wie heißt denn dein Freund?"
War ja klar. Zu meiner Mutter oder meinem bisherigen Leben fragte niemand
etwas.
"Ach, das ist doch unwichtig, Helene! Wie immer, respektlos und keinerlei
Mitgefühl!", fiel ihr ein Junge ins Wort.
"Als erstes: Unser Beileid. Mann, Helene! Ihre Mutter ist tot!"
"Ach, schon okay. Felicity hat sie gar nicht gekannt und die letzten Jahre
dürfte sie gar nicht mitbekommen haben. Und ich hatte in der Zeit auch
nichts von ihr."
"Oh...Hatte sie eine Krankheit?"
"Nein, aber sie hat getrunken. Deshalb waren wir auch sehr schlecht dran."
"Das tut uns leid."
"Na, dann dürfte es dir ja jetzt bei Felicity besser gehen!"
"Ja, Fel, denn euch geht es ja echt nicht schlecht!"
ich aß ein bisschen von meiner Pizza, die anderen auch und dann ging's
weiter.
"Und wieso kommst du denn jetzt zum ersten Mal zu Felicity?"
"Ich habe überhauptnichts gewustt. Ich war total überrascht, als ich
erfahren habe, dass ich eine Zwillingsschwester habe! Und auch dass ich
meinen Vater gefunden hatte, alles in allem hat mich so mitgenommen, dass
ich einen Nervenzusammenbruch hatte. Deshalb habt ihr auch erst jetzt von
mir erfahren. Ich musste eine Woche im Bett bleiben und schlafen."
"Oh, echt hart!"
"Und alles erst dann erfahren..."
"Na ja, wie hätte es ihre Mutter ihr denn sagen sollen? Schließlich hatte
sie viele Probleme, sonst hätte sie ja nicht getrunken..."
Ich war echt glücklich, dass sie Ma nicht runtermachten. Aber das hatte ich
auch nicht erwartet.
Ich war froh und fand ihre Freunde genauso toll wie Felicity selbst, denn
sie waren nett und sehr verständnisvoll. Niemand machte einen dummen Witz.
Aber lustig war es doch.
Als wir gegessen hatten, was sehr lange dauerte, weil mich alle immer
ausfragten, wollten alle Kegeln.
Das dumme war nur, dass ich nicht kegeln konnte. Na ja, ich konnte es schon,
aber nicht sehr gut.
Als ich mal auf einem Geburtstag von einer, damals noch recht guten,
Freundin war, waren wir kegeln.
Außerdem war auch Laetitia da, dort haben wir uns zum ersten Mal gesehen. Na
ja, gesehen hatten wir und schon vorher, aber wir hatten uns halt nicht
wahrgenommen. Wir waren ja in einer Klasse, aber das heißt noch lange nicht,
dass man jeden in der Klasse kennt.
Jedenfalls waren wir Kegeln und ich konnte nicht kegeln. Wir haben dann
gekegelt und der Vater der Freundin war auch da. Er konnte kegeln weil er
jede Woche kegeln ging. Also gab er mir die ganze Zeit über schlaue Tipps.
Natürlich regte mich das auf, aber ich konnte ja nichts machen. Schließlich
bezahlte er uns ja den "Spaß". Für mich war das kein Spaß, weil ich ja nicht
kegeln konnte.
Aber auch Laetitia konnte nicht sonderlich gut kegeln, also saßen wir dann
immer zusammen da und beschwerten uns darüber, wie schlecht wir kegeln
konnten. Und dann lachten wir über alles mögliche. Andauernd machten wir
blöde Witze, aber es war trotzdem voll lustig. Ich war schon voll rot vom
ganzen lachen und wurde auch immer ausgeflippter. Sicher jetzt schämt man
sich ein bisschen dafür, aber seit dem Nachmittag wollte Laetitia, dass ich
mich neben sie setze. Und das haben wir dann auch gemacht und es war so was
von witzig! Echt, wenn ich jetzt was gutes an unserer alten Klasse oder
meiner gesamten Schulzeit finden will, dann dass ich Laetitia da
kennengelernt habe.
Na ja, beim Kegeln war ich danach zwar noch genauso schlecht wie davor aber
immerhin hatte ich einmal alle Kegel umgehauen. Leider war ich am Schluss
trotzdem noch die schlechteste. Aber das war Nebensache. Immerhin hatte ich
mal gekegelt. Und es hatte mir am Schluss auch ziemlichen Spaß gemacht. Egal
wie schlecht ich war, ich freute mich trotzdem immer, wenn ich mal ein paar
Kegel umwarf. Und lustig war es auch.
Aber inzwischen wollten alle, dass ich kegelte. Oh mann, das würde
vielleicht in die Hose gehen! Aber egal, was sein musste, muss sein. Also
nahm ich die Kugel in die Hand und pendelte mit de Arm zwei mal nach hinten.
Als mein Arm dann wieder nach vorne kam, hatte ich allerdings keine Kugel
mehr in der Hand. Oh oh. Ich konnte mir schon denken, was das hieß!
Also drehte ich mich langsam um und schaute, wohin die Kugel geflogen war.
Denn offensichtilich war sie nach hinten geflogen. Ein paar lachten, aber
nur leise, denn sie war einem Mädchen, es hieß Margerete, wie ich beim Essen
erfahren hatte, direkt auf den Fuß gefallen.
Ich lief hin und nahm schnell die Kugel von ihrem Fuß. Dann entschuldigte
ich mich ungefähr vier mal hintereinander, aber sie hob nur die Hände und
sagte:
"Nicht so schlimm. So schwer sind die Kugeln ja nun wirklich nicht! Also,
macht nichts, kegel lieber weiter!"
"Ach, das will ich euch ersparen, ich kann so gut wie gar nicht kegeln!"
"Versuch's doch einfach! Komm schon, du schaffst es. Und niemand lacht, wenn
du daneben zielst. Also, los Lena, los! Los, Lena, los! Lena, Lena, Lena!"
Inzwischen hatte sich ein wahrer Sprechchor entwickelt.
"Los Lena, los! Lena, du schaffst es! Los Lena, los! Lena, du schaffst es!
Hau alle um! Los Lena, los! Lena, du schaffst es! Los Lena, los!"
Alle feuerten mich an und warteten darauf, dass ich endlich ein paar Kegel
umhaute.
Also tat ich ihnen den Gefallen und warf die Kugel auf die Bahn. Erst sah es
ziemlich schlecht aus, denn die Kugel ging voll nach rechts. Also drehte ich
mich um und zuckte resigniert mit den Schultern. Da sah ich, dass alle
gebannt auf die Kegelbahn starrten und dann in Jubel ausbrachen.
Ich drehte mich um und sah überrascht, dass alle Kegel umgefallen waren!
Also das nannte ich ja mal Glück!
"Von wegen du kannst nicht kegeln!"
"Ja, das war doch mehr als gut!"
"Wow, du hast eine Kokurrentin, Gregor!"
"Wie hast du dass denn gemacht?"
"Herzlichen Glückwunsch, dafür dass du so schlecht bist war das aber ganz
schön gut!"
"Ach, das war nur Zufall."
"Und wenn, es war jedenfalls ein toller Zufall. Also wie die Kugel erst nach
rechts ging und dann gleich wieder in die Mitte, direkt auf den ersten Kegel
zu...Wow!"
"Tja, sie ist halt toll!", warf Felicity ein.
Und da freute ich mich natürlich auch. Wow, das war der zweite Treffer in
meinem Leben. Okay, ich hatte ja auch erst einmal gekegelt, aber trotzdem...
Ich fand's toll. Vor allem, weil alle auf meinen Wurf konzentriert waren.
Echt, du bist ein Glückspilz, Lena!, lobte ich mich selber.
Und dann kegelten wir weiter. Ich warf beim nächsten Mal fünf um und dann
sieben. Ich war zufrieden. Und zum Glück wurden die Punkte nicht gezählt,
wie bei dem Geburtstag von der Freundin, sondern jeder spielte zum Spaß.
Dann stand auch niemand so unter Druck, dass man unbedingt viele Kegel
umwerfen musste. Denn es war egal.
"Es ist ja voll cool, dass ihr hier in einem Raum seid, der eine Keglbahn
hat!"
"Ja, deshalb haben wir ihn uns auch ausgesucht. Es gibt nämlich noch einen
Raum, wo wir alle Platz hätten, aber der hat halt keine Kegelbahn und damit
wir neben dem Essen auch noch ein bisschen Spaß haben, mieten wir halt
diesen. Außerdem ist es auch praktisch, wenn alle kommen. Also, wenn jeder
noch ein paar Freunde mitbringt. Denn dann sind wir trotzdem so viele, dass
der Tisch nicht allen Platz bietet. Dann spielt die Hälfte und die andere
Hälfte isst. Aber dann ist der Raum auch ganz schön voll!", klärte mich
Felicity auf.
"Das kann ich mir vorstellen!"
Denn so groß war der Raum auch wieder nicht. Die Keglbahn und der Tisch mit
den Sühlen nahm schon den meisten Platz ein. Es gab nur noch ein paar
Quadratmeter Platz hinter der Kegalbahn, wo man sich dann hinstellte, bis
man dran kam mit Kegeln.
"Und ihr mietet den Raum extra? Ist das nicht total teuer? Und wenn dann
jeder noch eine Pizza isst..."
"Ach, wir teilen uns die Miete. Und ein Nachmittag kostet nur zehn Euro. Da
zahlt heute jeder nur ein bisschen mehr als einen Euro! Denn der Besitzer
will, dass wir hier sind. Schließlich würden wir dann das halbe Lokal
ausfüllen, wenn wir nicht hier wären. Deshalb ist es preiswerter. Und die
Pizza ist auch preiswerter, Mengenrabatt!"
"Super! Da macht ihr ja ein sehr gutes Geschäft! Bei uns kostet ein
Nachmittag kegeln, selbst wenn man nur eine Bahn mietet und nicht den ganzen
Raum, schon über dreißig Euro!"
"Na ja, in Deutschland war ja auch alle teurer. Und erst recht, als der Euro
dann eingeführt wurde. Im Fernsehen hab ich gesehen, dass die Statistik zwar
etwas anderes behauptet, aber als ich mit Paps mal da war, war alles fast
doppelt so teuer! Jetzt hat es sich zwar ein bisschen gelegt, aber das ist
nur Schein. Man denkt dort zwar, es wäre preiswerter, aber nur, weil die
Preise nicht mehr ununterbrochen steigen, wie davor!"
"Oh ja! Als der Euro noch neu war, war unser Geld noch schneller weg als
davor. Man könnte denken, damals hätten sie nur die alte Währung
weggestrichen und Euro drübergeschrieben!"
"Bei uns war das nicht so. In den größeren Städten wie Paris oder Bordaux
schon, aber nicht ganz so stark wie in Deutschland. Aber hier, in unserer
kleinen Stadt nicht. Bei unseren grade mal zehntausend Einwohnern von denen
viele Kaufleute sind, wollten wir das nicht. Es wurde alle sgenau
ausgerechnet, wieviel es kosten würde und immer nach dem Kurs verbessert.
Das ging sehr gut und so gingen nicht so viele Pleite. Bei uns kam ziemlich
viel über den Euro im Fernsehen und in Deutschland sind im Ersten Jahr ja
schon über hunderttausend Familien und kleine Unternehmen pleite gegangen!
Aber jetzt haben sich die Leute dran gewöhnt und kaufen nur das billigere.
Jedenfalls die, die nicht gerade Millionäre sind."
"Wow, du weißt aber viel über den Euro in Deutschland! Wenn ich ehrlich sein
soll: Ich hab keine Ahnung wie es in Frankreich lief!"
"Ach, das ist egal. Wir haben das auch in der Schule durchgenommen, deshalb
wusste ich's."
"Ach so. Na ja, also deine Freunde sind echt nett!"
"Ja und deshalb wirst du jetzt nicht nur mit mir reden, sondern auch mit
ihnen! Sie finden dich nämlich auch ziemlich okay! Also, stürz dich ins
Getümmel!"
"Ay ay, Sir!"
Also ging ich zu ein paar Leuten, die noch kegelten. Ich wagte noch eine
Wurf, dann kam ich mit ein paar Leuten ins Gespräch. Es ist ganz schön
schwer, ein Gesprächsthema zu finden, wenn man aus verschiedenen Lädern
kommt. Man konnte nicht über Musik reden, weil man in Frankreich ja ganz
andere Lieder mag und auch nicht über Klamotten oder Filme reden. Aber da
hatte ich mich getäuscht. Als ich eine Bemerkung über einen Amerikanischen
Sänger fallen ließ, unterhielt ich mich mit einem netten Jungen ziemlich
lange über R&B und amerikanischen Hip Hop, anscheinend hatten wir den selben
Geschmack. Und er mochte auch Kayn Park. ER war mir also sofort sympatisch.
Er hieß Nikolas, was natürlich auch für ihn sprach. Obwohl der Name nichts
über den Menschen aussagt. Aber er war trotzdem voll lustig und nett. Er
gehörte gleich zu meinen Favoriten unter den Jungs und Mädchen. Dann kamen
noch ein paar Leute dazu, die sich auch für dieselbe Musik interessierten.
Ich war überrascht, aber anscheinend waren hier lauter gleichgesinnte. Und
erst jetzt bemerkte ich, dass aus Lautsprechern an der Decke gute Musik kam.
Als dann ein Lied lief, dass alle mochten, bildete sich ein Kreis, in deren
Mitte dann ein paar Jungs Breakdancten. Und die konnten es echt gut!
Inzwischen kannte ich schon ziemlich viele Leute. Und alle waren nett.
Felicity hatte echt guten Geschmack, was ihre Freunde anbelangte und auch
sonst.
Und dann mussten wir gehen. Wir verabschiedeten uns, denn ich musste ja noch
zu Frau Michaelis.
Dann verließen wir fröhlich die Pizzeria.
"Deine Freunde sind echt cool!"
"Ich weiß! Ich bin auch total froh, das ich sie habe!"
"Das kann ich echt gut verstehen. Ich wäre auch froh, solche Freunde zu
haben!"
"Ach, die haben dich doch schon total als Freundin akzeptiert! In einer
Woche wird es so sein, als wären wir alle zusammen aufgewachsen! Also dann,
Tschüss!"
"Warum? Wir sind doch noch gar nicht da..."
Felicity hatte an einer Häusereckt angehalten.
"Ach, von hier aus kannst du ganz leicht zu Frau Michaelis' Haus kommen! Du
gehst einfach in diese Straße da und dann rechts in die Dorfgasse und dann
nur noch geradeaus! Also, bis dann und viel Spaß!"
Sie winkte mir noch zu und dann rannte sie zu Freunden um ein Stück mit
ihnen zu gehen.
Also ging ich den Weg, den sie mir gesagt hatte. Aber ich kam ganz wo anders
raus.
"Entschuldigen sie?"
"Es tut mir leid, aber ich hab jetzt echt keine Zeit!"
Wow, echt nett!
Aber ich würde den Weg schon selbst finden! Ich irrte zwar noch ein bisschen
umher, stand dann aber plötzlich vor dem gesuchten Haus. Ich wusste zwar
nicht, wie ich das gemacht hatte, aber wenigstens hatte ich jetzt eine
Orientierung. Denn wie ich wieder zurückkomme, das wusste ich ja!
Also ging ich durch den Vorgarten, klingelt und wurde von Nils ins
Wohnzimmer geführt, wo seine Mutter schon auf mich wartete.
"Ach, da bist du ja auch schon! Ein bisschen früh, aber das ist gut so, dann
habe ich's bald hinter mir..."
"Wie bitte?"
"Ach nichts, setz dich!"
Ich setzte mich, ein wenig verwirrt auf das Sofa. Frau Michaelis schickte
den kleinen Nils auf sein Zimmer spielen, stand auf und ging die Hände
ringend im Zimmer umher.
Ich sah ihr hinterher. Rechts. Links. Rechts. Links. Es machte mich nervös,
ich wusste nicht einmal was sie von mir wollte!
"Also Lena, was ich dir jetzt sage, fällt mir wirklich nicht leicht..."
Das konnte ich auch sehen!
"...aber da es um Nick geht und du, nun ja, bist ja sehr eng mit ihm
befreundet, denke ich dass du ein Recht darauf hast, zu erfahren inwiefern
ich mit Nick verwandt bin..."
Oh oh. Es geht um Nick! Was mochte jetzt wohl kommen?
"...Nun ja, es ist so, dass ich überhaupt nicht mit Nick verwandt bin."
Alles, alles hatte ich erwartet! Ich hatte heimlich sogar gehofft Frau
Michaelis sei Nicks leibliche Mutter, aber das, das hatte ich überhauptnicht
erwartet! Und weil Nils Nick so ähnlich sah, hatte sich mein Verdacht nur
noch bestärkt! Aber das war, wie ich ja jetzt erfahren hatte, alles nur
Zufall!
"Aber, dann hat Nick gar keine Verwandten hier? Aber, das ist ja
schrecklich! Wie soll ich Nick denn dann aus dem Heim bekommen?"
"Nun ja. Es stimmt nicht ganz, dass er überhaupt keine Verwandten hier hat,
denn Nicks leibliche Mutter ist mit mir, wir sind gut befreundet, hierher
gezogen. Aber bevor du fragst, wo sie wohnt, hab ein bisschen Geduld..."
Es klingelte. Kleine Füßchen rannten zur Tür um sie zu öffnen. Kurze Zeit
später kam eine Frau ins Zimmer.
"Tja, das ist Veronika, eine Freundin. Sie kann dir dazu mehr sagen."
Ich gab ihr meine Hand und begrüßte diese Veronika, die sehr verheult
aussah.
"Hallo. Ich bin Magdalena, aber nennen sie mich Lena."
"Gerne. Veronika."
Betretenes Schweigen, das aber nur kurz andauerte. Diese Veronkia war mir
sehr sympatisch.
"Also, Veronkia, ich hab ihr schon gesagt, dass ich und Nick nicht verwandt
sind. Jetzt bist du dran!"
Aufmunternd lächelte Frau Michaelis ihr zu.
