Mann ohne Bus
von
Armin Feuerriegel
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Mann ohne Bus
Wieder einmal befand ich mich an der Bushaltestelle, die nur wenige Minuten, zu Fuß, von meinem Arbeitsplatz entfernt lag. Eigentlich war dies mehr als nur eine Bushaltestelle, genau genommen war es der Zentraloberbahnhof. Doch in einem kleinen, tristem, verlassenem Dorf wie diesem, bedeutet das lediglich: auf einem kleinen Platz, der der Hauptstraße anliegt, wurden drei parallele liegende Bushaltestellen nebeneinander hingepflanzt. Von jeder dieser drei Haltestellen fahren drei Busse, mehr oder weniger regelmäßig, in drei weitere kleine Orte.
Es war Februar, aber es lag kein Schnee, es regnete nur. Wenn ich nicht gerade den Zigarettenqualm ausatmete, dann konnte ich klar und deutlich meinen Atem erkennen. Ich stand wie immer, an der von der Hauptstraße aus gesehen, letzten, damit also dritten Haltestelle, zu der noch ein kleiner Vorbau gehört - der einem vor dem Gröbsten solcher Unwetter schützen soll. Dieser Vorbau war aus Glas, dem alle möglichen, klebrigen Flüssigkeiten anzuhaften scheinen. Der Boden war übersäht von Zigarettenstummeln, in jeder ecke befand sich mindesten eine zerquetschte Bierdose. Weiße dicke Pflatschen auf dem Boden ließen auf regelrechte Spuckorgien schließen. Ich schaute mich um, nur selten konnte man ein Fahrzeug vorüberziehen sehen. Der gesamte Platz war Menschenleer, nur ein kleiner Mann mit kurzem, schütterem blondem Haar und einer schwarzen, viel zu kleinen Brille stand direkt unter einer der beiden Laternen und begutachtete nervös seine Armbanduhr. Nur die eine Hälfte seines kleinen knochigen Gesichtes konnte ich erkennen, da er mir seitlich zugewandt stand und den Kragen seiner dicken braunen Jacke hochgeschlagen hatte. Nachdem er nun die Position seiner zwei Zeiger in Augenschein genommen hatte, setzte er sich mit unruhigen Tippelschritten in Bewegung. Er marschiert die gesamte Länge, des zum Halteplatz gehörigem, erhöhten Bürgersteigs ab. Diesen Vorgang wiederholte er einige Male, und jedes Mal wenn er an dem Busfahrplan Vorüberschritt, holte er sein Handy raus, um mit der geringen Lichtquelle, die in der Dunkelheit liegenden Fahrzeiten zu überprüfen. Plötzlich hielt er an, erwartungsvoll blickte er zu mir rüber, er wollt wohl eine Frage an mich richten, doch da ich vollkommen desinteressiert weiter genüsslich meine Zigarette rauchte und in die Ferne zu blicken schien, unterbrach er abrupt sein Vorhaben, mit einem leichten Gefühl der Peinlichkeit und zog hektisch den rechten Ärmel zurück, um wieder seine Uhr zu betrachten. Ein kleiner Bus näherte sich und ich konnte sehen, wie der kleine blonde noch einmal seine Uhr überprüfte und erwartungsvoll dem Bus entgegenblickte, wobei er seinen ganzen Oberkörper mit drehte. Als der Bus angehalten hatte, eilte der kleine blond sofort mit großen Schritten Richtung Einstieg. Doch er musste sich noch einen kleinen Moment gedulden, da der Busfahrer noch einige Knöpfe betätigte und kurz, scheinbar sinnlos, in einer kleinen Tasche rumwühlte. Dann endlich öffnete sich langsam die Tür. Direkt über dem Busfahrer ging ein kleines Lämpchen an, doch ich konnte sein Gesicht nicht genau erkennen, da das Dach des Busses mir im Weg war. „Das ist doch der Bus nach St. Andersberg? Sie hätten schon vor fünf Minuten hier sein müssen“, begegnete der klein blond mit erwartungsvoller und fordernder Stimme dem Busfahrer. Doch dieser antworte nur „Nee, ich fahre nur nach Eesen.