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Kategorien > Sonstiges > Surreales

Meine Schwester auf dem Dachboden (pt. 1)

von Enay

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Auf meinem Dachboden wohnt jemand.

Meine Schwester.

Biologisch gesehen habe ich keine Schwester, zumindest weiss ich nichts davon. Aber sie sagt , sie ist es und ich glaube ihr.
Ein wenig.

Wie käme sie sonst auf meinen Dachboden ?

Eigentlich ist es auch kein gewöhnlicher Dachboden.
Eigentlich ist es nicht einmal ein Dachboden. Es gibt keine Treppe dorthin.
Es ist kein Raum, in den man einfach eintreten kann.
In denen ich die Dinge aus meiner Vergangenheit verstecken könnte.

Nur eine kleine Luke führt dorthin. Eine Luke in meinem Arbeitszimmer im ersten Stock. Ich muss einen Sessel auf den Tisch stellen, um die Luke öffnen zu können.

Eigentlich ist es nur ein Raum unter dem Giebeldach des Hauses, in dem ich wohne. Und alles was dort zu finden ist, sind Schutt, Holz und Ziegel.

Zu finden war.

Kein Platz, um Erinnerungen in Kisten zu verstauen.
Keine Spiegel der Vergangenheit.
Kein Ort, an dem man sich zum träumen zurückzieht.

Nur ein Raum voller Schmutz und Staub.

So ist es immer gewesen.

Bis zu jenem Tag, an dem ich wieder einmal den Weg hinauf antrat, um eine Lücke im Dach zu verscheuchen.
Sie kam immer wieder, die Lücke.
Es lag nicht daran, wieviel Regen fiel.
Es lag daran, wie er fiel.
Und ich konnte mir eine Reparatur des Daches nicht leisten.

Und so kletterte ich an jenem verregneten Spätnachmittag wieder auf den Tisch im Arbeitszimmer, und danach auf den Sessel. Anders konnte ich die Luke gar nicht erreichen. Ich hob die Falltür an, die den Zugang zum Dachboden versperrte, steckte den Kopf durch die Luke und suchte mit meinen Händen nach festem Grund, um mich hochzuziehen.

An jenem Tag erwartete ich wieder das staubige Dunkel.

Doch mich erwartete eine Frau.

Eine lächelnde Frau.

Ich fiel beinahe.
Die Falltür knallte mir auf den Kopf , aber ich konnte mich noch festhalten. Meine Beine baumelten über dem Arbeitszimmer.

Die Frau lachte.

Und entschuldigte sich, als sie die Falltür hochhob, um mir nach oben zu helfen.

Mein Blick flog hastig umher.

Der Dachboden war nicht wiederzuerkennen.
Es gab einen Tisch, eine Couch. Bücher. Überall Bücher. Ein grosser schwenkbarer Bodenspiegel stand an der hintersten Dachecke.

Die Frau reichte mir ihre Hand und ich kletterte mit ihrer Hilfe nach oben.

Und stieg auf einen schweren, weichen Teppich, der unter meinen Füssen ein wenig nachgab; es gab ja keinen Boden darunter. Über die schweren Holzbalken, die das Dach trugen, waren nur hastig ein paar Holzlatten festgenagelt worden.
Von dem war nichts mehr zu sehen. Der Teppich war mattrot, und glich sich völlig dem Rest des Dachbodens an.
Das kleine Dachfenster ließ durch die getrübte Scheibe nur einen Bruchteil des Sonnenlichts der Aussenwelt hinein - wenn es Sonne gab. Aber es regnete draussen und der Dachbodens war eine verhangene, lichtarme Welt.

Die Frau trug ein dunkles Sommerkleid. Es hatte wohl einmal ein leuchtendes, sommersprühendes Muster besessen, von dem allerdings nur das matte Andenken übriggeblieben war. Als ob tausende Waschgänge die Erinnerung des Sommers mitgenommen hatten. Auf dem Kleid haftete ein wenig Staub.

Viel zu wenig.

Der Dachboden spuckte weitaus mehr Schmutz aus.

'Wer bist du ?' brachte ich mit Mühe hervor.

Sie setzte sich auf die Couch, schlug ihre Beine übereinander und sah mich an.

'Ich bin deine Schwester.

Deirdre.'

Nichts an ihr verriet, dass in ihr dasselbe Blut fließen würde.

