Mathe ist nicht gut für den Seelenfrieden
von
Marc-O
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Mathe ist nicht gut für den Seelenfrieden
Falscher Rechenweg.
Vorzeichenfehler.
Ein geschnörkeltes F.
Aufgabe Nr. 4 fehlt.
Aufgabe Nr. 5 fehlt.
Noch viel mehr geschnörkelte F`s, ein roter Wald am Rande der karierten Seiten und alles bedeutete nur eines: Sein Todesurteil! Sein Jüngstes Gericht! Hausarrest und wie viel biblische Katastrophen er sonst noch kannte.
Denn irgendwo unter dem Zahlensalat seiner Mathearbeit stand harmlos und unschuldig:
„Ungenügend“.
Nick fragte sich gerade, wie viel Schüler dieses Wort, bestehend aus zehn verfluchten Buchstaben, nun schon auf dem Gewissen hatte, als er fast gegen ein Straßenschild stieß. Aus seinen Gedanken gerissen tat er einen Schritt zur Seite und matschte in einen Hundehaufen.
„Kacke!“
Kacke war ein kapitaler Ausdruck, obwohl ein französisches Schimpfwort natürlich besser und jugendfreier klingen würde. Französisch klang sogar noch gut und jugendfrei, wenn man darin fluchte.
Sein Blick wanderte das Schild aufwärts, wo in weißen Lettern auf blauem Grund stand:
„Höhenweg“
Jetzt dauerte es nur noch Sekunden, bis er zuhause ankam und seine Arbeit auf den Esstisch neben den gekochten Brokkoli legen würde, den es jeden Montag gab. Ein flaues Gefühl machte sich in seinem Magen breit, als sei er mit Watte gefüllt.
Noch konnte er sich umdrehen und fortlaufen; in seiner Tasche klimperte das Startkapital von 1 € 50.
Im Bus hatte er noch so etwas wie seichte Sicherheit gefühlt, denn es war ja noch der endlose Nachhauseweg vor ihm, den er in Ruhe genießen konnte. Der Gedanke war anscheinend purer Selbsterhaltungstrieb, ebenso der Plan mit der Überschrift „Ein Junge läuft von zuhause weg“. Im Fernsehen kam so was immer gut an, nur hatten solche Kinder immer einen Hund oder E.T. dabei. Mit seinem Goldfisch wegzulaufen, erschien Nick dagegen wenig beeindruckend.
Das Nachbarhaus tauchte in seinem Blickfeld auf.
Das erste, was Nick auffiel, war die Tatsache, dass gleich daneben, auf der Auffahrt, kein Auto stand. Anscheinend war noch niemand zuhause, was ihn irgendwie glücklich machte. Gott hatte vielleicht einen kleinen Verkehrstau oder eine Sintflut geschickt, um seine Eltern aufzuhalten, vielleicht auch einen Heuschreckenschwarm.
Jedenfalls musste die Gardinenpredigt erst mal warten. Nick kannte sie sowieso schon auswendig: Eltern zeigen sich enttäuscht, und dies auch noch zu Recht, Kind sagt keinen Piep, Eltern fragen, wie Kind mit solchen Noten einen vernünftigen Job kriegen will, Kind sagt keinen Piep.
Verdammt! Nick war in der achten Klasse, bis zur Oberstufe und zur Jobsuche war noch viel, viel Zeit.
Er drehte den Schlüssel im Schloss um; wider Erwarten sprang die Tür nach einmaligem Drehen auf. Hatte jemand vergessen, vernünftig abzuschließen?
Als er eintrat, roch er gekochten Brokkoli und seine Mutter rief:
„Hallo, Schatz! Das Auto ist zur Reparatur! Was gibt`s Neues in der Schule?“
Nick bekam plötzlich Lust, auf einen Güterzug zu springen, notfalls auch davor, wäre einer in der Nähe gewesen. Stattdessen trottete er mit zerknirschter Miene in die Küche wie ein Hund der Tritte erwartet.
P.S.: Diese Geschichte entstand während einer Mathematik-Klausur
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Kommentare
Ichbinsnur schrieb am 2009-05-08 17:17:41:
Tolle Geschichte! Hab's auch mehrfach erlebt, im Gegensatz zu dir aber nie aufgeschrieben. - Danke!
Gimliy schrieb am 2008-09-12 09:54:42:
Genial! Gruß: Gimliy
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