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Kategorien > Beziehungen > Liebe

Lektionen in Demut

von Charlette_vio

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Lektion in Demut

Mike saß still und gedankenverloren in diesem weißen Raum, dessen Sterilität ihn geradezu anwiderte. Immerzu reflektierte er die Geschehnisse der vergangenen Tage. Was hatte er nur getan? Sein einst bester Freund lag seinetwegen im Krankenhaus. Zwar hatte er sich im letzten Moment noch richtig entschieden und sich für ihn stark gemacht. Dennoch kam alles Eingreifen zu spät. Es ging alles so schnell. Alleine hatte er keine Chance. So endete auch er am Boden. Wurde dann gefunden und ins Krankenhaus gebracht. Dort, alleine in diesem kahlen Raum erkannte er zum aller ersten Mal so richtig was eigentlich aus ihm geworden war.

Nun saß Mike hier und starrte, wie so oft die Tage, Löcher an die Wand. Es waren seit dem Übergriff seiner ehemaligen Clique bereits einige Tage verstrichen, in denen seine physischen Wunden noch immer nicht geheilt waren. Auch die Blessuren, die er Phil so vehement zugefügt hatte, hatten ihre Spuren hinterlassen. Als dieser das Bewusstsein wieder erlangt und den vor Sorge fast krank gewordenen Mike vor sich sitzen sah, hatte dieser kein einziges Wort mehr für ihn übrig. Zu tief saß die Enttäuschung und auch der Hass, den Phil für Mike empfand. Wie hatte er ihm das nur antun können? Alles nur um seine eigene Haut zu retten? All dies nur, weil er ausgerechnet Gefühle für seinen besten Freund entwickelt hatte?
Alles Bitten um Gehör hatte keinen Sinn. Alles Betteln um Einlass in Phils Seele war vergebens. So musste Mike schlechten Gewissens einsehen, dass er seinen Freund wahrscheinlich durch seine Missetat ein für alle Male verloren hatte. Wieso hatte er sich nur dazu bereit erklärt Phil in diese Falle zu locken? Der ausschlaggebende Grund für Mikes Handeln war wohl der gewesen, dass er den Verdacht er sei schwul von sich schieben wollte. Er durfte diese Gefühle nicht haben! Es nicht zulassen, dass er sein Ansehen verlor und sich selbst eingestehen sollte, dass ausgerechnet er – der starke Kämpfer, der Anführer seiner Gang – ein Homo war!
Doch seit seinem Verrat hatte er genug Zeit zum Nachdenken gehabt. Und immer wieder stellte er sich nun die Frage: Wie sollte er mit dieser Schuld nur weiter leben? Wie sollte er das Geschehene jemals wieder gut machen?
Mit einem Mal hatte Mike es verstanden. Seine Gefühle, die er all die Monate gekonnt unterdrückt und verdrängt hatte, waren in diesem einen Moment aufgebrochen. Mike hatte Phil nicht schlagen können. Eine Stimme in ihm, die vorher so kleinlaut sprach, donnerte in diesen Sekunden, in denen er mit geballter Faust vor Phil stand, auf ihn ein. Es waren erste Zweifel daran, ob er wirklich bereit war so weit zu gehen. So weit vorzupreschen einen Menschen dafür zu bestrafen, nur weil er Gefühle hat? Nur weil dieser sich eben ausgerechnet in ihn – Mike – verliebt hatte? Das war nicht er selbst. Dieser Mensch wollte Mike niemals sein. Deshalb stand er nur regungslos da, als er in diese dunklen Augen sah.
All das war nur geschehen, weil er sich seine wahren Gefühle nicht eingestehen wollte. Alles nur, um sich und seinem Ego zu beweisen, dass an den „Gerüchten“, die seine Ex vor den Jungs verbreitet hatte nichts dran war. Mike war bereit gewesen sich mit allen nur erdenklichen Mitteln aus dieser Schlinge, die er sich selbst um den Hals gelegt hatte, wieder zu befreien. Alles nur, um der Wahrheit nicht ins Auge sehen zu müssen.

