Mein Name ist David
von
tristanaurel
1
2
3
4
5
6
Mein Name ist David.
Ich kam Anfang der 70er Jahre als Letztes von drei Kindern zur Welt. Meine Eltern sind der ehem. Berufssoldat und Journalist Peter Schroeder ( Oberst in Reserve, + mit 50 ) und die ehem. Buchhändlerin und Hausfrau Christine. Meine Schwestern Michaela ( 10 Jahre älter ) und Kerstin ( 11 Jahre älter ) erfreute meine Geburt wenig. Sie bedachten das „überflüssige, kleine Ding“ mit einer Eifersucht, die mir zum Teil bis heute nachhängt. Ich war, das bezeugen Fotos und Aussagen aller Verwandten, ein echtes Bilderbuchbaby – und bis zum Alter von zwei Jahren ein kerngesundes Kind. Dann erhielt ich die Pockenschutzimpfung. Diese löste zwei Tage später prompt einen heftigen, epileptischen Krampfanfall aus. Es passierte Samstag nachmittags ( meine Geschwister waren bei Freundinnen und mein Vater noch auf der Arbeit ) und meine Mutter, die überhaupt nicht wusste, was los war, rief den Rettungswagen. Dann rannte sie in ihrer Panik mit mir - den wild zuckenden kleinen Kerl in den Armen – laut um Hilfe schreiend auf die Straße. Ein Nachbar eilte hinzu und hielt seinen Damen zwischen meine Zähne, damit ich mir nicht die Zunge abbiss. Er hielt mir später diese Situation noch oft vor, als ich ein junger Erwachsener war - stets in leicht vorwurfsvollem Ton. Schließlich hätte ich ihm damals als Zweijähriger bis auf den Knochen blutig gebissen, weswegen er dort eine Narbe habe. Mein Vater, der damals von der Arbeit kam und gerade in die Straße einbog, hörte das Geschrei meiner Mutter ebenfalls und lief vor lauter Angst so schnell er nur konnte. Kurz danach traf der Rettungswagen ein.
Ich gehörte zu den letzten Kindern, die in Deutschland diese Impfung erhielten. Nachdem sich nämlich Vorfälle wie dieser häuften, wurde die Pockenschutzimpfung gesetzlich abgeschafft.
Auf den Tag genau zwei Monate später erlitt ich einen zweiten, sehr heftigen Anfall, der mich dieses Mal im Schlaf überraschte. Daraufhin wurde ich medikamentös eingestellt, um eine mögliche Epilepsieerkrankung im Keim zu ersticken. Also verabreichte man mir vom zweiten bis zum elften Lebensjahr starke Erwachsenenpsychopharmaka und Antiepileptika. Damals – Anfang der 70er Jahre - gab es eben noch nichts Spezielles für Kinder. Diese Medikamentenkombination war so stark, dass ich meine komplette Kindheit ( bis zum elften Lebensjahr ) wie im Rausch verbrachte. Ich war sprichwörtlich „auf Droge“. Auch wenn mir das die wenigsten Menschen glauben, so war es rückblickend für mich, als hätte ich diesen Zeitpunkt betreffend einen totalen Gedächtnisverlust, eine regelrechte Amnesie. Nur ganz selten blitzt eine kurze Erinnerung auf, ganz flüchtig und so, dass ich keinen Bezug zu ihr hergestellt bekomme. Daher muss ich mich im nachfolgenden auf das verlassen, was mir von Familienangehörigen, Lehrern, Nachbarn und sonstigen „Zeitzeugen“ erzählt wurde, bzw. mir selbst von Fotos und Super 8 – Aufnahmen bekannt ist: Unter dem Einfluss der Medikamente verweigerte ich die Nahrungsaufnahme, aß nur unter Zwang. Ich verlor immens an Gewicht, so dass sich die Haut beinahe nur noch über die Knochen spannte und ich – und das ist jetzt nicht abfällig gemeint – fast aussah, wie eines dieser hungernden Kinder aus der Dritten Welt. Zudem benahm ich mich zwei Jahre lang wie ein kleines, gefangenes Tier. Ich bewegte mich wie ein Äffchen. Kletterte an Schränken hoch oder versteckte mich stundenlang total verängstigt, unter dem Küchentisch, wo ich mit weit aufgerissenen Augen vor mich hinstarrte ( Angstzustände durch Medikamente ) und wie am Spieß zu schreien begann, wenn sich jemand näherte. Ich war das Gespräch des ganzen Dorfes, das „Wilde Kind“, das offensichtlich geistig behindert sein musste. Natürlich hatte ich keine Freunde. Als die Medikamente wenigstens so umgestellt wurden, dass die Angstattacken und Horrorvisionen aufhörten und ich in Kindergarten und Schule geschickt werden konnte, begann mein Martyrium erst wirklich.
