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Kategorien > Humor > Seltsames

Milch und Königtum

von Homunculus

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Anmerkung: Der folgende Text ist eigentlich als literarischer Vortrag gedacht und mag einiges an Wirkung verlieren, wenn er nur still für sich gelesen wird. Ich würde empfehlen ihn zumindest laut zu lesen, oder ihn nach einem Mal leisem Lesen seinen Freunden vorzutragen - Falls der Text denn gefällt!

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Heute erleben Sie einen ziemlich ereignislosen Tag im Leben von Friedrich.
Sie befinden sich in Friedrichs Kopf.
Friedrichs Kopf befindet sich aufgestützt auf den rechten Arm am einen Ende von Friedrichs Körper, sozusagen dem Kopfende.
Friedrichs Körper befindet sich auf der Seite liegend, lasziv über ein dickes Buch gebeugt auf einem Sofa.
Von außen betrachtet scheint er zu lesen; aber da Sie sich im Inneren seines Kopfes befinden, brauchen Sie sich von solch oberflächlichen Betrachtungen nicht beeindrucken zu lassen. Tatsächlich starrt Friedrich nur seit circa zehn Minuten auf die einhundertdreiundzwanzigste Seite dieses dicken Buches und denkt. Da Sie sich im Inneren seines Kopfes befinden, sind Sie in der – man ist versucht zu sagen glücklichen, aber das wäre ein fataler Irrtum – Lage, seine Gedanken miterleben zu können.
Er denkt: „Warum liege ich seit circa elf Minuten auf diesem Sofa und starre die einhundertdreiundzwanzigste Seite dieses dicken Buches an, obwohl ich die einhundertzweiundzwanzig Seiten davor nicht gelesen habe? Was ist das für ein seltsames Gefühl in meinem Kopf, als ob eine unbestimmte Zahl von Menschen gespannt darauf wartet zu erfahren, was ich als nächstes tue oder denke? Ich möchte ein Glas Milch. Da wiehert ein Pferd – oder war es die schreckliche Mutter, die nach mir ruft? Ach egal – ob Pferd oder Drache, hier finden sie mich nicht. Und falls doch haben sie hoffentlich ein Glas Milch dabei.“
Für Sie, liebe Mitvoyeure, mag das alles in allem recht albern oder langweilig und nach den kruden Gedanken eines verwirrten Geistes klingen. Und möglicherweise haben Sie recht; aber geben wir Friedrich noch eine Chance sich zu rehabilitieren:
„Seltsam… Mir ist, als ob mich gerade jetzt jemand beobachtet und dabei an die Innenseite meiner Stirn starrt, als ob er hoffte, dort einen bisher unbekannten Picasso zu entdecken. Was ist ein Picasso? Mein Gott, was bin ich heute wieder wirr im Kopf. Dieser dämliche Voltaire muss schon wieder meine Gedanken durcheinander gewirbelt haben, wie Hafer im Maul eines Gauls. Vielleicht sollte ich ihn einsperren lassen.“
Nun gut, das war zugegebenermaßen immer noch reichlich unspektakulär; allerdings müssen Sie zugeben, dass von Anfang an keine großen Erwartungen geschürt wurden. Aber bitte, wenn Sie darauf bestehen: Versuchen Sie doch irgendwie Einfluss auf Friedrichs Denken zu nehmen; jetzt wo Sie sich schon völlig ungeniert im Inneren seines Kopfes aufhalten. Ziehen an diesem Nervenstrang, erregen Sie jenes Neuron, oder machen Sie einfach, was Sie für richtig halten.
Doch halt! Wie Sie sicherlich bemerken, steuern Sie gerade dem Beginn eines geradezu unerhörten Ereignisses entgegen und das kann sicherlich nicht in Ihrem Interesse sein, da Ihnen ein weitestgehend ereignisloser Tag versprochen wurde und Sie immer noch anwesend sind. Um also dieses Dilemma zu umgehen, springen Sie jetzt ein wenig in der Zeit. Sicherlich hält es niemand von Ihnen für unmöglich, dass Sie in der Lage sind, in der Zeit zu springen, da Sie sich ja gerade in Friedrichs Kopf aufhalten und dort womöglich Dinge sehen, die nie dazu bestimmt waren, das Licht der Welt zu erblicken. Überspringen wir also, sagen wir, etwa dreißig Minuten von Friedrichs Leben.