Um Mike war es still geworden. Wo er Tage zuvor noch alles in ihm Sturm lief, war nun ein ruhiger und gleichmäßiger Rhythmus. Von draußen, durch dieses kleine, karge Fenster, schien ein dumpfer Schein, welcher seine Augen flutete und Licht ins Dunkel der Nacht brachte. Obwohl die Rastlosigkeit in ihm wenigstens für diesen Moment ein Ende hatte, war die Stille um Mike herum kaum zu ertragen. Das Gefühl der Schuld und der Sorge um Phil machte ihm nachwievor schwer zu schaffen. Um sich auf andere Gedanken zu bringen, schaltete Mike seinen IPod ein und ließ sich von Musik beriseln…

Schalte deine Reflektoren ab, Falke
Reflektionen sind hier fehl am Platz
Ich verwalte deine Welt für eine Weile
Gib' dich mir ganz hin
bis ich tief in dir drin endlich allein mit dir bin
Du kannst dich deiner Lektion nicht entziehen
Egal ob du dich mir stellst
Du kannst vor allem fliehen nur nicht vor dir selbst
Du redest dich um Kopf und Kragen als ob's um dein Leben ging
und alles Glück dieser Welt an deinem Ego hing
Als er die Klänge in seinen Ohren vernahm musste er sich eingestehen, dass er nicht länger im Stande war vor sich selbst zu fliehen. Es gab nun keinen Weg zurück mehr. Fast hätte er alles was ihm etwas bedeutete – diesen einen Menschen – für immer verloren. Lange hatte Mike dies nicht wahr haben wollen, versucht sich einzureden, dass Phil sich nur einbilde, dass er etwas für ihn empfand. Etwas, das weit über Freundschaft hinaus ging und diese Barriere schon bei ihrer ersten Berührung durchbrochen hatte. Dass all dies nur Reflektionen von Phils Sehnsüchten wären, die der Wahrheit, die Mike zu kennen glaubte, keineswegs gleich kamen. Alles nur Lügenkonstrukte um seine Welt ins Schwanken zu bringen. Ammenmärchen, um ihn in Phils Arme zu treiben.
In diesen bangen Stunden, fast krank vor Sorge, hatte Mike verstanden, dass er Phil damit durch und durch Unrecht getan hatte. Es war an der Zeit diese Lektion zu lernen, sich seine Fehler einzugestehen. Auch wenn diese Lektion einen derben Nachgeschmack in sich barg – es hatte wohl geschehen müssen. Um Mike wach zu rütteln und ihm bewusst zu machen, dass es keinen Sinn machte, sich in Lügen zu verstricken. Die Wahrheit findet immer einen Weg. So wusste nun fast jeder bescheid: Seine Ex, seine ehemaligen Freunde und so auch er….
Du willst ein Held sein
Dein Kartenhaus fällt ein
Denn deine Welt kann nur ein Spiegel deines Selbst sein
Du bist allein nur ein halber Mensch
So fehlbar
Und die Stimmen in dir drin sind unzählbär
Doch vergiss' nicht
Vor dem Sturz steht der Hochmut
und nach dem Fall folgen Lektionen in Demut
Ja, Mike wollte ein Held sein – der harte Kämpfer. Angehimmelt von seiner Gang, an seiner Seite eine schöne Frau, die ihm das wohlwollende Ansehen verschaffte, nach dem er sich all die Zeit gesehnt hatte.
Statt auf Phil zu hören, dass er in seiner blinden Wut schon längt begonnen hatte einen falschen Weg einzuschlagen, hatte Mike ihn auch noch vor den anderen angeschwärzt. Ihn als Verräter entlarvt. Als Deletanten, der bereit war ihr Vorhaben zu durchkreuzen. Nur, weil Phil ihm drohte zu den Bullen zu gehen. Um Mike vor sich selbst zu beschützen und ihm Einhalt zu gebieten.
Angetrieben von den Stimmen seiner „Freunde“ und der in seinem Inneren, in dem Bestreben seine eigene Haut zu retten, hatte Mike sich auf dieses Unterfangen eingelassen und das Vertrauen seines ehemals besten Freundes missbraucht.
Sein Herz, seine Einsicht, dass all dies falsch war, hatte sein Kartenhaus zum Einsturz gebracht. Seine Tarnung war, als er sich zwischen Phil und die Meute stellte,

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