Geschichte einsenden Links & Rings AGBs Impressum
Kategorieauswahl
Wir freuen uns über jeden Autor, der hier auf Storyparadies.de seine Geschichten veröffentlichen möchte.Da jeder Autor Feedback braucht, sind Kommentare, solange es sich um konstruktive Kritik handelt, möglich und auch ausdrücklich erwünscht. Bitte verwenden Sie zur Einsendung der Geschichten und Kommentare unser Formular und beachten Sie dabei unsere Regeln.
Suche


Kategorien > Avantgarde >

Mein Wunsch

von Der Knut

Wünsche sollten in Erfüllung gehen können.

Aber sie tun es meistens nicht oder nur, wenn man sich sehr anstrengt, ein Ziel zu erreichen. Aber dann ist der Wunsch auch kein Wunsch mehr, er ist ein Ziel. Etwas, das man vor dem Auge hat. Etwas Greifbares.

Aber ein Wunsch, das ist der Anflug einer Idee, die sanfte Berührung einer unausgesprochenen Leidenschaft. Der Wunsch ist ein Gefühl. Ein Gefühl, das neben Hass, Liebe, Trauer und Freude existiert.

Ein Wunsch kann übergehen in Hoffnung. Hoffnung kann übergehen in Freude. Manchmal...

Wünsche sollten in Erfüllung gehen können und ich sage euch, warum:

Ich kannte mal einen Mann, der seinen eigenen Vater nie gesehen hatte. Er setzte sich das Ziel, seinen Vater zu finden, koste es, was es wolle. Er wollte ihn bestrafen dafür, dass er ihn nie gesehen hatte. Also verließ dieser Mann seine Familie, ließ Frau und Kind zurück und machte sich in seinem alten Ford auf, auf das er sein Ziel erreichte.
Seine Frau hoffte, er käme bald zurück und winkte noch an der Tür. Auch ich winkte ihm und rief noch hinterher, er solle nicht zu streng mit seinem Vater sein. Das Kind weinte. Wir gingen alle hinein und überließen die ganze Sache sich selbst.
Der Mann fuhr über viele Straßen, überquerte hundert Brücken und ließ noch mehr Städte hinter sich. Überall fragte er nach nur einer Person und von Sekunde zu Sekunde erschien ihm die Suche immer hoffnungsloser. Und ihm wurde klar: Das war es nicht, was er wollte, er wollte etwas ganz anderes. Wenn er seinen Vater gefunden hätte, was dann? Er hätte ihn bestraft, aber das war nicht sein Wunsch. Er wusste nicht, wie er das Gefühl, das sich in ihm ausbreitete, beschreiben sollte. Es fiel ihm erst ein, als er weiterfuhr, als es zu spät war.
Der andere Wagen kam aus dem Nichts. Der Mann riss das Steuer herum, sah, wie das Wasser auf der Straße aufgewühlt wurde und wie der Baum immer näher kam. Als sich die Räder vom Boden abhoben und der Wagen zu fliegen begann, schoss ihm das eine Wort in den Kopf: Heimweh.
Er sah seine Frau, die vor der Tür stand und winkte, er sah seinen Sohn auf ihrem Arm, der weinte. Und er sah mich. Da wusste er, was er eigentlich wollte und schloss die Augen.
Sein Sohn saß zu diesem Zeitpunkt am Fenster und schaute hinaus. Die Mutter weinte in der Küche, denn sie war so einsam und wünschte, es wäre nicht so. Und auch der Sohn sah mich an und sagte: "Ich hab' nur einen Wunsch. Kannst du ihn wahrmachen?"
Ich schüttelte den Kopf, denn ich wusste, dafür war es zu spät.
Einen Tag erreichte die Nachricht der Tragödie die Familie und sie drang selbst durch bis zu dem Vater des Mannes. Er erschien nicht zur Beerdigung.

Was wird aus einem Wunsch, wenn er nicht in Erfüllung geht?

Er kann einem zum Verhängnis werden, denn man wird ihn nie los. Er umschließt dich wie eine zweite Haut, aber eine Haut, die keine Luft durchlässt, die dich einschnürt, bis du erstickst.

Menschen wollen atmen, das ist ein natürlicher Instinkt. Sie haben ein Verlangen nach Leben, wie der Wünschende ein Verlangen danach hat, die Haut abzustreifen, um neuen Sauerstoff in die Lungen zu bekommen.