"....Also. Wo fange ich am besten an? Also, als ich sechszehn war, hatte ich
einen Freund, Kilian. Nun ja, wir waren sehr eng befreundet, wenn du
verstehst, was ich meine..."
Bei dem Gedanken an Kilian verklärte sich ihr Gesicht und der verzweifelte
Gesichtsausdruck machte einem glücklichen platz.
"...wir waren jung und sehr verliebt. Und eines Tages passierte es dann. Mir
war seit einiger Zeit jeden Morgen übel und ich musste mich oft übergeben.
Ich war blass und wollte nicht wahrhaben, was meine beste Freundin damals
dachte. Sie sagte, ich sei schwanger. Aber das konnte ja nicht sein, dachte
ich. Das passiert doch nicht mir! In ein paar Tagen bin ich wieder gut drauf
und würde darüber lachen, was ich jetzt dachte. Aber dem war nicht so.
Nach einiger Zeit wurde ich auch immer dicker. Ach, das geht vorbei, ich
habe nur zu viel gegessen! Das hat noch gar nichts zu sagen! Und die
morgendliche Übelkeit war inzwischen auch wieder vergangen. Ich war naiv,
ich weiß, aber als ich mich dann traute und endlich einen
Schwangerschaftstest machte, war es zu spät. Ich wusste ich war schwanger
und ging zum Arzt, damit der es mir nochmals bestätigte. Ich wollte es immer
noch nicht glauben.
Er bestätigte es mir zu hundert Prozent, dass ich schwanger war. Wie ein
geprügelter Hund schlich ich nach Hause. Zum abtreiben war es zu spät, aber
diese Möglichkeit hatte ich nie ernsthaft in Betracht gezogen. Aber das
größte Problem war: Mein Vater durfte auf keinen Fall etwas merken! Er hätte
mich sicher totgeschlagen. Ich war ja erst sechszehn und immer seine brave
Tochter gewesen.
Also trug ich immer weite Sachen. Wie durch ein Wunder hatte es noch niemand
bemerkt. Nur mit meiner Freundin konnte ich darüber reden. Und mit Kilian,
aber dann geschah diese schreckliche Sache."
Ihr gesicht überzog ein Schatten von tiefer Traurigkeit.
"Als er einmal nachmittags nochmal weg musste, er war Klempner und es gab
außerhalb einen Wasserrohrbruch, stürzte er mit seinem Wagen in einen See.
Er konnte sich nicht befreien und versank in dem See.
Ich war so furchtbar traurig. Ich weinte Tag und Nachts. Ich aß kaum etwas.
Aber wie durch ein Wunder überlebte das Kind.
Dann war es so weit. Ich hatte mich schon schlau gemacht, wie man ein Kind
zur Welt bringt. Meine Freundin wollte mir auch helfen, sie war wirklich
eine sehr gute Freundin, die Maria. Aber ich wollte das nicht. Die Bücher
die ich mir durchgelesen hatte, hatten mich sicher gemacht. Natürlich, es
war gefährlich und ich hätte dabei sterben können, aber ich konnte das Kind
ja auch nicht im Krankenhaus zur Welt bringen. Denn dann würde es mein Vater
zwangsweise erfahren. Außerdem hatten die Frauen vor ein paar Hundert
Jahren auch keine Hilfe gehabt.
Gott sei dank ging auch alles gut. Das Kind war gesund, aber wohin damit?
Behalten konnte ich es nicht, dann wäre ja alles umsonst gewesen. Ich war
feige und traute mich nicht, meinem Vater alles zu sagen. Also sah ich keine
andere Möglichkeit, als das Kind zur adoption freizugeben. Aber das konnte
ich auch nicht unter meinem Namen tun, meine Freundin half mir dabei aus.
Sie gab sich als meine Schwester aus. Deshalb dachtet ihr auch, Frau
Michaelis sei Nicks Tante. Aber das stimmt nicht. Ich bin Nicks Mutter."
13.Kapitel-Die Heimkehr
Überglücklich stammelte ich: "Das...das ist ja wunderbar kann nicht glauben,
äh ich meine: das ist ja wunderbar! Ich kann's nicht glauben! Sie sind Nicks
Mutter! Also, es ist ja ein Wunder!"
"Ja, und ich möchte Nick wieder zurück. Denn ich habe mir mein Leben lang
solche Vorwürfe gemacht! Ich wollte ihn schon ein paar Tage nach der Geburt
wieder zurück, aber er war inzwischen schon bei anderen Leuten. Du weißt
vielleicht, wie lang die Warteliste für Menschen ist, die einen Säugling
adoptieren wollen... und ich hab den Heimleiter auch schon angerufen.
Morgen werde ich Nick zu mir holen, denn erhat eingewilligt."
Einen Jauchzer der Freude ausstoßend umarmte ich Veronika.
Überrascht erwiederte sie meine Umarmung.
Morgen würde Nick wieder frei sein! Er würde eine Mutter haben und dann auch
noch eine nette! Und sie wohnte auch hier! So viele Zufällen, aber so
glückliche! Nick und ich würden uns dann jeden Tag sehen können, wenn wir
wollten.
Ich war so glücklich und freute mich so für Nick!
Ein bisschen unterhielten Maria, Veronika und ich uns noch über alles
mögliche in Sachen Nick, dann musste Veronika gehen. Sie musste nochmal ins
Heim und Formulare unterschreiben.
Ich verabschiedete mich auch von beiden und ging fröhlich wie nie zuvor nach
Hause. Alles war gut. Morgen würde Nick auch eine Familie haben. Ich hatte
eine tolle Familie und sonst war alles perfekt!
Als ich heimkam, ging ich durch die Küche und sah, dass Paps dort in seinem
weißen Kittel an der Küche saß.
Glücklich erzählte ich ihm alles, was ich in der letzten Stunde so erlebt
hatte.
"Aber das ist ja toll! Und sie nimmt ihn wirklich auf? Tja, ich wusste,
alles würde sich zum Guten wenden!"
"Und du, hast wohl gerade Pause?"
"Ja. Aber-"
Er sah auf die Uhr.
"-ich muss auch schon wieder weiterarbeiten! Die Pflicht ruft!"
"Na dann, viel Spaß! Aber du arbeitest ganz schön viel!"
"Nun ja, dass muss ich. Es ist eine recht große Stadt und meine ist die
einzige Apotheke in der Stadt. Und hier wohnen fast zehntausend Menschen!"
"Na wenn das so ist! Viel glück beim einsamen schaffen!"
"ja, dir auch! Felicity ist nämlich noch mit Freunden Eis essen gegangen!"
"Gut, bis dann!"
Also begab ich mich auf den Weg in unser Zimmer.
Aha, Felicity wollte sich doch um mich kümmern...was sollte ich denn jetzt
machen? Aber jetzt in Selbstmitleid zu versinken hilft auch nicht, außerdem
würde ich ja wohl mal einen Nachmittag ohne Felicity aushalten. Aber ich
hatte mich doch so an sie gewöhnt, außerdem war sie so nett und lustig.
Ich war direkt ein bisschen eifersüchtig, denn sie war jetzt mit Freunden
unterwegs und ich durfte hier allein sein!
Aber egal. Felicity war ein reiches Mädchen und da würde ich mich schon
beschäftigen können!
Inzwischen war ich in unserem Zimmer angekommen und sah mich um. Manchmal
weiß man gar nicht, was man hat. Ich denke das sollte Felicity sich mal
durch den Kopf gehen lassen, denn sie schien es nicht zu würdigen. All diese
Dinge die sie hatte! Alle Schränke und Regale waren prappelvoll!
Ich spazierte zum Bücherregal und fand sofort ein spannendes Buch. Schon
nach den ersten zehn Seiten konnte ich nicht mehr aufhören.
Es ging um ein Mädchen im Mittelalter, dass verdächtigt wurde eine Hexe zu
sein. Aber durch Zufall wurde sie durch ein Zeitloch in die heutige Zeit
versetzt und ein Mädchen der heutigen Zeit wurde in die damalige Zeit
versetzt. Es war so spannend!
Dann merkte ich, wie dunkel es schon war, ich konnte kaum noch di Buchstaben
erkennen. Also machte ich das Licht an.
Es war herrlich. Endlich konnte ich mal wieder in Ruhe lesen und es war sehr
gemütlich und so behaglich! Ich kuschelte mich tiefer in das bequeme Sofa
und las weiter.
Dann kam irgendwann Felicity nach Hause.
"Hallo!"
"Warte noch! Nur zwei Seiten noch..."
Und dann hatte ich das Buch fertig. Es war natürlich gut ausgegangen. Das
Mädchen im Mittelalter wurde gerettet und dann in seine Zeit versetzt und
umgekehrt.
"Na, das Buch ist super, oder?"
"Oh ja! Es ist endcool!"
"Und das beste ist: es gibt eine Fortsetzung!"
"Ach, das erklärt den Schluss mit den vielen Andeutungen!"
"Ja, der nächste Band ist echt cool!"
"Den muss ich lesen!"
"Na jetzt mach mal ne Pause! Hast du in der letzten Zeit was gegessen?",
fragte sie lächelnd.
"Ja, ein paar Chips..."
"Na dann müssen wir jetzt mal was gescheites essen!"
"Gut, wenn du meinst!"
Also gingen wir in die Küche und machten uns ein paar Tortellini mit
leckerer Tomatensauce und Parmesan.
Dazu holten wir uns eine Cola und sahen während dem Essen Fern. Und da
nichts besseres kam, mussten wir uns wohl oder übel einen sehr lustigen Film
ansehen. Er war echt zum schieflachen!
Heute war ein toller Tag, erst das mit Nicks Mutter und dann der schöne Rest
des Tages...
"Ach Fel, ich hab dir noch gar nicht erzählt, was sich heute gerausgestellt
hat..." und dann erzählte ich ihr alles über Nicks Mutter.
"Cool! Weiß Paps es schon? Sicher nicht, ich erzähl's ihm, ja?"
"Doch, er weiß es schon!"
Sie machte ein enttäuschtes Gesicht.
"Du...du hast es ihm vor mir erzählt?"
Gekränkt sah sie mich an.
"Ja, warum nicht?"
"Aber ich bin deine Schwester und ich dachte du magst mich..."
"Natürlich mag ich dich! Aber du hast mich hier alleine gelassen und Paps
bin ich halt zuerst begegnet. Ich konnte ja nicht wissen, dass du weg bist!"
"Ach so. Und deshalb erzählst du so eine wichtige Neuigkeit erst Paps und
dann mir?"
"Ja. Du konntest mir ja nicht mal bescheid sagen, dass du weg gehst!"
"Ach Lena! Es war doch nur ein Witz! Aber dass du dich so aufregst...Ich
werde dir demnächst einen Zettel hinlegen, wenn ich weggehe, ja?"
Beleidigt sah ich sie an und holte mir ein Buch, die Fortsetzung des anderen
Buches, aus ihrem Zimmer.
Aber ich ging auch nicht zu ihr zurück. Ich setzte mich in den Schaukelstuhl
und schlug die erste Seite auf.
Ich war sauer. Zwar aus einem blöden Grund, aber sie hätte mir bescheid
sagen können, dass sie gar nicht da ist!
Plötzlich legten sich zwei Arme um meine Schultern.
"Ach, sei nicht böse! Das nächste Mal sag ich dir bescheid!"
Ich schlug das Buch zu. Mein Zorn war genauso rasch verflogen, wie er
gekommen war.
"Ach, das will ich hoffen! Heute wurde ich ja auch schon drei mal für dumm
verkauft! Langsam reicht es mir, echt!"
"Ja...", sagte sie gedehnt. Aber ich hatte keine Lust, nachzuhaken.
"Haben wir Eis da?"
"Ja, Schoko und Karamell."
"Und Sträusel?"
"Auch. Und Raspelschokolade."
"Gut, ich bin in der Küche!"
Dann aßen wir beide noch ein Eis und machten dann noch einen
Abendspaziergang. Denn ein paar hundert Meter weg, war ein wunderschöner
Pinienwald. Ich liebte solche Wälder. Ich war überrascht: im Haus war es so
dunkel, dass man die Lampen anmachen musste, aber hier draußen konnte man
noch gut sehen. Und auch jetzt, wo es fast dunkel war.
Es duftete herrlich, die Erde unter unseren Füßen war locker und die Bäume
machten leise Geräusche im Wind.
Felicity und ich unterhielten uns ein bisschen über meine alte Klasse, sie
nahm die "Therapie" wieder auf.
"Ach herrje, das muss ja echt schrecklich gewesen sein!"
"Ach, nicht schrecklich, schrecklich dumm, und dafür können die ja nichts.
Pubertierende, pickelgesichtige Deppen werden leider schon so geborgen,
könnte man denken. Nur Nick war anders. Na ja, meistens. Manchmal war er
auch ein bisschen wie sie. Aber nie wirklich Idiotisch."
"Mann, du hast den richtigen erwischt..."
"Oh ja! Und morgen ist er aus dem Heim endlich raus! Ich freu mich so!"
"Das würde ich auch. Glaubst du, du kannst ihn schon morgen besuchen?"
"Nein. Ich muss ihn ja morgen noch nicht sehehn. Natürlich will ich es, aber
es ist nicht lebenswichtig! Denn jetzt weiß ich ja, dass er sich endlich
nichts mehr antun will, jetzt wo er draußen ist. Also wenn man uns so reden
hört, könnte man denken, Nick wär im Gefängnis!"
"Ja, da hast du recht! Aber so ist es ja fast für ihn. Wenn er sich sogar
umbringen will!"
"Ich bin nur froh, dass er endlich keine Angst mehr haben muss. Er dachte
bestimmt oft, dass er gar nicht mehr raus kommt. Aus dem Gefängnis, mein
ich!", sagte ich und lächelte.
"Vielleicht dachte er sogar, er kommt zu einer Pflegefamilie. Schon wieder.
Und wer weiß, die Familie würde bestimmt auch weit von dir weg wohnen! Man
kann fast verstehen, warum ersich umbringen wollte..."
"Ja ja. Und wieder kam unser Gespräch zu Nick zurück! Erst reden wir über
Idioten und dann über die schönste Sache der Welt...indirekt."
"Also Lena!"
"Na ja, Nick ist doch die schönste Sache der Welt, oder?", erwiederte ich
lachend.
"Da magst du Recht haben! Ich wünschte ich hätte so einen Freund..."
"Höre ich da den Hauch von Eifersucht?"
"Na ja, ich will auch einen gutaussehenden, intelligenten und sehr netten
Freund!"
"Tja. Witzig ist Nick auch noch... Ach, du kriegst doch in spätestens einer
Woche eh wieder einen süßen Kerl! Ganz sicher!"
"Meinst du? Obwohl...bei meinem Aussehen...Kein Problem!", scherzte sie.
Lachend hakte ich mich bei ihr ein und wir gingen zurück, denn es war schon
dunkel.
Daheim machten wir uns noch eine heiße Schokolade, sagte Paps gute Nacht, er
lag schon lesend im Bett, und gingen dann auch zu Bett.
Mit den heißen Tassen in den Händen, lagen wir dann im Bett und atmeten
diesen herrlichen Duft, den der heiße Kakao verbreitete, ein.
"Ach, es ist so gemütlich!"
"Ja, ich liebe es, im warmen Bett zu liegen und ein heißes Getränk in der
Hand zu haben..."
"Ob Kakao oder Crog, ob Tee oder Cafè: Giotto passt zu allem!"
"Giotto? Was ist Giotto?"
"Oh, hier in Frankreich läuft diese nervige Werbung also nicht? Sehr gut. Na
ja, Giotto ist eine Art runde Nussecke, eine Art Praline. Eine kleine Kugel
aus Waffelartigem Teig, mit Nusscreme gefüllt und außenrum sind
Nusssplitter. Ziemlich lecker, aber die Werbung ist voll dämlich. Da hocken
dann immer irgendwelche Tanten rum, trinken irgendwas und sagen: Zu
Kaffee...einfach toll! Zu Espresso...mmhh! Dann kommt so ein Ostfriesländer
oder was auch immer der vergammelte Typ darstellen soll und fragt jedes Mal
mit so einer Quietschstimme: Und was ist mit Teeeeeee? Das ist so was von
nervig! Am Anfang war's ja noch ganz lustig, aber wenn man dann ungefähr
zwanzig mal am Tag den Satz hört: Und was ist mit Teeeeeee?, dann hat man
echt genug!"
"Oh, das muss ja echt eine tolle Werbung sein...aber bei uns gibt es auch so
was ähnliches, allerdings muss ich da trotzdem jedes Mal lachen. Die Werbung
ist voll amateurhaft gedreht. Eine Frau will mit ihrer Tochter spielen,
sieht sie an, zieht ein blödes Gesicht und klatscht in die Hände. Die
Tochter wirft ihr einen Ball zu und die Frau fängt ihn nicht, weil sie
einfach zu blöd ist. Die Frau gibt der Tochter einen Kuss und geht zur
Arbeit. Auf dem Weg dahin, kommt sie an ein paar süßen Jungs vorbei, die
Basketball spielen. Sie klatscht in die Hände, die Jungs werfen ihr den Ball
zu, sie lässt ihn fallen und verdreht blöde die Augen. Dann kommt sie an
einem brennenden Haus vorbei und ein Feuerwehrmann wirft ihr eine Katze zu.
Sie klatscht, ich weiß auch nicht was dieses dumme geklatsche soll, und
lässt die Katze auch fallen. Ist abr halb so schlimm, Katzen landen ja immer
auf den Pfoten. Dann sieht man sie nur noch, vor einer hochroten, ein Kind
bekommenden Frau in der Hocke kniend, in die Hände klatschen und dann kommt:
Manchmal gibt man ihnen den falschen Job? Gehen sie zur Arbeitsvermittlung
Charè!"
"Cool! Na aber die Werbung ist wenigstens witzig, was hast du?", fragte ich
sie leicht erstaunt. Schließlich hatte ich ja einen total behämmerten
Werbespot erwartet, und nichts ernsthaft lustiges.