'Setz dich' , bat sie mich.

Ich wollte nicht, tat es aber trotzdem und setzte mich zu ihr auf die Couch, die die schwedische Herkunft gar nicht verleugnen wollte.
Deirdre drehte sich zu mir und umarmte mich.

'Ich habe so lange gewartet.'

Sie roch nach Haut, Blumen und Staub.
Und zitterte leicht.
Als sie mich losließ, fühlte ich mich verwirrt und leer.

'Wie kommst du hierher ?'

Sie biss sich ein wenig auf die Lippen. Ihre Vorderzähne blitzten kurz auf in dem matten Dachbodenlicht.
Wie ein Kind, das sich ertappt fühlt.

'So genau weiß ich das nicht.
Ich war eines Tages einfach - da.'

'Aber seit wann ?'
Mehr brachte ich nicht hervor. Mein Verstand war zugegebenermassen noch nicht völlig rational.

'Ich weiß es nicht.
Seit gestern?
Seit einer Woche?
S eit dem Frühling ?

Ich weiß es nicht.
Zeit spielt hier oben keine grosse Rolle.'

Die Zeit war früher Herbst und spielte eine grosse Rolle für mich. Die Tatsache, dass sie seit beinahe einem halben Jahr auf meinem Dachboden leben sollte, war genauso unfassbar, wie die Tatsache, dass sie jetzt hier war.
Ich ließ meinen Blick noch einmal in Ruhe durch das Innere des Dachbodens schweifen.
Es gab kein Bett.
Sie musste wohl auf der Couch schlafen, soferne sie wirklich hier wohnte.
Glauben konnte ich es noch nicht.

Den meisten Teil ihrer Zeit verbrachte sie wohl mit Lesen. Bücher lagen überall, auf dem Tisch, am Boden, selbst auf der Couch. Sonst gab es nicht viel hier, was als Habseligkeiten durchgehen würden. Nur ein winziger Kleiderschrank noch.

'Wo kommen all die Sachen her ? Hast du die mitgenommen ?'
Ich war mir nicht so sicher, ob ich ihre Antwort wirklich hören wollte.

'Die waren schon da, als ich gekommen bin.
Es sind meine Sachen.
Noch nicht alles. Es ist ja nicht genug Platz hier. Und ich bin noch nicht fertig. Es ist noch ziemlich schmutzig. Aber der Staub war schließlich schon vor mir hier, er weigert sich noch zu gehen.'

Deirdres Augen wichen nicht von mir. Es machte mich ein wenig unsicher, wenn sie mich ansah, wie sie mich ansah.

Und ich hatte keine Schwester.

Keine, von der ich wusste.

Unter mir, unter uns im Haus, konnte ich meine Freundin hören. Sie lief durch das Haus, beinahe tanzend, und sang leise dabei. Das tat sie immer, wenn es ihr gut ging. Es gab keinen Beweis, der den Pegel ihrer Lebensfreude sichtbarer machte, als die Musik ihrer tanzenden Schritte im Haus.
Ihre Schritte hallten in den Dachboden hinauf.

Es war mir noch nie aufgefallen, dass man das auch hier hören konnte.
Aber schließlich lebte ich auch nicht hier oben.

Erst jetzt merkte ich, dass die Dachluke wieder geschlossen war. Ob ich das getan hatte, oder Deirdre, oder ob sie von selbst wieder zugefallen war, wusste ich nicht. Doch ich bekam es ein wenig mit der Angst.

Die Angst eines Kindes, das beim Stöbern im verlassenen Dachboden etwas Unglaubliches entdeckt.
Und Unheimliches.

Deirdre.

Es gab keine Antworten. Woher sie kam, wie es möglich war, dass sie hier war. Es gab keine Antworten.
Vor allem nicht darauf, wer sie wirklich war.

'Ich habe keine Schwester, Deirdre' , schluckte ich.

Sie sah mich an, als ob sie mich nicht verstanden hätte, als ob sie nicht wüsste, wovon ich sprach.
Und dann schien es zu ihr durchzudringen.
Deirdre lachte mich an.

'Sicher hast du eine.
Mich!'

So schnell gab sie sich nicht geschlagen. Meine Zweifel beeindruckte das nicht.

'Woher weisst du das ? Woher willst du wissen, dass du meine

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