Maries Tagebuch
von
Mareee
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Maries Tagebuch
- von Mario Zollitsch -
Kapitel 1: Das neue Tagebuch
18.6.1998
Liebes Tagebuch,
ich hoffe, wir werden gute Freunde. Ich hoffe, du wirst mein bester Freund. Ich bin eh viel zu einsam in dieser Welt. Ich werde dir etwas über mich erzählen, da du mich noch nicht kennst.
Ich heiße Marie und bin heute 14 Jahre alt geworden. Du bist mein Geburtstagsgeschenk meines großen Bruders Tom, der 18 ist und nicht mehr bei uns zu Hause wohnt. Er ist der einzige Mensch, der mich mag. Alle anderen hassen mich, weil ich anders bin.
Meine Eltern haben sich schon lange getrennt. Meine Mutter, bei der ich nach der Scheidung lebte, wurde depressiv und drogenabhängig. Sie spritzte sich ständig Heroin und vegetierte vor sich hin, bis sie in eine Entzugsanstalt kam. Nun lebe ich bei meinem Vater, einem alten Alkoholiker und seiner neuen Freundin Daniela. Ich kann sie nicht leiden und sie können mich nicht leiden.
Daniela ist ein Faschist und mag mich nicht wegen meiner Einstellung, meiner Musik, meinem Aussehen und weil ich eine andere Mutter hab.
Doch ich fand mich damit ab. Ich bin nur Luft für meine Familie. Du wirst mir hoffentlich beistehen, mein weiteres Leben durchzustehen. Ich hoffe, du lässt mich nicht im Stich wie all die anderen Menschen.
Es ist schon spät. Darum gehe ich jetzt schlafen.
Gute Nacht
Marie
19.6.98
Liebes Tagebuch,
ich hoffe du hast gut geschlafen. Ich jedenfalls nicht. Ich habe geträumt, dass Daniela und mein Vater mich umbringen wollen. Das ist natürlich quatsch. Das würden sie nie tun. Oder doch? Daniela hätte sicherlich nichts dagegen. Doch würde mein eigener Vater das tun? Ich glaube nicht.
Doch nun noch etwas mehr über mich, da ich gestern nicht sehr viel geschrieben habe.
Ich gehe in die achte Klasse an der Hauptschule. Die Lehrer sagten zwar immer, ich könnte auf das Gymnasium oder eine andere höhere Schule gehen, doch Vater meint, es wäre reine Zeitverschwendung. Ich solle etwas lernen, Geld verdienen und dann ausziehen. Die Lehrer mögen mich nicht aufgrund meines Aussehens und meine Mitschüler können mich nicht leiden, weil ich und meine Familie asozial wären.
Doch ich rede immer von meinem Aussehen, und du weißt gar nicht, wie ich aussehe.
Ich habe lange, schwarze Haare, die etwas über die Schultern hinaus gehen. Ich habe sehr bleiche Haut und viele sagen, ich sehe aus wie tot. Ich bin ziemlich klein (1,60m nur) und sehr dünn (38 kg). Ich habe sehr kleine Brüste, darum stopfe ich meine BH´s oft mit Watte aus. Doch bitte verrate das niemandem. Es ist ein Geheimnis.
Meine Klamotten sind meistens die selben, da ich nicht sehr viele besitze. Ich habe zwei Hosen, die ich jede Woche wechsle. Die eine ist eine schwarze Jeans und hat viele Löcher. Eins am Hintern, welches ich schon öfters genäht habe und mehrere an den Oberschenkeln und an den Knien. Vater jedoch meint, ich bräuchte keine neue. Die andere ist eine Zebra- Leggins, die mir mein Bruder geschenkt hat. Ich hänge sehr an dieser Hose, da sie mich immer an Tom erinnert, wenn er nicht da ist. Sie hat auch schon viele Löcher, jedoch würde ich sie nie im Leben hergeben.
Schuhe besitze ich, im Gegensatz zu den meisten Mädchen in meinem Alter, nur ein paar. Doch dafür gefallen sie mir sehr gut. Es sind schwarze Undercover Boots, oder auch Zecken- Stiefel, wie sie Daniele bezeichnet.
Tops hingegen hab ich zu meinen Verhältnissen viele. 5 Stück. Eines ist pink, eines schwarz, eines weiß. Die anderen zwei sind sehr schön. Das eine ist schwarz und hat einen weißen Totenkopf drauf, das andere ist auch schwarz und hat ein rotes A in einem Kreis darauf. Ich hoffe du weiß, was das bedeutet. Es steht für Anarchie. Ein System, ohne Herrschaft, ohne Unterdrückung, ohne jemandem, der einem sagt, was man zu tun oder zu lassen hat. Das wäre schön. Doch leider gibt es so was hier in Deutschland nicht. Doch vielleicht kommt es ja noch?
Hier mache ich Schluss. Morgen muss ich in die Schule.
Tschau
Marie
20.6.98
Liebes Tagebuch,
heute war ein langweiliger Tag. Es ist nichts besonderes passiert. Alles war wie immer. Meine Mitschüler haben mich ausgelacht und über meinen Vater gelästert, weil er immer noch arbeitslos ist. Die Lehrer haben mich ignoriert, wenn ich etwas sagen wollte und Daniela hat mich beschimpft und mir meine WIZO CD weggenommen, weil sie diesen Zecken Dreck nicht vertragen könnte.