"Ich weiß, aber ich wollte es dir nur mal erzählen, wo wir gerade von
Werbungen reden..."
"Mai Fel, du bist echt cool!", sagte ich lachend.
"Ich weiß!", antwortete sie lächelnd.
Am nächsten Morgen stand ich auf und war total happy. Nick würde heute zu
seiner Mutter kommen! Und Übermorgen würde ich ihn sehen!
Ich freute mich so! Dann weckte ich Felicity, die noch schlief.
"Hey, Fel! Aufstehen! Sei nicht böse, dass ich dich geweckt habe, aber ich
bin so aufgeregt! Morgen werde ich Nick sehen und es ist so ein schöner Tag!
Seh nur mal raus! Gibt es einen See in der Nähe? Wir könnten schwimmen gehen
und meinen neuen Bikini enweihen!"
"Morgen. Von mir aus!"
Verschlafen stand sie auf. Ich blieb noch liegen und warete bis sie sich
fertig gemacht hatte.
Dann zog ich meine Caprihose und das schulterfreie Shirt an. Aber es ist zu
warm, also zog ich das weiße Shirt an, das über einer Schulter hing. Und es
sah echt gut aus! Das Shirt sah aus, als wäre der Ausschnitt zu groß und als
hinge es deshalb über eine Schulter und die andere ist frei. Aber es sah so
gut aus! Ja ja, ich kann mich nicht genug loben!
Dann dachte ich an den lustigen Mittag gestern in der Pizzeria.
"Hey Fel, wann sehen wir denn all deine Kumpels und Freundinnen wieder?"
"Na ja, wie wär's mit heute? Ich frag gleich mal, wer denn so lust zum
Schwimmengehen hat, okay?"
Jetzt war sie total wach und rief geschäftig bei allen möglichen Leuten an.
Gestern hatte ich bemerkt, dass sie keine beste Freundin hatte, sondern sich
mit allen gut verstand. Das wurderte mich ziemlich, denn ich hatte schon
gedacht, dass Felicity eine beste Freudin hatte. Sie war schließlich immer
noch die netteste unter allen!
"Also, es kommen auf jeden Fall Nikolas, Jenny, Simone, Jack und Kenny mit."
"Cool, Nikolas ist echt nett!"
"Ja, aber dir gefällt wohl auch sein Name, oder?"
"Oh ja, komischerweise erinnert er mich an irgendjemanden. Ich weiß nur
nicht an wen...", scherzte ich.
"Hm, da kann ich dich verstehen! Also, wir haben die ehrenwerte Aufgabe, für
die Musik zu sorgen. Was schlägst du vor?"
"Auf jeden Fall Kayn Park. Was hast denn so für CDs und Kassetten? Ich hatte
daheim immer nur zwei: eine mit Kayn Park, auf die ich auch ewig gespart
hatte, und eine "Best of the Year 2000". Voll veraltet."
"Also, ich habviele, die mir ein paar Leute aus dem Internet runtergeladen
und dann kopiert haben. Und alle sind gut. Es sind zwar auch ein paar ältere
drauf, aber halt solche, die alle mögen. Natürlich keine Beatles oder
Rolling Stones, aber sowas wie "Don't speak" von No Doubt sind dabei.
Klassiker sozusagen."
"Also gut, dann nehmen wir doch einfach alle mit, oder?"
"Okay. Aber was auf keinen Fall fehlen darf, ist Bob Marley und Co!"
"Yes, ich liebe diese Musik! Und was passt besser zu Sommer, Sonne und
Wasser als Raggae?"
"Okay, dann haben wir dafür ja gesorgt!"
"Bringen welche einen Wasserball mit?"
"Ja. Wir teilen das immer auf. Der eine bringt den CD-Spieler mit, der
andere das Trinken, der dritte das Essen oder Eis in der Kühltruhe, andere
wiederum sorgen für die Decken oder Sonnencreme. Lauter solche Sachen halt."
"Sehr praktisch! Dann vergisst man wenigstens nicht die Hälfte!Wann treffen
wir uns?"
" Jetzt!"
"Gut! Ich kann's kaum erwarten. Endlich ins kühle nass..."
"Also, ich zieh dann schon mal meinen Bikini an."
"Ich auch!"
Kurze Zeit später hatten wir noch für alle Sandwiches gemacht, denn auch
diese Aufgabe hatten wir, dann waren wir schon auf dem Weg zum See.
Wir fuhren ein paar Stationen mit dem Bus bis wir an einem Industriegebiet
ausstiegen. Dort liefen wir dann durch heiße Straßen. Na ja, nicht heiße
Straßen, sondern durch Straßen in denen die Sonne uns ungehindert wärmte.
Dann gingen wir durch ein kleines Wäldchen und kamen dann an einer Kiesgrube
an.
Oh, eine Kiesgrube. Das weckte Erinnerungen!
Wir kletterten dann über ein paar Hügel aus feinem Gestein und dann lag der
See vor uns. Er war wunderschön. Ungefähr vierzig Meter breit und fünfzig
lang. Das hört sich zwar schon recht groß an, aber wenn man dann davor
steht, kommt einem der See noch riesiger vor. Er war von einem ungefähr fünf
meter breiten Sandstreifen umgeben und auch von mehreren Bäumen. Wir gingen
den Kieshügel runter , kämpften uns durch eine kleine Gebüschschicht und
waren dann schon auf einem Eg angelagt. Felicity ging zielstrebig nach
rechts und dann durch eine weitere Gebüschschicht. Ich wollte gerade fragen,
wo sie hin wollte und wo denn alle waren, da lag schon ein kleiner Strand
vor uns, vor dem auf einer Wiese mehrere Decken ausgebreitet waren und auf
denen fünf Leute saßen.
"Hi Volks!"
"Hey Felicity! Hi Lena! Oder wer auch immer. Man kann euch echt nicht
unterscheiden."
Ich tröstete sie: "Wenigstens haben wir verschiedene Bikinis an!"
"Ja, Lena einen rosanen und ich einen dunkelgrünen."
"Weinigstens ein Erkennungsmerkmal!"
"Hach, es gibt nichts schöneres als einen Tag in der Sonne. Bei Wasser und
guter Unterhaltung!", sagte ich.
"Uh, da hast du recht!", antwortete Nikolas und drehte seinen sexy-braunen
Körper zu mir.
Also wenn ich Nick noch nicht hätte, wäre ich ihm gegenüber wahrscheinlich
voll schüchtern und würde nur Mist reden. Denn dann würde ich ihn ziemlich
cool finden. Das fand ich zwar jetzt schon, aber eben nur als Kumpel.
Aber er schien zu wissen, was für einen Eindruck er auf Mädchen machte, denn
charmant lächelte er mich an.
Er hatte wahrscheinlich vergessen, dass ich einen Freund hatte. Und als ich
nicht dahinschmolz, schien er sich wieder zu erinnern. Was aber nicht hieß,
dass er plötzlich nicht mehr nett zu mir war, denn wir unterhielten uns
genauso gut wie Gestern. Nur dass Jenny ein paar Bemerkungen einwarf und
versuchte Eindruck zu schinden. Das wirkte auf mich so was von...wie soll
ich sagen, amateurhaft! Außerdem schien sie wirklich in ihn verliebt zu
sein, denn sonst würde man sich nicht so benehmen. Lächerlich. Aber okay,
ich war zu Nick wahrscheinlich genauso blöd gewesen!
Aber sein nächstes Lächeln schenkte Nikolas dann Jenny, und auf die hatte es
die volle Wirkung.
Ich setzte mich auf die Decke neben Jenny. Damit sie sich ein bisschen mit
ihm unterhalten konnte, wenn ich mit ihm redete. Denn es war offensichtlich,
dass sie ihn sehr mochte, diese scmachtenden Blicke, die sie ihm zuwarf,
sprachen Bände. Aber er schien diese Leidenschaft nicht wirklich zu teilen.
Aber er hatte wahrscheinlich auch eine Freundin.
Na ja, mir konnte das ja egal sein. Jedenfalls wollte ich nach fünf weiteren
Minuten in der brütenden Hitze dann endlich ins Wasser!
"Hey, Leute! Ist euch nicht ziemlich heiß? Kommt schon seid nicht so faul,
los kommt!"
"Ganz meine Meinung!", sagte Nikolas.
Damit schnappte er sich Felicity, die gerade entspannt dasaß und mit ihren
Beinen zu "Stopp the train of leaving" von Bob Marley wippte. Er nahm sie
über die Schulter und sie kreischte wie am Spieß. Früher hätte ich das für
kindisch und so einen typischen Annäherungsversuch zwischen einem
schüchternen Mädchen und einen ebenso schüchternen Jungen gehalten, aber ich
musste zugeben, dass es nicht schlecht wäre, an ihrer Stelle zu sein. Nur
nicht in Nikolas' Armen, sondern in Nick's. Ja, das wäre echt nicht
schlecht!
Dann nahm Nikolas Felicity in seine Arme vor seinen Bauch, so wie ein
Bräutigam seine Braut über die Schwelle trug, und watete mit ihr ins Wasser.
Felicity fing an, zu ahnen, dass das kein Spaß war und sie wirklich im
Wasser landen würde und ging zum bitten, damit aufzuhören, über.
"Komm schon Nikolas! Jetzt sei ein braver Junge und bring mich wieder zu
meiner Decke zurück, ja? Bitte!"Komm schon! Nein, das tust du nicht!
Neiiiiiin! Aaaaaaahhhhh!"
Und dann landete sie mit einem lauten Platschen im hüfthohen Wasser.
"Das wirst du noch bereuen! Das schwöre ich dir! Du hast meine sorgsam
aufgestylten Haare ruiniert! Komm her, wenn du kein Milchbubi sein willst!
Bubi, na komm her!"
Sie schüttelte ihre Harre, entwirrte sie und zog mit schmerzverzerrten
Gesicht ein paar Haargummis mit vielen ausgerissenen Haaren aus ihren
Zöpfen.
"Glaub mir, bloß weil du denkst jedes Mädchen steht auf dich, heißt das
lange nicht, dass ich mir von dir die Harre zerzausen lasse, bis ich sie mir
büschelweise ausreißen muss! Also, komm her, du Milchbubi!"
Damit stand sie aus dem Wasser auf und ging in Position. Sie winkelte die
Knie an und ballte ihre Fäuste, die sie ihm, als er zu ihr gekommen war,
unter die Nase hielt.
"Ach, willst du etwa boxen? Oh, kleines Mädchen will gegen großen Jungen
boxen! Das ist ja lächerlich! Aber komm her, dann wollen wir mal!"
Er schüttelte leicht den Kopf, so wie es die Boxer zur Lockerung vor dem
Kampf machen, und stellte sich dann genauso hin.
Er war zwar ein ziemliches Stück größer als sie, aber sie sah echt ziemlich
sauer aus. Das machte den Größenunterschied wieder wett, denn wie sie ihn
anfunkelte...also ich würde jetzt wirklich nicht gerne in seiner Haut
stecken!
Inzwischen hatten sich alle anderen vier zu den beiden umgedreht, um das
Spektakel nicht zu verpassen.
Und dann gings auch schon los. Nikolas' Hand schnellte vor, um Felicity
einen leichten Haken zu versetzen. Aber sie war schon darauf gefasst und
packte seine Hand, drehte sie so nach hinten, dass er Schmerzen haben
musste. Er kniff aber nur die Lippen zusammen und versuchte seinen Arm
herauszuwinden.
"Also, wenn du jetzt auch noch versuchst, mir mein hübsches Gesicht zu
demolieren, na dann aber gute Nacht, Nikolausi!"
"Das...hätte ich...doch nie gemacht!...Au! Lass....bitte...los!", sagte er
mit vor unterdrückten Schmerzen zusammengebissenen Zähnen.
"Ach, dass...." Sie legte einen Arm noch um seinen Rücken.
"...überleg ich mir noch!"
Und damit hatte sie ihn plötzlich über das Knie gelegt und drückte seinen
Kopf kurz unter Wasser. Dann ließ sie los und sagte:
"Ich hoffe sehr für dich, dass du das nicht nochmal tust. Pah! Von wegen
kleines Mädchen!"
"Ja genau: Klein aber Oho!", sagte da der andere Junge auf der Decke, wie
hieß er noch? Genau! Kenny!
"Das ist mehr als wahr! Also, Mag, was ist? Erst große Töne spucken und dann
nicht mal den großen Zeh ins Wasser stecken?"
"Oh, Ich denke ich werde schneller drin sein, als die anderen hier!"
Das war der Startschuss und alle ranten ins Wasser, dass es nur so spritzte.
Aber ich war trotzdem die erste.
"Du bist vielleicht als erste im Wasser, aber ich bin der erste an der
Boje!"
Damit schwamm Jack los. Aber er hatte nicht damit gerechnet, dass ich nicht
mal den Versuch unternahm, ihn einzuholen.
Überrascht sah er sich um.
"Na was ist? Sch wimm nur weiter, ich lass dir einen Vorsprung!"
"Ach, du willst ja bloß, dass ich blöd dastehe und sozusagen ein
Wettschwimmen gegen mich selbst mache!"
"Hach, wenn du meinst! Aber wenn du unbedingt willst...dann mach dich schon
mal auf eine Niederlage gefasst!"
Ich hatte ihn beobachtet. Er arbeitete zu viel mit den Armen, er würde bald
müde werden, denn bis zur Boje, von der er gesprochen hatte, waren es gerade
mal dreißig Meter. Lächerlich.
Also schwamm er weiter und ich machte eine Kopfsprung ins Wasser. Er war
perfekt und so kam ich ihm schnell hinterher. Er mühte sich ab, aber ich
hatte ihn schon eingeholt, bevor wir die Hälfte der Strecke hinter uns
hatten.
"Tja, damit hattest du wohl nicht gerechnet, oder?"
"Ehrlich gesagt: Nein!"
"Aber, es ist keine Schande gegen mich zu verlieren! Ich hatte bis vor einem
dreiviertel Jahr noch Leistungsschwimmen und habe mehrere Wettbewerbe
gewonnen!"
"Wow! Deshalb...kannst du auch...reden...obwohl du gerade...einen
voll...schnellen...Sprint hinter dir...hast!"
Er holte immer wieder Luft. Außerdem war er schon ziemlich außer Puste.
"Jap! Stimmt genau! Du mustt versuchen flacher zu atmen! Aber ich will hier
nicht die Frau Lehrerin spielen und dich belehren!"
"Gut...danke....Heute ist wohl...der Tag der...Mädchen!"
"Warum? Weil erst Felicity gegen Nikolas gewonne hat und dann ich gegen
dich?"
"Na ja. Bei Felicity...ist das ja klar....wer sich beim...boxen mit ihr
anlegt...dem ist die Niederlage...so gut wie sicher...aber du hast schon
recht."
Inzwischen waren wir wieder bei den anderen angelangt.
"Ich wusste nicht, dass du so schnell schwimmen kannst"
"Und ich wusste nicht, dass du so gut Boxen kannst! Oder was das da vorhin
auch immer war. Ich würde es eher ringen nennen."
"Das war es auch. Aber ich hatte unterricht."
"Ich auch. Also ich war bis vor kurzem Leistungsschwimmerin."
"Oh! Wieso hast du aufgehört?"
"Ma konnte den Mitgliedsbeitrag nicht mehr zahlen. Und du?"
"Oh. Ich hatte keine Lust mehr. Ich konnte noch nie eine Sache länger als
einen Monat machen."
"Also, auf in eine Runde Wasserball!", rief Simone.
Und dann wurde es lustig, denn so viel Wasser spritzte und viele machten
lustige Figuren, wenn sie herumsprangen um den Ball zu bekommen. Ich zwar
auch, aber wenigstens blieb ich noch stehen! Andere landeten auf dem Bauch
oder Rücken. Simone's Bauch war schon ganz rot, da hörten wir lachend auf.
Es war total witzig.
Dann aßen wir die Sandwiches, denn wir hatten alle Hunger bekommen, vom
anstrengen Wasserballspielen und ich und Felicity hatten ja noch nichts
gefrühstückt.
Plötzlich raschelte es im Gebüsch und Alex tauchte auf.
"Wo kommst du denn her?"
"Vom Mars."
"Und woher wusstest du wo wir sind?"
"Also diese Frage ist ja wohl voll überflüssig. Es ist heiß, die Sonne lacht
und es ist das perfekte Badewetter. Wo solltet ihr sonst sein, wenn nicht am
See an unserer Badestelle?"
Also wusste ich ja jetzt, wo ich sie finden würde, wenn mal wieder schönes
Wetter war...
Wir blödelten noch ein bisschen rum und fütterten Enten an, die dann alles
vollmachten. Jedenfalls die Wiese und Alex' Schuh.
Niemand hatte bemerkt, dass sich dicke Wolken zusammengeballt hatten und
niemand hatte bemerkt, dass es so drückend schwül geworden war. Und als wir
es dann bemerkten, war es zu spät. Wir konnten zwar noch schnell die Sachen
einpacken, aber dann schüttete es plötzlich in Strömen. Aber es war so
schön! Ein warmer Sommerregen.
Wir konnten gerade mal die Sandalen und Schuhe anziehen, alle außer Alex,
und dann rannten wir durch das Gebüsch. Über die Wiese, kämpften uns nochmal
durchs Gebüsch und kraxelten den Kiesberg hoch.
Auf dem Hinweg waren wir um mehrer hohe Kiesberge herumgegangen, aber jetzt
stellte Nikolas mit einem Blick auf die Uhr fest, dass in drei Minuten der
Bus fuhr. Und es gab keine überdachte Bushaltestelle. Wenigstens mussten wir
zur nächsten Bushaltestele nicht durch das ganze Industriegebiet laufen,
denn es gab noch eine andere Linie. Die hatten wir auf dem Hinweg aber nicht
benutzt, weil man da vier mal umsteigen musste, obwohl es nur so wenige
Stationen waren.
Also mussten wir über die Kiesberge rüberkommen. Das war vielleicht ein
Matsch und eine lustige Angelegenheit!
