Mike
von
Siriel
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Hölle?
Ja, was war das?
Ein unterirdischer Ort?
Nein, wohl eher nicht. Unter der Erde gab es keine Hölle, das war bewiesen. Und dass der Teufel Raumkrümmungszauber wirken konnte, das glaubte Mike nicht.
Warm sollte sie sein. Sehr sogar. Unwahrscheinlich heiß, brennend. Feuer überall, die Sklaven ihres Gebieters rußgeschwärzt, verschwitzt. Flammen in ihren Augen gespiegelt. Wie eine Höhle.
Mike lachte. Die Hölle war eine Höhle. Haha. Da war wohl jemandem langweilig gewesen.
Obwohl. Hades. Cerberus. Hatte es das alles nicht schon einmal gegeben? Die Hölle? Die ketzerischen alten Griechen und Römer, allesamt verbannt in die Hölle, weil sie nicht an den einen Gott geglaubt – nicht einmal von dessen Existenz gewusst (?) – hatten. Passte das nicht wunderbar in die moderne Zeit? Das Himmelstor stand allein jenen offen, die an Gott glaubten.
Doch was war Gott? Ein Mensch? Ein Geist? Eine Seele? Überhaupt ein lebendes Wesen? Allmächtig? Oder doch nur Zuschauer?
Kümmerte es ihn überhaupt, ob er, Mike, solche Gedanken über ihn hatte? Machte es ihm etwas aus? Ob er, einer von Milliarden, über ihn nachdachte? Würde er verbannt? In die Hölle vielleicht? Da war er wieder. Bei der Hölle. Jenem seltsamen Ort, den es seit Urzeiten zu geben schien, und dennoch nirgendwo besonders sein konnte.
Warm und heiß. Magma? Gestein? Das passte nicht. Irgendwo zwischen den Erdschichten vielleicht? Aber, und da war er wieder vorne angelangt.
Und der Himmel? Das güldene Reich? Gottes Heimat? Wo war diese? Nördlich? Östlich? Oben? Unten? Vorne? Hinten? Rechts um die Kurve, dreißig Meter geradeaus?
Gab es den Himmel überhaupt? Mit Engeln? Harfen? Wattebäuschchen-Wolken? Golden verschnörkeltem Eingangsportal? Er bezweifelte es.
Mike wischte sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie war schwarz und schimmerte im kärglichen Mondlicht. Er starrte auf die Brandung. Tosend schlugen die Wellen gegen die Felsen, höhlten sie langsam aus, formten sie neu. In Millionen Jahren würde er nichtmehr dort stehen können, wo er gerade stand. Dann wäre da Luft.
Oder? Wäre die Sonne schon explodiert? Wäre die Welt schon untergegangen? Wäre das Leben ausgelöscht? Das Leben. Gab es nur dieses?
Funkelnd standen die Sterne am Himmelszelt. Konnte es sein, dass er hier, einzigartig war? Konnte es nicht sein, dass irgendwo da draußen, in der Unendlichkeit, nicht doch noch jemand gelebt hatte, lebte, oder leben würde, der wie er war? Ganz genauso? Mit langem, langweilig glattem, schwarzen Haar, schlaksiger Figur und ehemals grauen Augen? Jemanden, dessen Existenz verleumdet wurde? Jemanden, dem man nicht glaubte, dass er war, wie er war? Jemanden, dessen Alter nicht an seinem Äußeren festzustellen war? Jemanden, der in ebendiesem Moment an den Klippen zum nächtlichen Ozean stand und das Unerklärliche zu erfassen suchte?
Nein, wohl eher nicht.
Mike seufzte. Mike. Ein Name. Einer von vielen. Robin, Alexander, Stullius, Edmund, Karl….nur Namen. Keiner hatte ihm gehört. Aber im Gegensatz zu den Menschen um ihm herum, hatte er keinem von ihnen gehört. Nein, er war kein Eigentum seines Namens gewesen. Er hatte nichteinmal einen. Gewiss, bei einer bestimmten Anreihung verschiedener Buchstaben, merkte er auf. Andernfalls wäre er noch mehr aufgefallen.
Noch mehr.
War er so anders? Waren es nicht die Anderen, die anders waren? War nicht er normal?
Ein Gefühl widersprach ihm. Ein Gefühl von Durst. Mächtiger als alles andere, als jeder Instinkt, als jedes Leben. Es war Zeit, zu jagen.
