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Kategorien > Kurzgeschichte > Gedanken

Meer und Surfer

von Lucia

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Heute war das Meer besonders wild.
Sienna McLee saß auf der überdachten Terrasse ihres Hauses, starrte Tee trinkend in den Regen hinaus und betrachtete das Meer. Wenige hundert Meter geradeaus, am Strand, brachen sich die grauen Wellen an den dunklen Felsen und wogten im wilden Meereskessel stürmisch hin und her. Das Wetter war schrecklich.
Sienna mochte schreckliches Wetter; wenn es regnete, donnerte, blitzte, schneite oder sogar hagelte, ging sie lieber hinaus als bei Sonnenschein. Ihre Eltern wunderten sich zwar und sie war deswegen immer etwas blass, aber sie liebte es. Dann musste sie draußen sein und den Naturgewalten zusehen – Das Meer hatte sie öfter aufgewühlt gesehen als ruhig. Sienna selbst war der Ansicht, irgendwie karmisch mit Wasser und Wetter verbunden zu sein.
In den Wellen blitzte kurzzeitig etwas Weißes auf und weckte Siennas Aufmerksamkeit. Sie lehnte sich in ihrem Plastik-Gartensessel vor, um besser sehen zu können und vergaß ihren Tee.
Beim nächsten Mal war es besser zu erkennen: ein Jemand in weißem Hemd und Hose war im Meer. Nein, über dem Meer. Er surfte. Der Jemand stand auf einem Surfbrett, eindeutig. Außerdem erkannte Sienna lange, dunkle Haare, die im Wind wehten ... oder bildete sie sich das nur ein? Die Schatten zwischen den hohen Brechern konnten alles oder nichts sein. Trotzdem war sie sicher, dass es sich um einen Jungen handelte. Aber ... was tat er dort draußen, in der stürmischen, aufgewühlten See? Wenn er wirklich etwas vom Surfen verstand, musste er doch wissen, bei welchem Wetter es ungefährlich war, aufs Meer zu gehen. Warum war er dann dort? Hatte er denn keine Angst, wollte er denn ertrinken? Nun ja ... Sienna schüttelte den Kopf, ertrinken würde er wohl nicht, aber sich eine ordentliche Erkältung holen.
Tausend Fragen warf der Unbekannte auf. Sienna überlegte hin und her, was der Hintergrund dieser abenteuerlichen Surfpartie sein könnte, und beobachtete ihn dabei weiter. Manchmal verschwand er zwischen den Wellen, dann war er wieder hoch oben auf einem Kamm. Zu einem Schluss kam Sienna daher: Es musste sich um einen verdammt guten Surfer handeln, denn vom Brett fallen und untergehen sah sie ihn nie.
Kurz wandte sie den Blick ab und griff nach ihrer Teetasse, um einen Schluck zu nehmen, bevor er abkühlte. Dann zog sie den Reißverschluss ihrer Regenjacke zu; es war nicht gerade Sommertemperatur an diesem Nachmittag.
Der Surfer war verschwunden. So sehr Sienna auch das dunkle, rauschende Meer mit ihren Blicken absuchte, sie fand das weiße Hemd nicht wieder. Enttäuscht stand Sienna auf und lauschte eine Weile dem prasselnden Geräusch des Regens und dem Heulen des Windes. Dann ging sie mit der leeren Tasse ins Haus. Der Surfer war weg, vermutlich auf Nimmerwiedersehen.

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