Viel rutschten immer wieder den halben Berg runter. Andere verloren Sachen
und mussten sie wieder holen. Und Felicity bekam ihre Rache, denn sie zog in
einer günstigen Gelegenheit Nikolas' Badehose runter. Der wurde vielleicht
rot!
Aber als wir dann endlich an der Haltestelle angekommen waren, drei Minuten
zu spät, sahen wir gerade noch die Rücklichter des Busses im Regen
verschwinden. Aber so wie wir aussahen, wären wir wahrscheinlich auch nicht
in den Bus gekommen.
Ich sah alle an und dann an mir herunter. Ich musste lachen. Alle sahen mich
an, dann sich und die anderen und stimmten in mein Gelächter ein. Alle waren
von Kopf bis Fuß voller Matsch. Sogar die Haare waren voller Schlamm!
"Na dann, laufen wir zur nächsten Haltestelle, vielleicht wäscht der Regen
uns ja bis dahin denn Dreck ab!"
Lachend liefen wir zu der Haltestelle, an der ich und Felicity auch
ausgestiegen waren.
Dann kam der Bus. Die alten Damen sahen uns empört an und der Busfahrer
runzelte nur dir Augebrauen.
Wir hatten vollkommen vergesse, dass wir alle noch in Badesachen waren!
Schnell zogen wir uns die Sachen über unsere nassen Körper. Die Sachen
klebten an uns, aber wir konnten nur lachen.
Nacheinander stieg immer einer nach dem anderen aus, bis auch Felicity und
ich dann daheim waren und uns schnell duschten.
Wir hatten die Zeit vollkommen vergessen, denn es wurde schon dunkel.
Felicity und ich lasen noch. Auch die Fortsetzung des Fantasy-Buches war
total spannend und ich konnte mich zum Essen nur schwer losreißen. Dann aßen
wir mit Paps und erzählten ihm alles. Er lachte mit uns.
Dann sahen wir uns noch einenFilm an, "Sara, die kleine Prinzessin". Er war
wunderschön. Ich hatte auch das Buch gelesen und es war eins meiner vielen
Lieblingsbücher.
Es geht in dem Buch und im Film um ein kleines reiches Mädchen, das in ein
Internat muss, weil ihr Vater Kriegsdienst leisten muss. Erst geht es dem
Mädchen gut, es hat viele Freunde und auch sonst alles, was das Herz
begehrt, aber als ihr Vater dann im Krieg vermisst wird, wird ihr alles
weggenommen und sie muss als Hausmädchen arbeiten.
Aber sie bleibt in ihrem Herzen doch eine "kleine Prinzessin". Sie erzählt
ihren Freundinnen Geschichten aus ihrer vorherigen Heimat, Indien. Ihrer
kleinen Dachkammer gegenüber wohnt ein älterer Mann, dessen Sohn auch im
Krieg vermisst wird. Als man den Vater von Sara findet, weiß man nicht, wer
erist und da man denkt, der Mann wäre der Sohn des älteren Mannes, nimmt der
ältere Mann ihn bei sich auf um ihn zu pflegen. Er weiß zwar, dass der
verletzte, der auch an Gedächtnisschwund leidet, nicht sein Sohn ist, aber
der Indische Berater der bei ihm wohnt hat ihm geraten den verletzten
aufzunehmen, vielleicht könne dieser ihm ja etwas über das Schicksal des
eigenen Sohnes erzählen.
Sara lebt also in der Dachkammer und ihr gegenüber der Inder. Dessen kleiner
Affe kommt Sara manchmal besuchen und der Inder beobachtet Sara und findet
sie anscheinend auch sehr prinzessinnenhaft und beschenkt sie reichlich. Es
ist nur komisch, dass er all die wunderbaren Geschenke über das Dach in ihre
Kammer schaffen lässt. Aber jedenfalls denkt die Leiterin des Internats, als
sie diese Gaben sieht, dass Sara alles gestohlen hat und ruft die Polizei.
Aber Sara flüchtet über das Dach in das andere Haus. Dort ist ihr Vater und
sie erkennt ihn. Allerdings erkennt er sie nicht, denn er leidet ja an
Gedächtnisschwund und erkennt sie nicht. Die Polizei kommt währendessen in
das Haus, um Sara festzunehmen. Aber das traurige ist, dass der Vater seine
Tochter nicht erkennt. Und während Sara von Polizisten abgeführt wird wie
eine Schwerverbrecherin, schreit sie andauernd und so herzzerreissend:
"Papa! Papa! Papa! Erkennst du mich denn nicht? Papa! Papa!" Und das ist so
traurig, dass ich jedesmal heulen muss, wenn ich diese Szene lese oder sehe.
Und dann sehe ich zu Paps und wenn ich dann denke, dass mir das passieren
könnte, dann muss ich erst recht weinen. Ich habe Paps inzwischen so lieb
gewonnen, dass ich das nie ertragen könnte.
Nach dem Film sind wir dann auch schlafen gegangen. Ich war müde, geschafft
und wollte schlafen, aber ich konnte einfach nicht einschlafen.
Wahrscheinlich weil ich so nervös und furchtbar aufgeregt war, wegen morgen.
Endlich würde ich ihn wiedersehen! Ich konnte es gar nicht oft genug denken,
denn ich freute mich so!
Aber wenn man nicht schlafen kann, dann hilft bei mir nur eins: an etwas
schönes denken und über irgendetwas nachdenken.
Früher habe ich dann entweder an das gedacht, was ich mir für einhundert
Euro kaufen würde, oder an die Lateingrammatik gedacht und bin die Zeiten
nochmal durchgegangen. Dann bin ich immer eingeschlafen, denn wenn ich etwas
aufzähle und dabei angestrengt nachdenke werde ich immer müde. Aber dieses
Mal ging es einfach nicht, ich freute mich so!
Draußen war eine klare Nacht, der Mond schien ins Zimmer und draußen war es
hell. Ich beschloss, in den Garten zu gehen um das Gras zwischen meinen
Zehen zu spüren.
Ich öffnete leise die Terassentür und trat in den von Mondlicht überfluteten
Garten hinaus. Ich ging über die Steinplatten auf der Terasse und spürte
dann das weiche Gras unter meinen Füßen. Es war wunderschön, dort im Gras zu
stehen und auf den hellen Mond zu schauen. Die Baumwipfel rauschten und
bewegten sich leicht im Wind. Ich musste einfach lächeln. Der Wind srich um
meine Beine und Arme und zupfte an meinem Hemd und den Haaren. Ich musste
sehr komisch aussehen, wie ich da in einem Hemd von Paps stehe, den Mond
anstarre, mit den Zehen wackle und lächle.
Ich war von einer merkwürdigen Traurigkeit erfasst, die eigentlich keinen
Grund hatte.
Ich wusste zwar, dass wir schon genug Pech gehabt hatten und dass man noch
mehr gar nicht haben kann, aber trotzdem war das Leben fast nie fair. Was
konnte man also erwarten?
Plötzlich legte sich eine Hand in meine und drückt sie sanft. Felicity
scheint zu ahnen, wenn es mir nicht so gut geht oder wenn ich mich einsam
fühlr, denn jedes mal kommt sie dann zu mir. Aber man liest ja oft von
Zwillingen, die getrennt wurden und dann oft dieselben Dinge machen und
denken. Oder sich über eine Art Telepathie verständigen. Es ist spannend,
was für enge Bänder Zwillinge manchmal knüpfen, selbst wenn sie sich gar
nicht kennen. Oder nur kurz, so wie Felicity und ich. Das Gefühl, das ich
für sie hatte, kann man nicht beschreiben, nur kann man dazu sagen, dass es
ist, als hätten wir uns schon immer gekannt. Wir müssen uns nicht mehr
kennenlernen, wir wissen was der andere denkt.
"Traurig?"
"Nein, aber ich kann nicht schlafen."
"Wegen Nick?"
"Ja. Aber ich kann nur nicht schlafen, weil ich mich so freue."
"Nun wird alles gut!"
Sie lächelte und drückte meine Hand nochmal.
"Ich hoffe es. Aber was, wenn seine Mutter ihn nicht mag? Oder ihn schlecht
behandelt? Und wenn sie verheiratet ist und der Mann ihn schlecht behandelt?
Er hat doch shcon so viel durchgemacht..."
"Es wird ihm nichts passieren! Paps hat sich erkundigt...die Mutter ist
nicht verheiratet oder mit jemanden zusammen. Und sie soll sehr nett sein.
Er hat es von einer Kundin. Eine totale Tratschtante, aber sehr nützlich."
"Na ja. Hoffen wir das beste."
"Es wird nichts sein. Und jetzt komm rein, es ist ein bisschen kühler als
tagsüber, nicht dass du dir eine Sommergrippe holst und schon wieder im Bett
bleiben musst!"
Sie umarmte mich und zog mich ins Zimmer. Dann konnte ich schlafen. Felicity
hatte mich genug beruhigt, dass ich schlafen konnte, aber gut schlief ich
trotzdem nicht. Andauernd wachte ich bei jeder Kleinigkeit auf und lag dann,
bis ich endlich einschlief, mindestens eine halbe Stunde wach. Außerdem
hatte ich Albträume. Entweder wurde in meinen Träumen Ma vor meinen Augen
umgebracht, oder Paps. Oder Nick lag im Koma. Einmal fiel auch Felicity
durch meine Schuld in eine Schlucht. Komische Träume. Und jedes Mal wachte
ich schweißgebadet und weinend auf.
Wenigstens wachte Felicity nicht auf, denn ich hätte ihr nichts von meinen
Träumen erzählen wollen. Es war schon schlimm genug, dass ich das alles
miterleben musste. Außerdem war morgen ja alles vorbei. Ein neuer Tag. Aber
wann?
Die Nacht wurde noch lang und ich denke, ich schlief gerade einmal drei
Stunden oder so. Jedenfalls nicht mehr als vier Stunden. Und dem
entsprechend sah ich am nächsten Morgen auch aus. Wenigstens war ich früher
wach als Feliciy und konnte meine Augenringe und mein blasses Gesicht noch
überschminken, bevor irgendjemand meine durchwachte Nacht bemerken konnte.
Ich las noch ein wenig bis Felicity aufwachte.
"Morgen!", sagte sie gähnend, schwang ihre Beine über den Bettrand und
schwankte ins Bad.
"Na, konntest du noch gut schlafen?", tönte es aus dem Bad.
"Geht so. Und du?"
"Oh ja! Ich hab geschlafen wie ein toter Hund. Okay, ein blöder Vergleich,
aber mir fällt dieses Sprichwort nicht ein!"
"Mhh..."
"Na, besonders Redselig bist du ja heute nicht gerade! Dabei wirst du heute
deinen Schatzi wiedersehen!"
Oh, das hatte ich doch tatsächlich für eine kurze Zeit vergessen! Und schon
war mir vor Aufregung wieder schlecht. Aber warum denn? Ich würde doch nur
meinen Freund wiedersehen! Das war doch etwas erfreuliches! Warum also wurde
mir da schlecht? Wahrscheinlich, vor Angst davor, was er sagen könnte. Wenn
seine jetzige Familie auch nicht nett zu ihm war. Oder andere Dinge, die
mich wieder total runterzogen.
Dann hatten wir gefrühstückt und plötzlich konnte ich es nicht mehr
erwarten, zu Nick zu kommen. Also rief ich bei Frau Michaelis an, ließ mir
die Nummer von Veronika geben und fragte sie nach Nick.
"Ja, er ist da, natürlich! Er schläft noch, aber du kannst gerne kommen! Er
wird sich wahrscheinlich total freuen!"
Also lieh ich mir Felicitys Fahrrad aus und fuhr zu Veronika, die mir auch
den Weg erklärt hatte.
Ich klingelte und wurde herzlich von Veronika begrüßt.
"Schön, dass du kommst! Du kannst ja schon mal zu Nick gehen und ihn wecken!
Ich hab ihm schon Frühstück hingestellt, damit ihr beiden ungestört seid!
Schließlich habt auch ihr euch lange nicht mehr gesehen!"
Das war nett von ihr, aber sie hatte doch viel mehr mit Nick nachzuholen.
Aber, was soll's! Dann sehe ich Nick wenigstens schnell!
"Na dann! Die Treppe rauf und die zweite Tür links! Viel Spaß! Sagt nur,
wenn ihr etwas braucht!" Hier hatten anscheinend alle ein Haus!
"Ja, danke!"
Anscheinend war die Frau ziemlich fröhlich und aufgeschlossen. Zu
aufgeschlossen! Wer weiß, was die von uns erwartet! Mein Gott, wir sind doch
erst vierzehn!
Leicht verwirrt ging ich die Treppe hoch und öffnete leise Nicks Tür.
Er hatte ein schönes Zimmer. Grüne Wände, seine Lieblingsfarbe, ein
gefülltes Bücherregal, einen großen, hellen Schrank, einen dunkelgrünen
Teppich und ein Bett aus hellen Holz.
Anscheinend hatte sich seine Mutter schon darauf vorbereitet, dass er
irgendwann kommen würde. Schließlich richtet man nicht zum Spaß ein zimmer
für eine Jungen ein. Ich sah mir die Bücher an, Nick wollte ich noch ein
bisschen schlafen lassen.
Aber das waren echt coole Bücher! Viele Bücher von Hohlbein, die
Märchenmond-Trilogie, Die Prophezeihung und noch viele andere. Ich denke
fast, alle Bücher, die Hohlbein geschrieben geschrieben hat. Bewundernd fuhr
ich mit den Fingerspitzen über die Bücherrücken. Außerdem noch andere
Fantasy-Bücher, Science-Fiction und und und... All diese Bücher würden Nick
gefallen! Genau sein Geschmack!
Dann hörte ich, wie Nick sich umdrehte und beschloss, ihn aufzuwecken. Ich
setzte mich also zu ihm an den Bettrand und kitzelte ihn am Kinn. Er fuhr
mit der Hand über die Stelle, an der ich ihn gekitzelt hatte. Ich kitzlete
ihn nochmal und er schlug sich aufs Kinn. Dadurch aufgewacht, schlug er die
Augen auf und sah direkt in mein lächelndes Gesicht! Es ist schon lustig,
jemanden dabei zu beobachten, was er macht, wenn er im Schlaf gekitzelt
wird!
"Ma...Magdalena? Lena?"
"Ja! Guten Morgen, Nick!"
"Ich kann's nicht fassen! Du? Hier? Wo...wo kommst du her?"
"Aus dem Schuhkarton in deinem Schrank, weißt du?"
"Okay, es war eine dumme Frage. Aber es ist so schön, aufzuwachen und dich
zu sehen! Küss mich!"
Oh, was für ein schönes Gefühl! Endlich! Endlich wieder seine Lippen zu
spüren!
Ich war so glücklich! Endlich hatte ich ihn wieder! Wie sehr spürte ich das
altbekannte Kribbeln, als er mich küsste. Das warme Gefühl, das sich in
meinem gesamten Körper ausbreitete. Ich liebte ihn so sehr!
"Oh, du bist so perfekt! Ich liebe dich so sehr! Adeo animo!"
"Mein Gott, hör auf mit Latein! Ich weiß ja, dass du immer gute Noten
hattest, aber jetzt kannst du aufhören!"
"Gut, dir zuliebe doch immer!"
Er sah mir in die Augen. Von seiner Verzweiflung vom Heim war nichts mehr zu
spüren. Er war glücklich und er hatte ein Zuhause. Und das war auch gut so.
Den Rest des Vormittages verbrachten wir damit, uns zu küssen und über alles
mögliche zu reden. Über seinen Aufenthalt im Heim, über Laetitia und wie es
mir ergangen war, wie es ihm mit seiner Mutter ging und alles mögliche.
Dann gingen wir einmal runter in die Küche um uns etwas zu trinken zu holen,
schließlich leistetetn wir ja schwere körperliche Arbeit, und begegneten
Nicks Mutter.
"Ah, guten Morgen Ma!", sagte Nick. Ich war überrascht, dass er sie sofort
Mutter nannte. Bei mir und Paps hatte das ja so lange gedauert.
"Morgen, mein lieber Schatz!", sagte Veronika und wuschelte über Nicks Kopf.
Sie machte ihm seine Frisur kaputt, aber er lächelte nur selig über die
Liebe, die er von seiner Mutter bekam. Und ich sah, wie sehr er sie auch
liebte. Da hatten sich zwei gefunden!
Er hatte mir erzählt, dass sie sich gut verstanden, aber ich hatte nicht so
viel Zuneigung erwartet.
Es war schön zu sehen, wie die beiden sich verstanden.
Dann tranken wir etwas, Nick aß eine Menge, zum verspätetetn Frühstück und
dann gingen wir nochmal hoch in sein Zimmer. Am Abend musste ich dann gehen.
Nick war ganz der Gentleman und begleitete mich noch nach Hause. Auf dem Weg
begegneten wir Nikolas. Er sah mich überrascht an weil ich mit Nick Händchen
gehalten hatte und dann erinnerte er sich, dass ich einen Freund hatte und
begrüßte Nick.
"Hi! Du musst dieser Superboy sein, wegen dem sie jedem eine Abfuhr
erteilt!" Ich wurde rot. Ich wusste ja nicht, dass er wirklich etwas von mir
gewollt hatte. Na ja, ich hatte es gewusst, aber mein Gott. Ich fühlte mich
geschmeichelt.
"Na dann bin ich das wohl! Hi!"
"Ich bin Nikolas."
"Niklas."
"Was für ein Zufall! Einen sehr schönen Namen hast du da!"
"Du aber auch!"
Das war ja fast wie bei mir und Felicity. Sie verstanden sich, was ich auch
erwartet hatte, schließlich waren sie sich ziemlich ähnlich. Und nicht nur
bei den Namen. Auch die selben Interessen und einen ähnlichen Charakter
machte sie einander sehr ähnlich.
Dann gingen wir weiter und vor unserem Haus verabschiedeten wir uns dann
lange. Wir konnten uns nur sehr schwer trennen.
Als ich dann drinnen war, erzählte ich Felicity alles haarklein. Sie freute
sich auch für Nick und seine Mutter. Sie erzählte mir, dass Paps schon
schlief, er hätte einen schweren Tag hinter sich. Da sah ich auf die Uhr und
war überrascht: Schon halb zehn! Wir waren doch schon um acht losgegangen!
