Mein erstes mal
von
Nachtwanderer
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Ich weiß nicht, ob es an dieser Jahreszeit liegt oder an dem Glas Rotwein, das vor mir steht, doch es schwebt mir in der letzten Zeit häufiger ein Erlebnis durch meine Gedanken, welches schon sehr viele Jahre zurück liegt.
Es ist beinahe etwas schmerzhaft, wenn die emotionale Färbung dieser Erinnerung von mir Besitz ergreift. Es ist alles schon eine so lange Zeit her, dass es mir bereits fremd erscheint, so als habe es ein anderer erlebt, jemand den der Sand der Geschichte begraben hat, der im Strudel des Vergessens auf seine Wiedergeburt hofft, ahnend hinweggerafft zu werden von der Unendlichkeit.
Es gibt ein Gefühl, das wohl jeder kennen mag, wenn unmittelbar von einem Tag auf den anderen, am Ende des Winters, der Duft von Frühling in der Luft liegt – Frühlingsahnen.
Es gibt noch ein anderes Gefühl, es stellt sich wohl erst in der zweiten Lebenshälfte ein und ich weiß nicht genau, wie ich es benennen soll. Es kommt ebenfalls unerwartet und plötzlich über einen.
Als ich es zum ersten mal spürte musste ich innehalten, meinen Schritt verlangsamen und tief in mich hineinhören. Ohne Anlass, ohne fassbaren Grund empfand ich so etwas wie einen herannahenden Abschied. Eine dunkle, mahnende Stimme, die mich vorbereiten sollte auf meine eigene Vergänglichkeit. Es ist kein unangenehmes Gefühl und doch hat es etwas von Winter und Dunkelheit, von Demut und Dankbarkeit. Es ist besänftigend und lächelnd, es ist väterlich und allwissend. Es ist unbarmherzig und barmherzig zugleich. Es ist das lebendige Glück und bedeutet doch den Tod. Wer es kennt wird es nie vergessen.
In einer solchen Stimmung befand ich mich, als ich mich entschloss von einer Erinnerung zu schreiben, die mir viel bedeutet, und die unauslöschlich ein Teil meiner Seele geworden ist, tief vergraben in den Fundamenten meiner Existenz.
Es war im Jahre Neunzehnhundertneunundsiebzig, ich war gerade fünfzehn Jahre alt und bekam mein erstes motorgetriebens Fahrzeug und somit die lang ersehnte Unabhängigkeit. Endlich war ich frei und ungebunden und konnte mich überall hin bewegen, an alle Orte, die ein Jugendlicher für erstrebenswert hält.
Bei einer meiner Fahrten in die Freiheit begegnete mir ein junges Mädchen. Ihr Name war Karin, und sie war die Schönste der Welt – nicht nur für mich, sondern auch für den Rest unserer damaligen Clique, einer Gruppe aus pubertierenden, Mofa fahrenden Helden mit Pickeln. Was soll ich sagen, trotz Konkurrenz verliebte sie sich in mich und ich mich in sie.
Wir waren ein Paar und hatten so unsere Träume. Sie war erst dreizehn Jahre alt, aber sie fuhr schon mit dem Mofa ihrer älteren Schwester durch die Gegend. Ich hielt das damals für waghalsig und sehr mutig. Wir hatten nichts als Flausen im Kopf und waren bereit diese auch auszuleben.
Eines Tages, es muss auch um diese Jahreszeit gewesen sein, ich erinnere mich daran, dass die Bäume schon kein Laub mehr trugen, kam sie plötzlich auf die Idee etwas zu tun, von dem besser niemand erfahren sollte. Wir mussten sicher gehen, dass wir unbeobachtet und ungestört sein würden. Ihre Eltern besaßen ein kleines Hotel in unserer Stadt und oft gab es leere Zimmer, die wir hätten nutzen können, doch es erschien uns zu riskant und wir überlegten weiter, wo wir es anstellen könnten.
Dann hatte ich eine Idee. Aus meiner Kindheit kannte ich eine kleine Höhle, abseits der ausgetretenen Wege, tief im Wald des Ardeygebirges. Ich schlug vor dort zu campieren, nachts sollte es sein und niemand sollte etwas davon erfahren. Ich erinnere mich, dass wir als Kind manchmal dahin gegangen sind, trotz strengen Verbotes unserer Eltern. Die Höhle war schwer zugänglich, sie lag am Hang eines Berges, unter dem ein breiter Bachlauf laut plätschernd der Ruhr entgegen floss. Leicht hätte man dort abstürzen können und der Ort war bekannt für seine Risiken und eine Sorge für alle Eltern, die ihre Kinder vor Unheil bewahren wollten. Dort sollte es geschehen, noch an demselben Abend, an dem die Idee auch geboren wurde.
