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Kategorien > Absurd > oder etwa doch nicht?

Liebe, Einsamkeit, zu Hause

von Patrick N. Winters

1

„Laesst du mir noch Geld hier?“
„Warum zur Hoelle brauchst du schon wieder Geld?“
„Ich bin erst um sechs zu Hause, und ehrlich gesagt haette ich noch gern was zum Essen in der Arbeit.“
Sie nimmt ihre Geldboerse und kramt unbestimmte Zeit darin herum, um ja den kleinsten Betrag ausfindig zu machen, der seinen Endweck im Essen beschaffen und nicht in der Trafik finden wird.
„Hier hast du etwas.“
„Danke.“
Sie nimmt ihre Autoschluessel, das Letzte was ich von ihr hoere sind die Schritte durch den Hof, das Haustor und das Anlassen des Motors, der Sekunden spaeter aufheult und Benzin pumpt. Sie faehrt weg. Sie ist weg. Ich bin allein.
„Du bist allein.“
„Ich weiß“, murmle ich und hebe den Kopf.
Da sitzt er. Mir gegenueber. Und sieht mich an.
Mephisto.
„Wo willst du hin?“
„Nach Hause,…“
„Ich weiß,… Du siehst muede aus, verdammt muede.“, sagt er und mustert mich.
„Ich bin auch muede. Du setzt mir zu.“
„Ja hab ich? Ich weiß. Aber ich kann dich beruhigen. Es ist vorbei.“
„Was ist vorbei?“
„Es. Dein Leid. Deine Bestimmung. Dein Leben. Ach nenn es doch wie du willst.“
„Warum sollte es ein Ende gefunden haben? Warum sollte ich kein Leben in mir tragen aber gleichzeitig noch leben? Und warum zur Hoelle sollte ich dir glauben? Dir. Mephisto. Der Herr des Hasses, der Luege und des Schmerzes? Warum sollte ich dir glauben?“
„Ach ja mein Freund, wie soll ich sagen? Es ist nun mal vorbei. Du bist nicht der Einzige der muede ist.“
Ich sehe ihn an. Sehe was ich immer sehe. Ein Skelett, mit mehr oder weniger noch vorhandener Haut auf seinen Knochen. Ein langer schwarzer, schwerer Mantel mit großer Kapuze die er fast nie wirklich oben hat. Heute auch nicht. Ich sehe das Gewuerm in seinem Schaedel, sehe wie es sich windet, wie es krabbelt. Sehe seine Augenhoehlen die von einem so durchdringenden Schwarz gefuellt sind, dass sogar das Gewuerm nicht erkennbar ist. Aber tatsaechlich, er sieht muede aus.
„Wie kann ein so normaler, schwacher Mensch wie ich, dich ueberfordern?“
„Du bist es nicht allein, mein Freund. Es gibt viel zu tun auf dieser Welt. Viel zu tun,…“
„Und warum hoerst du dann bei mir auf? Warum, nach all den Schmerzen und dem Leid das du mir angetan hast, hoerst du jetzt auf?“
„Weil ich mich geirrt habe, mein Freund. Es tut mir leid, auch ich irre mich ab und zu,…“
„Wie kannst du dich irren? Was meinst du?“
„Hoer mal zu. Immer wenn ich zu dir kam, begann ich meinen Hass in dich einzufuellen, wie in einen Krug mein Freund. Du begannst dich zu wehren. Wir kaempften, und durch deinen Hass zog ich meine Kraft. Ich wurde staerker du begannst dich selbst zu hassen und dich selbst zu foltern, dich zu quaelen. Nur war es nicht so. Es gibt nur einen Punkt der dich verletzen kann, und das ist sie.“
„Das ist wahr.“
„Unterbrich mich bitte nicht, mein Freund. Jedenfalls wolle ich deinen Hass auf dich mehren um dich dich selbst toeten zu lassen. Nur war es nicht der Hass der dich so selbstzerstoererisch machte, sondern die Liebe.“
„Wie meinst du das?“
„Ich habe deinen Hass nicht gemehrt, sondern dich auf deine Liebe zu ihr hingewiesen. Ich habe dir deine Angst sie zu verlieren so oft vor Augen gehalten und dabei etwas nicht bedacht. Naemlich das du zwar Angst hast sie zu verlieren, aber die Angst sich nur daraus begruendet das du meinst sie nicht zu verdienen. Du meinst sie ist um so viel besser als du, und kommst dir dadurch wie ein Schwindler vor. Du glaubst sie ueberschaetzt dich maßlos, und in Wahrheit wartest du jeden einzelnen Tag darauf, dass sie dir dahinter kommt und dich verlaesst. Du hast dich nicht geschlagen aus Angst sie zu verlieren. Sondern als Bestrafung fuer deine Luegen. Ich hab dich am Anfang unseres kleinen Gespraeches gefragt wohin du willst, und du hast geantwortet, dass du nach Hause willst. Obwohl du zu Hause bist.“
„Wie kommst du darauf?“
„Das will ich dir erklaeren, mein Freund. Jeder Mensch sieht sein zu Hause als einen Ort wo er Ruhe und Geborgenheit findet. Jeder Mensch sucht Schutz in seinem zu Hause, und Schutzsuchen ist eigentlich jeden Menschen wichtigster Instinkt. Doch aus einigen Menschen, denen das Leben zu sehr zugesetzt hat, weil sie nicht damit umgehen koennen, wird aus Schutzsuchenden Liebende. Sie wollen keinen Schutz, sie wollen Liebe. Geben und nehmen. Sie wollen sich verschenken, gegenseitig. So was ist doch Ekel erregend, findest du nicht auch mein Freund? Jedenfalls bist du einer von diesen kranken Subjekten, die nicht auf sich selbst aufpassen sonder auf ihre Liebe. Zu Hause ist fuer dich kein Ort, der Ort ist bei dir unwichtig. Du willst nur bei ihr sein, du willst mit ihr reden, sie kuessen, und Liebe geben in jeder erdenklicher Weise. Du bist unheilbar krank mein Freund, und ich bin kein Arzt. Du suchst einen Ort an dem du ewig mit ihr zusammen sein kannst, nur mit ihr. Und ich glaube du wirst in bald finden. Was machst du da eigentlich, mein Freund?“
Bei seinen letzten Worten, war ich in die Kueche gegangen.
„Du bist allein, mein Freund.“
Ich griff zu einem Messer, sah ihn an und sprach:„Ich glaube aber nicht daran,…“
Mit diesen Worten ging ich los.
„Was machst du mit dem Messer, mein Freund?“
„Ich gehe.“
„Wohin gehst du, mein Freund?“
Ich blickte hoch und sah ihm in die lehren Augen,
„Nach Hause,…“,
und schloss die Badezimmertuer.

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Kommentare

Lucie Li schrieb am 2007-01-29 19:27:04:
Sehr zum Nachdenken. Auch ein gelungenes Werk.

Liebe Grüße
Lucie
Lexa schrieb am 2007-01-05 20:53:26:
Ja, ich bedauere die großen Werke von Goethe und Schiller immer noch nicht gelesen zu haben, fühle mich sehr gut aufgehoben in der Geschicht, bis sie plötzlich kippt, nach ""Wie kommst du darauf?"".
Andererseits ist, wenn überhaupt, Mephisto dafür da, um ihm zu widerstehen. LG Lexa

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