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Kategorien > Love Story´s > Alltag

Mit Milch und Zucker

von Stephanie Hermann

Wenn er die Augen schließt, kann er sie riechen.
Auch wenn sie nicht da ist. Er steht in der überfüllten U- Bahn, acht Uhr früh, auf dem Weg ins Büro. Einen heißen Pappbecher Kaffee in der Hand. Noch fünf Haltestellen.
In seinem Kopf hört er die Melodie "Hungry Heart" von Bruce Springsteen. Und er riecht sie. Er lächelt. Um ihn herum reihen sich Menschen in Anzügen und Kostümen, langen, dunklen Polyester Mänteln, mit Aktenkoffern, Tageszeitungen unter den Armen und verkniffenen Mundwinkeln. Wenn sie sie nur riechen könnten. Sie würden lächeln. Er hört ihre Stimme, wie sie den Bruce Springsteen Song singt. Er hört das Rauschen der Dusche, unter der sie stand, als sie es sang. Sie konnte nicht sehen, dass er sie beobachtete. Er war so glücklich. Vielleicht hätte er noch was sagen sollen, bevor er einfach die Tür hinter sich ins Schloß gezogen hatte. Es ist heiß im U- Bahn Wagon. Er würde gene seine dicken Wintermantel ausziehen. Noch vier Haltestellen. Es ist eng. Er bekommt nur schwer Luft. Niemand sagt etwas. Schüler steigen ein. Eine alte Frau schiebt sich und ihren Regenschirm an ihm vorbei zur Tür. Sie riecht nach Kernseife.
"Kannst du auf dem Heimweg bei der Reinigung vorbei?", hört er sie hinter der Milchglasscheibe der Duschkabine rufen. Er hatte nicht geantwortet. Noch drei Haltestellen. Eine attraktive Mittvierzigerin rückt neben ihm ihren Pashmina Schal zurecht und holt einen Fettstift aus ihrer Handtasche. Er schämt sich als seine Augen den Umriss ihrer vollen Lippen abtasten.
Er nimmt den Geruch von Veilchen wahr. Wird rot. Schwitzt. Berührt mit dem Handrücken den Stoff ihres cremefarbenen Handschuhs, der sich verführerisch nahe an seinem Lederhandschuh befindet. Veilchen und Wasserlilien.
Er nippt an seinem Kaffee. Betet, dass sie die übrigen beiden Haltestellen noch neben ihm stehen bleibt. "Everybody has a hungry heart" singt die Stimme in seinem Kopf. Es ist nicht mehr die Stimme unter der Dusche. Nicht die Frau, die seit drei Jahren täglich neben ihm aufwacht. Deren Gesichtszüge er in und auswendig kennt.
Er malt sich aus, wie die Stimme der Frau klingen könnte, die jetzt in ihrer Jackentasche nach einem Taschentuch kramt. Als sie es findet, niest sie. Er möchte "Gesundheit" sagen. Noch eine Haltestelle. Er möchte sie fragen, ob sie einen Kaffee mit ihm trinken gehen möchte. Nur eine harmlose Tasse Kaffee in einem billigen Stehcafè. Holzstäbchen zum Umrühren. Ein alter Mann drängelt sich beinahe panisch an ihnen vorbei. Sein Hut verrutscht. Die Türen schließen. Der alte Mann flucht. Sie niest ein weiteres Mal. Die Bahn fährt an. Ein Hauch von altem Bratfett dringt tief in seine Nase. Fieberhaft versucht er den Wasserlilienduft aus der U- Bahn-Geruchsmischung zu filtern. Kaffee, nasser Herbst, Schweiß. Keine Veilchen. Er versucht sie nicht anzusehen. Eine Frau mit Kinderwagen und herausgewachsener Dauerwelle bitte die Leute zur Seite. Sie müsse gleich aussteigen. Er auch.
Gleich ist sie weg. Sie ist vermutlich viel älter als er. Wenn sie jetzt geht, ist es vorbei. Seine Finger werden taub. Sein Herz schlägt unregelmäßig schnell. Er wird zu spät ins Büro kommen. Er will gar nicht hingehen. In seiner Manteltasche fühlt er sein Handy. Anrufen, krank melden. Kaffetrinken mit der Frau, deren Lippen glänzen vom Fettstift. Er will sie küssen, die Wasserlilienlippen. `Bitte, geh mit mir Kaffetrinken`, hämmert es durch die Bruce Springsteen Melodie hindurch. Es ist zu laut in seinem Kopf. Er wird nicht zur Reinigung gehen. Warten auf ein Zeichen. Von ihr. Der Veilchenfrau. Die Bahn hält. Türen öffnen sich mit einem lauten Dampfen. Die Kinderwagenfrau erkämpft sich und ihrem weinenden Baby den Weg ins Freie. `Wie es sich wohl anfühlt, sie festzuhalten?` Er sieht sie an. Sie sieht zurück. Sie macht keinerlei Anstalten auszusteigen. Er kann sich nicht bewegen. Die Türen schließen. Wieder das Dampfen. `Wie sie wohl unter der Dusche aussieht?` Saurer Atem zieht aus der Richtung eines Burberryschalträgers durch die schwere Luft zu ihm. Tüten rascheln. Er kann nichts sagen. `Wie sie wohl ihren Kaffe trinkt?` Unter der dicht gedrängten, bunten Oberfläche aus Winterjacken, Aktenkoffern, Regenschirmen und Tageszeitungen greift ihre Hand nach seiner. "Mit Milch und Zucker."

