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Kategorien > Kurzgeschichte > Drama

Lieben ist Leiden

von Slade

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"Denn Liebe ist stark wie der Tod und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich."
Hohelied Salomos 8,6


Ich werde die Geschichte nicht so erzählen, wie sie passiert ist, sondern so wie ich mich an sie erinnere.
Die Zeit meiner Erkenntnis ist spät, mein Leben sieht schon das Ende am Horizont, daher müssen meine Gefühle für ein Mädchen, das ich in meiner späten Jugend kennengelernt habe, nun endlich enträtselt werden. Ich schildere hiermit mein am besten gehütetes Geheimnis, meine erste Begegnung mit der Liebe. Mit der echten und wirklichen Liebe, die mir die Augen öffnete, den wahren Inhalt dieser Empfindung zu erkennen.
Anfang der zwanziger Jahre dieses Jahrhunderts lernten sich meine Eltern John Barton und Shibata Asumuri in Japan kennen und lieben. Sie beschlossen, in Amerika zu heiraten und nachdem sie in die Heimat meiner Mutter zurückgekehrt waren, kam ich zur Welt. Doch bei meiner Geburt starb meine Mutter und ich konnte sie deshalb nie kennenlernen, aber ich habe sie immer tief in meinem Herzen getragen, so daß sie mir selten als eine Mutter fehlte. Mein Vater gab mir den Namen Christoph und wir wohnten bis zum Ende des 2.Weltkrieges mit meinen Großeltern in Takehara, der Ort in dem ich aufwuchs und zur Schule ging. Dort lernte ich auch sie kennen. Lin Cara Meriney hieß das Mädchen, und meine Hände zittern heute noch ein wenig, wenn ich ihren Namen schreibe.
Ich kann mich noch genau an den Duft der Bücher und der frischen Tinte auf dem Papier vor mir erinnern, als wäre es erst gestern gewesen. Es war der Tag, an dem ich es zum ersten Mal fühlte. Ich saß an einem kleinen, runden Tisch am Rande der alten Bücherei meiner Universität. Vor mir lag ein Buch. Es hatte einen braunen, abgenutzten Umschlag, an den Titel kann ich mich allerdings nicht mehr erinnern. Ich saß vor jenem Buch, starrte auf die schwarzen, japanischen Schriftzeichen und ließ mich ahnungslos von der Strömung des Schicksals treiben...

»Kann ich mich neben dich setzen?«
Chris schaute von seinem Buch auf. Neben ihm stand Lin, eine Freundin von ihm, und sah ihn mit strahlend grünen Augen an.
»Hi, Lin! Klar, setze dich!« sagte Chris und zog den Stuhl neben sich ein wenig zurück.
»Was liest du da?« fragte sie, nachdem sie ihre Tasche unter den Tisch gelegt und Platz genommen hatte.
»Ach, nichts besonderes«, antwortete Chris und zuckte mit den Schultern. »"Der Sinn des Lebens und ähnliche Kuriositäten" lautet der Titel. Spannend, oder?« Er zuckte mit den Schultern. »Philosophie.«
Lin holte ein Buch aus ihrer Tasche und legte es auf den Tisch. »Mathe«, sagte sie und rümpfte dabei ihre Nase. Sie lachten beide und lasen dann schweigend in ihren Büchern. Doch Chris konnte sich nicht lange in die komplizierten Formulierungen seines Buches vertiefen, immer wieder mußte er Lins Gesicht betrachten.
»Was macht ihr eigentlich dieses Wochenende?« fragte sie dann unvermittelt und ertappte Chris, wie er sie anschaute. Er lächelte verlegen. »Imari hat mir erzählt, daß ihr vier, Miyoshi, Kawanoe, du und sie selbst, zu irgendeinem See wollt. Imari hat mich gefragt, ob ich nicht mitkommen wolle.«
»Wir fahren zum Jambarasee«, erklärte Chris. »Miyoshis Eltern haben dort eine kleine Holzhütte... Und, kommst du mit?«
Lin lächelte nachdenklich. »Die Ruhe der Natur um sich herum genießen, jeden Morgen im kalten Wasser des Sees schwimmen, abends am Kaminfeuer sitzen und sich leise Geschichten erzählen... Klar komme ich mit!« Dann überlegte sie einen Moment. »Das heißt: Wenn ich darf! Aber wann geht's denn...«
Sie schaute plötzlich auf die Wanduhr, die über der gewaltigen Eingangstür der Bibliothek hing und fluchte leise. »Entschuldigung, aber ich habe leider etwas völlig vergessen!« Sie lächelte. »Ich will mir noch ein paar Sachen für die nächste Klausur geben lassen.« Dann stand sie auf und schob den Stuhl wieder an den Tisch. »Treffen wir uns nach den Vorlesungen beim alten Baum auf dem Schulhof?«
»Ja, klar«, sagte Chris, »ich werde da sein.«
Lin verabschiedete sich mit einem bezaubernden Lächeln und kehrte Chris den Rücken zu.
»Ich werde da sein«, wiederholte er murmelnd.