Da Sie jetzt also dreißig Minuten warten müssen, ist es Zeit Sie mit einigen ganz und gar, ja geradezu außerordentlich uninteressanten Details über Friedrich und vielleicht auch über seine Umgebung zu langweilen – pardon, zu bilden. Anders ausgedrückt: Hier beginnt ein bildungstheoretisch wertvolles Intermezzo. Sie müssen nämlich wissen, dass Friedrich nicht nur eine besondere Vorliebe für Milch besitzt oder besser besaß, sondern sich auch zu etwas heute ganz grauenvoll ordinärem, aber für Friedrich ganz wundervoll revolutionärem hingezogen fühlte, nämlich der gemeinen Solanum Tuberosum, zu deutsch Kartoffel. Diese Vorlieben haben nicht unbeträchtlich zum allgemeinen kulinarischen und militärischen Fortschritt beigetragen. Weswegen zum kulinarischen, können Sie sich bestimmt denken; falls nicht sei Ihnen hiermit ein einfaches Experiment nahegelegt: Kombinieren Sie Milch, geschälte Solani Tuberosi, Hitze und Druck in einem dafür vorgesehen Behältnis und kosten Sie das Ergebnis, bevor es zu brennen beginnt. Nichtsdestoweniger ist der militärische Fortschritt aber ungleich bedeutender. Folgendes hat sich nämlich zugetragen: Die Vorliebe Friedrichs für Kartoffeln steigerte sich zur unkontrollierten Sucht und aus den kleinen, heimlichen Anfängen des Kartoffelanbaus in den mütterlichen Blumengärten wurde rasch ein Land und Zeit fressendes Ungetüm, dem ganze Wälder zum Opfer fielen, dem Gebirge weichen mussten, ja selbst der König von Sachsen und die Königin von Österreich wurden zum Anbau von Kartoffeln überall in ihren Landen gezwungen. Natürlich konnte dies nicht ohne Widerstand gelingen und so sah Friedrich sich genötigt, seine Kumpanen und Komplizen die Anbauflächen bewachen zu lassen. Immer neue und ausgeklügeltere Bewachungsmethoden wurden ersonnen! Das ganze gipfelte schließlich irgendwann in der Überzeugung, dass die Sonne selbst mit hohen Mauern und überdachten Feldern von den Kartoffeln ferngehalten werden müsse, um diese nicht mit ihrer sengenden Hitze beim Wachstum zu stören. Leider schweigen die überlieferten Quellen allerdings darüber, warum dieser durchaus interessante Ansatz schließlich wieder fallen gelassen wurde. Überdauert hat von diesen Bauwerken nur eines, welches heute Sanssouci genannt wird, fälschlicherweise für ein Schloss gehalten wird und nur noch durch seine geringe Höhe von seinen wahren Ursprüngen zeugt. Aber wie dem auch sei: All diese Maßnahmen sollten sich letztendlich als vergeblich erweisen, da Friedrichs Wachen, durch übermäßigen Milchkonsum ermüdet, meist tief und fest schliefen und es so einigen gewitzten Subjekten gelang, Kartoffeln von den Feldern zu stehlen und diese gestreckt mit minderwertigen Früchten, wie Trüffeln, in ganz Deutschland, vor allem im Süden zu verbreiten, wo heute diese Kartoffelsucht als Tradition verklärt immer noch fortbesteht.
Hier endet das bildungstheoretisch wertvolle Intermezzo.
Nun haben Sie Gelegenheit zu begutachten, was Sie eben in Friedrichs Kopf angerichtet haben, während Sie sich in der Zeit vorwärts bewegten.
Friedrich liegt in unveränderter Haltung auf dem Sofa. Er schwitzt; aber denkt noch immer. Er denkt über das eben Geschehene nach. Sie können ihm also wieder ganz entspannt lauschen:
„Interessant, interessant... Moment. Nein halt! Völlig wirr und zusammenhanglos! Diese wiederstreitenden Stimmen in meinem Kopf! Ich würde alle Verträge mit der

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