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Kategorien > Liebe > Abschied

Loslassen

von young miss

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Loslassen

Die Wellen rauschten, die Sonne war fast untergegangen und der Sand unter ihren Füßen gab ihr ein angenehmes, prickelndes Gefühl der Ruhe. Sie war stehen geblieben, um den Anblick zu genießen, den Anblick, wonach sie sich schon so lange gesehnt hatte. Sie hatte das Gefühl die ganze Welt würde ihr zu Füßen liegen, dass es so sein würde, wie es früher einmal gewesen war.
Sie war viel zu lange fort gewesen. Sie fragte sich selbst, wie sie all die Jahre, ohne dieses malerische Bild ausgekommen war.
Der Wind wehte durch ihre Haare. Sie bewegten sich so leicht und spielerisch, es sah so aus, als ob sie einen Tanz aufführen würden.
Ihr blickt schweifte über den weiten Ozean, als würden ihre Augen etwas Unerreichbares suchen.
Sie roch das Salz des Meeres, schmeckte es auf ihrer Zunge. Sie liebte diesen Geruch, hatte ihn schon immer geliebt und so würde es auch bleiben.
Sie ließ sich in den weichen Sand fallen. So da zu sitzen erinnerte sie an früher.
Als sie noch klein war, war sie immer mit ihrem Großvater zum Strand gefahren. Sie hatten im Sand gesessen und er hatte ihr Geschichten erzählt. Geschichten, die die Welt bewegten, Geschichten, die faszinierend gewesen waren, Geschichten, bei denen sie als kleines Mädchen, mit leuchtenden Augen gelauscht hatte.
Wenn sie an ihren Großvater dachte, bekam sie auch noch heute, als 20-Jährige Frau, das Glitzern von tausend Sternen in ihren Augen. Ja, ihr Großvater, er hatte ihr so vieles beigebracht.
Einst hatte er begonnen, eine für sie damals riesige, große und weite Welt und deren Geheimnisse zu entschlüsseln und trotzdem war es ihm gelungen, ihnen nicht den Zauber zu nehmen.
Sie nahm eine Hand voll Sand in ihre Hand und ließ ihn langsam und gleichmäßig im Wind davon fliegen. Ihr Großvater hatte es einst genauso getan. Er hatte ihr gesagt, das jedes Sandkorn, für einen Menschen auf dieser Welt stehe und das obwohl jedes dieser Körner unterschiedlich sei, doch alle auf eine wunderbare, eigene Art und Weise, identisch waren.
Damals, hatte sie dem davonfliegenden Sand lange nachgeschaut und sich gefragt, warum sie denn mit Tim, dem dunkelhäutigen Nachbarsjungen gleich war, obwohl dieser, doch so offensichtlich anders war. Heute wusste sie, dass sie es war und was ihr Großvater gemeint hatte. Dass es nicht auf die Hautfarbe, die Sprache oder auf sonst eine so oberflächliche Eigenschaft an kam. Heute wusste sie, dass viel mehr der Charakter und das Herz des anderen zählten.
Nachdem ihr Großvater an Krebs erkrankt war, waren die Ausflüge an den Strand immer kürzer geworden. Die Krankheit zog sich über Jahre und für sie waren es graue Jahre, da ihr der Strand fehlte, weil sie ihren Großvater leiden sah und sich hilflos fühlte.
Als Großvater das Endstadium erreicht hatte, gab es keine gemeinsamen Stunden am Strand mehr. Damals fehlten sie ihr sehr und auch nun, wo sie im Sand saß, den Wind spürte, das Salz roch, stiegen ihr Tränen in die Augen.
Sie vermisste ihren Großvater sehr, er war immer ihr Vorbild gewesen. Oft hatte sie davon geträumt auch einmal, wenn sie eine Großmutter war, mit ihrem Enkel im Sand zu sitzen und die Geschichten der Sandkörner zu erzählen. Davon war sie freilich noch weit entfernt.
Nach dem Tod ihres Großvaters, hatte sie sich die erste Zeit sehr zurückgezogen, den Strand hatte sie gemieden, denn zu schmerzlich waren die gemeinsamen Erinnerungen an diesen Ort, an welchem sie so viele Stunden verbracht hatten.
Als sie 18 geworden war, hatte sie nicht lange gezögert und einen Job angenommen, der sie von dem Ort, den sie so liebte und auch zugleich mied, fortbrachte. Sie hatte das Leben in einer Großstadt kennen gelernt, neue Menschen getroffen, die, wie sie tatsächlich feststellte, alle wie Sandkörner waren, äußerlich anders, aber aus dem selbem Element erschaffen.
Wenn sie nun darüber nachdachte, hatte sie sich nie richtig von ihrem Großvater verabschiedet. Sie war nicht auf der Beerdigung gewesen, hatte ihn nicht ein letztes Mal gesehen. Damals hatte sie es nicht übers Herz gebracht, heute bereute sie es.
Sie war wohl deswegen, nach all den Jahren, heute zum Strand gekommen. Sie wollte das nachholen, wovor sie so sehr Angst hatte.
Sie dachte an all die schönen Erinnerungen und die Tränen fielen in den Sand und bildeten dort dunkle Punkte. Ihr Großvater hätte es nicht gewollt, sie so zu sehen, das wusste sie genau und deswegen war sie nun dazu bereit, genau das zu tun, vor dem sie davongelaufen war. Sie war dabei, ihren Großvater endlich frei zu lassen. Sie spürte einen Windhauch um sich herum wehen. Er streichelte ihre vom Weinen nassen Wangen und es war, als würde sich etwas schützend über sie legen. Die Sonne war mittlerweile ganz untergegangen. Für sie jedoch war es kein Untergang gewesen sich zu verabschieden. Nein, ganz im Gegenteil, für sie hatte etwas Neues angefangen und sie hatte wieder einmal, etwas von ihrem Großvater gelernt, das man loslassen muss, um reicher an Erfahrung zu werden.

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