Seine blasse Haut schien gegen den schwarzen Nachthimmel zu leuchten, als er sich umdrehte.
Wie sehr sich doch die Zeiten geändert hatten. Früher hatte man ihn verehrt. Wie einen Gott, geliebt, angebetet. Nun ja, nicht ihn. Seinesgleichen. Seine Rasse.
Dann hatte man ihn gejagt. Verfolgt, gesucht, gehasst. Er war entkommen. Kaum einen von ihnen hatten sie gefasst. Sie waren viel zu dumm. Mike schmunzelte. Es war eine lustige Zeit gewesen. Alle blind aus Furcht vor ihm, ihm, dem Allmächtigen, dessen Existenz, die er nun so geflissentlich bezweifelte, er selbst sogar geglaubt hatte.
Mord? Ja, er hatte gemordet. Raub? Ja, auch das hatte er getan. Schmerzen? Ja, auch diese hatte er bereitet. Die sieben Todsünden? Wozu den Tod fürchten, wenn man ihn schon lebte? Grausamer als er beschrieben wurde? Seltsam leer und riesig. Weder Liebe noch Hass, noch sonst ein Gefühl. Nur eines. Durst. Seine Kehle brannte.
War die Hölle nicht doch real? Lebte er nicht doch in ihr? Waren Himmel und Hölle, Diesseits und Jenseits nicht vielleicht ein und dasselbe? Oder war der Tod nur der Schritt in das leuchtende Reich, war die Hölle eine Etappe für Sünder? Eine Etappe, die er eben lebte? Denn tot war er nicht. Aber lebte er? Luft? Wasser? Schlaf? Gesellschaft? Liebe? Nein, das brauchte er alles nicht.
Blut. Blut, seine Luft, sein Wasser, sein Schlaf, seine Gesellschaft, seine Liebe. Unsterblich in der Hölle zu dem Preis, Anderen den Weg in den Himmel zu öffnen, gezwungen, zu sünden, zu morden, zu sterben, immer und immer wieder, um sich doch noch zu erhalten, gezwungen, sich seinen Weg in etwas Besseres immer weiter zu verbauen, sich selbst zu entsagen? Immer und immer wieder. Sekunde um Sekunde, Stunde um Stunde, weiterzustürzen, schwarze Abgründe, endlose Tunnel…
War das die Hölle? War er Sklave seines Herrn? War er ein Sünder?
Sünde. Ein Begriff. Geläufig, allseits bekannt. Doch was genau bedeutete Sünde? Etwas tun, von dem andere behaupteten, es wäre nicht rechtschaffen? Etwas tun, von dem andere behauptet hatten, es wäre nicht rechtschaffen? Von dem wiederum andere annahmen, es wäre von einer höheren Instanz bestimmt worden?
War das nicht vollkommen irreal? War das nicht seltsam in sich verworren? Widersprach sich das nicht schon im Kern? Fand er, Gott, der Allmächtige, so viel daran, ob er nun einmal eine Kirsche von einem Baum stahl, die er nicht vorher mit gestohlenem Geld bezahlte? Gestohlen, weil er die Blumen, für die er das Geld bekommen hatte, der Erde entrissen hatte? Gehörte überhaupt irgendwas irgendwo irgendwem? Hatte er, Recht zu atmen?
Er lachte. Atmen. Wie zerbrechlich doch alles war. Eine Bewegung, ein kurzes Stehlen des Atems, schon war es, was auch immer, hinüber. Vergangen. Geschichte. Tot. Beneidenswert. Oder etwa nicht? Wusste er, Mike, wenn er denn so hieß, überhaupt irgendwas? Irgendwas elementares? Irgendetwas, das unumstreitbar war? Mathematik? Menschliche Logik. So zerbrechlich und widersprüchlich wie sie selbst.
Existierte er denn überhaupt? War er gerade? War alles nur Einbildung? War alles nicht nur Idiotie? Ein Spiel? Ein Spiegel längst vergangener Zeiten? War er schon mal gewesen? Wiederholte sich nicht alles?
Existierten die Anderen überhaupt? Waren sie nicht vielleicht alle nur Lichter, Bilder, Kopien, Fantastereien, die um ihn herum lebten, ohne eigene Gedanken, eigenes
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