Also hatten wir doch länger gebraucht und zu verabschieden, als ich gedacht
hatte! Na ja, jetzt konnte ich's auch nicht mehr ändern.
Geschafft fiel ich nachdem ich geduscht hatte, ins Bett. Auch Felicity
schlief fast gleichzeitig ein wie ich, sie hattte heute etwas mit ihren
Freunden gemacht. Sie waren zusammen beim Klettern gewesen. Ziemlich heiß,
bei diesem Wetter! Kein Wunder, dass sie so geschafft war, es waren über
dreißig Grad!
Am nächsten Morgen stand ich spät auf, rief bei Nick an um ihm Guten Morgen
zu sagen und Frühstückte dann mit Paps, der anscheinend auch erst später
aufgestanden war.
"Ach ja, es ist ein Brief für dich angekommen! Hier."
Neugierig nahm ich ihm den weißen Umschlag mit der deutschen Briefmarke aus
der Hand. Ich drehte den Brief um, aber es stand kein Absender auf dem
Brief.
"Aber niemand hat meine Adresse hier! Wer kann das sein?"
"Na ja, ich musste denen in Deutschland ja sagen, wo du bist, da musste ich
auch die Adresse angeben. Vielleicht hat's ja jemand durch die Ämter
rausbekommen. Du weißt ja, wie unzuverlässig die sind." Achselzuckend
schlürfte er seinen Kaffee. Ich legte den Brief zur Seite. Ich wollte ihn in
Ruhe lesen und nicht während dem Essen. Ich unterhilet mich noch ein
bisschen mit Paps und dann ging ich, vor Spannung beinahe platzend, in mein
Zimmer.
Ich schlitzte den Brief mit meinem Fingernagel auf und zog zwei Bögen Papier
heraus. Auf einem stand: Überraschung!Damit hast du wohl nicht gerechnet?
Einen Brief von Laetitia zu bekommen? Na ja, jetzt musst du ihn auch lesen!
Laetitia? Wie nett! Sie schrieb mir einen Brief! Aufgeregt faltete ich die
Papierbögen auf und suchte den Anfang. Ah, hier:
Hallo Maggie!
Tja, hier ist ein Brief von mir. Wir haben uns ja geschworen, dass wir
einander schreiben, wenn einer von uns beiden wegzieht. Und weil du nicht
mehr da warst, hat sich meine Mutter erkundigt und deine Adresse
herausgefunden. Du weißt ja, sie arbeitet im Einwohnermeldeamt und ihre
Freundinnnen sind ziemlich geschwätzig! Ich möchte mich hiermit auch ganz,
ganz reumütig (ich weiß, klingt blöd, aber mir fällt nichts anderes ein!)
bei dir entschuldigen!Es tut mir so furchtbar leid, dass mit Kathrin. Ich
hätte das nie tun dürfen! Wie konnte ich nur auf sie hören und auf ihre
geheuchelte Freundschaft reinfallen? Aber das ist keine Entschuldigung, ich
bin allein dafür verantwortlich und es tut mir sehr, sehr leid!
Und wo ich gerade dabei bin, es tut mir leid, dass ich dich so alleine
gelassen habe! Ich hätte dich nie im Stich lassen dürfen! Entschuldige!
Okay, das war dann jetzt der Entschuldigungs-teil meines Briefes. Ich habe
gehört, dass deine Mutter gestorben ist. Es tut mir leid für dich und sie.
Ich finde es dumm,w enn man sagt: es tut mir leid für dich! Schließlich ist
ja sie gestorben und nicht du! Also sage ich einfach mal, es tut mir leid um
euch beide!
Wie ist es denn da, wo du jetzt bist? Und wo wohnst du, oder besser gesagt,
bei wem? Ich hoffe, es geht dir gut da und du hast ein besseres Leben als
bisher!Und hoffentlich kein Latein mehr! Aber ich habe gehört, in Frankreich
sind jetzt sowieso große Ferien! Dann hast du ja noch Zeit...
Jetzt hast du dir ja einen Traum erfüllt...kein Latein mehr, musst unsere
blöden Jungs nicht mehr sehen und auch sonst wirst du ja jetzt hoffentlich
viel Spaß haben! Genieße die Ferien und denk mal an mich, denn ich habe
jetzt die Klasse gewechselt und es nicht gerade leicht. Ich musste die
Klasse wechseln, ich konnte Kathrins dummes Grinsen nicht mehr ertragen. Und
in dieser Klasse sind sie mit dem Stoff schon weiter, deshalb muss ich mich
auch ziemlich reinhängen, um alles nachzuholen, aber die anderen helfen mir
dabei. Sie sind eigentlich ganz nett, aber halt nichts im Vergleich zu dir!
Aber jetzt bist du weg und ich sitze in diesem Alltagstrott fest! Aber ich
will mich nicht beklagen, schließlich hast du es verdient, ein neues Leben
anzufangen!
Und jetzt erzähl ich dir ein bisschen von den Ereignissen in der letzten
Zeit. An dem Tag, als du so plötzlich aus der Schule verschwunden bist (was
war da los?) und wo ich mit Kathrin vor deiner Tür stand, ist auch Nick
verschwunden. Er ist bis jetzt nicht aufgetaucht. Die Lehrer wollen uns
nichts sagen und auch die Eltern von Nick nicht. Wenn du noch da wärst,
würdest du wohl ziemlich traurig sein, was? Aber du findest bestimmt
jemanden, der deine Liebe auch mal erwiedert! Ganz sicher und bestimmt bald!
Na ja, das ist das erste und eigentlich auch spannendste. Ein paar haben
über dich und Nick Witze gerissen, weil ihr gleichzeitig verschwunden seid
und man am Anfang auch von dir nichts wusste. Es wurden sogar ein paar
Durchsagen gemacht, dass sich jeder, der etwas von dir weiß, sich beim
Direktor melden soll. Viele dachten, ihr würdet nur die Schule schwänzen und
machten sich lustig, dass die Schulleitung sich solche Sorgen machte. Aber
die Schulleitung wusste, dass deine Mutter tot ist und machte sich sher
große Sorgen. Tja, so kam es dann, dass es alle mitkriegten. Und das gute
daran, wenn es etwas gutes daran gibt, dann dass Kathrin einen Verweis
bekam, weil sie dich so provoziert hat. Sie haben extra die Schulordnung
ändern lassen, um sie zu bestrafen! Und du kennst ja ihre Eltern: immer wenn
es um ihr kleines Töchterchen geht, tun sie alles um sie aus jedem
Schlamssel den sie sich einbrockt, wieder rauszuziehen, aber dieses Mal
waren sie sogar auf der Seite der Schule! Stell dir das mal vor, Kathrins
Eltern waren dafür dass Kathrin bestraft wird!!! Und Kathrin schien es sogar
zu akzeptieren! Sie war richtig reumütig und eine Woche war sie total ruhig
und hat gegen niemanden etwas gesagt! Danach war sie zwar wieder die alte,
aber sie hat niemanden mehr beleidigt. Sie war nur wieder so listig und
vorlaut. Aber damit können wir leben.
Ich weiß nicht, was ich dir so erzählen soll, ich weiß ja nicht, was du
gerade durchmachst und dann ist es ziemlich unangebracht, wenn ich dir von
irgendwelchen unwichtigen Sachen erzähle. Bitte, schreib mir! Ich ertrage es
nicht, nicht zu wissen, was du gerade tust und wie es dir geht!
Ich hoffe, ich nerve dich nicht, aber ich werde dir immer weiter schreiben,
so lange, bis du mir verzeihst! Also, ich soll dich auch von Mariella
grüßen, schließlich saßt ihr ja auch eine ganze Weile nebeneinander, nachdem
wir uns gestritten hatten. Ich hoffe, du schreibst zurück, deine Freundin
(ja, denn selbst wenn du mich nicht mehr magst, ich werde dich immer als
Freundin in erinnerung behalten und dir eine Freundin sein!) Laetitia
P.s: Ich hoffe, dass Nick irgendwann wieder auftaucht! Seine Eltern und die
Schule scheinen zu wissen, was mit ihm ist, aber sagen tun sie uns nichts.
Ich hoffe nur, dass ihm nichts passiert ist. Ich halte dich auf dem
laufenden!
Ich war zutiefst gerührt. Wie konnte sie nach diesem herlichen, offenen und
so lieben Brief erwarten, dass ich ihr auch nur eine Sekunde sauer bin? Ich
setzte mich sofort hin, um sie von ihrer Unwissenheit zu erlösen.
Hallo Laetitia!
Natürlich bin ich dir nicht sauer! Wie könnte ich auch? Du bist immer noch
meine beste Freundin! Und du bist so lieb...dass du dir die Mühe machst
meine Adresse herauszufinden! Echt, du bist die beste Freundin, die ich je
hatte! Danke für den langen und netten Brief! Und jetzt erzähl ich dir ein
bisschen, wie es mir ergangen ist: an dem Tag, wo ich "verschwunden" bin,
hat mir Nick eine Abfuhr erteilt. Ja, ich habe mich tatsächlich getraut ihn
zu fragen! Aber er hat mich ausgelacht und beleidigt. Da hab ich mich
befreien lassen. Als ich dann total traurig nach Hause kam, hat mir meine
Nachbarin eröffnet, dass meine Mutter tot ist. Alkoholvergiftung. Dann kamt
ihr (du und Kathrin) und ich war total mit den Nerven runter. Ich wollte
dich erst fragen, ob du mit mir abhauen willst, aber dann war ich wegen
Kathrin natürlich auch auf dich sauer. Und dann kam auch noch Nick um sich
zu entschuldigen. Ich dachte natürlich, es wäre nur ein Scherz und bin dann
abgehauen. Davor hatte ich noch, weil unser Kühlschrank wie immer leer war,
ein Krankenhaus bestohlen um an Proviant zu kommen.
Dann habe ich einige Sachen gepackt und bin abgehauen. Abend dann, im Wald,
ist mir jemand gefolgt. Ich bin hingefallen und dann war der Verfolger da.
Es war Nick! Ich hab ihn voll angeschrien, weil ich ja total verletzt und
durcheinander war und dann bin ich in Ohnmacht gefallen. Mein Fuß war
verletzt und für meine Nerven war es einfach zu viel. Nick hat dann das Zelt
aufgebaut und am nächsten Morgen hat er mich gefragt, ob er mit mir kommen
kann. Ich hab's ihm dann auch "erlaubt". Also hatten wir schöne Tage im
Wald. Wir sind auch zusammengekommen. Wir waren ein paar Tage bei einer
Freundin in Frankreich und hatten da ein paar schöne Tage. Dann sind wir
weiter. Francois, ich habe dir doch mal von ihm erzählt, war eifersüchtig
und hat uns verraten. Ich war gerade in einem Stadt in einer Apotheke,
während Nick vor der Stadt festgenommen und in ein Heim gebracht wurde. Das
heißt, ich war in der Apotheke, dessen Apotheker mein Vater war und den ich
dann kennengelernt habe. Ich war eine Weile bei ihm und dann wollten wir
Nick holen, aber er wurde gerade weggeschafft. Ins Heim. Ich erlitt einen
Nervenzusammenbruch und Nick versuchte sich umzubringen. Aber jetzt lebe ich
bei meinem Vater und meiner Zwillingsschwester und Nick bei seiner
leiblichen Mutter. Es war einfach so schön, als wir herausfanden, dass auch
Nick verwandte hier hat. Stell dir nur mal vor, ich hätte keinen Apetit auf
Traubenzucker bekommen und wäre nie in die Apotheke gegangen! Dann hätte ich
nie meine Schwester und meinen Vater kennengelernt und nie Nicks Familie
gefunden! Dann würden wir immer noch im Wald umherstreifen und uns wie Tiere
von Pilzen und Grünzeug ernähren. Denn irgendwann wäre gar nichts mehr von
unseren Vorräten übriggeblieben und dann? Na ja, ich bin jedenfalls total
glücklich und habe viel Spaß mit meiner Zwillingsschwester und deren
Freunden. Aber am meisten mit Nick. Er kam vorgestern aus dem Heim zu seiner
Mutter. Und gestern habe ich ihn endlich wiedergesehen! Es war so schön...
Das klingt jetzt alles total abenteuerlich, aber es waren nur viele Zufälle.
Oder Gottes Vorhersehung!
Na ja, es gibt Essen und auch sonst schreib ich dir bald, wenn du
geschreiben hast, ich hoffe schnell, deine Freundin Maggie
So das war fertig. Ich nahm einen der Briefumschläge und eine Briefmarke von
Felicitys Schreibtisch und klebte den Brief zu. Ich wusste Laetitias Adresse
auswendig, das war also kein Problem.
Dann lief ich hungrig in die Küche, wo Paps und Felicity schon a Tisch saßen
und Broccoligratin aßen. Ich erzählte ihnen ein bisschen von dem, was im
Brief stand und genoss das Essen.
Aber alles würde ich nicht erzählen. Vielleicht ließ ich ja Felicity den
Brief lesen, aber eigentlich war es ja eine Art Geheimniss zwischen mir und
Laetitia. Also würde ich es für mich behalten.
"Das ist echt lecker, wer hat das Essen gemacht?"
"Ich. Aber es ist trotzdem keine große Leistung. Es war eine Feritigmischung
von Maggi.", sagte Paps.
"Oh, hier gibt es auch Maggi?"
"Ja, das ist die einzige Möglichkeit alleinerziehenden Vätern die
Möglichkeit zu geben, etwas warmes auf den Tisch zu kriegen!", spottete
Felicity.
"Na, aber ich kann auch so kochen!", beschwerte sich Paps.
"Ja, aber nur Spagetthi oder Spiegeleier!"
"Ach, das ist doch gar nicht wahr..."
"Was kannst du denn so kochen, Fel?", fragte ich sie.
"Ach, also...Kartoffelpüree! Nudeln, Pizza, Lasagne, warmes Hundefutter..."
"Ach, aber da beschwerst du dich über Paps?"
"Ja! Schließlich ist warmes Hundefutter eine Delikatesse!", scherzte sie.
"Mmhhh...lecker! Wann machst du denn mal wieder diese leckere Ente mit
Aspik? Von Sheba?"
"Oh, na wenn du unbedingt willst, dann kann ich heute Abend ja mal eine Dose
holen..."
"Ach, bitte nicht! Ich kann ja verstehen, dass ihr gerne scherzt, aber ich
versuche zu essen!"
"Okay, reg dich nicht auf! Ich kann auch gerne mal rohen Fisch
mitbringen..."
Lachend räumten wir das Geschirr in die Spülmaschine.
"Ach, Lena?"
"Ja Paps? Was ist?"
"Nun ja, also...in zwei Tagen ist die Beerdigung deiner Mutter. Möchtest du
mitkommen? Ich werde nämlich hinfahren. Aber du musste natürlich nicht, wenn
du nicht möchtest, was wir natürlich verstehen!"
"Ich gehe mit. Schließlich möchte ich mich auch verabschieden."
"Das ist gut. Ich habe nämlich schon eine Vertretung für die Apotheke
besorgt! Ist es dir recht, wenn Felicity mitkommt?"
"Ja sicher! Es war ja auch ihre Mutter! Aber wer hat denn die Beerdigung
organisiert?"
"Nun, ich muss zugeben, dass ich das war. Zwar übers Telefon, aber es dürfte
alles so sein, wie sie es sich gewünscht hatte..."
"Oh!"
"Ja, ich weiß. Ich hätte es dir sagen und dich vorher fragen sollen. Und ich
weiß, dass es für dich ziemlich früh ist, aber es musste ja etwas getan
werden. Du weißt, die sterblichen Überreste... Und in der Woche, in der du
ohnehin sozusagen "Außer Gefecht" warst, habe ich nunmal die Beerdigung
organisiert!"
"Aber das ist doch schön! Du hast mich falsch verstanden, ich meine nur,
dass mir gerade eingefallen ist: wurde sie verbrannt oder wird sie in einem
Sarg bestattet?"
"In ihrem Testament stand, man solle siein einem Sarg beisetzten lassen,
also habe ich das durchgesetzt."
"Sie hatte ein Testament? Oh, das wusste ich ja gar nicht..."
"Ja, aber der Anwalt wusste meine Adresse, denn deine Mutter schien sie ihm
gesagt zu haben. Sie hat sie ja auch gewusst, für Notfälle. Und da hat der
Anwalt mir das Testament gefaxt. Komisch, dass er es mir einfach so gibt,
aber sie wollte es anscheinend so."
"Darf...Kann ich das Testament mal sehen?"
"Aber sicher! Du kommst auch darin vor!"
Ich war verwirrt. Ma hatte nie etwas gesagt...aber sie konnte schlecht zu
mir sagen: Ach ja, du wusstets es noch nicht, aber ich hab schon mal mein
Testament gemacht!
Mit zitternden Händen nahm ich das Blatt Papier in die Hand.
Oben stand die Anwaltskanzlei, eine Bemerkung des Anwalts, und dann kam der
Text: Ich, Marie Helena Korona, im besitz meiner vollen geistigen Kräfte,
bestimme hiermit meinen Nachlass.
Dann kamen ein paar Zeilen mit ihren Hinterlassenschaften, welche natürlich
nur wenige waren. Aber dann kam noch eine Zeile:
Meiner Tochter, Magdalena Korona, hinterlasse ich mein Sparkonto.
Welches Konto? Bestimmt war das Testament älter. Wir hatten kein Geld.
Die Kontounterlagen liegen beim Anwalt aus.
Also musste ich einmal den Anwalt fragen. Bestimmt war nur minus darauf.
Meine liebste Tochter Magdalena! Ich weiß, dass du mich für mein Verhalten
hassen musst. Ich möchte mich bei dir entschuldigen. Natürlichweiß ich, dass
das nichts wieder gut macht, aber du musst wissen, dass ich dich geliebt
habe. Mehr als alles andere auf der Welt. Das darfst du nie vergessen. Ich
kann meine Trinksucht nicht erklären, ich war so furchtbar traurig und
einsam. Ich weiß, ich hatte ja dich, aber mein Leben war nichts mehr Wert.
