Literarisches Massaker
von
pjkfc
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Man stelle sich vor, jedes Wort in diesem Text hat lediglich einen Bezug zu einem anderen Wort. Es hat mit diesem Wort ein Bündnis. Die Unterschiede der beiden Wörter spielen dabei keine Rolle. Einzige Auflage für das Bündnis ist, dass die Wörter nicht im gleichen Satz stehen dürfen. Der Sinn eines Bündnisses ist das Bestehen im textuellen Überlebenskampf. Denn ein Wort hat nur ein Ziel. Es versucht mit Hilfe seines Bündnisses einen bleibenden Eindruck beim Leser zu hinterlassen. Dabei gilt ist zu beachten, dass ein Wort nicht an Stärke erlangt, wenn es häufiger auftritt. Im Gegenteil: Durch häufiges Auftreten steigt die Tendenz des Lesers, dieses Wort zu überfliegen. Dadurch verliert dieses jegliche Beachtung des Lesers.
Im Grundsatz ist jeder Text eine Diktatur. Das Diktatoren-Regime setzt sich dabei aus den Titelwörtern zusammen. Diese geben dem Leser vor, welche Inhalte ihn zu interessieren haben. Sie werden im Kontext dieses Textes nicht als einzelne Wörter angesehen, sondern als ein führendes Element des Textes.
Ein Wort in der Einleitung ist dem Regime stärker unterworfen als eines im abschliessenden Schlusssatz. Dies kommt daher, weil beim Lesen der Einleitung der Leser vom Titel geblendet die Aussage der Wörter nicht wahrnehmen kann. Dieses Einleitungswort würde sich daher einen grossen Vorteil erschaffen, wenn es ein Bündnis mit einem starken Wort aus dem Haupt- oder Schlussteil eingehen würde.
Nun kommt die Frage auf, wie sich die starken Wörter bemerkbar machen und wie die Bündnisse zur Geltung kommen. Die Antwort darauf ist einfach und zugegebenermassen leider etwas unbefriedigend. Es hängt stark von der Bildung, der Interessen und der Zeit des Lesers ab, welche Wörter wie stark beachtet werden und welche Bündnisse sich schlussendlich durchsetzen.
Die gesamte Hierarchie eines Textes wird bei jedem Lesevorgang neu vermischt und kann sich, abgesehen vom Titel-Regime, jederzeit verändern. Es spielt dabei einen unbedeutend geringen Einfluss, wie der Text geschrieben ist oder welche Aussage diesem beim Verfassen zugeteilt wurde. Auf die Bündnisse der einzelnen Wörter kann der Leser hingegen keinen Einfluss nehmen. Sie werden von den Wörtern selbst bestimmt und können beim Lesen nicht nachvollzogen werden.
Vielleicht machen Sie sich nun bei Ihrer nächsten Lektüre mehr Gedanken, welchen Wörtern Sie wie viel Beachtung schenken und damit die Hierarchie des Textes bedeutend verändern können. Vielleicht hat es ja auch ein kurzes Wort verdient, wieder einmal richtig gelesen zu werden. Vielleicht ergibt sich durch diese Umstrukturierung ein völlig anderer Sinn, gar ein unterschiedlicher Inhalt, des Textes. Oder sind Sie sich sicher, dass alle Leser diesen Text auf dieselbe Weise auffassen werden wie Sie selber?
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