“, während er gleichzeitig langsam die Tür schloss. Nun konnte ich das, durch die Hecklichter rot gefärbte, verdutzte Gesicht des kleinen blonden erkennen, wobei mir zum ersten Mal die kleine, aber gar nicht unauffällige Warze unter seinem rechten Auge auffiel. Mit tiefen Falten auf der Stirn und einem verlassenen Gesichtsausdruck, schaute er kurz gen Himmel. Doch da kam auch schon ein zweiter, größerer Bus, an dessen Front allerdings mit großen leuchtenden Lettern „Leerfahrt“ stand. Auch dieser hielt an derselben Haltestelle, direkt vor mir. Der Busfahrer machte den Motor aus, öffnete die Tür, wobei auch hier ein kleines Lämpchen aufglimmte, und zündete sich erst einmal eine Zigarette an, während er sich gleichzeitig, scheinbar erschöpft, aber dennoch zufrieden, in seinen Fahrersessel zurücklehnte. Es war ein fast kahlköpfiger, mit- 50er der einen kleinen schlecht gestutzten Bart über der Lippe trug und außerdem noch kleine wilde, grüne Augen besaß, die ihm gleich aus dem Gesicht zu springen schienen. Es dauerte natürlich nicht lange, bis sich unser kleiner blonder Freund auf die Treppen im Eingangsbereich des Busses schwang und wild gestikulierend den Busfahrer anblaffte. Da der kleine direkt ins Inner des Busses motzte, konnte ich dieses Mal kein einziges Wort verstehen. Ich sah aber, dass der Busfahrer seine Position beständig beibehielt und während der kleine blonde mit ihm sprach mehrmals gelangweilt aus seinem Fenster blickte. Genau in diesem Moment kam auch mein Bus herangefahren, es war viel weniger ein richtiger Bus, als eher ein kleiner Transporter. Als ich mich auf der erst besten Sitzgelegenheit, erschöpft niederfallen ließ, und gerade im Begriff war, die von mir selbst geöffnete Schiebetür wieder zu schließen – ja da streckte der kleine blonde seine knochige Nase in die weit geöffnete Pforte. Der Fahrer drehte sich um. Ich kannte ihn, es war der Chef einer kleinen Taxifirma. Er hatte noch weißes volles Haar, einen gut gepflegten weißen Rauschelbart und eine dicke schwarze Hornbrille, hinter der große, freundliche braune Augen blitzten. „Was ist denn das. Ich warte schon seid einer Viertelstunde, auf den St. Andersberger Bus“, schrie der Blonde sichtlich entnervt meinen Fahrer an. Dieser jedoch blieb ganz ruhig „So weit ich weiß, fährt jede Stund einer“. Doch das genügte unserem Freund nicht „Ja dann hat man wohl den Fahrplan geändert“, entgegnete er ihm energisch. Doch die sanfte brummende Stimme des Fahrers antworte nur „Davon hätte man uns in Kenntnis gesetzt“. Der Gesichtsausdruck des kleinen blonden bildete eine fratzenartige Grimasse. Nur zaghaft zog er seinen Kopf zurück, als er bemerkt, dass ich im Begriff war die Tür nun endlich zu schließen. Gekrümmt schlich er vor dem Kleinbus wieder hinüber zum anderen Busfahrer, der immer noch rauchend auf seinem Sessel hing. Laut Fahrplan hätten wir sofort losfahren können, doch mein Fahrer wartete das weitere Geschehen ab, wofür ich ihm, trotz meiner Müdigkeit sehr dankbar war. Der kleine blond begann wieder den anderen Busfahrer anzuschreien, wobei er trotzig wie ein kleines Kind, mit dem rechten Fuß auf den Boden stampfte. Nun erhob sich der Busfahrer, um aus einem kleinen Schuppfach einen Ordner mit allen Fahrplänen herauszuziehen. Der Blonde hielt sich mit erwartungsvoller und gespannter Körperhaltung, krampfhaft am Türrahmen fest, doch der Busfahrer blätterte nur sinnlos in seiner kleinen Mappe hin und her, er musste den richtigen Fahrplan schon längst gefunden haben, doch er blätterte wohl nur so zu Zeitvertreib weiter. Vor Ungeduld schon fast platzend jaulte
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