In die Satteltaschen meines Mofas packte ich einen batteriebetriebenen Kassettenrekorder, ein paar Kassetten mit unserer Lieblingsmusik und drei Flaschen Wein. Ferner eine Decke, Tabak, Blättchen und eine Regenjacke. Wir waren verabredet und es wurde Abend.
So fuhren wir, so weit es uns möglich war an unser abenteuerliches Ziel. In einer abgelegenen Sackgasse, am äußersten Ende eines Vorortes, hoch auf der Anhöhe des Klosterberges endete die Fahrt. Auf dem Parkplatz des Klosters parkten wir unsere Maschinchen und gingen in den finsteren Klosterwald, der zunächst in ein Tal führte und dann, nur für Eingeweihte den Trampelpfad wieder hinauf, bis zum Eingang der kleinen steinernen Behausung. Es war mehr ein Loch als eine Höhle, aber groß genug um darin zu stehen und bequem genug, um darin zu sitzen.
Ich trat hinein und räumte ein paar schwere Steine aus dem Weg, fegte trockene Blätter über den Felsenrand, um unser Lager vorzubereiten. Dann breitete ich die Decke aus, auf der wir Platz nahmen und der kleine Rekorder spielte unsere Musik. Keine Frage, wir waren so verliebt, dass uns dieser unwirkliche Ort wie das Paradies erschien.
Die Nacht brach herein und von überall hörten wir unheimliche Geräusche und manchmal war uns ein wenig bang ums Herz. Wir hatten begonnen die erste Flasche Wein zu genießen und ich spürte die wärmende Wirkung des Alkohols und fühlte mich zunehmend der Wirklichkeit entrückt. Wir waren aneinander gerutscht und ich spürte ihren jugendlichen, zarten Körper durch meinen schweren Norwegerpulli, der damals modern war und in der Frische der Nacht die richtige Wahl gewesen ist. Ihre kastanienbraunen Haare zauberte das Mondlicht zu blauweißen Bändern. Ihre Silhouette malte sich vor dem gegenüber liegenden Berg ab, der schwarzblau und bedrohlich, die zum Himmel ragenden kahlen Bäume gefangen hielt, die sich sehnsuchtsvoll dem Himmel entgegen reckten. Darüber stand der volle Mond und ich werde diesen Anblick niemals vergessen.
Je mehr wir tranken, desto mehr funkelten ihre mandelförmigen Augen in der Kühle der Nacht. Wenn ich jemals Gott begegnet bin, so war er in diesen Stunden bei uns, da bin ich mir sicher. Angetrunken und glücklich sagte ich ihr Dinge, die nur so aus meinem Herzen herauspurzelten und irgendwann küssten wir uns. Der Rekorder spielte „Moonshadow“ von Cat Stevens und immer wieder prosteten wir uns zu. Inzwischen hatten wir uns unter der Regenjacke verkrochen, aneinander gekauert und glücklich.
Manchmal, wenn eine Windböe den Eingang des Felsens streifte, strich ich die Haare aus ihrem himmlischen Gesicht und das Mondlicht lies sie wie eine Porzellanfigur erscheinen. Trotz meiner wenigen Jahre, die ich erst auf dieser Welt war, bin ich noch heute sicher, dass es Liebe gewesen ist.
Lange vor Aufgang der Sonne schliefen wir Arm in Arm ein, es war unbequem, es war kalt und es war herrlich. Der Wein war geleert, und wenn ich auch noch häufiger betrunken war, in den Jahren die kamen, nie
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Kommentare
Araf schrieb am 2009-12-02 20:28:36:
Hallo Nachtwanderer
deine Geschichte hat mich echt berührt. So schön beschrieben, so einfühlsam, es macht wirklich Spaß, sie zu lesen. Und dass ich zufällig auch noch passende Musik im Hintergrund habe macht das ganze noch.... passender ;)
Liebe Grüße Araf
nomi schrieb am 2009-11-28 13:50:49:
...ganz nette geschichte..aber was ich absolut genial fand...war dein allererster satz:
"Ich weiß nicht, ob es an dieser Jahreszeit liegt oder an dem Glas Rotwein, das vor mir steht, doch es schwebt mir in der letzten Zeit häufiger ein Erlebnis durch meine Gedanken, welches schon sehr viele Jahre zurück liegt."
- keine ahung warum aber das hat mich gebannt und gaensehaut verursacht...nach so einem satz...da kann alles auf dich warten...die schoensten und die schrecklichsten geheinisse dieser welt..die man niemals preisgibt oder erst wenn man älter,, emotionaler oder betrunken ist .o)
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