Marcels ungewöhnliches Erstes Mal
von
Michael Reißig
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Hächelnd steuert Marcel auf die stramme eicherne Eingangstür dieses geheimnisvollen Ortes zu. Sein fleischiger Daumen peilt zögernd den Klingelknopf an, der ihn über eine Schwelle führen soll. getraut sich aber nicht, diesen entscheidenden - diesen vielleicht wichtigsten Schritt seines bisherigen Lebens zu wagen.
„Warum denn nicht?”, flucht er über sich selbst.
Wie ein Hammerwerk pocht das Herz des schüchternen achtzehnjährigen Schwarzschopfes - und das zum zig tausendsten Male. Will es wiedermal sein Vorhaben durchkreuzen, dieses viel zu gebrechliche, dieses viel zu weiche Herz? Warum will sie einfach nicht weichen - diese verfluchte, diese kaum zu beschreibende Angst, die Marcel wieder einmal Mut genommen hat, die ihm schon von frühester Kindheit an begegnet war, die ihm in finstersten Nächten des Öfteren um den Schlaf gebracht hatte.
*
Marcel war etwas zu früh auf unsere Welt gekommen. Geburtliche Komplikationen hatten die Zellen, die für die Koordinierung der Bewegungen zuständig sind, geschädigt. „Motorische Störungen” lautete die sehr niederschmetternde ärztliche Diagnose, was nicht ohne Folgen für sein weiteres Leben bleiben sollte.
In der Schule war er, wegen seiner etwas abartig erscheinenden Bewegungen, die aufgrund seiner stattlichen Körpermasse noch viel ulkiger wirkten, das gebrannte Kind der Klasse. Natürlich war er den verbalen Angriffen, seiner Klassenkameraden ausgesetzt, manchmal musste er auch einige Fausthiebe einstecken. Tapfer bemühte er sich aber, diesen Stänkerern zu zeigen, dass auch er in der Lage ist, sich zu wehren. Wenn es sein musste, ließ auch er mal die Fäuste fliegen.
Freunde hatte er keine - bis auf Ronny - seinem Banknachbarn, der wegen seiner übermäßigen Leibesfülle auch kein leichtes Los gezogen hatte - für potenzielle Streithähne natürlich ebenfalls ein gefundenes Fressen. So konnte Marcel wenigstens einen Gleichgesinnten finden, der ihm selbst in schwierigsten Situationen zur Seite gestanden hatte.
Dumm war Marcel dennoch nicht. In Mathe und Deutsch konnte ihm kaum einer das Wasser reichen. Nur diese verächtlichen Blicke und diese dummen Sprüche, die er wegen seines abartigen Ganges auf sich gezogen hatte, raubten ihm oft Mut und Zuversicht - nie aber den Glauben an sich selbst. An den etwas ungewöhnlichen Spitznamen „Bleikloß” hingegen, hatte er sich längst gewöhnt.
Trotz seines Handicaps fand er - vor allem dank guter Noten in den Fächern Deutsch und Mathematik, nach dem fünften Vorstellungsgespräch bereits einen Ausbildungsplatz - und das sogar in seinem Traumberuf.
Zurzeit verdient der Azubi in der Filiale eines weltbekannten Möbelhauses seine Brötchen. Er erlernt den Beruf eines Wirtschaftskaufmannes und steht kurz vor dem Ende des zweiten Lehrjahres.
Von seinen Mitarbeitern wird er - obwohl diese ihm sein Handicap ansehen - sehr geachtet.
Es könnte doch alles so schön sein - wenn da nicht diese quälende Einsamkeit wäre.
Natürlich wäre die Begegnung mit der ersten große Liebe die beste Medizin, eine Medizin, die noch viel wirkungsvoller sein dürfte als so manche bittere Pille.
Was hatte er nicht schon alles schon versucht, um dem fahlen Grau der Einsamkeit zu entfliehen.
Kontaktanzeigen, Partnersuche im Internet - nichts aber auch gar nichts - wollte helfen.
Jedes Mal nachdem er sich berechtigte Hoffnungen gemacht hatte, erhielt er die Quittung für sein Schicksal, für das er wahrlich nichts konnte. Aber welches Mädchen wäre bereit, sich mit einem in der Bewegung eingeschränkten jungen Mann einzulassen?
