Lustlos
von
Sanja Moeller
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Ich schob mir ein weiteres Stück Schokolade in den Mund und hörte dem schrillen Klingeln des Telefons zu. Ich wusste sie würde gegen Mittag anrufen, um abzusprechen wann sie mir mein Weihnachtsgeschenk bringen wollte, doch ich hatte nie vorgehabt abzunehmen. Ich war nicht in der Stimmung für einen Besuch von ihr. Außerdem war Weihnachten seit einem Monat vorbei. Was nicht gerade für meine Geselligkeit in den letzten Wochen sprach. Aber es gibt Menschen, die kann man zeitweise einfach nicht ertragen. Und meine ehemals beste Freundin war so einer. Langsam erhob ich mich von meinem Sofa und schlenderte in die Küche, suchte nach einer weiteren Tafel Schokolade und steckte mir genervt eine Zigarette auf dem Balkon an, als ich nicht fündig wurde. Ich betrachtete die vereinzelten Schneeflocken, die den grauen Asphalt zu bedecken versuchten. Die Lust aufs Rauchen war mir vergangen und das Bedürfnis körperlicher Betätigung regte sich in mir, während ich die kühle Winterluft einatmete. Ich konnte mir gerade nichts schöneres vorstellen, als mich im Wald mal wieder richtig auszupowern. Doch kaum war ich zurück in der Wohnung, legte sich das Gefühl wieder und ich fand mich erneut auf der Couch liegend. Ich langweilte mich furchtbar, aber ich konnte mich einfach zu nichts aufraffen. Ich fühlte mich augenblicklich wieder müde, obwohl ich sicherlich genug Schlaf abbekommen hatte. Seit Silvester war ich abends nicht mehr weggewesen. Ich konnte mir meine plötzliche Lustlosigkeit auch nicht erklären. Das einzige was mich noch aufheitern konnte, waren die Besuche von meinem Freund, der allerdings zweihundert Kilometer entfernt von mir lebte und dort noch sein eigenes Leben zu führen hatte. Als ich es in der bedrückenden Atmosphäre der Wohnung nicht mehr aushielt, zog ich eine alte Jeans und meinen Mantel an und lief zur Bushaltestelle. In einem halben Jahr würde ich meinen achtzehnten Geburtstag feiern und wäre damit endlich in der Lage mich unabhängig fortzubewegen. Als der Bus um die Ecke fuhr, bemerkte ich meinen Lieblingsbusfahrer Mike, der mir wie üblich freundlich zulächelte, als er anhielt und die Bustür direkt vor mir öffnete. Wie immer grüßte er mich mit einem schüchternen Grinsen und fragte mich was ich heute vorhätte. Wenn ich das nur selbst schon wüsste. Mike hakte nicht weiter nach und ich bemerkt einmal wieder, was für ein angenehmer Mensch er mit seiner zurückhaltenden Art doch war. Er stellte keine nervigen Fragen, man erzählte ihm gern von selbst etwas. Letztendlich stand ich planlos an der Rathaushaltestelle und sah dem davonfahrenden Bus hinterher. Ich schlenderte ohne Ziel in der menschenleeren Innenstadt umher. Natürlich – es war vierzehn Uhr an einem Samstag, daran hätte ich früher denken können. In einer verschlafenen Kleinstadt wie dieser fanden sich jetzt nicht mehr als drei geöffnete Geschäfte. Ich machte mich auf in Richtung Supermarkt, denn der war – oh Wunder – bis zwanzig Uhr geöffnet. Ich nahm mir zwei Flaschen von irgendwas buntem, alkoholischem und außerdem noch ein paar Tafeln Schokolade und ging zur Kasse. Auf dem Weg zurück zum Bus fing ich bereits an zu trinken. Während der Fahrt versteckte ich die Flaschen zwar in der Plastiktüte, die mir die Verkäuferin mit einem skeptischen Blick gegeben hatte, doch als ich zuhause war, trank ich den Rest zügig aus. Ich setzte mich auf mein Bett und spürte wie sich der Alkohol in meinem Körper verteilte und von innen wärmte. Es reichte nicht, um mich komplett abzufüllen, aber es verscheuchte für eine Weile meine Emotionslosigkeit. Ich rief ein paar Freundinnen an und checkte mit ihnen die Planung für den Abend ab. Wir verabredeten uns gegen neun Uhr in der Stadt an unserem Stammtreff, einer kleinen Kneipe namens „Walhalla“. Von dort wollten wir uns quer durch die Stadt vorarbeiten. Ich freute mich sogar ein kleines bisschen darauf; ich duschte und brezelte mich richtig auf, obwohl es keinen Grund dafür gab. Doch je näher die Zeiger meiner Armbanduhr an die verabredete Zeit heranrückten, umso stärker ließ die Wirkung des Alkohols, der meine Gefühle so schön betäubt hatte, nach und es ging mir richtig dreckig. Ich wusste nicht, warum, doch plötzlich fing ich an zu weinen und legte mich auf mein Bett. Die Tränen ließen meine kunstvoll aufgetragene Schminke verlaufen und schwärzten mein Gesicht. In diesem Moment hörte ich, wie sich das Garagentor öffnete. Meine Eltern. Schnell sprang ich auf, verschloss die Tür meines Zimmers und drehte die Musik auf volle Lautstärke. Dann legte ich mich wieder ins Bett und ließ meinen Tränen freien Lauf. Ich hatte keine Ahnung, weshalb ich weinte, vielleicht lag es auch am Alkohol, doch ich wusste, dass das mein eigentliches Problem trotz der berauschenden Wirkung der Alkopops nicht verschwunden war. Ich fühlte mich leer und nutzlos. Und ich wusste, ich konnte mit keinem Menschen darüber reden. Nicht mit meinen Eltern, denen die ideale, harmonische Familie über alles ging. Nicht mit meinem Freund, der mich als Heulsuse betrachten würde, weil er es einfach nicht verstehen könnte. Nicht mit meinen Freundinnen, mit denen man über Jungs, Schule, Klamotten und Gossip reden konnte. Aber über nichts, das in die Tiefe ging. Und doch wusste ich, dass ich meiner Seele irgendwie Linderung verschaffen musste. Und so griff ich ein weiteres Mal zur Klinge...
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