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Kategorien > Kurzgeschichte > Gedanken

Man hat ja seine Prinzipien oder: Welche Gedanken

von Markus Zimmerling

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Diesen Weg gehe ich oft. Muss ich ja auch, wenn ich in die Innenstadt will. Kurz, bevor ich die kleine, altstädtische Gasse, an der Kirche vorbei bis ins Stadtzentrum gehe, begegne ich wieder ihr. Jedesmal treffen wir uns hier. Immer an derselben Stelle. Wir stehen uns gegenüber. Sie auf der Innenstadt zugewandten Seite, ich auf der Innenstadt abgewandten. Ich starre sie an. Muss ich ja auch, wenn ich in die Innenstadt will. Sie gibt mir immer die notwendigen Hinweise, damit ich sicher auf die andere Straßenseite komme.

Da schau ich nun die von Kopf bis Fuß rot gekleidete Figur an. Über ihr blinkt der Hinweis: „Bitte warten“. Ich komme dieser Aufforderung, dieser Bitte nach. Sie wird schon wissen, warum sie mir diese Botschaft sendet. Bis jetzt wusste sie es auf jeden Fall immer. Ich war immer gut beraten, „Bitte warten“ zu befolgen. Sie wird mir bestimmt auch diesmal wieder sagen, wenn ich nicht mehr warten brauche.

Also, jetzt stehe ich hier und starre und warte. Noch immer ist die Figur rot gekleidet und über ihr blinkt immer noch der Hinweis, dass ich warten soll. Ich schaue nach links … kein Fahrzeug zu sehen. Ich schaue nach rechts … kein Fahrzeug zu sehen. Ich schaue schräg rechts in die Seitenstraße … kein Fahrzeug zu sehen. Ich schaue scharf rechts, fast schon hinter mich, in eine andere Seitenstraße, die Straße, aus der ich gekommen bin … kein Fahrzeug zu sehen. Warum sagt sie mir denn jetzt nicht, dass ich nicht mehr warten brauche? Soll ich die Bitte zu warten jetzt ignorieren und einfach auf die andere Seite wechseln? Wird sie mir das übel nehmen? Wird sie mir dann niemals wieder den Rat geben zu warten? Oder, wird sie es mir sogar so übel nehmen, dass sie mir das OK geben wird, die Straße zu überqueren, obwohl aus irgendeiner Richtung oder sogar aus allen Richtungen Fahrzeuge nahen? Könnte sie so gemein sein? Ist es mir das wert? Einmal befolge ich nicht ihren Rat, folge nicht ihrer Bitte und verliere auf ewig eine treue und gute Freundin?

Ich schaue noch einmal in alle Richtungen. Immer noch keine Fahrzeuge zu sehen. Wenn ich jetzt doch die Straße überquere, obwohl sie mir immer noch nicht gesagt hat, dass ich die Straßenseite wechseln kann und aus irgendeiner Richtung oder sogar aus allen Richtungen Fahrzeuge auftauchen und die mich an- oder überfahren, wird das gutgehen? Sie könnte verärgert sein. Ist es mir das wert?

Ich liege dann mitten auf der Fahrbahn, auf der verdreckten Fahrbahn. Meine Hose und mein T-Shirt werden dann ganz schmutzig. Ich habe sie doch heute erst frisch angezogen. Je nachdem, wie ich von dem Fahrzeug oder von den Fahrzeugen getroffen werde, blute ich dann vielleicht auch noch. Blutflecken bekommt man nur schlecht aus den Kleidungsstücken wieder herausgewaschen. Auf der Straße liegt dann bestimmt auch noch Blut von mir. Aber, das wäscht der Regen dann bestimmt irgendwann weg. Bei uns regnet es nämlich recht häufig. Nur heute zum Glück nicht.

Gut, ich bin jetzt nicht der Stabilste, sondern eher ein Strich in der Landschaft, ein halber Hahn. Aber, eine Beule dürfte dann schon von dem Aufprall in dem Fahrzeug oder in den Fahrzeugen sein. Bin ich in einem solchen Fall überhaupt versichert? Übernimmt das meine private oder die Kraftfahrzeug-Haftpflichtversicherung? Wie teuer mag das wohl werden?
Der Fahrer des Fahrzeugs, der mich an- oder überfährt, bzw. die Fahrer der Fahrzeuge, die mich an- oder überfahren, bekommen bestimmt einen riesengroßen Schrecken. Ein Notarzt, der dann mit Sicherheit gerufen würde, würde bei dem oder den Fahrzeuginsassen möglicherweise einen Schock diagnostizieren. Je nachdem, wie ich auf der mit Teer bedeckten Straße liege, blutverschmiert, mit gebrochenen Knochen und schmutziger Kleidung, staut sich der Verkehr, weil er nicht um mich herum geleitet werden kann. Dann kommen die Verkehrsteilnehmer zu spät zu ihrem Zielort. Und das, weil ich ihrer Bitte zu warten nicht nachgekommen bin. Ist es mir das wert?

Je nachdem, wie gut mich das Fahrzeug oder die Fahrzeuge getroffen haben, bin ich vielleicht schwer verletzt. Da dauert dann die Erste Hilfe des herbeigeeilten Notarztes etwas länger. Hätte mir ein Passant, bevor der Notarzt eintrifft, geholfen? Hätte dieser Passant alles richtig gemacht? Wenn nicht und mir ginge es noch schlechter als vorher, dann würden die Ersthilfemaßnahmen wahrscheinlich noch länger dauern und den Verkehr noch länger stauen. Es sein denn, ich wäre dann tot, dann könnte der Verkehr bestimmt sehr bald wieder fließen.
Sie hat sich endlich umgezogen. Nun ist sie von Kopf bis Fuß in grün gekleidet. Jetzt bittet sie mich auch nicht mehr zu warten. Ich schaue nach links … Fahrzeuge nähern sich. Ich schaue nach rechts … Fahrzeuge nähern sich. Ich schaue schräg rechts in die Seitenstraße … ein Fahrzeug nähert sich. Ich schaue scharf rechts, fast schon hinter mich, in die andere Seitenstraße, die Straße, aus der ich gekommen bin … Fahrzeuge nähern sich.
Warum macht sie das? Hat sie meine Gedanken gelesen? Nimmt sie mir meine Gedanken übel? Fahrzeuge kommen die Straße entlang und sie erlaubt mir, die Straßenseite zu wechseln? Die Fahrzeuge halten alle an. Ich bin erleichtert. Das haben, wie immer, ihre Freundinnen erledigt. Sie zeigen den Autos ein rotes Licht. Nun weiß ich, dass sie meine Gedanken nicht gelesen hat (sie mir zumindest nicht übel nimmt). Alles ist wie immer. Ich kann mich auch diesmal wieder auf sie verlassen.

Während ich die Straße überquere und direkt auf sie zugehe, denke ich, dass ich froh bin, dass ich der Bitte zu warten wie immer nachgekommen bin.

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Kommentare

Mark Reichmann schrieb am 2007-05-25 19:36:04:
Hallo Markus,
nette, interessante Gedankenwelt! Wenn ich das nächste Mal über die Strasse (mit einer Ampelanlage) gehe, werde ich bestimmt daran denken. Weiter so, hört sich doch schon gut an. Ob ich mich allerdings ganz auf das grüne Kleid verlassen würde, weiss ich nicht...
Grüße Mark

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