Ich kann nur auf eines stolz sein: Der Welt ein Goldstück hinterlassen zu
haben! Dich!
Ich weiß, ich habe dich nie gut behandelt, aber es gibt ein Konto, von dem
du nichts gewusst hast. Ich habe jeden Monat zwanzig Euro eingezahlt. Du
wirst mir sicher Vorwürfe machen, dass ich in den schlimmsten Zeiten nichts
davon genommen habe um uns durchzubringen, aber du sollst ein Polster haben,
wenn ich sterbe. Denn ich weiß, dass ich früh sterben werde. Ich habe meinen
Körper zu sehr kaputt gemacht. Liebe Magdalena, ich hoffe du kannst mir
irgendwann einmal verzeihen, deine dich liebende Mutter
Tränen fielen auf das Papier und vor meinen Augen verschwamm alles. Ich
wischte mir über die Augen, aber Paps hatte meine Traurigkeit bemerkt und
mir den Arm um die Schultern gelegt.
"Sie war ein guter Mensch!", sagte Paps traurig.
"Ja. Aber warum musste sie sterben? Diese Zeilen sagen doch, dass sie genau
wusste, was sie tut!", schluchzte ich.
"Nun, vielleicht wollte sie einfach nicht weiter. Deine Mutter war zu
erschöpft, um da raus zu kommen. Eine Terapie erfordert viel Kraft. Und die
hatte sie nicht mehr."
Es waren tröstende Worte, aber ich konnte einfach nicht aufhören zu weinen.
Wiedereinmal flammte dieser schlimme Schmerz über den Verlust meiner Mutter
in mir auf, den ich so lange hatte verdrängen können!
"Lass alles raus! Du musst nicht immer stark sein!"
Den Nachmittag verbrachten wir damit, uns Bilder von ihr anzusehen und über
sie zu reden. Wir hatten schon viel über sie gesprochen, aber jetzt erfuhr
ich mehr über ihre Jugend und Kindheit. Ihr Vater war anscheinend wirklich
nicht sehr nett gewesen. Sehr streng und hatte ihr sehr wenig Freiraum für
Spaß gelassen.
Es war ein schöner Nachmittag. Paps und ich redeten über Ma und Felicity
hörte still zu. Denn auch sie erfuhr etwas über ihre Mutter. Allerdings
schien sie schon alles zu wissen, sie warf ab und zu etwas ein, das Paps
vergessen hatte. Paps hatte ihr also schon von Anfang an gesagt, wie ihre
Mutter so war. Aber Ma hatte Felicity nicht sehen wollen. Aber Felicity nahm
es ihr nicht übel. Sie hätte schon ihre Gründe gehabt, sagte sie. Und, dass
es gut war. Jetzt könne sie sie immer als die gute Person in Erinnerung
behalten, die sie als junge Frau gewesen war, bevor sie angefangen hatte zu
trinken.
Eine gute Einstellung. Aber ich fand es trotzdem traurig, dass sie Ma nie
kennengelernt hatte. Aber wenn Felicity damit klar kam, war das auch gut.
Am Abend redeten ich und Felicity noch darüber.
Am nächsten Tag blieben wir zuhause und machten uns für die Beerdigung
bereit. Ich erinnerte mich, dass Ma immer schon dunkelrote Nelken gemocht
hatte und da gingen wir in ein riesiges Blumengeschäft und kauften zwei
kleine Sträuße, die wir dann ins Garb werfen könnten. Wir ließen sie auch
gleich so einpacken, dass sie den Transport überstehen würden.
Am Nachmittag fuhren wir dann los. Ich hatte Laetitia angerufen und sie
wollte auch kommen.
Von Nick hatte ich auch einen kleinen Staruß bekommen, den ich ihr ins Grab
werfen sollte. Es war nett von ihm. Und ich war irgendwie froh, dass er
nicht mitwollte.
Als wir dann in der Stadt angelangt waren, die Fahrt hatte nur zwei Stunden
gedauert, gingen wir auf unser Zimmer im Hotel. Paps ging nochmal weg, um
sich um die Wohnung und den "Leichenschmaus" zu kümmern. Er fragte mich, ob
ich zur Auflösung der Wohnung mitwolle. Aber ich wollte nicht nochmal dahin
zurück. Ich würde nur wieder heulen. Und ich hatte alles, was ich brauchte.
Am Abend aßen wir dann zuammen im Restaurant. Der nächste Tag würde
anstrengend werden, deshalb gingen wir früh zu Bett.
Dann fuhren wir zum Friedhof. Es war ein Tag, wie man ihn sich für seine
Beerdigung wünscht: es regnete in Strömen und der Himmel war grau.
Ich war überrascht, als ich sah, wer alles da war. Viele aus meiner Klasse,
unteranderem auch Kathrin. Aber sie blieb zum Glück nicht lange. Sie
netschuldigte sich nur kurz bei mir, sagte ihr Beileid und ging dann. Wir
gingen in die kleine Kapelle, in der der Pfarrer etwas über sie sagen würde.
Ich und Paps wollten diese Aufgabe nicht übernehmen.
Auf einer Tafel im Vorraum standen die Termine. Den ganzen Tag über würden
fünf Beerdigungen stattfinden. Auf der Tafel war mit blauem Filzstift
notiert: "10.45 Uhr - M. K." was für Marie Korona stand.
Die Orgeln begannen zu spielen und der Pfarrer trat nach vorne.
Vier Männer traten als Sargträger vor und Paps, Felicity und ich stellten
uns in einer Reihe auf, um dem Sarg in einer Reihe auf, um dem Sarg in die
Kapelle zu folgen.
Innen glich der Raum nicht wirklich einer Kirche. Das einzige war, dass der
Schmuck an der Fassade dem an der Fassade einer Kirche glich. Die Kapelle
war sehr modern, was mir nicht gefiel, aber es war nun mal so. Alle
verteilten sich auf den Bänken um die Rede des Pfarrers zu hören. Wir saßen
in der ersten Reihe und hatten sozusagen den besten Blick auf den Sarg, der
vorne auf einer fahrbaren Bahre abgestellt worden war.
Ich schluckte meine Tränen runter, die mich beim Anblick des Sarges
überkamen und konzentrierte mich auf die Rede des Pfarrers. Seine Ansprache
zeigte, dass ersie nicht gekannt hatte. Sie war nie in die Kirche gegangen,
hatte sich aber gewünscht hier begraben zu werden.
"Eine gute Frau, die nun vermisst wird, ausgewählt für einen besseren Ort
als diesen. Aber dennoch bedeutet dies einen schmerzlichen Verlust für ihre
Familie."
Die Ansprache war kurz. Danach wurde gesungen und dann trugen die Männer den
Sarg wieder weg. Wir gingen langsam hinterher und sahen zu, wie der Sarg in
die Erde gelassen wurde. Der Pfarrer sagte die Sätze: "Asche zu Asche, Staub
zu Staub" oder so etwas, ich hörte ihm nicht zu, als er eine kleine Schaufel
Erde über den Sarg schüttete. Ich fing nämlich wieder an zu weinen. Es war
so eine Stimmung, die einen zum weinen richtiggehend einlud. Aber auch so
weinte ich um Ma. Wer weiß, wo sie jetzt war?
Dann traten Paps, ich und Felicity nacheinander vor und schütteten jeweils
eine kleine Schippe Erde ins Grab und warfen unsere Blumensträuße ins Grab.
Dann schüttelten uns viele Leute die Hand und bekündeten uns ihr Beileid.
Ich sagte nichts. Ich kannte die Leute ja nicht einmal. Aber Paps schien sie
zu kenne. Wahrscheinlich Schulfreunde oder so etwas.
Dann kamen auch meine Klassenkameraden um uns die Hände zu schütteln. Sie
waren sehr überrscht, über meine Zwillingsschwester, besaßen aber genug
Anstand, nicht nachzufragen. Auch Laetitia kam. Aber sie schüttelte uns nur
die Hand und sagte nicht viel. Nur, dass es ihr leid tut. Sie sagte nicht
was, aber ich wusste es ja. Sie lächelte mir aufmunternd zu, nachdem sie
mich an meinem Freundschaftsarmband, das ich immer trug, erkannt hatte.
Den ewig andauernden Leichenschmaus, den ich und Felicity als völlig
überflüssig empfanden, ließ ich auch über mich ergehen. Dann gingen wir
zurück ins Hotel. Es brach schon die Dämmerung herein und so gingen wir
Abendessen.
Den ganzen Tag waren wir sehr schweigsam gewesen. Aber als wir am nächsten
Tag die Stadt und das Grab, um das sich eine Gärtnerei kümmern würde, hinter
uns ließen und nach Hause fuhren, ließen wir auch die Traurigkeit hinter
uns. Nach Frankreich hin wurde es immer schöner. Der Regen hörte auf und die
Sonne schien. Als hätte sich das schlechte Wetter nur für Ma's Beerdigung
über der Stadt zusammengebraut.
Ich war froh, dass es vorbei war. Am Nachmittag besuchte ich Nick und
erzählte ihm von der Beerdigung.
Er war sehr süß und einfühlsam. Aber ich hatte keine Lust auf noch einen
traurigen Tag zu haben und zog alles ins Lustige.
"Tja, aber es hat sich doch gelohnt, du hast bestimmt viele Leute getroffen,
die dir von deiner Mutter erzählen konnten!", wollte Nick mich trösten.
"Ach, wenn du den Typen meinst, der die ganze Zeit in den Ohren gepult hat,
dann muss ich dich entäuschen. Der kam nur wegen dem essen. Das einzige was
er mir über Ma sagen konnte, war dass sie eine tolle Frau war. Und selbst
das konnte er mir erst erzählen, nachdem er auf das Schild am Eingang
geschaut hat, wessen Beerdigung das überhaupt war!"
"Ach komm, es waren doch nicht nur solche Leute da, oder?"
"Nein! Es gab auch welche, die in der Nase gebohrt haben!"
"Komm schon, du weißt was ich meine!"
"Okay, okay! Also, wenn sie nicht in der Nase gebohrt oder in den Ohren, und
auch nicht gegessen haben, dann haben sie mir erzählt, dass sie eine sehr
nette, ruhige Mitschülerin war. Es war sehr interessant. Und das beste war,
als der Typ mit dem langen Bart und der viel zu kleinen Nase mir von einem
Streich erzählt hat, den Ma dem Lehrer gespielt hat. Das dumme war nur, dass
plötzlich eine Frau sagte, dass das gar nicht Ma war, sondern eine ihrer
Freundinnen war. Das war natürlich auch sehr toll."
"Na gut...", seufzte er dann auf und sah ein, dass es keinen Sinn merh
hatte, mich trösten zu wollen. Ich war eh schon total unkonzentriert und
genervt.
Wir verbrachten den Rest des Tages damit, rumzualbern. Nach einiger Zeit
wurde ich voll locker. Das geht mir immer so, wenn ich eine ganze Zeit
rumalbere. Dann wird ich voll nervös und irgendwie wird mir dann alles egal.
Aber eigentlich ist es ein schönes Gefühl.
Dann verabschiedete ich mich von Nick. Er wollte mich eingentlich begleiten,
aber ich lehnte ab. Erstens hatte ich gehört, dass hier in der Stadt nie
etwas passierte und zweitens musste ich mich abreagieren.
Draußen sog ich die kühle Luft ein. Ich war immer noch ziemlich aufgedreht,
aber die kühle Luft holte mich wieder ein bisschen auf die Erde zurück. Ich
bermerkte, dass ich ein bisschen fror und beschleunigte meinen Schritt. In
der letzten Zeit wurden die Abende immer kühler. Und dann dachte ich voller
Unbehagen daran, dass ja in drei Tagen schon die Schule begann! Und schon
hatte ich wieder so ein mulmiges Gefühl im Bauch, das ich immer hatte, wenn
ich nicht gelernt oder die Hausaufgaben vergessen hatte. Aber ich nahm mich
zusammen und dachte daran, dass alles hier besser war und das auch bei der
Schule so sein würde. Und ich kann ja Französisch und Englisch! Also, was
machte ich mir noch Sorgen?
Daheim angelangt trank ich ein Glas Limonade. Der Boden war kalt unter
meinen nackten Füßen und wieder fröstelte ich. Ich zog meine Sweatjacke über
und setzte mich zu Felicity, die mich knapp begrüßt, und sich dann wieder in
ihre Zeitscrift vertieft hatte.
"Oh, cool! Du liest den Simpsons-Comic! Lass mich auch mal reinschaun!",
damit riss ich ihr den Comic aus der Hand und blätterte nach vorne um von
vorne anzufangen. Aber da riss mir Felicity das Comic auch schon wieder aus
der Hand.
"Hey, jetzt lass mich mal noch kurz zu Ende lesen, dann kannst du's ja
haben!"
"Das will ich auch hoffen!", knurrte ich zum Spaß.
Felicity schaut scheinbar zu Tode erschrocken auf und kriecht ganz tief in
die Polster der Couch.
"Bitte, großer, böser Wolf, tu mir nichts!"
"Ach, das muss ich mir aber noch sehr lange überlegen!", knurrte ich
nochmals.
Dann aßen wir noch mit Paps zu Abend.
"Ach, Magdalena, ich hoffe du fühlst dich nicht vernachlässigt, wenn ich so
wenig da bin, aber..."
"Ach, Paps, das macht mir gar nichts aus! Besser, als wenn du die ganze Zeit
an mir kleben würdest wie eine Klette! Ich hab doch Felicity, mit der ich
was unternehme. Und wir haben ja auch schon mehrere Ausflüge zusammen
gemacht. Und du bist ja nicht kilometerweit entfehrnt, sondern nur eine
Treppe! Obwohl das mit meinen Beinen fast schon unmöglich geworden ist. Ich
glaube wir brauchen einen Treppenlift!", scherzte ich.
Ich musste scherzen, weil Paps so furchtbar süß aussah, er war so besorgt,
dass er sich nicht gut genug um mich kümmerte... Aber als ich das dann
gesagt hatte, hellte sich seine Miene wieder auf und wir redeten noch ein
bisschen über belangloses Zeug. Dann gingen Felicity und ich ins Bett.
Die nächsten zwei Tage waren ziemlich cool. Wir gingen Schwimmen, ich traf
mich mit Nick, wir gingen ins Kino... es waren ein paar schöne letzte
Ferientage. Aber es wäre schöner, wenn Laetitia auch hier wäre und die
Ferien länger dauern würden.
Am letzten Tag vor Schulbeginn hatte ich zu nichts Lust
"Was hast du? Du bist schon den ganzen Tag so komisch!", fragte mich
Felicity, die mich in die Eisdiele geschleppt hatte, als sie sah wie lustlos
ich in meinem Eis rumstocherte.
"Ach, es ist nur, dass morgen ja schon wieder die Schule beginnt!"
"Deshalb? Ach, ich hab dir doch schon gesagt, dass es nicht schlimm ist,
sondern im Gegenteil! Ich freu mich schon auf die Schule. Dann hast du auch
endlich mal ein bisschen schöne Zeit in der Schule. Schließlich sollst du ja
an eine schöne Schulzeit zurückdenken, wenn du dann eines Tages an einem
Schreibtisch in einem grauen Büro sitzt und dich mit trockenen Aktenordnern
beschäftigst!"
"Ach, das wird mir bestimmt nicht passieren! Aber es tröstet mich, wenn du
sagst, dass es in der Schule schön ist. Schließlich bist du mir ja ziemlich
ähnlich und wirst schon wissen, was du sagst...hoffe ich!"
"Ach, sicher. Ich weiß doch was ich sage! Oder?"
"Ha ha."
"Na ja. In meinem Großmut habe ich beschlossen, dich neben mir sitzen zu
lassen!"
"Oh Felicity! Du bist so süß! Ich liebe dich dafür, dass du immer so
furchtabr nett zu mir bist!", sagte ich so laut, dass es jeder hören konnte.
Die Leute im Café drehten sich zu uns um und sahen uns verständnislos an.
Ich liebte es, die Leute für dumm zu verkaufen! Es war so lustig, wenn man
mitten auf der Straße plötzlich anfing zu heulen, denn diese Kunst
beherrschte ich wie niemand anderes, und rumschrie: "Aber du darfst mich
nicht verlassen! Ich liebe dich doch! Und ich dachte du mich auch! Bloß weil
wir lesbisch sind und Geschwister müssen wir uns doch nicht trennen! Es war
doch immer alles so perfekt zwischen uns beiden! Bitte, verlass mich nicht!"
Alle Leute drehten sich dann nach einem um und dachten wirklich, wir wären
lesbisch und Geschwister. Die Leute hatten schon eine kranke Fantasie!
Aber wir kannten sie ja nicht und die Stadt war ja kein kleines Dörfchen,
sonst könnten wir das nicht machen und müssten auf einen großen Spaß
verzichten. Wenn wir in einem Dorf wohnen würden, würde uns ja jeder kennen!
Einmal kam gerade eine alte Frau vorbei und beschimpfte uns als "Inzucht
betreibendes Pack". Als wir ihr sagten, dass doch alles nur ein Scherz wäre
und überhaupt nur ein Projekt für die Schule um die Reaktionen der Leute zu
testen, ging sie, den Kopf schüttelnd und ziemlich verwirrt davon und
murmelte irgendwas davon, dass die Jugend von heute immer dreister wurde.
Ach, es machte solchen Spaß! Danach kugelten wir uns dann immer vor Lachen.
So wie jetzt. Okay, dieses Mal war es nicht das beste was ich je gesagt
habe, aber es war trotzdem lustig.
"Und wer sitzt neben uns? Und wer ist bei uns in der Klasse? Etwa auch der
dämliche Typ, mit dem du zusammen warst und von dem du mir diese dummen
Sachen erzählt hast, die er gemacht hat?"
"Nein! Der ist nicht mehr in meiner Klasse. Er war so strohdumm, dass er
nicht mal die leichtesten Sachen geschafft hat und durchgerasselt ist! Und
du weißt doch, dass in meiner Klasse alle sind, die du doch schon kennst!