Wenn ein Wunsch nicht in Erfüllung geht, wird aus ihm ein Verlangen nach Leben.

Da war einmal ein Junge. Der liebte ein Mädchen, dass am Ende seiner Straße wohnte. Leider begab es sich so, dass der Junge nicht das Abbild einer Schönheit war und wegen seines Aussehens selten vor die Tür ging und sich deshalb auch nicht traute, das Mädchen anzusprechen.
Das Mädchen war eine Schönheit. Sie wurde von vielen bewundert. Der Nachbar des Jungen freute sich immer auf den Sommer. Denn dann konnte er den Rasen just in dem Augenblick sprengen, in dem die Sonne dem Mädchen zu einer natürlichen Bräune verhelfen sollte.
Und auch der Junge stand dann immer am Fenster. Ich sah ihn immer von der Straße aus und konnte beobachten, wie von Sommer zu Sommer seine Augen trauriger wurden. Trotzdem konnte er den Blick nicht abwenden.
Das Mädchen lernte den Jungen nie kennen. An dem Tag, an dem der Junge sich seinen Wunsch erfüllte, stand sie mit dem Rücken zu ihm. Er hatte alles vorbereitet. Seine Eltern, die ihn über alles liebten, schrieb er einen Brief. Als die ersten Worte ihren Weg auf das Papier fanden, erinnerte er sich an die Jagdausflüge mit seinem Vater, wie dieser versuchte, Freunde für ihn zu finden. Das war dem Jungen immer so peinlich. Oder wenn die Mutter ihn ständig nach Mädchen ausfragte, schließlich sei er ja alt genug. All diese Gedanken gingen in seinen Brief mit ein und er erklärte seinen Entschluss.
"Liebe Mama, lieber Papa..." Ich überflog den Brief nur kurz, denn es ging alles sehr schnell. An diesem heißen Sommertage nämlich stand der Junge nicht an seinem Fenster, das Mädchen sonnte sich nicht und der Nachbar ließ vom Rasensprengen ab. "Auf der Jagd hatten wir viel Spaß, auch wenn ich dich immer angebrüllt und soviel geweint habe." Und diesmal war ich es nicht, der zum Fenster hinaufsah, es war der Junge. Er sah mich und schüttelte den Kopf. Da wusste ich, was er vorhatte.
"Manchmal habe ich das Gefühl, nicht atmen zu können." Er ging über den Rasen des Nachbarn, der an jenem Tage nicht zum Fenster hinaussah. "Ich habe soviel von euch bekommen, nur nicht das, was ich wollte." Er ging rüber zu der offenen Garage beim Haus am Ende der Straße. Und dort stand sie. "Ich will sie." Sie weinte. Einen Augenblick lang dachte der Junge, er müsse sie trösten. Doch er würde das nicht tun, dass wusste ich bereits.
"Ich kann sie aber nicht bekommen." Leise schlich sich der Junge an das Mädchen heran. "Ich habe das Gefühl, schwer verletzt am Boden zu liegen." Das Mädchen merkte nichts, denn an diesem Tag blickte niemand aus dem Fenster. Ich stand vor der Garage und sah dem Unausweichlichen zu. "Auf der Jagd lernte ich, man solle den verletzten Tieren ihre Qual ersparen." Der laute Knall, der entstand, als der Junge abdrückte, ließ alle in der Straße zusammenzucken. Sekunden später standen die ersten vor der Garage. Einige waren der Meinung, sie waren draußen, bevor ihr Körper auf dem Boden aufschlug. Unter Tränen schloss der Junge die Augen. Er wünschte sich ein Leben nach dem Tod, konnte sich im nächsten Moment aber nicht mehr zuhören. Der Knall war zu laut.

Der Anflug einer Idee. Das ungewollte Verlangen. Wenn der Traum zu Ende ist...

Ist es gut, sich zu verlieren? Ja, manchmal schon. Muss man sich wiederfinden? Ja, manchmal schon. Und gehört Leid dazu?

Gibt es Glück nur, wenn es auch Schmerz gibt? Vielleicht dürfen einige Wünsche einfach nicht in Erfüllung gehen. Wenn man alles hat, kann man sich nicht mehr auf etwas freuen. Wenn man wenig hat, vermisst man viel.

