Mein fremdes Kind
von
sina franke
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Die Abreisehalle war riesig und sie versuchte ihre Kinder beisammen zu halten. Bald sollte sie bei ihm sein und dann wurde gefeiert. Die Beförderung stand bevor und dann die Hochzeit ihrer Schwester. John hielt sie fest an der Hand. Kevin und Nic liefen ihr hinterher und sie schielte immer wieder nach hinten, ob ihre kleinen Sonnenscheine noch bei ihr waren.
Die Halle war brechendvoll, überall liefen Leute umher und drängelten und schubsten sie hin und her.
„Mami, bitte ich will Chips.“ John hatte angehalten und zeigte auf einen Automaten der Süßigkeiten enthielt. „Später Liebes, später. Erst muss Mami an den Schalter.“
Die zwei Koffer lehnte sie an die Wand und wartete, bis Kevin und Nic nah genug bei ihr standen.
„Kevin, pass bitte auf deine Brüder auf, ich muss schnell nur die Karten hohlen.“ Sie lächelte John, ihrem jüngsten entgegen, und überreicht ihn Kevin.
„Ich bin gleich wieder da“, sagte sie, als sie merkte, dass John bei ihr bleiben wollte.
Der Schalter war gerammelt voll, schnell stand sie in der Mitte und kam doch nicht schnell genug voran. Leise Musik umspielte ihre Ohren und sie lies sich in die Knie gleiten, um bequemer zu stehen. Bald ist sie bei ihm. Wie sehr hatte sie ihn doch vermisst. Zwei lange Wochen war sie alleine gewesen. Natürlich, ihre Kinder waren immer bei ihr, doch sie waren kein Ersatz für ihren Mann.
Sie schaute sich um, konnte einen Blick auf Nic erhaschen und wendete sich dann der Frau an der Rezeption zu. Sie lächelt freundlich und überreichte ihr das Nötige. Schnell wieder zu den Jungs.
„Kommt, Mami ist wieder da.“
Kevin und Nic liefen auf sie zu.
„Wo ist John?“, fragte sie. Beide zuckten mit den Achseln. „Kevin, wo ist John?“, sie versuchte ruhig zu bleiben. Er wird schon irgendwo hier sein.
Sie machte auf dem Absatz kehrt, rief durch die Menge, schaute am Chipsautomaten und auf den Toiletten. Keine Spur von ihrem Kind. Nichts.
Sie wurde immer nervöser, zitterte und Tränen der blanken Angst rannen über ihre Wangen. Sie rannte wieder zur Rezeption und erklärt der Dame, sie solle ihren Jungen doch bitte ausrufen lassen.
„Achtung, wir suchen einen kleinen Jungen namens John. Er hat ein blaues T-Shirt und eine weiße Jeanshose an. Bitte melden Sie sich, wenn ihnen dieses Kind ohne Begleitung entgegenkommt, an der Rezeption.“
Gleich nach der Aussage wurde es wieder laut und Panik ergriff Grace. Wo war ihr Kind? War er aus versehen mit fremden Leuten mitgegangen die er für seine Familie hielt und weiß nun nicht mehr zurück?
„Bitte rufen sie ihn noch einmal aus.“ Schrie sie die Dame an. Doch diese verstand ihre Reaktion und machte es noch einmal. Diese Minuten verstrichen wie Stunden. „Keine Angst M`am, sie finden ihn schon. Vielleicht ist er nur ein bisschen herumgelaufen.“
Doch sie fanden ihn nicht. Nicht als die Polizei da war, und auch nicht, als einen Tag später ihr Mann eintraf. Als er endlich vor ihr stand, fiel sie ihm um den Hals und fing an zu weinen. „Cliff, wir finden ihn nicht mehr.“ Sie war außer sich.
Wie konnte so etwas sein? Er kann doch nicht vom Erdboden verschluckt worden sein. Sie blieben noch Tage in der Nähe des Flughafens, doch nichts passierte. Die Polizei hatte zwar noch nicht aufgegeben, doch die Chancen waren unwahrscheinlich, dass sie ihn noch finden würde, so ein Polizist, doch Grace und Cliff gaben die Hoffnung nicht auf.
Sie gaben auch die Hoffnung nicht auf, als sie in eine andere Stadt zogen und die Jahre verstrichen. Und jedes vierte Wochenende dieser Jahre verbrachten sie in der Nähe des Flughafens und hofften auf eine Spur ihres Sohnes.
Jede Nacht träumte sie von ihrem Jungen mit den schwarzen Haaren und den unglaublich blauen Augen die sie immer mit einem Bernhardinerwelpen verglich. Seine Kinderstimme und seine tapsigen Bewegungen wurden jedoch immer blasser in ihrer Erinnerung. Sie musste daran festhalten, hielt sich ganz bewusst sein Aussehen und sein herzerfüllendes Lachen vor Augen und betete jede Nacht darum, dass ihn jemand fand und er zurückkam.
