Mein Leben
von
Nora Keller
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Die Tür geht auf, eine Frau mit streng zurückgebundenem Haar schuat mich misstrauisch an. Ich stelle mich als neue Haushaltshilfe vor, worauf sie mich hineinbittet. Schon von weitem höre ich, dass ich hier wohl dringend gebraucht werde. Fünd, nein sechs Kinder zwischen 3 und 10 Jahren kreischen herum. Nun bemerke ich auch, dass deren alleinerziehende Mutter Silvia Laas sehr blass ist und abgekämpft aussieht. Die Frau, etwas älter als ich, so mitte 40, weist mich in meinen neuen Arbeitsbereich ein und zeigt mir dieses und jenes.
Die Arbeit ist hart, doch es ist mir wichtig, hier zu sein. Häufig bin ich sogar zu müde, um etwas zu essen. Gedankenverloren schaue ich jeden Tag aus dem Fenster, ich sitze stundenlang davor und schaue in den Park und warte. Während dieser Zeit bin ich nicht ansprechbar. Ich sitze einfach da und beobachte. Eigentlich ist nie viel los, was mich interessieren könte, bis endlich immer um dieselbe Zeit eine junge Frau in Begleitung immer auf dieselbe Weise um den Teich im Park spaziert.
Dann setzt sie sich auf die Bank, der Pfelger geht und lässt sie allein. Wie jedesmal holt sie aus ihrer kleinen, braunen Tasche, die sie mitgebracht hat, ein Stück Brot, bricht Teile davon ab und breitet sie auf der Bank aus.
Dann wartet sie, sie wartet darauf, dass die Zeit vergeht. Sie ist nicht hübsch, nein, das ist sie nicht wirklich. Ihr braunes, struppiges, aber durchaus gepflegtes Haar und ihre schmuddeligen Klamotten scheinen nicht zu ihr zu gehören. Es sieht aus, als ob sie eine Perücke tragen würde. Die Kleider sind viel zu gross, in Brauntönen.
Sie sieht langweilig aus. Doch sie lässt mich nicht los. Vielleicht ist es die Art, wie sie dann, nach einiger Zeit die Brotstückchen einzeln zwischen ihren langen, schmalen Fingern knetet und sie danach aufisst.
Sie lehnt sich zurück und schaut mit ihrem kindlich naiven AUsdruck auf das Wasser und sitzt einfach nur da. Zwei Stunden später, pünktlich um sechs wird sie vom Betreuer abgeholt.
Langsam weiss ich genau, wie lange sie jeweils für etwas braucht, immer ganz genau gleich lang.
Ich freue mich immer auf diese Zeit. Ich freue mich, wenn sie vom Betreuer in den Park geführt wird. Ich freue mich, wenn sie seelenruhig um den Tech spaziert. Ich freue mich, wenn sie ihre Brotstückchen schön in drei Reihen auf die Bank legt, immer vier Stückchen pro Reihe. Ich freue mich, wenn ich sie ansehen und dabei ihre Ruhe spüren kann. Dann vergesse ich alles um mich herum, ich bin dann zu nichts fähig, sitze nur da, ganz starr, kann während dieser Zeit nicht aufstehen.
Jeden Tag kann ich mich so erholen und stehe so die Wochen und Monate harter Arbeit durch.
Frau Laas ist relativ gut zu mir, jedoch habe ich nur ein kleines Zimmerchen, in dem es kalt und zugig ist. Denn meine Arbeitgeberin kann sich mit so vielen Kinder kein sehr gutes Zuhause leisten. So kommt es, dass ich krank werde.
Heute ist schon der neunte Tag, an dem ich mich nicht ans Fenster setzen und dem Mädchen zusehen kann. Es ist fast unerträglich, ich komme mir hilflos und alleine vor. Es ist fast so, als würde ich ertrinken und niemand kommt, um mir zu helfen.
Vier Tage später, ich bin noch immer krank, doch ich sitze trotzdem auf meinem Stuhl vor dem Fenster und schaue in den Park. Wieder ganz in die Welt der jungen Frau versunken, beobachte ich jedes Detail genau, um sicher zu gehen, dass sich nichts verändert hat. Drei mal vier Brotstücke, neun Minuten um den Teich, die Sonne, die vom Himmel strahlt, der starre Blick auf das trübe Wasser des Teiches. All das sauge ich mit den Augen gierig in mich hinein.
Jetzt geht sie auf das Wasser zu. Einen Schritt nach dem anderen. Die Sonne geht langsam unter. Wo ist der Betreuer? Es ist nach sechs.
Man hört nicht, wie sie ins Wasser gleitet. Sie kann nicht schwimmen. Ich schaue nur zu, kann mich nicht rühren. Kann das alles nicht recht von dem Bild unterscheiden, das ich mir schon Tage zuvor vorgestellt hatte. Doch da war ich diejenige, der man nicht geholfen hat.
Sie ist weg.
Diese Bilder verfolgen mich nun jeden Tag, jede Nacht.
Ich habe jetzt auch einen geregelten Tagesablauf, mache immer dasselbe. Werde immer von einem Pfleger an den Teich geführt und wieder abgeholt. Immer habe ich Brot dabei.
Der Zwang, den Weg meiner Tochter zu gehen ist unausweichlich, doch ich hoffe, dass ich ihn nicht zu Ende gehen muss.
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