Kinder können grausam sein. Natürlich merkten die anderen Kinder sofort, dass etwas mit mir nicht stimmte. Und da ich - stark gehemmt durch die Medikamente – fast nie sprach, noch mich wehrte, war ich schnell das perfekte Opfer. Ich wette, ich habe vom Kindergarten bis zum Ende der Grundschule mehr Prügel kassiert, als mancher Berufsboxer. Ständig wurde ich geärgert, geschlagen, beklaut, angespuckt, getreten und beworfen. Es gibt Fotos von mir, da ist mein weißhäutiger, unterernährter Kinderkörper nur so von Blutergüssen, Schrammen, Abschürfungen, etc. übersät. Ich war der Punchingball für alle aggressiven Kinder ( die ich offenbar wie ein Magnet anzog ), besonders für solche, die zuhause von den Eltern geschlagen / misshandelt wurden.
Im Nachhinein bin ich froh, dass ich mich selbst nicht mehr an diese Zeit zu erinnern vermag. Wer weiß, wie ich heute so „drauf“ wäre, stünde dies mir noch voll im Bewusstsein. Zweimal hatten mich die Kinder so brutal getreten, dass mein ganzer Unterleib blutig war. Die Eltern der betroffenen Kinder äußerten damals gegenüber meinen Eltern, es „wäre meine eigene Schuld, denn ich hätte das provoziert“. Dabei hätte ich nicht mal „Scheiße!“ sagen können, wenn mein ganzer Mund damit voll gewesen wäre.
Im Schulunterricht war ich zwar körperlich anwesend, aber nickt aktiv. Das Mitarbeiten fiel mehr sehr schwer, Sinnzusammenhänge erkennen erforderte viel Zeit. Schnell war ich in der Schule als „Freak“, „Alien“ oder „Psycho“ bekannt: superdünn, blass, fast weißhäutig, weißblondes Haar und ein immer irgendwie abwesender, leerer Blick aus blauen Augen ( wie Amy Winehouse auf Droge ), machten mich - wie bereits erwähnt - schnell zum beliebten Spott – und Prügelobjekt.
Das änderte sich schlagartig, mit dem Auftauchen eines neuen Jungen in der Klasse: Thomas Rath. Er kam aus einem sehr problembeladenen Elternhaus und war Scheidungskind – heute, angesichts der Häufigkeit, sicher nichts Ungewöhnliches mehr, doch zu dieser Zeit ( Anfang der 80er Jahre ) noch eine verpönte Sensation. Aufgrund seines Durchsetzungsvermögens, seiner ansprechenden äußeren Erscheinung, und seiner Sportlichkeit wurde er schnell von den anderen akzeptiert und erfreute sich großer Beliebtheit. Schon nach kurzer Zeit wurde er zum Klassensprecher gewählt. Aus irgendeinem Grund möchte er mich, ob es aus Mitleid war oder Faszination, weiß ich nicht. Jedenfalls war er der Erste, der mit dem „Freak“ Kontakt aufnahm und mich prompt unter seinen Schutz stellte. Wer mir zu nahe kam, wurde zurückgestoßen oder erhielt – wenn es sich gar nicht vermeiden ließ - Schläge. Er begriff sehr schnell, dass ich in meiner eigenen Welt lebte. Irgendwie schaffte er es, Zugang zu dieser Welt zu bekommen, so dass er der erste Mensch war ( damals war ich zehn ), mit dem ich wirklich kommunizierte. Selbst mit meinen Eltern redete ich nur selten, und nie von mir aus, nur auf Ansprache. Thomas war auch der Erste, der mich berühren durfte ( an Händen, am Arm ). Wenn mich meine Mutter umarmen oder drücken wollte, fing ich an zu schreien wie ein
1
2
3
4
5
6
Kommentare
42 schrieb am 2010-01-30 22:35:08:
Danke für diese Geschichte.
Kommentar hinzufügen