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Kategorien > Kurzgeschichte > Nur so

Meer ohne Wasser

von variety

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Gnadenlos brannte die Sonne auf ihn herab. Es war gerade etwa um die Mittagszeit, denn die Sonne hatte ihren höchsten Standpunkt erreicht, und strahlte eine ungeheure Hitze aus, die alles um ihn herum zum Erliegen brachte. Sein Mund verzog sich zu einem ironischen Lächeln. Nicht, dass es dort etwas Erwähnenswertes zu sehen gab. Das heißt, wenn man den körnigen, hellen Sand nicht mitzählte. Denn davon gab es in einer Wüste reichlich. Und in genau so einer befand er sich gerade. Ohne Wasser. Bei 40 ° Celsius im Schatten. Schatten, den er leider nirgends auffinden konnte. Weder fand er diverse Kakteen, deren Saft er trinken konnte, und die sicherlich vorest seine Rettung dargestellen würden, noch gab es überhaupt ein Anzeichen für etwas Lebendiges. Und wenn es ein Skorpion gewesen wäre. Hauptsache etwas, von dem man eine Lebendigkeit annehmen konnte, irgendetwas, was ihn von der quälenden Einsamkeit in den frostigen Nächten und den heißen Tagen ablenken würde; etwas, was seinen Durst vertrieb und ihm einen Weg hier heraus zeigte, den Weg aus der Hölle. Denn diese Wüste konnte man nur als Hölle bezeichnen. Seit mehreren Tagen irrte er nun schon umher, anfangs noch mit Wasser, und diese Tage waren weit erfreulicher gewesen also die ohne. Denn er wurde für die Verschwendung, die er am ersten Tag betrieben hatte, grausam bestraft; am nächsten Tag fand er ein Leck in seinem Wasserbehälter, und erst, als er sah, dass das komplette Gefäß leer, und der Inhalt unwiederbringlich dahin war, begriff er, was er Kostbares verloren hatte. Der Vorfall ereignete sich am 2. Tag allein in der Wüste. Und er zählte nunmehr den 5. Tag. Wenn sich jemand in einer solchen Situation befindet - z.B. die Reisegruppe verliert, die nur eine Führung hatte machen wollen - und nun auf sich allein gestellt ist, dann scheint es, als hielte die Zeit an. Jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde verstreicht so schmerzhaft langsam, dass man sich zu fragen beginnt, wieso diese Qualen so unnötig verlängert werden, wieso man nicht schon längst tot und begraben in irgendeiner Ecke liegt, und ja, irgendwann sehnt man diesen Tag herbei. Den Tag, an dem all die Mühe und die Plackereien endlich ein Ende haben. Man endlich erlöst wird von den dauerhaften psychischen und körperlichen Schmerzen, erlöst von einem aussichtslosen Überlebenskampf, der als harmloses Abenteuer beginnt, und als grausamer Zufall endet. Und genau diesen Zustand konnte er als den eigenen bezeichnen. Ächzend machte er einen Schritt vor den anderen, um hier lebend wieder herauszukommen, musste er laufen. Musste sich durch den mal knöcheltief, mal hüfttiefen Sand kämpfen, der beständig von einem leichten Wüstenwind aufgewirbelt und umgeformt wurde. Dass Sand tückisch sein konnte, hatte er bereits am 3. Tag gelernt, als er bei einem Sturm beinahe lebendig begraben worden wäre. Inzwischen glaubte er fest daran, dass ihn dieses Schicksal wenigstens vor den noch bevorstehenden Qualen bewahrt hätte;denn seine ehemals schwarzen Haare schienen stumpf und grau, die wenigen Sachen, die er trug, hingen ihm verschlissen und dreckig um den Leib, und seine geschundenen Hände und Füße, die durch das ständige Laufen auf körnigem Sand verursacht wurden, waren genauso von Staub bedeckt wie der Rest von ihm. Seine Lippen waren rissig und aufgeplatzt, und er hätte sein linkes Bein gegeben für ein bisschen Wasser. Er schwankte auf der Schwelle zwischen Leben und Tod, und der Enthusiasmus, mit dem er noch vor wenigen Tagen optimistisch losmarschiert war, gehörte der Vergangenheit an. Zurück blieb ein der Naturgewalt erbarmungslos ausgesetzter, verzweifelter Mann, der sich zum ersten Mal in seinem Leben im Klaren darüber war, wie hilflos man sich fühlen konnte. Nichts hatte er nun noch, alles war ihm genommen worden; sein Stolz, seine Würde, und nun, schlussendlich, auch bald....sein Leben. Doch halt- was war das? Er glaubte hinter einer der zahlreichen Dünen mehrere schwarze Punkte zu sehen. Zu weit in der Ferne, als dass man sie genauer zuordnen konnte. Sie kamen näher. Stück für Stück, und endlich erkannte er, was es war: eine Karawane! Eine Karawane mit hilfsbereiten Nomaden, die ihm sicherlich helfen würden! Schließlich hatte der Reiseleiter extra auf die große Hilfsbereitschaft dieser Männer und Frauen verwiesen. Doch sofort durchzuckte ihn ein anderer Gedanke: was war, wenn es nur eine Fata Morgana war, eine Illusion, ausgelöst durch die sengende Hitze?! Wenn ihm die Sonne einen Streich spielte, er langsam, aber sicher den Verstand verlor, was dann? Dann war alles umsonst. All die Qualen, die er auf sich genommen hatte, weil ihm keine andere Wahl blieb, der Überlebenskampf, den er seit 5 Tagen führte...all das sollte umsonst gewesen sein? Er konnte es nicht recht glauben. Diese Gedanken schossen ihm durch den Kopf, während er unbewusst völlig entkräftet auf die Knie sank, sein Körper nachgab, und er im heißen Sand landete. Der Sand, den er so sehr hasste. Inzwischen flimmerte der Kamel-und Menschenzug vor seinen Augen nur noch. Langsam fielen ihm die Augenlider zu. Ein letztes Mal betrachtete er die Umgebung und betete zu Gott, es möge sich tatsächlich um eine Karawane handeln, ehe er endgültig die Augen schloss. Denn wie heißt es doch gleich so schön: die Hoffnung stirbt zuletzt.

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