Mein Kleiderschrank
von
Oliver Dauterich
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Die früheste Erinnerung an meinen Kleiderschrank, geht bis in meine jüngste Kindheit zurück.
Natürlich wurde der Schrank schon vor meiner Geburt gekauft und in dem für mich vorgesehenen Zimmer im Ostflügel unseres Hauses, genauer gesagt direkt neben dem Schlafzimmer meiner Eltern, aufgeschlagen. Doch davon konnte ich verständlicherweise noch keine Notiz nehmen.
Meine Mutter war diejenige, die meine Kleidung in ihn einräumte und für eine Ordnung darin sorgte, welche man schon fast als militärisch bezeichnen konnte. Ich wurde von ihr morgens an- und abends ausgezogen. Später bekam ich meine Anziehsachen immer auf das Bett gelegt,. ich braucht im Grunde nur noch hinein zu schlüpfen.
Wo die Kleider herkamen, hatte ich eigentlich nie gefragt. Ich denke das Meiste bekam ich von meinen Eltern und den Verwandten geschenkt.
Die Verantwortung, die gegenüber meinem Kleiderschrank übernehmen mußte, stieg proportional mit meinem Alter. Schon bald räumte ich ihn selbst ein und entschied alleine, welche Kleider ich tragen würde.
Der Ehrlichkeit halber sollte ich zugeben, daß mich meine Mutter oft zurück auf das Zimmer schickte, da ich zwei verschiedene Socken an, das Hemd falsch herum oder eine Farbkombination gewählt hatte, welche wirklich nur der Phantasie eines Kindes entspringen konnte.
Außer meinem Familienkreis steuerten nun auch stetig Freunde und Bekannte etwas zur Ausstattung meines Kleiderschrankes bei. Dieser wurde mit der Zeit so voll, daß ich auch meinerseits Dinge an alle erdenklichen Menschen verschenkte.
Schon bald verlor ich den Überblick und Ordnung zu halten wurde zu einem, wie ich damals dachte, unlösbaren Problem. Doch mit eisernem Willen kämpfte ich mich durch den Wust von Kleidern und entwickelte ein System des Einräumens, daß ich bis heute beibehalten habe.
Mit 18 Jahren zog ich von daheim aus und trat meine erste Arbeitsstelle in einer Hypothekenbank an, ich wollte Wertpapierberater werden.
Selbstverständlich nahm ich meinen guten Kleiderschrank mit, der auch vorzüglich in meine neue zwei-Zimmer-Wohnung passte.
An meinem ersten Arbeitstag bekam ich von meinem Vorgesetzten eine Krawatte geschenkt, da in einer Bank gewisse Kleidungsvorschriften gelten. Diese blieb allerdings nicht die Einzige.
Im Laufe meiner Karriere sollte ich noch einige andere Krawatten und Fliegen jeglicher Couleur von Kollegen, ja selbst von Bankkunden überreicht bekommen.
Es waren alle nur erdenklichen Arten darunter. Solche die mir standen und andere, die wie man sie auch betrachtete, immer häßlich bleiben werden.
Ich verstand es jedoch bald die Kleidsamen von den weniger schönen zu unterscheiden und auch das schreckliche Beklemmungsgefühl, diese Angst des Erstickens wenn der Knoten einem fast die Luft abschnürt, wußte ich nach einiger Zeit zu umgehen.
Ein kleiner Trick, den ich gerne jedem empfehlen möchte, der damit Probleme hat.
Man öffne einfach den obersten Knopf des Hemdes und ziehe den Knoten locker davor. Somit bewahrt man sich selbst genügend Halsfreiheit und zollt dennoch den Regeln der Kleiderordnung den angemessenen Tribut.
Einige Jahre später traf ich mich öfter mit einem Mädchen aus der Chefetage, sie arbeitete dort als Sekretärin.
Wir verbrachten viele gemeinsame Abende miteinander, gingen ins Kino oder tanzen und hatten einige wirklich romantische Augenblicke. Der wichtigste war sicherlich der, als ich sie nach einem Abendspaziergang durch den Park, nach Hause brachte.
Der Mond schien hell über uns und die Nacht war sehr klar. Ein frischer Wind kam auf und ich bemerkte, daß sie fröstelte.
Ich gab ihr meinen ungebleichten Schurwolle-Pullover zum Überziehen (Irgendwer hat ihn mir mit der Bemerkung aufgeschwatzt, daß so etwas jetzt in wäre und deshalb befand ich mich seinerzeit auf einem sogenannten Ökotrip) und sagte sie könne ihn behalten.
Sie freute sich wie ein kleines Kind und antwortete er würde ihr wahnsinnig gut gefallen.
Wenig später waren wir verheiratet und zogen in eine gemeinsame, größere Wohnung. Natürlich hatte sie auch einen Kleiderschrank, den wir direkt neben meinem Aufstellten und ich musste zugeben, sie passten zueinander, als hätte man sie alleine zu diesem Zweck hergestellt.
Beim Einräumen halfen wir uns gegenseitig und rückten diese oder jene Sachen des Anderen an einen, Wie uns erschien, günstigeren Platz, ohne jedoch den persönlichen roten Faden, der sich, wie ich glaube durch jeden Kleiderschrank zieht, zu tangieren.
Kurz gesagt, wir ergänzten uns großartig, ganz so wie man es eigentlich von Mann und Frau erwarten sollte.
Kurze Zeit später kam unsere kleine Tochter zur Welt und ich habe es nicht versäumt dafür zu sorgen, daß ihr eigener Kleiderschrank aufgeschlagen war, als ich sie und ihre Mutter aus dem Krankenhaus nach Hause holte.
Wenn das Leben dann zu Ende geht und ich résumer ziehe, werde ich wohl auch einigen Menschen, bekannt oder unbekannt, vorsätzlich oder unbewußt, aus bestimmten Gründen oder rein zufällig, den eigenen Kleiderschrank um das eine oder andere Stück bereichert haben.
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Kommentare
sina franke schrieb am 2007-06-21 14:51:50:
du hast eine sehr berührende art zu schreiben. deine werke gefallen mir sehr.
ganz liebe grüße
sina franke
ps. mich interessiert dein alter. aus deiner wortwahl spricht ältere inteligenz...
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