Kommentare

red.owl@gmx.de schrieb:
Hallo Süße,
eine, bei näherer Betrachtung, schockierende Geschichte. Ist denn die Welt wirklich so? So - schlecht? Ich meine erst denkt er an seine Partnerin, alles ist in bester Ordnung und nur wenige Augenblicke später begehrt er eine Andere. Ohne auch nur einen Gedanken an seine Frau zu verschwenden.
Der Wunsch sich, bei einem Fremden, Bestätigung zu holen ist wohl den meisten gedanklich bekannt, aber dann tatsächlich dem Wunsch nachzugeben ist doch eher eine Ausnahme. Hoffe ich!
Ich glaube einfach an das Gute in jedem Menschen. Ich sage aber nicht, dass ich dieses Verhalten für schlecht oder gar böse halte. Das muss Jeder selber wissen. :)

Übrigens, ich trink meinen auch mit Milch und Zucker.

Freu mich schon auf die Nächste.
LG
Mia
amanita° schrieb:
schön geschrieben.. gefällt mir total gut..
hoffe nicht alle männer sind so wie dieser herr da..

betrügen fängt schon im kopf an

liebes grüsschen
biggiL88@yahoo.de schrieb:
wow das ist nun die zweite geschichte die ich vondir lese....
ich bin echt begeistert, du hast eine Art zu schreiben....toll...
kein richtiges ende und doch irgent wie ein Ende....
man weiß aber nicht genau was passieren wird.
Toll.
Kompliment.....
freu mich schon die nächsten zu lesen
mann@gmx.de schrieb:
... als Vertreter des männlichen Geschlechts kann ich diese schön geschriebene Geschichte leider nur bestätigen - tatsächlich ist es so, dass mann immer (wieder) von einer attraktiven Frau angezogen wird, auch mann selber eigentlich schon eine "hat"... Aber kommt nicht auch Sie auch immer wieder zu dem Mann auf dem weissen Ikea-Sofa zurück und sehnt sich nach einem anderen...?
mirjam.ru@web.de schrieb:
schön gesagt!
ich hab auch schon einige deiner geschichten gelesen. Finde sie sehr schön, sprechen mir meist sehr aus dem herz! hofe es kommen noch mehr!
liebste grüße

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