Nun waren fast zehn Jahre vergangen und er musste stolze vierzehn Jahre alt sein. Wie würde er wohl aussehen? Was macht er? Und ging es ihm gut? In all den Jahren hatte sie kein einziges Mal daran gezweifelt, dass es ihm gut ging. Vielleicht war es so, weil sie als Mutter niemals an so etwas hätte glauben können. Sie kannte ihr Kind lachend und tobend und kerngesund.
„Mutter, da ist jemand an der Tür, der uns den Rasen mähen will.“
Es war ihr egal, sie war grade in dem nur für John eingerichteten Kinderzimmer, das sie selbst eingerichtet hat, falls er jemals zurückkommen würde. Bilder von ihm waren eingerahmt und immer auf Hochglanz poliert.
Sie hatte viele Krisen mit ihrem Mann überstanden, die alles mit dem Verschwinden von John zutun hatten. Doch Cliff hatte ihr niemals, nicht einmal im Streit, die Schuld an Johns Verschwinden gegeben. Ob er eine andere Meinung hatte, wusste sie nicht, denn nie hatten sie wirklich über diesen Tag gesprochen. Zu tief saß der Schmerz. Und sie wusste, dass sie es auch nie tun werden.
Sie schlich die Treppe hinunter und trat auf die Türschwelle. Kevin sprach mit einem jüngeren Jungen über das Rasenmähen. „Er will fünf Dollar Mam, bitte lass ihn das machen.“, sagte Kevin.
Sie musste grinsen. „Dann bezahl es auch von deinem Taschengeld.“ Stur sah Kevin sie an. Der Junge hob den Kopf und seine blauen Augen blickten sie an.
Ein Schlag traf sie. Rückwerts stolperte sie ins Haus rein und schlug die Tür zu.
Als sie sie wieder öffnete sahen die beiden Jungs sie fassungslos an. Sie schüttelte ihre Verzweiflung ab und musste beinahe über ihr kindisches Verhalten lachen. „Wie heißt du denn“; fragte sie mit zittriger Stimme. „Tim M`am, Tim Maison.“
„Gut, mach meinen Rasen, danach können wir schauen, ob es noch Arbeit gibt.“ Triumphierend sah Kevin sie an. Er dachte er hätte gewonnen.
Nachts bekam sie kein Auge zu. Immer wieder kamen diese Augen in ihr Bewusstsein. Und mit einem Mal wusste sie, wer dieser Junge mit diesen unglaublichen blauen Augen war. Sie wusste, dass es einen Grund gab hier hergezogen zu sein und sie wusste, dass sie das gefunden hatte, was sie all die Jahre vergebens gesucht hatte.
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Kommentare
William Scaire schrieb am 2009-12-05 13:53:38:
Hallo!
Die Geschichte ist einfach wahnsinn.
Sie ist mitreißend und fesselnd - man fühlt die Qualen der Mutter, die Sorgen und die Vorwürfe die sie sich macht. Das eigene Kind ... verschwunden, aber man gibt die Hoffnung nicht auf.
Du hast wirklich Talent.
Gruß,
William Scaire
Johannes Beck schrieb am 2007-12-05 14:42:16:
hi,
hab vorhin "In einer kalten, dunklen Nacht ohne Monde" gelesen und jetzt mal gekuckt, was du sonst noch so schreibst. Gefällt mir sehr gut. Düster und traurig, aber erschreckend realistisch. Sehr packende Geschichten.
Ich schlisß mich doyce an: wäre das ein Roman, würde ich mich jetzt ins Bett legen und solange lesen bis ich fertig bin.
Gruß jo
weiter so
Freedom schrieb am 2007-11-18 13:29:49:
hey du ^^
mein kommentar ist nciht mehr da und cih habe keine antwort gelesen xD
ähh..also ist der junge ihr sohn??? das ist mir nciht so klar. weil vll sehnt sie sich einfach so nach ihrem verlorenen sohn, dass sie ihn einfach als ihren sohn sehen will???
oder ist der junge wirklich ihr sohn? (uhh..jeztt bin ich verwirrt ^^ versteht man was ich meine?)
ich weiß (noch^^) nicht wie es ist ein kind zu haben und zu lieben. doch ich glaube es gäbe nichts schlimmeres für miene mutter als eines von ihren drei kindern zu verlieren....deswegen weiß ich nicht ob die frau sich vll einfach nur wünscht dass dieser junge ihr verlorenes kind ist?
Lg
doyce schrieb am 2007-09-11 10:30:30:
ich finde deine geschichte gut, als ich sie gelesen habe, wünschte ich, es wäre ein buch und ich hätte nun zeit 200 oder noch mehr seiten zu lesen. das ende aber gefällt mir nicht so gut. ich finde ihre reaktion, als sie ihren sohn wiedertrifft, ich denke insgeheim wusste sie beim ersten blick in seine blauen augen, wer er war, ist zu "pädagogisch wertvoll". Ich denke als liebende Mutter, die verzweifelt ihen sohn sucht, hätte sie anders reagiert, wenn auch ihre reaktion in deiner geschichte die pädagogisch bessere war.
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