Sie verabschiedete sich mit einem Lächeln. Eigentlich lächelte sie immer ein wenig, aber dieses Lächeln in der Bibliothek machte mir klar, daß ein Feuer in meinem Herzen entfacht war. Ein Feuer, das offenbar immer nur darauf gewartet hatte, entdeckt und entfacht zu werden. Ein Feuer, das nie wieder gelöscht werden konnte.
Wie geplant, verbrachten wir das folgende Wochenende mit unseren Freunden am Jambarasee, doch ich konnte ihr dort nicht sagen, was sie wissen sollte, denn ich hatte mich verändert. Das Verhältnis zwischen ihr und mir hatte sich verändert, klammheimlich und schleichend, ohne daß es einer von uns Beiden gemerkt hatte, doch die Veränderung war schon besiegelt. Ich liebte sie, völlig im Ungewissen, ob sie es schon wußte oder ob sie auch so empfand und ihr Herz meinem geöffnet war.
Die Tage verstrichen und die Flammen in mir loderten jedesmal hell auf, wenn ich Lin traf, was in der folgenden Zeit immer öfter geschah. Irgendwann einmal hat mich Miyoshi gefragt, was ich eigentlich in Lin sehen würde, und ich habe ihm geantwortet, daß ich mein ganzes Leben in ihr sehe. Fortan hatte ich den Eindruck, als wüßte die ganze Uni von meinen Gefühlen zu ihr, obwohl mir Miyoshi glaubhaft versicherte, daß er niemandem etwas erzählt hatte.
Wie auch immer, eines Tages raffte ich meinen ganzen Mut zusammen und ging zu ihr. Zu ihr nach Hause.

Chris stand vor einer rostigen, halboffenen Pforte, und es schien so, als lüde sie jeden Besucher freundlich ein, das Grundstück dahinter zu betreten. Doch Chris hatte ein mulmiges Gefühl im Bauch, die Furcht davor, sie tatsächlich zu Hause anzutreffen, also blieb er zögernd stehen.
Ein tropischer Duft schwebte über dem Boden, die Sonne schickte helle, warme Strahlen auf die Erde und die Vögel zwitscherten fröhlich. Chris kam es so vor, als sangen die Vögel ein Lied für ihn. Ein Lied, um ihm Trost zu spenden.
In Gedanken spielte er noch einmal alle Möglichkeiten durch, die sich beim Gespräch mit Lin ergeben könnten. Dann atmete Chris tief durch, durchquerte die Pforte und ging über den schmalen Weg des Vorgartens, der zur Haustür führte.
Als er das Haus erreicht hatte, klopfte er an die Tür und wartete ab. Nichts geschah, also klopfte er ein weiteres Mal, diesmal etwas lauter. Als Chris schon wieder gehen wollte, öffnete sich auf einmal langsam die Tür.
»Ja, ja, ich bin ja schon da!« schimpfte eine kleine, alte Dame, die aus dem Schatten hinter dem Eingang erschien. »Ich kann doch nicht so schnell! Aber das Mädchen, das du suchst, ist sowieso nicht da, mein Junge.«
Enttäuscht schloß Chris die Augen.
»Möchtest du vielleicht trotzdem eintreten?« fragte sie dann. »Ich würde mich über ein paar Minuten Gesellschaft sehr freuen. Wir könnten reden. Über dich und meine Enkelin, etwa.«
Chris öffnete wieder seine Augen. »Nein, tut mir leid, ich habe nicht viel Zeit.«
»Nein, das

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