London, Stadt meiner Träume
von
Kalliope
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Als mein Vater eine Luftaufnahme von London sah, wo ich für eine Woche hinreisen durfte, sagte
er: “Mann, ist das eine graue Stadt.”
Eigentlich war das eine Beleidigung, denn er wusste ja, wie sehr ich diese Stadt liebe. Aber ich
ignorierte sie dieses Mal und dachte mir, dass er in einem gewissen Sinne ja Recht hatte.
London ist eine graue Stadt. Das wird einem aber erst klar, wenn man es wagt, auf das ganze
Geschehen von oben zu blicken. Befindet man sich in der Stadt, setzt sie sich aus Tausenden und
abertausenden Details zusammen, und jedes hat eine andere Farbe. London ist ein einziges,
pulsierendes Leben, das aus Millionen von Mikroorganismen besteht, die wir Menschen sind. Wir
sind mittendrin, und wir sind diese Stadt selbst. Alles gehört dazu, würde irgendeine liebevolle
Lächerlichkeit fehlen, wäre es nicht London.
Sieht man die Hauptstadt Englands nun aber aus der Luftperspektive, dann scheint in der Tat alles
grau zu sein. Aber nicht grau im Sinne von trist und deprimierend, sondern ebenfalls in einem
überwältigendem Sinne, denn das Ganze ist mindestens so überwältigend wie Tausende seiner
Details. Und mischt man alle Farben der Farbpalette, dann kommt bekanntermaßen auch grau
heraus. Also was will man anderes erwarten?
Außerdem, wer weiß, wie unser Leben, von oben herab geblickt, aussehen mag: Vielleicht genauso
grau? Es gibt so viele verschiedene Richtungen, die wir einschlagen können; nichts ist
verschlungener als die Wege unseres Schicksals.
In London ist alles einige Dimensionen größer, als ich es jemals gesehen habe. Und was sonst
könnte der zentraler Punkt unserer Erde sein, als die Stadt in dem Land, deren Sprache die Welt
beherrscht? Und wer jetzt eher an Amerika denkt, der sollte sich daran erinnern, dass diese
Weltmacht ohne England nichts gewesen wäre. Wer diesen Gedanken im Kopf behält, wenn er nach
London kommt, der kann eigentlich nur überwältigt sein von dieser Stadt. Egal ob im positiven oder
negativen Sinne.
Ich denke, es spielt keine Rolle, ob diese Stadt keine mir vertraute Kleinstadt ist, keine sächsische
Stadt, keine deutsche Stadt. Ich fühle mich in dieser Stadt geborgen wie nirgends zuvor. Es gibt
niemanden, der einen vorwurfsvoll oder entsetzt anstarrt und bis ins kleinste Detail auseinander
nimmt. Der sich ein Urteil über dich bildet, ohne dich überhaupt zu kennen. Jeder ist mit seiner
kleinen Welt beschäftigt, und doch sind alle ein Teil der großen Welt. Die Menschen sind weltoffen
und trotzdem nicht überheblich.
Man kann sich dieser Stadt einfach hingeben, sich hineinziehen lassen in den Sog der
Geschäftigkeit - man darf sich nur nicht überrollen lassen. Das passiert einem leicht, vor allem,
wenn man nicht an die Geräusche gewöhnt ist: Die vielen verschiedenen Sprachen aus allen Ecken,
der Baulärm, die heulenden Sirenen der Polizeiautos und der gesamte Verkehr, der um keine
Tageszeit abzunehmen scheint.
Überhaupt habe ich mich gefragt, wie diese Millionen von Menschen, die jeden Tag aus den
riesigen Vorstädten (in denen übrigens alles gleich aussehen zu scheint, und ich mich sicher
verlaufen würde) alle in die Innenstadt hinein passen. Und wer die ganzen Menschen sind, die sich
abends noch auf den Straßen herumtreiben - niemals steht diese Stadt still, und hinter jedem
Menschen verbirgt sich eine andere Geschichte. Diese Stück für Stück zu erfahren, stelle ich mir als
die spannendste Beschäftigung vor. Es würde einem bei längerem Aufenthalt sicher gelingen, noch
mehr herauszufinden, denn in London lernt man jeden Tag Neues.
Und alles, was ich in dieser einen Woche gesehen und gehört habe, scheint sich in mein Gedächtnis
eingebrannt zu haben, wie es mir nie zuvor passiert ist. Ich sehe mich heute noch in Gedanken
durch die riesigen Straßen laufen, und jeden Tag fehlt mir das alles so sehr, wie ich es nicht für
möglich gehalten hätte.
Ich weiß nicht, warum London mich so verzaubert hat - ich, die ich überhaupt kein
Großstadtmensch bin, der sich in diesen Menschenmassen wohl fühlt. Doch trotzdem war es so.
Und aus diesem Grund, glaube ich auch, irgendwann zurückkehren zu müssen.
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Kommentare
Kalliope schrieb am 2007-04-06 13:07:20:
Heißt eigentlich "Stadt meines Herzens". Ich muss geschlafen haben, als ich das hier reingestellt hab.
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