Wahrscheinlich nur sehr wenige - vielleicht nur eine Hand voll Mädchen, womöglich nur diejenigen, die selbst größte Schwierigkeiten haben, einen Typen zu finden. Es ist halt die berühmte Nadel im Heuhaufen. Diese zu finden ist reinste Glückssache. Marcel war es bisher leider noch nicht vergönnt, den lang ersehnten Volltreffer in der Liebeslotterie zu landen. Schlaff herunter hängende Mundwinkel, aber auch trübe schmalschlitzige Augen, waren nicht selten ein untrügliches Zeichen, dass seine Stimmung wiedermal auf den Nullpunkt gesunken war.
„Bin ich als Mensch nur deshalb nichts wert, weil ich so anders bin - wegen meiner Spastik - und deshalb in den Mond gucken muss. Warum musste ausgerechnet mir das widerfahren!, warum nur, warum!” bohrten sich unablässig quälende Gedanken durch den Kopf des Einsamen.
Einsam und in geduckter Haltung hockte das verstörte Wesen abends meistens vor der Glotze.
Wenn er sah, wie sich ein überglückliches Paar splitternackt in ihrem Liebesnest räkelte, geriet sein Herz vollends in Wallung. „Dieses wahnsinnige Glücksgefühl, dieses möchte ich endlich auch mal erleben!", betete er still vor sich hin Doch Marcels stummer Schrei nach Wärme und Geborgenheit sollte auch weiterhin ungehört bleiben.
So wie bisher, konnte es jedenfalls nicht weitergehen. Das Bedürfnis in den Armen einer Frau liegen zu dürfen, hatte uns Gott gegeben, es ist nun mal da, es lässt sich nicht einfach durch die Rippen schwitzen.
Doch ins Haus geflogen kamen die Mädchen nun mal nicht - die richtigen zu backen, dieses würde und konnte auch nicht funktionieren.
Ihm sollte keine andere Wahl bleiben. Er musste etwas tun, wolle er nicht vor dem heimischen Pantoffelkino gänzlich versauern.
Bereits am nächsten frühen Morgen, kurz nach dem Aufstehen, hatte er ungeduldig im Anzeigenteil der regionalen Tageszeitung, geblättert.
Natürlich wollte er nach einer passenden Partnerin Ausschau halten.
Doch sein Blick landete rein zufällig in der Spalte Kontakte, wo Angebote der etwas anderen Art locken.
Schneller Sex - konnte das für ihn die Lösung sein?
Auf Dauer ganz und gar nicht, zumal käufliche Liebe ganz schön ans Portmonee gehen würde.
Als Azubi wuchsen ihm die finanziellen Möglichkeiten ohnehin noch nicht in den Himmel.
Marcel dachte angestrengt nach.
„Wohlfühlen in entspannter Atmosphäre. Lassen Sie sich verwöhnen mit einer erotischen Ganzkörpermassage und das zu fairen Preisen!”
„Klingt doch gar nicht schlecht. Doch was sind faire Preise? Fünfzig Euro, hundert Euro, vielleicht sogar noch mehr?”, mutmaßt Bleikloß.
Während er weiter überlegte, schob sich sein Ellenbogen krampfhaft auf den eckigen schmalen Tisch die linke Hand kratzte nervös an den Haarwurzeln. Einen Hauch später fasste er sich ein Herz und wählte die angegebene Nummer ein.
„Studio Sonja Guten Tag!", meldete sich eine verführerisch helle Stimme zu Wort.
„Nur nicht stottern”, hatte er sich eingeschworen. Leichter gesagt als getan, zumal ihm diese unbeschreiblichen Hemmungen in seiner Vergangenheit schon oft einen Streich gespielt hatten.
„Ich, ich, ich..., ich bin in der Presse auf ihr Studio aufmerksam geworden und möchte Sie fragen,...
ich möchte Sie fragen”- wiederholte er zaghaft - wann ich bei ihnen einen Termin für eine erotische Massage bekommen kann?”. Der aufgeregte Junge schien Wackelpudding in den Beinen zu haben.
„Wie teuer ist
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