Ich bin sehr froh darüber, dass ich in meinem Zimmer Ruhe vor all den anderen Menschen habe. Ich frage mich wirklich, ob ich ganz alleine auf der Welt bin. Vater und Daniela treiben es gerade in ihrem Schlafzimmer. Ich wünschte Tom wäre jetzt hier. Er wüsste sicherlich, was wir jetzt tun könnten. Doch ich bin alleine. Ich habe nur dich. Ich denke, wir zwei werden uns gut verstehen. Dir kann ich alles erzählen, ohne dass du lachst oder dich abwendest. Du bist wie ein guter Freund. Ich danke dir.
Bis bald
Marie
21.6.98
Liebes Tagebuch,
Vater hat gesagt, ich solle dich wegschmeißen. Ich solle mich lieber auf die Schule konzentrieren und lernen, anstatt meine Zeit mit diesem „bescheuertem Buch“ zu vergeuden. Er versteht nicht, was du mir bedeutest. Doch wie kann ich das erwarten? Er hat mich noch nie verstanden.
Ich werde dich jedoch nicht wegwerfen. Ich verstecke dich gut und passe auf dich auf, so dass dich niemand mir wegnimmt. Wem sollte ich dann alles erzählen? Wer hört mir sonst zu, wenn Tom nicht da ist? Übrigens, am Wochenende nimmt er mich mit zu ihm nach Hause. Ich freue mich schon darauf. Nur noch drei Tage, dann holt er mich von diesem Loch hier heraus und ich habe ein paar Tage wieder Freude am Leben. Er ist wirklich toll. Was würde ich ohne ihn nur machen? Er ist der einzige Mensch, der mich akzeptiert und versteht. Ich wünschte, ich könnte für immer bei ihm sein!
Tschüß
Marie
22.6.98
Liebes Tagebuch,
heute war ein schrecklicher Tag. Vater war betrunken und als Daniela von einer Gruppe Punks, die einen alten Freund von ihr zusammengeschlagen hatte, erzählte, wurde Vater wütend. Er ließ seine ganze Wut an mir aus und Schlug mir mehrmals ins Gesicht. Er hatte mich schon öfters geschlagen, doch heute war es sehr schlimm. Er schlug mir mit der Faust mehrfach ins Gesicht und als ich am Boden lag, trat er auf mich ein. Meine Rippen, mein Hintern und mein Gesicht schmerzen immer noch. Außerdem habe ich einen Schneidezahn verloren.
Nachdem er sich wieder beruhigt hatte, wurde er erneut wütend und sagte, ich solle mein Blut wegmachen. Das tat ich dann auch, immer noch weinend, und Daniela saß auf dem Sofa und schaute mir glücklich zu. Es gefiel ihr anscheinend, was Vater mit mir getan hatte.
Ich hasse diese Frau!!! Was findet Vater nur an ihr? Ich glaube, ohne sie würde es Vater und mir viel besser gehen.
Heute ist übrigens schon Mittwoch. Nur noch zwei Tage, dann kommt Tom mich abholen.
Bis morgen
Marie
23.6.98
Liebes Tagebuch,
Der Tag war wie schon viele andere zuvor auch. Die Mitschüler lästerten über mich,
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Kommentare
LouLRW schrieb am 2010-10-10 00:14:41:
Also wirklich ein fettes kompliment! Diese geschichte ist so realistisch geschrieben, sodass man meinen könnte, das wäre die realität! Einfach hammer! Diese geschichte erinnert mich total an meine schulfreundin, die punkette ist. Muss ebenfalls sehr viel mitmachen... (Mutter ist jeden tag dicht d. h. mit alkohol, ja, sie kennt nicht einmal ihren richtigen vater! UND ihre eltern wollen sich auch noch scheiden lassen! echt super oder?)... sie hat wirklich nichts schönes. ich wünschte, ich könnte ihr irgendwie helfen, weil sie mir sooo leid tut!!! Sie ist ja auch erst 16 jahre alt!
Sch.... Deutschland!!!
lg lou
P.S.: an den autor: machen sie weiter so! Gibt es noch weitere fesselnde geschichten? wäre nicht schlecht!
Mario schrieb am 2009-11-12 22:06:06:
Hab gerade meine eigene Geschichte gefunden... wow... wusste gar nicht dass ich im Internet kusiere :D
unbekannt schrieb am 2007-03-19 13:25:20:
boah ich muss dir echt ma ein fettes kompliment machen....die geschichte ist einfach
der hammer...so unglaublich traurig ..echt guut geschrieben ...weiter so ...welche hast du
sonst noch geschrieben ??
mimi schrieb am 2007-03-15 19:22:11:
echt sehr gut geschrieben, alles ganz schön hart...
Vreeni schrieb am 2006-12-30 17:20:21:
Heyy Mario,hab durch zufall deine gschichte hier gefunden und muss sagen...die is verdammt gut! echt traurig aber durchaus wahr sowat.hast echt gut geschriben
hdl vreni
Franci schrieb am 2006-12-16 13:07:05:
wow. voll cool deine story, ohne witz!!!!!!
P.S. schrieb am 2006-12-15 19:33:00:
Unheimlich ergreifende, schreckliche Geschichte! Ich hoffe sie ist nur ausgedacht... Hat mich auf jeden Fall schwer getroffen. Wirklich traurig.
Aber gut geschrieben!
GLG P.S.
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