Vor einiger Zeit lernte ich eine Frau kennen, die sehr einsam war. Nicht, weil niemand bei ihr war. Sie hatte eine Familie. Einen treusorgenden Ehemann und zwei wunderschöne Kinder, ein Junge und ein Mädchen. Trotzdem war sie einsam und sie wusste nicht, warum. Also redete sie eines Abends mit mir, nachdem sie ihre Tabletten genommen hatte. Benommen fragte sie mich:
"Warum bin ich so einsam?"
"Ich weiß es nicht", antwortete ich ihr, während sie mir direkt in die Augen sah. Sie sah verwirrt aus. "Warum nicht?"
Ich nahm ihre Hand und streichelte ihr über die Wange. Dann erzählte ich ihr von dem Mann, der seinen Vater suchte, der Frau, die ihren Mann verlor. Ich erzählte ihr von dem Sohn, der seinen Vater nie wieder sehen sollte. Von der Beerdigung, zu dem der Gesuchte nicht erschien, da ihn ein grausiger Verdacht beschlich: Beruhigend sprach sich der Gesuchte immer zu, das Auto wäre aus dem Nichts gekommen, sein Sohn wäre selber schuld gewesen, er konnte ihn einfach nicht sehen. Ich lächelte sie an und berichtete von dem Jungen, der sich so unsterblich verliebt hatte. Von dem Mädchen, das einmal Schauspielerin werden wollte und es wohl auch geworden wäre, hätte ihr Vater nicht an jenem Tage Einspruch erhoben. Von der Waffe, die der Vater des Jungen suchte, um seinen Sohn zum Jagen auszuführen, denn er hatte mit dem Vater des Mädchens und ihren beiden Kindern ein Treffen vereinbart. Ich erzählte von dem Nachbarn, mit dem das Mädchen immer über alles redete, wenn sie sich sonnte. Dem sie erzählte, sie wäre in den Jungen verliebt.
Ich blickte der Frau tief in die Augen und erzählte von ihrem Mann, der just in diesem Augenblick draußen im Wagen auf sie wartete, denn er wollte sie überraschen, hatte ein Strauß Blumen auf dem Nebensitz und Tische in dem nobelsten Restaurant reserviert. Im Gegensatz zu ihr hatte er nicht den Hochzeitstag vergessen.
Ich erzählte von ihren beiden Kindern, die jetzt bei einer Jugendlichen waren und ihre Mutter vermissten.
Und ich erzählte von meinem Wunsch, alle Wünsche sollen in Erfüllung gehen. Ich sagte, dass es nicht schlimm sei, sich etwas zu wünschen. Es sei nur schlimm, den Wunsch aufzugeben. Oder nicht zu sehen, dass er lange in Erfüllung gegangen war.
Kurz vor ihrem letzten Atemzug lächelte die Frau auf einmal. Es war so ein bestimmtest Lächeln. Sie wusste, was ich meinte und sie erkannte. Und da war sie nicht einmal traurig, dass es zu spät war, denn der Schatten kam just in dem Augenblick des Glücks. Ich saß neben der Schlafenden und sah zum Fenster hinaus. So viele Menschen, so viele Wünsche, so viele Geschichten.

Wenn auf einmal eine Tür aufgeht, die vorher verschlossen war. Wenn plötzlich dort Licht hinkommt, wo vorher Schatten war. Wenn das Herz auf einmal richtig klopft und man zum ersten Mal wirklich atmet und spürt.

Und fühlt.

Dann ist es passiert.

Man kann es in den Augen der Menschen sehen. Wenn jemand wunschlos glücklich ist, meine ich. Dann hat er dieses bestimmte Lächeln. Es ist weder schief noch gerade, weder witzig noch froh. Es ist eben dieses bestimmte Lächeln. Ein echtes.

Aber nur wenige Menschen lachen so. Das ist traurig. Ich wünschte, man könnte das ändern. Wünsche sollten in Erfüllung gehen können. Mein Wunsch sollte in Erfüllung gehen.

Doch manchmal achtet auch niemand auf den Wunsch eines Engels.



von Knut Friederichs



Kommentare

gitaristin@freenet.de schrieb:
Super Geschichte, wir haben sie in der schule verfilmt, respect

Kommentar hinzufügen



Aufgrund des extremen Mißbrauchs der Kommentarfunktion sind wir leider gezwungen, die Kommentare ab sofort redaktionell zu überprüfen. Wir bitten um Ihr Verständnis.