Nikolas und die anderen, weil ich doch ein paar Klassen übersprungen hab. Du
weißt schon! Also, auf der einen Seite von mir ist der Gang. Aber der ist
sowieso nach einer Woche nicht mehr da, weil wir die Tische immer
zusammenschieben. Wir lassen uns doch von den Lehrern nichts sagen! Außerdem
können sie doch auch außen herum gehen! Überhaupt haben wir einen super
Klassenzusammenhalt!"
"Klassen-zusammen-halt?", fragte ich mit zusammengekniffenen Augen, als
hätte ich das Wort noch nie gehört.
"Kann man das essen?"
"Oh mann, ich hab ja ganz vergessen, dass du in einer hirnamputierten Klasse
warst, in der alle zu blöd waren zusammenzuhalten!"
"Ja! Nicht mal die besten Freunde haben zusammengehalten! Dabei hätten wir
doch so viele Nutzen daraus ziehen können, aber na ja, die waren halt alle
blöd und alleine kann man keinen Klassenzusammenhalt organisieren wenn alle
dagegen sind!"
"Oh mann! Tja, da hast du recht! Aber wahrscheinlich waren ihre Gehirne
irgendwie durch den Muffelgeruch deiner Lehrer gelöscht worden. Du hast ja
erzählt, dass deine Musiklehrerin immer so einen Mundgeruch hatte!"
"Ach ja... das war vielleicht schrecklich. Ich hab einmal und niewieder den
Fehler gemacht und hab sie was gefragt. Als sie mir geantwortet hat, musste
ich ganz flach atmen und hab nur genickt um keine giftigen Gase einatmen zu
müssen! Das war vielleicht schrecklich!"
"Uah...das hast du mir doch schon mal erzählt!"
Dazu machte sie so ein verschlafendes Gesicht, dass ich lachen musste. Sie
sah mich fragend an und ich hielt ihr meinen kleinen Schminkspiegel vors
Gesicht. Da musste auch sie lachen.
Plötzlich klingelte Felicitys Handy und sie ging lachend ran:
"Hallo?...Ja, die ist hier...einen Moment, ich geb sie dir! Es ist Nick!",
sagte sie und gab mir das Handy.
"Hallo mein Süßer! Warum rufst du an? Wir wollten uns doch sowieso in zwei
Stunden treffen!"
"Hi meine Prinzessin! Das mit dem Treffen wird leider nichts. Sei nicht
sauer, aber der kleine Nils wollte unbedingt, dass ich ins Krankenhaus
mitkomme. Er hat sich überall Erbsen reingesteckt und die müssen jetzt vom
Arzt entfernt werden..."
"Er hat was?!"
"Na ja, seine Mutter hat ihn kurz im Esszimmer allein gelassen und es gab
Erbsen. Da hat er sich wohl gedacht, dass das Essen auch noch zu etwas
anderem da sein muss und sich alles in die Ohren, Nasenlöcher und auch in
den Bauchnabel gesteckt..."
Ich musste ihn mit Lachen unterbrechen. Aber die Vorstellung war einfach zu
komisch! Ein kleiner Junge, im Wartezimmer des Arztes, mit Erbsen in der
Nase und den Ohren...
Schon wieder sahen sich die Leute nach mir um.
"Na ja. Er kann ja nichts dafür. Ein kleiner Junge und Erbsen ohne die
Mutter in einem Raum...was sollte er denn sonst machen? Wir können froh
sein, dass er nicht auf die Idee kam, das Glas vom Goldfisch mit
Kartoffelpüree zu füllen! Jedenfalls kann das hier noch eine Weile dauern,
denn der Arzt bekommt die Erbsen aus den Ohren nur schwer raus. Es tut mir
leid, aber wir telefonieren heute noch, ja?"
"Okay. Also, mein Schatzilein, bis dann!", flötete ich, weil ich genau
wusste, dass er das nicht mochte.
"Oh, bitte Prinzessin! Hör auf damit! Okay, mein Geld ist gleich alle, ich
ruf von einem Münztelefon an. Also dann, Ciao Bella!"
"Ciao Süßer!"
Ich drückte auf den roten Knopf und gab Felicity das Handy zurück. Als ich
Felicity davon erzählte, was Nils gemacht hat, mussten wir nochmals laut
lachen und kriegten uns fast nicht mehr ein.
Die Leute schauten sich nicht mal mehr um, sie hatten sich schon daran
gewöhnt, mit zwei Verrückten in einem Café zu sitzen.
Ich wollte meinen Löffel ins Eis stecken um etwas zu essne, aber als ich sah
in was sich das Eis in der Sonne inzwischen verwandelt hatte, legte ich den
Löffel zur Seite und schob meinen Becher von mir weg. Das Eis war
geschmolzen und aus der Sahne, den verschiedenen Soßen und den vielen
Eissorten war eine graumelierte Masse geworden. Sie war derartig
ekelerregend, dass Felicity die passende Bemerkung machte:
"Das sieht ja noch ekliger aus, als wenn mann alles dreimal durchkaut,
wieder auskotzt und das dann mit Spucke und Schnupfen gemischt hätte!"
"Bitte, hör auf! Sonst kommt da echt bald Kotze dazu!"
Wir legten das Geld auf den Tisch und gingen lachend und untergehakt nach
Hause. Ich fragte mich, was die Leute jetzt von uns denken würden. Aber
eigentlich war mir das ziemlich egal, wir würden die ja sowieso nie wieder
sehen!
Es wurde noch ein lustiger Tag mit vielen Szenen auf der Straße. Ich machte
mir jetzt keine Sorgen mehr wegen der Schule, Felicity hatte mich ja
beruhigt.
Wir aßen noch mit Paps zu Abend und dann sahen wir uns einen Film an. Eine
Komödie. Voll lustig. Dann klingelte das Telefon. Es war Nick.
"Und wie geht's Nils? Hat der Arzt es geschafft alle Erbsen zu entfernen?"
"Jap. Alles ist raus. Auch die in den Ohren. Auch Hallo mein Prinzesschen!"
"Oh, sorry! Hallo Nickilein! Wie geht es dir? Ich hoffe dir ist nicht
schlecht geworden, von all den Erbsen!"
"Ach, schön dass du fragst, aber ich glaube ich habe einen Schaden für mein
ganzes Leben davon getragen. Eine Erbsen-Phobie!"
"Oh oh! Das ist nicht gut! Aber jetzt nochmal zurück zu Nils."
"Hach! Nils, immer nur Nils! Bedeute ich dir denn gar nichts mehr?"
"Doch doch. Also, was hat der arme Nils denn so gesagt, als all die Erbsen
rauskamen? Und er hat bestimmt auch Ärger von seiner Mutter bekommen, oder?"
"Oh, du glaubst nicht, was der kleine Kerl sich ausgedacht hat! Er hat
gesagt: Ich war jung, und brauchte das Geld!"
"Was? Cool! Wo hat er denn das her?"
"Ach, er hat bestimmt gesehen, dass jemand das mal im Fernsehen gesagt hat
und dann gesehen, wie seine Mutter gelacht hat. Aber seine Mutter war danach
auch nicht mehr sauer."
"Oh, das ist ja süß! Wie niedlich! Ach, der kleine ist aber auch süß! Ich
könnte ihm auch nie sauer sein, wenn ich seine Mutter wäre! Und auch sonst
nicht. Wie niedlich..."
"Hallo? Erde an Mag, Erde an Mag! Sind sie noch da? Ein Problem in der
Schwärmzone ihres Gehirns! Sie wiederholen sich!"
"Ach, entschuldige, aber ich find den kleinen so süß! Und irgendwie sieht er
dir ja auch ähnlich!"
"Okay, damit hast du mich wieder versöhnt."
"Warst du etwa sauer?", neckte ich ihn.
"Okay. Also, was machst du morgen?"
"Halloho! Morgen fängt die Schule an! Du geht's doch auch in meine, oder?
Wir kommen doch bestimmt auch in eine Klasse?"
"Nein, hast du das nicht gewusst? Oh, wir haben noch nicht drüber geredet,
aber ich gehe auf die Schule, die hier dem Gymnasium entspricht."
"Aber warum?"
"Na ja. Also gestern hat meine Mutter bei der Schule angerufen, aber da war
kein Platz mehr frei. Und ich will ja nicht, dass du einen Freund hast, der
in eine niedirgere Klasse geht. Deshalb streng ich mich an und mach die
nächste Klasse auf der Charles-Dygonne-Schule. Aber vielleicht ist es ja
besser so. Wenn wir andauernd zusammen wären, würden wir uns vielleicht ja
irgendwann miteinander langweilen. Aber so freuen wir uns immer
aufeinander. Und wer weiß? Wenn dein Nikolas sich weiter an dich
ranmacht...vielleicht kommst du ja auf den Geschmack! Ein so gut
aussehehndes Mädl wie du...Und wenn wir irgedwann nicht mehr zusammen sein
sollten..."
"Ach, das klingt ja gerade so, als hättest du jetzt schon vor, dich von mir
zu trennen!"
"Aber nein! Das hat vielleicht so geklungen, aber das sollte es ganz sicher
nicht! Ich denk ja gar nicht dran! Ich bin nur furchtbar eifersüchtig! Du
weißt doch, dass ich dich liebe wie nichts anderes!"
"Na gut. Dann verzeih ich dir. Aber sag so was nie wieder!"
"Okay, ich versprech's!"
"Weißt du schon, mit wem du in eine Klasse kommst? Du Armer! Kennst dann
niemanden...Aber in der alten Klasse hast du's ja auch sofort geschafft auf
der Beliebtheitsskala auf den ersten Platz zu kommen! Ich bin mit all den
coolen Leuten in einer Klasse! Hihi! Auch mit Nikolas. Aber keine Angst, ich
fang doch nichts mit ihm an, wenn ich dich doch hab!"
"Na dann bin ich ja beruhigt! Also, ich wünsch dir einen angenehmen Schlaf
und Träum süß von mir!"
"Natürlich! Von wem denn sonst? Hab dich lieb!"
Ich konnte förmlich sehen, wie er am anderen Ende der Leitung sein süßes
Lächeln lächelte.
"Ja, ich dich auch, Prinzessin auf der Erbse!"
Lachend sagte ich nochmal Tschüss und dann ging ins Bett.
Am nächsten Morgen schreckte ich hoch und saß aufrecht im Bett.
"...a man after midnight! Gimme! Gimme!Gimme! A man after midnight!..." Von
Abba lief plötzlich und hatte mich aus dem Schlaf gerissen. Als ich
bemerkte, dass es nur der Wecker war, sank ich erleichtert zurück in die
Kissen. Ich dachte an die Schule und freute mich sogar ein bisschen. Es
würde schon nicht so schlimm werden.
Felicity gähnte, streckte sich und schlürfte ins Bad.
Aber dann, auf dem Schulweg wurde ich doch nervös. Ich hoffte nur, dass ich
mich nicht vor die Klasse stellen und da irgendwas über mich erzählen
musste. Das wäre so peinlich! Oh Gott! Aber da mich die meisten sowieso
schon kannten, würde es schon nicht so schlimm werden. Und ich denke auch
nicht, dass, wenn die Lehrer sowieso nichts merken, sie mich da vor die
ganze Klasse stellen würden.
Außerdem hatte mir Nick gerade auf dem Schulweg sein Amulett mit der
Alraunenwurzel gegeben, gegen die Aufregung. Ich hatte ihm leider nur einen
Kuss geben und ihm viel Glück wünschen können, aber wir würden beide schon
Anschluss finden. Vor allem ich, weil ich ja schon so viele kannte.
Okay, meine Gedanken drehten sich im Kreis, aber ich war doch ein bisschen
aufgeregt.
Auf jeden Fall standen wir plötzlich vor einem relativ kleinen Gebäude. Zwar
nicht wirklich klein, aber nicht so riesig wie meine alte Schule. Die war
ein riesiges, graues Gebäude gewesen, in dem man sofort ziemlich deprimiert
war, kaum dass man es betreten hatte, weil die Wände alle in einem
braun-grauen Farbton gehalten wurden.
Aber hier betrat man das mit Efeu überzogene Haus mit den vielen, großen
Fenstern und es war immer noch schön hell und freundlich. Die Wände waren
mit einem Gemisch aus Orange, Gelb und Rot gestrichen, also in einem
rot-orange, mit einem stich gelb, was allerdings oft wechselte, anscheinend
ware die Farbe nicht allzugut gemischt worden.
"Es sieht doch gar nicht so schlecht aus hier, oder? Die Wände durften wir
vor einem Jahr selber streichen!"
Okay, dieses Rätsel war also auch schon mal geklärt.
"Mhm. Das sieht man!"
"Hey, sag nichts dagegen! Die Farbe haben wir selbst gemischt!", sagte
Felicity lachend.
"Okay okay, ich sag nichts. Wo müssen wir hin?"
Wir gingen durch die große Aula, in der wir gestanden waren, eine Treppen
rauf, nach rechts an den Toiletten vorbei und dann nochmal rechts in einem
Gang von dem viele Türen weggingen. Wir gingen ganz hinter, bis zu einem
Fenster und traten dann durch die letzte Tür links.
Der Raum war recht groß, überhaupt war die Schule viel größer, als es von
draußen aussah. Der Tür direkt gegenüber waren Fenster, die in einen kleinen
Park herausgingen, den Schulhof. An der Wand links von uns standen zwei
dunkelbraune, schlichte Schränke. Rechts von uns standen Tischreihen mit
jeweils zwei Stühlen hinter jedem Tisch. Es waren keine Einzeltische und das
war gut so, denn sonst konnte man so schlecht abschreiben oder einsagen.
Vor den Tischen waren zwei aufklappbare Tafeln an der Wand angebracht.
Einen Meter vor der Tafel stand ein Pult für den Lehrer. Die Tische waren so
davor angeordnet, dass der Lehrer alle drei Tischreihen mit jeweils drei
Tischen rechts und links vom Gang sehen konnte und der kleiner Gang führte
zwischen den Tischen nach vorne.
Felicity, die es langsam leid wurde, neben mir zu stehen und mich dabei zu
beobachten, wie ich das Zimmer musterte, zog mich auf einene Tisch in der
zweiten Reihe direkt am Gang zu, setzte sich auf den Stuhl am Gang und ich
legte meine Tasche daneben. Felicity und ich hatten beide nur eine kleine
Tasche dabei, sie hatte gesagt ich würde nicht mehr brauchen, weil wir
sowieso nur zwei Stunden oder weniger haben würden. Mir war's nur recht.
Es waren schon ein paar Leute da und begrüßten Felicity und mich, nachdem
sie diejenigen, die mich noch nie gesehen hatten, darüber aufgeklärt hatten,
dass wir Zwillinge waren.
Danach verstand ich mich mit denen, die mich noch nicht gekannt hatten
eigentlich ziemlich gut. Am Anfang kann man das noch nicht so gut
beurteilen, aber ich denke schon, dass wir recht gut miteinander auskommen
würden. Vor allem weil nicht alle drauf los lästerten, als ich in die Klasse
kam. Aber ich glaube auch, dass es daran lag, dass Felicity da war und dass
ich auch ein paar Gespräche von mir aus anfing. Gerade wollte sich ein
Mädchen neben mich setzen, da kam Nikolas rein und warf nur seinen Rucksack
auf den Tisch.
"Hey, siehst du denn nicht, dass ich mich gerade hierher setzen wollte?"
"Ach, wirklich?", sagte Nikolas, setzten sich auf den Stuhl und sah das
Mädchen nur an.
Er hat sie nicht gerade eingeschüchtert, aber ich hätte auch nicht anders
gehandelt als sie und mich einfach eine Reihe vor uns gesetzt.
"Hallo auch. Ja es geht mir gut!", sagte ich mit einem beleidigten Ton zu
Nikolas.
"Hi. Mir auch!"
Okay, wenn er so tat als sei nichts passiert, dann sollte er doch! Ich
drehte mich zu Felicity um. Aber weil sie mit einem anderen Typen redete,
der neben ihr auf der anderen Seite des Gangs saß und weil mir einfiel, dass
es ja nichts brachte, wenn ich sauer war, sondern doch nur kindisch war,
drehte ich mich wieder zu Nikolas um.
"Warum hast du Lousann denn den Platz weggenommen? Du hättest dich doch auch
einfach neben sie setzen können!"
"Na und? Ich will aber nicht neben ihr sitzen, sondern neben dir! Warum
also, sollte ich sie denn einfach hier sitzen lassen?"
"Weil du höflich bist?"
"Ich und höflich? Bitte, komm mir nicht damit!"
"Okay, du bist wohl heute nicht sonderlich gut drauf, ich lass dich wohl
besser in Ruhe!"
"Ach, tut mir leid! Aber schließlich geht heute wieder die Schule los, man
muss früh aufstehen und auch sonst ist es eigentlich nur schlecht! Außerdem
hat mein dämlicher Bruder, der sich immer aufspielt als sei er Jahre älter
als ich, obwohl er nur ein Jahr älter ist, mein Mofa versteckt! Er ist so
ein Idiot!"
"Er hat dein Mofa versteckt? Du fährst Mofa?"
"Ja sicher. Schließlich bin ich alt genug dafür."
"Aber wie kann er denn dein Mofa verstecken?"
"Ach, ganz einfach: er klaut mir meinen Schlüssel, fährt mit meinem Mofa
irgendwo hin, trinkt was, lässt es da stehen weil er dann ja nicht mehr
fahren darf und fährt mit dem Bus heim. Und ich darf ihn dann wieder so
lange nerven, bis er mir sagt wo es ist um es dann abzuholen. Und das macht
er nur um mich zu ärgern!"
"Oh, wie nett von ihm!"
"Ja, das find ich auch! Nur wegen ihm musste ich jetzt zu Fuß zur Schule
gehen. Und das find ich so peinlich! Ich mein, ich bin sechszehn und laufe
zur Schule! Und noch dazu allein, weil mein Kumpel schon weg war! Echt ein
toller Morgen!"
