Meine kleine Cousine
von
lia felicity
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Es existieren nur wenige Fotos von ihr, Vanessa, meine kleine Cousine, denn ihre Mutter Marina war das schwarze Schaf der Familie und hat sich nie blicken lassen. Dabei sind wir keine Familie, die irgendwen ausschließen würden, weil er anders ist. Sie war es, die gegangen ist, bei uns war sie immer willkommen. Aber sie war wohl einfach krank. Sie lebte zurückgezogen, hatte keine Freunde und keinen zum reden, hatte nichts als ihrer Tochter, wo sie die herhatte wussten wir auch nicht. Aber trotzdem liebte sie ihre Tochter scheinbar nicht, weil sie sich selbst und ihr Leben viel zu sehr hasste, um irgendwen zu lieben. Letztens war sie doch nach langen Drängen meines Großvaters auf einer Familienfeier, dem 70. Geburtstag meiner Oma. Alle waren da, es war richtig viel los. Alle waren freundlich zu Marina, sagten, es sei schön sie mal wieder zu sehen, und erkundigten sich nach ihr. Sie freute sich offensichtlich sehr, mal wieder unter Leute zu kommen, und das sich jemand für sie interessierte. Sie kam mir vor, wie eine alte Frau, die nur selten Besuch bekommt, und endlich, endlich mal jemanden zu Gesicht bekommt. Bemitleidenswert. Es war so schrecklich ihr zu zu hören, man merkte richtig, wie sie versuchte alle zu beeindrucken, und sich dabei in einem Lügennetz verstrickte, sich oft widersprach, verhaspelte und bereits erzähltes korriegierte. Aber keiner wies sie zurecht, sie tat allen einfach nur leid. Vanessa ging richtig auf, sie war wohl mal froh raus aus der Wohnung im sechsten Stock ohne Balkon geschweige denn Garten zu kommen, und Leute zu treffen. Sie hatte unglaublich Spaß, spielte, erzählte, lachte. Alle fanden sie goldig und liebenswürdig, obwohl sie die meisten zum ersten Mal sahen. Von ihr erfuhr ich auch nebenbei, dass ihre Mutter arbeitslos war, gerne mal einen über den Durst trank, und dann sehr melancholisch war. Sie taten mir leid, sie taten uns allen leid. Sie verpassten den letzten Bus nach Hause. Mein Vater bot direkt an, sie mit dem Auto zu fahren. Ich fuhr mit. Wir wollten sie unbedingt noch in die Wohnung bringen. Oben öffnete Marina die Wohnungstür, und stellte sich so hin, dass wir kaum rein sehen konnten. „Also, diese Wohnung ist nur vorrübergehend, bis die erste Zahlung von meinem Superjob kommt, und ich mit meinem tollen Freund zusammen ziehe!“ Natürlich war das schwachsinn. Als Vanessa in die Wohnung stürmte bekamen wir einen Einblick. Überall lag Krempel und Müll, Bierflaschen, und außerdem stank es entsetzlich. Marina zog die Tür sofort wieder zu. „Wir sind schon im Umzugsstress!“, lachte sie. Ich hätte heulen können, so tat sie mir leid, ihr Leben einfach nicht im Griff, völlig verkackt. Und die arme kleine musste bei ihr leben.
„Papa, sie ist doch deine Schwester, wir müssen ihr helfen!“, bat ich meine Vater zurück im Auto. „Ja, das ist mir auch gerade klar geworden, ich wusste nicht, dass es so schlimm ist. Gleich morgen werden wir etwas tun!“
Wir telefonierten vorerst nur mit dem Jugendamt. Sie wollten uns nach einem Besuch bei Marina anrufen. Scheinbar macht das Jugendamt ziemlich viele Besuche, und hat wenig Zeit. Zwei Wochen später bekamen wir den Anruf.
Marina hatte sich in einem Anfall aus Depression und in völlig betrunkenem Zustand aus dem Fenster gestürzt. Mit ihrer kleinen Tochter Vanessa in den Armen.
Kann nicht so gut sein, weiß ich, aber ich hab sie am Ende nicht noch mal gelesen, weil es mich beim schreiben so runtergezogen hat, dass es echt Menschen gibt, die so leben, ich hoffe diese Einsamkeit und Verzweiflung der Mutter kommt rüber.
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