"Das kann ich mir vorstellen. Ziemlich fies von deinem Bruder."
"Jap. Aber egal. Wann kommt denn die Lehrerin endlich?"
Inzwischen waren alle Bänke besetzt und es war sehr laut. Aber da kam auch
schon eine kleine, schlanke Frau mit einer dieser braunen Taschen, die alle
Lehrer haben, unterm Arm herein. Diese Taschen bestellen die wohl alle
zusammen mit einem Großauftrag um einen Mengenrabatt zu bekommen. Die Frau
sah eigentlich gar nicht schlecht aus, wenn sie nicht so riesige Tränensäcke
und so potthässliche Kleidung hätte und zwanzig Jahre jünger gewesen wäre.
Sie hatte kurze, blond-graue Haare und eine Brille. Sie lächelte und
eigentlich war sie mir bis dahin ja ganz sympathisch, aber als sie dann
anfing zu reden, war es auch schon aus. Ich hatte ja bemerkt, dass sie ein
bisschen langsamer ging als andere, aber dass sie auch noch so langsam und
monoton redete, hatte ich mir nicht vorstellen können.
"Hallo. Wir kennen uns ja schon. Also brauch ich ja eigentlich gar nichts
mehr zu sagen. Oh, wie ich sehe haben wir doch einen Neuzugang!Du musst wohl
Magdalena sein. Ich hab schon von dir gehört. Sehr überraschend."
Ach! So wie sie redete, konnte ich mir nicht vorstellen, dass sie auch nur
mit der Wimper gezuckt hatte. Sie guckte nämlich nur müde, mit zu einem
drittel geschlossenen Augen und redete ohne jede Betonung, gleichmäßig und
mit einer langweiligen Stimme.
" Na ja, wie ihr wisst wird diese Jahr wie alle davor werden, da wir vielen
neues Stoff zu besprechen haben..."
Das reichte mir und ich schaltete wie die anderen ab und redete leise mit
Felicity und Nikolas.
"Hey, Fel, Niko, ist die immer so langweilig oder hat sie nur schlecht
geschlafen?"
"Nee, die ist immer so!"
"Oh ja! Aber der Name sagt doch schon alles: Fleur de la Boringe! Man könnte
es fast als: Die Blüte aller Langweile übersetzen!"
"Und so ist auch ihr Unterricht! Das dumme ist nur, dass man nicht aufpasst
und dann alles daheim lernen muss!"
"Aber das nehmen wir gerne in Kauf, wenn wir dafür tun dürfen was wir
wollen."
"Das kann ich verstehen! Aber macht sie denn nichts dagegen, dass alle tun
was sie wollen und ihr keinerlei Aufmerksmakeit schenken?"
"Nein. Wir haben uns sozusagen stumm darauf geeinigt, dass sie macht was sie
für richtig hält und wir auch."
"Ja, wir müssen nur selbst dafür sorgen, dass wir einigermaßen bescheid
wissen und dürfen nicht zu laut sein damit die anderen Klassen nicht gestört
werden."
"Aber versuch gar nicht erst, ihr zuzuhören! Denn du würdest zu hundert
Prozent einschlafen!"
"Ja, wie der Schletta, wir nennen ihn immer nur beim Nachnamen, da vorne
links in der letzten Reihe. Schau ihn dir an, er schläft immer. Er ist nicht
der beliebteste, aber auch kein Außenseiter. Jedenfalls zieht er es vor zu
schlafen, als mit den anderen zu reden. Aber er ist nicht der einzige. Auch
seine Freundin neben ihm döst nur vor sich hin."
Ich sah hin und tatsächlich! Der Schletta lag mit dem Kopf auf seinen
gekreuzten Armen und das Mädchen neben ihm saß mit halb geschlossenen Augen
daneben.
"Und die beiden sind zusammen?"
"Ja, die passen ja auch zusammen! Schau sie dir nur mal an..."
"Hach muss das romantisch sein, wenn die beiden was zusammen machen! Im Bus:
Schlafen! Im Schwimmbad: Schlafen! Im Kino: Schlafen..."
Beide lachten leise und wir redeten noch ein bisschen. Nach der Stunde ließ
uns die Lehrerin nach Hause gehen. Aber wir gingen sowieso alle zusammen in
die Stadt und in eine Eisdiele. Zum Glück in eine andere, als in die, in der
Felicity und ich gewesen waren. Der Kellner hätte sich sicher noch an uns
erinnert. Der Tag wurde noch ziemlich lustig und ich dachte nur, dass mein
erster Schultag ja ziemlich locker verlaufen war.
Danach gingen Fel und ich nach Hause, holten unsere Badesachen und gingen an
den See. Irgendjemand war immer da, so auch heute. Auch Nick war da und
wartete auf mich. Er hatte auch schon eine Decke für uns beide ausgebreitet.
Wir hatten Spaß, machten eine Wasserschlacht und hatten nur einen schönen
Tag. Die Sonne gab nochmal ihr bestes und wärmte uns mit ihren letzten
Strahlen. Das würde wahrscheinlich bald vorbei sein, denn es war schon
Anfang Oktober.
"Und, wie war dein Schultag?"
"Ach, ganz okay. Genauso wie in der alten Schule halt. Aber viel wichtiger:
Wie war dein Tag? Waren alle nett zu dir? Das will ich doch hoffen, sonst
muss der böse Nick kommen und allen den Hintern versohlen!"
"Ja, es waren alle nett. Nur die Lehrerin war so was von langweilig, das
kannst du dir echt nicht vorstellen!"
"Doch, das kann er. Ich hab sie auf meinem Handy aufgenommen und es dann als
Klingelton für meine Mutter genommen...Hier!", sagte ein blonder Junge und
reichte uns sein Handy. Wir drückten auf Wiedergabe und hörten: "Auch in
Bordeaux war die Seehundschlacht...oh entschuligt, die Hexenverbrennung sehr
verbreitet. Jede, die anders aussah oder einen schlechten Ruf hatte wurde
zwangsmäßig..."
Nick sah mich erschrocken an und sagte:
"Wie kann ein Mensch so langweilig und monoton sprechen? Die betont ja gar
nichts! Die hat ja sogar bei "oh, entschuldigt" weitergeredten als wäre
alles eingeplant gewesen! Da muss man ja einschlafen!"
Ich erzählte ihm von Schletta und er nickte nur mit dem Kopf.
"Aber sonst ist bis jetzt alles okay. Alle sind voll nett und unterhalten
kann man sich bei ihr super. Die anderen Lehrer hab' ich ja noch nicht
kennen gelernt, aber wenn die alle so sind... Die Klasse hat eine Art
stummen Kompromiss mit der Lehrerin geschlossen, sie heißt übrigens Boringe,
der besagt dass die Klasse leise reden darf und lernt, die Lehrerin vorne
stehen und ihren Untrericht machen kann. Ist das nicht cool? Warum war
unsere alte Klasse wohl so unfähig ein bisschen Klassenzusammenhalt
aufzubauen? Wir hätten so viele Vorteile haben können! Aber komm schon,
erzähl ein bisschen von dir! Ich find es zwar sehr nett, wenn du erst wissen
willst, wie's mir ergangen ist, aber ich will doch auch wissen wie's dir
ging! Ach ja, nicht dass ich's schon wieder vergesse, dir dein Amulett
zurückzugeben, hier!"
Ich legte es ihm um den Hals, er zog mich zu sich heran und küsste mich auf
die Nasenspitze.
"Mir ging's ganz gut. Dein Kuss hat mir Glück gebracht! Ich kam in die
Klasse, musste mich kurz vorstellen..."
"Oh Gott! Das wäre ja mein Albtraum gewesen! Meine Lehrerin hat mich nicht
mal richtig zur Kenntnis genommen! Erzähl weiter!"
"...hab meine normale Coolness gezeigt und war sofort der Mädchenschwarm und
Aufmerksamsmittelpunkt nummer eins. Wie in der alten Klasse, nur dass es
hier keine dämlichen Mädchen gibt, die angerannt kommen, dumm kichern und
irgendeinen Mist labern, wie die tolle Kathrin aus der alten Klasse."
"Und, ist es denn schön, von allen angehimmelt zu werden? Und wie immer so
beliebt zu sein?"
"Och ja, eigentlich schon...Ich kann mich nicht beklagen!"
"Ja schon, aber was machen denn die Mädchen, dass du sofort weißt, dass sie
dich mögen?"
"Sie sehen mich an wie du, nur ein bisschen herausfordernder. So als wollten
sie mich mit ihren Blicken ausziehen..."
"Und das gefällt dir, gell?"
"Oh ja. Wem würde es denn nicht gefallen, von allen angehimmelt zu werden?"
"Na du bist aber gar nicht eingebildet oder so?"
"Ach, ich doch nicht!"
"Ja, das merkt man! Aber zur Abwechslung darfst du dich jetzt auch ein
bisschen körprlich betätigen! Hier!", sagte ich und reichte ihm die
Sonnencreme zur Ablenkung. Schließlich sollte er nicht auf den Gedanken
kommen, an andere Mädchen zu denken!
"Oh, ich habe die Ehre deinen göttlichen Körper zu berühren? Noch dazu fast
nackt! Das ehrt mich aber!"
"Los, fang an, Sklave! Red' nicht so viel!"
Es macht echt Spaß, von jemanden eingecremt zu werden! Nick konnte das
richtig gut! Und es kribbelte so schön!
"Mmmmhhh, Nick, das machst du aber sehr gut!"
"Ich weiß! Und ich hoffe es gefällt der göttlichen Majestät!"
"Ja, sehr, aber wenn du gehört hättest was ich gesagt habe, dann hättest du
eigentlich gar nicht nochmal fragen müssen!"
"Oh, aber ich war doch so mit deinem wunderbaren Körper beschäftigt!"
"Na gut, dann vergeb ich dir nochmal!"
"Ach, ich bin so froh, dass ihr mir vergebt! So, dein Rücken ist jetzt
fertig, was noch?"
"Na, meine Beine dürfen doch auch nicht verbrennen, oder?"
"Ja, Majestät!"
"Hey! Die Oberschenkel sind nicht wirklich nötig! Die mach ich schon
selbst!"
"Ach, du hast gesagt, ich soll die Beine machen, also mach' ich das jetzt
auch! Selbst dran schuld! Ich versprech' dir auch, dass ich dich nicht
unsittlich berühre!"
"Ach, das hätte ich doch nie gedacht!"
Aber genießen tat ich es schon. Ich liebte es, wenn ich ehrlich sein sollte.
"Weißt du was, hiermit ernenne ich dich zu meinem persönlichen Eincremer!"
"Es ist mir eine Ehre und ich fühle mich sehr geschmeichelt! Und jetzt dreh
dich um, sonst wirst du ein Only-Back-Brownie!"
Er malte mir mit der Sonnencreme ein Herzchen um den Bauchnabel und
verstrich es dann.
Dann ein Tupfer auf die Nase, verstrich es und dann war er fertig.
"Du bist soooooo süß!"
"Und du bist soooooo viel süßer, Prinzesschen!"
"Ach, danke mein Süßer! Ich hab dich lieb!" Ich schmiegte mich an ihn und
spürte seine Haut.
"Und ich dich noch mehr!" Ein Kuss. Es war so schön. Mein Leben ist schön.
Endlich.
Kommentare
Melli schrieb am 2006-04-18 12:22:56:
Hey diese Geschichte ist echt mega geil!!! Nur ein einziges hat mich sehr verwundert : "Ich zog mir meine neue Jeans und das dunkelgrüne Top und die schwarze Hose
an" Wieso zieht die denn zwei Hosen übereinander an? ;-) LG Melli
Sweet-Liz@gmx.de schrieb am 2006-02-28 17:33:16:
Vielen vielen dank für die aufmunternden kommentare!Hab, um ehrlich zu sein, seit drei jahren nich mehr geschaut was so für reaktionen kamen...
also neue geschichten wirds nicht geben weil ich mich jetzt auf gedichte umgestellt hab.
Ich hab nichts davon erlebt, aber zu der zeit war ich verliebt&weil ich ihn nich kriegen konnte hab ich einfach vor mich hingeträumt und dann die träume zu ner geschichte ausgebaut...war damals echt guttuend...
ich finds echt erstaunlich dass so viele die geschichte überhaupt gelesen haben weil ich sie inzwischen auch voll kitschig und grottenschlecht find und sie is echt bissl lang...DANKE!!!LG,Liz
Bienchen@lycos.de schrieb:
Wow, deine story ist echt cool! Ich finds toll, dass du so was langes schreiben kannst, was trotzdem nicht langweilig wird!Biene
Bianca.Bilkos@gmx.de schrieb:
Hey Lilly! Fettes Kompliment an deine Geschichte! Woher kriegst du nur die Ideen? Es passiert ja echt viel!Und ich muss biene zustimmen, es wird einfach nicht langweilig!
MelliMel@hotmail.com schrieb:
Ich find deine geschichte auch supergeil, aber irgendwie ist sie auch ziemlich kitschig!Allerdings ist es doch genau das richtige für teenies...eine richtig schöne schnulzige Romanze!Weiter so!
Robin-Äktel@web.de schrieb:
bis jetzt haben ja nur mädchen geschrieben, aber dann muss ich mein geschlecht vertreten: die geschichte ist (wenn man mal über die länge und den schluss hinwegsieht) ziemlich gut. denkst du daran, weitere geschichten zu schreiben?Hoffentlich! Wie wärs mit ner kurzgeschichte? denn, um ehrlich zu sein, ich bin kein mensch der gerne lang liest, obwohl es sich bei dir ja echt lohnt!Super!
Sweet-Liz@gmx.de schrieb:
Danke danke!Ich hätte nie gedacht, dass es lob für mich geben würde, denn ich persönlich find die geschichte nicht grade gelungen.
An robin:ja, ich hab schon noch mehr geschrieben aber das will ich nicht umbedingt hier ins internet stellen. es ist außerdem wieder ein buch und somit nichts für deinen geschmack*g* aber danke, ich fühle mich geschmeichelt!
ali.com schrieb:
Deine Geschichte ist SUPER GUT!!!
Dickes,fettes Lob an dich!
WEITER SO!!!!
von sara alias lay schrieb:
WOW, deine Geschichte ist ja fast ein richtiges Buch! vom inhalt könnte es auch ein buch sein - dickes kompliment! (vielleicht schickst du es ja einfach mal an einen verlag? nur so als versuch und zum spaß?)
älliopte@web.de schrieb:
hey...
also zu erst mal: echt krass wieviel du geschriem hast...so is sie ja ned schlecht,ich find sie nur a wengal zu unrealistisch im bezug darauf wer da alles stirbt u.die adoptionen...also so gzsz mäßig...aba ansonsten echt schön :)
mehrmehrmehr!!
sasa
PamelaMary@web.de schrieb:
Man oh Man is des Geil! fettes lob!!!! Vom Anfang bis zum Ende Spannung! Ich bin ein Typ die lange Geschichten liebt also weiter so!! greez pami
PamelaMary@web.de schrieb:
Hey Lilli ich bins noch mal!!!! ich wollt fragen ob du mir die Geschichten die du nicht ins Internet rein stellst per e-mail schickst???? Ich würd mich voll drauf freuen!!!! Es müssen abba net nur lange Geschichten sein sondern auch kurze!!! mfg Pami
hexemadlen@web.de schrieb:
Hi!
Also, deine Geschichte ist echt hammer! Ich finde sie echt gut,die Idee von Pami(Falls ich dich so nennen darf) finde ich aucg gut!*g* Schickst du mir vielleicht auch ein paar? Ich könnte dir auch mal welche von mir schicken und wir können"Erfahrungen" austauschen! Mach auf jeden fall weiter so!!!!!!!!!
mADI
sandra@schiewald.de schrieb:
Hi Lilly,
super Geschichte...hat echt Spaß gemacht, sie zu lesen! Kompliment an die Autorin ;o)!!
katharina.jaschinski@web.de schrieb:
Ich konnte mich nicht losreisen. Manchmal entstand der Eindruck, dass du versucht hast, alles, was das Leben so kaputtmacht in Ordnung zu bringen. Ich wünschte, dass man das auch könnte. Nicht richtig klar ist jedoch, warum Nick "gezwungen wird", und wie, Maggi eine Abfuhr zu erteilen. Ich hab mich etwas schwer getan, mir vorzustellen dass seine Adoptivfamilie etwas daran lag, mit wem er ausging. Es wäre ogischer, wenn das so eine Art seine Kurzschussreaktion in schwerst gereitzter Laune war. Aber die ganze Geschichte hat mir gefallen.
Es passiert nichts unerwartetes mehr, nachdem sie wegläuft, ab da ist alles gut, besser und berechenbar. Es ist eine schöne Geschichte. Ich war auch mal in so einer Situation, in der ich unbedingt ein neues Leben gebraucht habe, samt neuer Umgebung, und kann das so gut nachempfinden. Einiges davon(oder alles?) hast du wirklich erlebt, oder. Wirklich, echt super.
katharina.jaschinski@web.de schrieb:
PS:Andere geschichten? die will ich auch lesen!!!Wie weiter oben so schon steht. mehrmehrmehrmehrmehr!
michaelw24@arcor.de schrieb:
Hey ich fand die Geschichte einfach spitze ! Ich konnte mich garnicht mehr losreißen und habe die Geschichte in zwei tagen fertig gelesen . Frage hast du das selber erlebt osder auch halb ? Oder einfach erfunden ? Fand sie aber echt klasse und ich gebe dir mal nen Tipp : würde deine geschichte wirklich mal einen Verlag schicken . Dann wirst du sehn was passiert aber auch wenn du nicht genommen wirst schreibe weiter weil deine Geschichten sin weltklasse !Kornelia
lizzy schrieb:
Deine Geschichte ist super mega geil!!! Du solltest unbedingt weiter schreiben!! Würd mich freuen noch ein paar geschichten von dir zu lesen. Schick sie mal wirklich an einem Verlag. Mach weiter so!!!
Mit freundlichen Grüßen
Lizzy
Ps: Schreib für uns no a paar. Du kannst es echt gut!
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